Alfred Adlers naturrechtlicher Ansatz

18. September 2026



«Ich bin Leben, das leben will,
inmitten von Leben, das leben will.»

(Albert Schweitzer)

 

 

 

Moritz Nestor

Alfred Adler

Alfred Adler

Die klassische Formel des Naturrechts besagt: Der Mensch lebt um so glücklicher, je besser er sein Handeln in Einklang bringen kann mit den Gesetzmässigkeiten der Natur. Die Formel «in Übereinstimmung mit der Natur leben» findet sich etwa bei Cicero in De finibus bonorum et malorum (III, 26): Das höchste Gut bestehe darin, in Übereinstimmung und im Einklang mit der Natur zu leben; daraus folge, dass die Weisen glücklich leben.[1]

Auf die Individualpsychologie angewendet, heisst das: Der Mensch lebt dann glücklicher, je angemessener er sein Verhalten in Einklang bringt mit dem «richtenden Ideal», dem «richtunggebenden Ziel», das «in sich das Ziel einer idealen Gemeinschaft» trägt: einen Zustand, «in dem wir uns alle Fragen des Lebens, alle Beziehungen zur Außenwelt gelöst vorstellen». Adler benutzt in einem anderen Zusammenhang die Metapher vom «Gesetz der niederen Tür»: Eine Türe von 150 Metern Höhe gebe dem Handeln des Menschen ein «richtungsgebendes Ziel» vor. Sie zwinge ihn nämlich, sich zu ducken, wenn er hindurchgehen wolle. Er kann sein Handeln in Einklang bringen mit dieser Tatsache und sich bücken. Dann handelt er vernünftig, weil er in Einklang mit der Tatsache handelt. Versucht er, aufrecht hindurchzugehen, stellt sich der Misserfolg unerbittlich ein, weil dieser Mensch (egal aus welchen Gründen) sein Handeln nicht in Einklang mit der Tatsache gebracht hat: dass er nämlich nur hindurchkommt, wenn er sich angemessen verhält. Wenn er sich also dem objektiven Zwang beugt und sich bückt. Dann handelt er unvernünftig. Die blutige Nase des Unvernünftigen nennt Adler an anderer Stelle «geharnischter Einspruch der Realität». Dass ich mich bücke, um durch die Türe hindurchzukommen, ist also meine Entscheidung. Aber es ist keine freieEntscheidung in einem absoluten Sinn. Sondern es ist eine angemessene Entscheidung auf die objektive Situation. Dazu sind Menschen aufgrund ihrer Vernunft imstande.

Adler will mit dieser Metapher auch sagen, dass man menschliches Verhalten nie isoliert verstehen kann. Verhalten entsteht aus dem Zusammentreffen von Charakter/Lebensstil einer Person und den objektiven Tatsachen der jeweiligen konkreten (historischen, gesellschaftlichen) Situation. Wie die niedrige Tür ein Bücken verlangt/erzwingt, so können auch Lebenssituationen angemessene Verhaltensweisen verlangen/erzwingen. Immer muss man dabei aber auch verstehen, wieviel persönliche Schwächen neben anderen Überlegungen hinter dem stecken, was eine Person für die «angemessene» Handlung hält. Nicht jedes «Bücken» beweist nur Kleinheitsgefühle, Ängstlichkeit oder Unterwürfigkeit. Eine bestimmte Reaktion kann in einem Kontext angemessen sein, in einem anderen aber problematisch. Seelische Schwierigkeiten sind keine unveränderlichen Eigenschaften. Sondern entscheidend ist, welchen Lebensstil ein Mensch entwickelt hat, wie er seine eigenen Schwierigkeiten zu deuten und bewältigen gewohnt ist und wie er die objektiven Tatsachen einer jeweiligen konkreten (historischen, gesellschaftlichen) Situation deutet.

In «Sinn des Lebens» erläutert Alfred Adler diese Sicht auf einem evolutionären Hintergrund.

