Moritz Nestor
Albert Camus entwickelte als Zeitzeuge einer vom Nihilismus zerfressenen Zeit eine «Lebenskunst für Katastrophenzeiten»: Auf der Seite des Lebens, gegen Totalitarismus und (Atom)Krieg stehen und eine kulturübergreifende Allianz aller Gruppen der menschlichen Gesellschaft bilden.
Eine neue Geschichte von Leben und Werk des französischen Philosophen und Nobelpreisträgers Albert Camus ist 2012 auf Französisch[1] und 2013 im Albrecht Knaus Verlag, München auf Deutsch erschienen: Im Namen der Freiheit von Michel Onfray. Sie muss und wird zu reden geben. Der 1959 in Argentan geborene Doktor der Philosophie, Michel Onfray, gehört zu den einflussreichsten französischen Denkern der Gegenwart. Er unterrichtete 20 Jahre lang am technischen Gymnasium in Caen, ehe er dort 2002 die Université Populaire gründete, an der jedermann studieren kann.
Mit Michel Onfray hat – endlich – ein Philosoph die Grösse, Camus ein würdiges Denkmal zu setzen. Wie seinem verstorbenen Philosophenfreund Albert Camus sind Michel Onfray akademische Eitelkeiten, lebensferne Luftschlösser, Besitz und Reichtum gleichgültig. Ein Philosoph, der die innere Grösse hat, bescheiden eine verständliche Sprache zu schreiben. Ein Philosoph, der nicht den Begehrlichkeiten und Machtspielen der Literaturkritik huldigt und dunkel schreibt, um gescheiter zu klingen. Ein Philosoph, den Camus Humanismus zutiefst berührt hat: «Ein Werk, nach dessen Lektüre man nie mehr schreiben oder denken kann wie zu vor»,[2] wie er selbst bekennt.
Das Erscheinen der fast 600 Seiten über Frankreichs grösstem Philosophen des Zwanzigsten Jahrhunderts ist eine Wohltat und überfällig, denn «die herrschende Philosophie hat Camus und dessen Werk mit brutaler Beiläufigkeit an den Rand gedrängt».[3] Onfray kennt das Motiv seiner Zunft nur zu gut: «um sich nicht dem Gedankenexperiment einer nicht marxistischen Linken, einer nicht gewalttätigen sozialistischen Revolution, eines pragmatischen Libertarismus stellen zu müssen.»[4] Die giftige Bosheit des Sartre-Anhängers Jean-Jacaues Brochiers zum Beispiel, Camus sei ein «Philosoph für Abiturklassen», ist nur ein Beispiel unter vielen aus dem Alltag der Sartrianer und des «kleingeistigen Intellektuellenmilieus» (Onfray).[5]
«1953 notierte Camus: ‚Ich verlange nur eins, und ich verlange es bescheiden, obschon ich weiss, dass es exorbitant ist: mit Aufmerksamkeit gelesen zu werden.’ (Tagebuch März 1951 – Dezember 1959, S. 102) Um seiner zu gedenken, ihn wirklich zu lesen, ich, gerecht zu werden, direkt an die Quelle seiner Texte zu gehen, sein Denken mit seinem Leben in Verbindung zu bringen und einem beispielhaften, makellosen philosophischen Leben die Ehre zu erweisen, habe ich dieses Buch geschrieben. Und zwar, nachdem ich ihn mit Aufmerksamkeit gelesen hatte. Die Fortsetzung dieses Abenteuers, jener von Albert Camus erdachten pragmatischen und libertären Philosophie, liegt nun ganz bei den Lesern. Nur sie können Camus’ Leben verlängern.»[6]
Vielleicht muss man die Bitte eines anonymer Camusverehrers «Tu nous manques aujourd’hui plus que jamais» («Du fehlst uns mehr denn je») einfach so verstehen. Dieser hatte sie in eine Fußbodenfliese geritzt, die im Mai 2010 an Camus’ Grabstein auf dem Friedhof von Lourmarin lehnte.[7]
Der Marxist Sartre vernichtete Camus im autoritären Stil, ganz dem Vorbild seines Lehrers folgend:
«Aber sagen Sie, Camus, auf welch rätselhafte Weise kann man dem Ihr Werk diskutieren, ohne der Menschheit den Lebenssinn zu rauben? Weiß Gott, Camus, was sind Sie ernsthaft und, um Ihre eigenen Worte zu gebrauchen, was sind Sie frivol! Und wenn Sie sich nun geirrt haben? Und wenn Ihr Buch schlicht von Ihrer philosophischen Inkompetenz zeugt? Was, wenn es nur aus hastig zusammengelesenem Wissen und aus zweiter Hand entstand? Ich wage es nicht, Sie auf die Lektüre von ‚Das Sein und das Nichts‘ zu verweisen. Die Lektüre erscheint Ihnen womöglich unnötig schwierig. Sie verabscheuen die Schwierigkeiten des Denkens.»
Onfray räumt mit grosser Sachkenntnis und bewegt von tiefer Empörung mit der marxistischen Legende über Albert Camus auf:
«Diese Legende nahm anlässlich von Der Mensch in der Revolte ihren Anfang und geht in all ihren Facetten auf Sartre und dessen Anhänger zurück. Nach Camus’ Tod wurde sie gewissenhaft am Leben erhalten. Das Wesen der Legende besteht darin, dass sie unhinterfragt verbreitet wird. Selbst manche Anhänger Camus’ tragen Teile dieser sartreschen Märchen weiter. Die Lektüre des Gesamtwerkes aber zeigt, was an diesen traurigen Erfindungen wirklich dran ist – nämlich gar nichts. […] Dieses Buch will die Legende dekonstruieren und sich der wahren Geschichte eines bedeutenden Philosophen des 20. Jahrhunderts zuwenden.»[8]
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[1] Onfray, Michel (2012): L’Ordre libertaire – La vie philosophique d’Albert Camus. Paris: Flammarion.
[2] Onfray 2012, 114.
[3] Onfray 2012, 114.
[4] Onfray 2012, 535
[5] Onfray 2012, 535
[6] Onfray 2012, 535
[7] ntv: Sonntag, 09. Mai 2010. Lourmarin in Südfrankreich Pilgerort für Camus-Verehrer. URL: http://www.n-tv.de/reise/Pilgerort-fuer-Camus-Verehrer-article860936.html (8. Sep. 2013)
[8] Onfray 2012, 30