Er beginnt mit den allgemeinen Gesetzmässigkeiten der Evolution des Lebens in der Natur. Der Kosmos besitzt «eine formende Kraft», und alles Leben auf der Erde ist «ständig im Ringen begriffen, um den Anforderungen des Kosmos zu genügen.»

«Nicht so, als ob da ein Trieb bestünde, der später im Leben imstande wäre, alles zu Ende zu führen, der sich nur zu entfalten brauchte, sondern angeboren als etwas, was dem Leben angehört, ein Streben, ein Drang, ein Sichentwickeln, ein Etwas, ohne das man sich Leben überhaupt nicht vorstellen kann. Leben heißt sich entwickeln.»(1)

Der «fertige Mensch» stammt «aus einer Eizelle», in welcher die

«Fundamente für die Entwicklung liegen. […] Die Entwicklung des Lebenden aus einer winzigen lebenden Einheit konnte nur unter Billigung des kosmischen Einflusses geschehen.»

Dieser «Begriff vom Leben kann nicht mehr angezweifelt werden». ‘Leben’ ist immer auch «gleichzeitig Bewegung», und zwar eine Bewegung,

«die nach Selbsterhaltung geht, nach Vermehrung, nach Kontakt mit der Außenwelt, nach siegreichem Kontakt, um nicht unterzugehen.»

Zum einen ist im «Lichte, das Darwin angesteckt hat», die Stammesgeschichte des heute bestehenden Lebens auf der Erde, «die Auslese alles dessen, das den äußeren Forderungen gerecht werden konnte.» Zum anderen gibt Lamarck den «Hinweise auf die schöpferische Kraft, die in jedem Lebewesen verankert ist.» Daraus ergibt sich ein Gesamtbild von «der schöpferischen Evolution alles Lebenden».

Die Stammesgeschichte (Phylogenese) geht immer den Weg «einer fortwährenden aktiven Anpassung an die Forderungen der Außenwelt». Dieser aktive schöpferische Anpassungsvorgang einer jeden Spezies gibt der daraus entstehenden Entwicklung die Richtung auf ein «Ziel der Vollkommenheit», die dann gelingt, wenn die «Anpassung an die kosmischen Forderungen» im Sinne der Selbsterhaltung, der Vermehrung, «nach siegreichem Kontakt, um nicht unterzugehen.» Diese Richtung der Selbsterhaltung haftet allem Leben ganz allgemein an, auch schon dem «ursprünglichen Leben», also von Anbeginn des Lebens auf der Erde.

«Immer handelt es sich um Überwindung, immer um den Bestand des Individuums, der menschlichen Rasse, immer handelt es sich darum, eine günstige Beziehung herzustellen von Individuum und Außenwelt. Dieser Zwang, die bessere Anpassung durchzuführen, kann niemals enden.»

Das Ziel der Anpassung im Sinne der Selbsterhaltung, Vermehrung, «nach siegreichem Kontakt, um nicht unterzugehen» kann aber auch verfehlt werden. Die aktive Anpassung ist ständig bedroht durch die «Wahrheit». Der «Untergang von Völkern, Familien, Personen, Spezies von Tieren und Pflanzen ist dem Fehlschlagen der aktiven Anpassung zuzuschreiben». Die aktive Anpassung ist aber nicht «an die gegenwärtige Situation oder an den Tod alles Lebens geknüpft».

«Es handelt sich vielmehr um eine Anpassung sub specie aeternitatis, weil nur jene körperliche und seelische Entwicklung ‘richtig’ ist, die für die äußerste Zukunft als richtig gelten kann. Ferner besagt der Begriff einer aktiven Anpassung, daß Körper und Geist sowie die ganze Organisation des Lebens dieser letzten Anpassung, der Bewältigung aller durch den Kosmos gesetzten Vor- und Nachteile zustreben müssen. Scheinbare Ausgleiche, die vielleicht für einige Zeit Bestand haben, erliegen der Wucht der Wahrheit über kurz oder lang. Wir sind mitten im Strom der Evolution und merken es ebensowenig, wie wir die Umdrehung der Erde merken. In dieser kosmischen Verbindung, wo das Leben des einzelnen Individuums ein Teil ist, ist das Streben nach siegreicher Angleichung an die Außenwelt Bedingung. Selbst wenn man zweifeln wollte, daß schon am Anfang des Lebens das Streben nach Überlegenheit bestanden hat, der Lauf der Billionen von Jahren stellt es klar vor unsere Augen, daß heute das Streben nach Vollkommenheit ein angeborenes Faktum ist, das in jedem Menschen vorhanden ist.

Es gab und gibt in der Menschheitsgeschichte viele Versuche, «sich dieses Endziel der menschlichen Entwicklung vorzustellen», die uns heute nicht mehr als «wissenschaftlich nicht gerechtfertigt» erscheinen. Aber: Sie haben

«in der Religion, in der Moral und Ethik als starke Triebkraft zur Förderung des Gesamtwohles der Menschheit Verwendung … gefunden.»

Was wir «primitive Weltanschauung» nennen hat dennoch

«das Zusammenleben der Menschheit, ihr Gemeinschaftsgefühl gefördert …, indem jeder, der im Banne der gleichen religiösen Inbrunst stand, als Bruder, als Tabu angesehen und dem Schutz des großen Stammes anheimgegeben war.»

Der Gottesbegriff schliesst «jene Bewegung nach Vollkommenheit in sich … als ein Ziel». Er entspricht «dem dunklen Sehnen des Menschen, Vollkommenheit zu erreichen, als konkretes Ziel der Vollkommenheit am besten». In der «reinsten Fassung» des Gottesbegriffs «ist die konkrete Fassung des Ziels der Vollkommenheit gelungen.»

«Die Urkraft, die in der Aufstellung richtender religiöser Ziele so wirksam war, die zur Bindung der Menschheit aneinander führen sollte, war keine andere als die des als Errungenschaft der Evolution zu betrachtenden Gemeinschaftsgefühls und des Strebens aufwärts im Strome der Evolution.»

Individualpsychologen,

«die mit den Fehlschlägen zu tun haben, mit Menschen, die an einer Neurose, an einer Psychose erkrankt sind, die delinquent geworden sind, mit Trinkern usw., wir sehen dieses Ziel der Überlegenheit in ihnen auch, aber nach einer anderen Richtung, die der Vernunft insoweit widerspricht, als wir darin ein richtiges Ziel der Vollkommenheit nicht anerkennen können. Wenn einer zum Beispiel dieses Ziel sich dadurch konkret zu machen sucht, daß er über andere herrschen will, so scheint uns dieses Ziel der Vollkommenheit deshalb schon unfähig, den einzelnen und die Masse zu lenken, weil nicht jeder sich dieses Ziel der Vollkommenheit zur Aufgabe setzen könnte, weil er gezwungen wäre, mit dem Zwang der Evolution in Widerspruch zu geraten, die Realität zu vergewaltigen und sich voll Angst gegen die Wahrheit und ihre Bekenner zu schützen. Wenn wir Menschen finden, die sich als Ziel der Vollkommenheit gesetzt haben, sich auf andere zu stützen, so scheint uns auch dieses Ziel der Vollkommenheit der Vernunft zu widersprechen. Wenn einer vielleicht das Ziel der Vollkommenheit darin findet, die Aufgaben des Lebens ungelöst zu lassen, um nicht sichere Niederlagen zu erleiden, die das Gegenteil des Ziels der Vollkommenheit wären, so erscheint uns auch dieses Ziel durchaus ungeeignet, obwohl es vielen Menschen annehmbar erscheint.»

Was ist mit jenen Lebewesen geschehen,

«die sich ein unrichtiges Ziel der Vollkommenheit gesetzt haben, deren aktive Anpassung nicht gelungen ist, weil sie den unrichtigen Weg eingeschlagen haben, die nicht den Weg der Förderung der Allgemeinheit gefunden haben? — da belehrt uns der Untergang von Spezies, Rassen, Stämmen, Familien und tausenden von einzelnen Personen, von denen nichts übriggeblieben ist, wie notwendig es für den einzelnen ist, einen halbwegs richtigen Weg zu finden zum Ziel einer Vollkommenheit. Es ist ja auch für unsere Tage und für den einzelnen unter uns selbstverständlich, daß das Ziel der Vollkommenheit die Richtung gibt, für die Entwicklung seiner ganzen Persönlichkeit, für alle Ausdrucksbewegungen, für sein Schauen, für sein Denken, seine Gefühle, seine Weltanschauung.

Und ebenso verständlich ist,

«daß eine einigermaßen von der Wahrheit abweichende Richtung zum Schaden des Betreffenden ausschlagen muß, wenn nicht zu seinem Untergang.»

Die Richtung, «die wir einzuschlagen haben, da wir ja doch im Strom der Evolution eingebettet sind und ihm folgen müssen», liegt in der

«Feststellung der Normen des Gemeinschaftsgefühls. Gemeinschaftsgefühl besagt vor allem ein Streben nach einer Gemeinschaftsform, die für ewig gedacht werden muß, wie sie etwa gedacht werden könnte, wenn die Menschheit das Ziel der Vollkommenheit erreicht hat. Es handelt sich niemals um eine gegenwärtige Gemeinschaft oder Gesellschaft, auch nicht um politische oder religiöse Formen, sondern das Ziel, das zur Vollkommenheit am besten geeignet ist, müßte ein Ziel sein, das die ideale Gemeinschaft der ganzen Menschheit bedeutet, die letzte Erfüllung der Evolution.»

Dieses Wissen gewinnt man «nicht aus der unmittelbaren Erfahrung». In der Individualpsychologie liegt «ein Stück Metaphysik». Viele wollen «alles, was sie nicht unmittelbar erfassen können, aus dem Leben der Menschheit ausgeschaltet wissen». Damit wäre jeder neue Gedanke und jede Entwicklungsmöglichkeiten verhindert. Denn:

«Jede neue Idee liegt jenseits der unmittelbaren Erfahrung. Unmittelbare Erfahrungen ergeben niemals etwas Neues, sondern erst die zusammenfassende Idee, die diese Tatsachen verbindet.»

In diesem Sinn gibt es

«keine Wissenschaft, die nicht in die Metaphysik münden müsste. Ich sehe keinen Grund, sich vor der Metaphysik zu fürchten, sie hat das Leben der Menschen und ihre Entwicklung im stärksten Grad beeinflusst. Wir sind nicht mit der absoluten Wahrheit gesegnet, deshalb sind wir gezwungen, uns Gedanken zu machen über unsere Zukunft, über das Resultat unserer Handlungen usw.»

In diesem Sinn ist das Gemeinschaftsgefühl «ein richtendes Ideal, ein richtunggebendes Ziel», das «in sich das Ziel einer idealen Gemeinschaft» trägt: einen Zustand, «in dem wir uns alle Fragen des Lebens, alle Beziehungen zur Außenwelt gelöst vorstellen».

Es ging bis jetzt darum,

«wie man das Bewegungsgesetz des einzelnen und der Masse, sowie deren Verfehlungen klarzustellen vermag. In der Individualpsychologie sind alle unwiderleglichen Erfahrungen unter dem Gesichtspunkt dieser Wissenschaft gesehen und verstanden, deren wissenschaftliches System sich unter dem Drucke dieser Erfahrungen entwickelt hat. Die gewonnenen Resultate sind untereinander widerspruchslos und durch den Common sense gerechtfertigt. Was zur Erfüllung der Forderungen einer streng wissenschaftlichen Lehre beigebracht werden muß, ist in der Individualpsychologie erreicht: eine immense Zahl von unmittelbaren Erfahrungen, ein System, das diesen Erfahrungen Rechnung trägt und ihnen nicht widerspricht, und die trainierte Fähigkeit des Erratens im Einklang mit dem Common sense, eine Fähigkeit, die Erfahrungen im Zusammenhang mit dem System diesem einzureihen imstande ist. Diese Fähigkeit ist um so notwendiger, als jeder Fall sich anders darstellt und zu stets neuen Anstrengungen des künstlerischen Erratens Anlaß gibt.»

Nun habe die Individualpsychologie auch ein Recht, «als Weltanschauung zu gelten», «indem ich sie dazu verwende, den Sinn des menschlichen Lebens verstehen zu lassen». Das gehe aber nur, wenn man sich von allen moralischen und religiösen Vorstellungen löst, die zwischen Tugend und Laster unterscheiden. Trotzdem ist er überzeugt, dass diese

«beide Strömungen, sowie auch politische Bewegungen stets darauf hinzielten, dem Sinn des Lebens gerecht zu werden, und unter dem Druck des Gemeinschaftsgefühls als einer absoluten Wahrheit gewachsen sind. Der Standpunkt der Individualpsychologie ihnen gegenüber ist durch ihre wissenschaftliche Erkenntnis, wohl auch durch ihren direkteren Versuch, das Gemeinschaftsgefühl als Erkenntnis stärker zu entwickeln, gegeben.»

Als allgemeines Gesetz würde er daher formulieren:

«Ich würde jede Strömung als gerechtfertigt ansehen, deren Richtung den unwiderleglichen Beweis liefert, dass sie vom Ziele des Wohles der gesamten Menschheit geleitet ist. Ich würde jede Strömung als verfehlt erachten, die diesem Standpunkt widerspricht oder durchflossen ist von der Kains-Formel: „Warum soll ich meinen Nächsten lieben?“»

Als Beweis für diese Auffassung könne die Tatsache gelten, «dass wir bei unserem Eintritt ins Leben nur vorfinden, was unsere Vorfahren als Beitrag zur Evolution, zur Höherentwicklung der gesamten Menschheit fertiggestellt haben.» Das Leben sei ‘weitergerollt’ und von allen gesellschaftlichen Bewegungen sind nur die übrig geblieben, «die in der Richtung dieser idealen Gemeinschaft gelagert sind.» Wir nähern uns im Laufe der Geschichte «einem Zustand …, größerer Kooperationsfähigkeit, wo sich jeder einzelne mehr als bisher als ein Teil des Ganzen darstellt». Und die gegenwärtigen «Formen unserer gesellschaftlichen Bewegung» seien «Vorversuche», «von denen nur diejenigen Bestand haben, die in der Richtung dieser idealen Gemeinschaft gelagert sind.» So sehr alle Versuche getragen sind «von überragender menschlicher Kraft», so erweisen sie sich «auch in vieler Hinsicht als unvollkommen, ja auch gelegentlich als verfehlt». Das bedeutet aber nur, dass wir für die Aufgabe, «auf dem Wege der Evolution vorwärts zu schreiten» imstande sind, der «absoluten Wahrheit» «näherzukommen». Sie selbst aber ist «dem menschlichen Vermögen unzugänglich». Gewisse Gemeinschaftsleistungen erweisen sich «nur für eine gewisse Zeit, für eine gewisse Situation» als tauglich, «um sich nach einiger Zeit sogar als schädlich zu erweisen.»

Aber es gibt einen Massstab:

«Was uns davor bewahren kann, ans Kreuz einer schädlichen Fiktion geschlagen zu sein, das Schema einer schädlichen Fiktion festzuhalten, ist der Leitstern des Wohles der Allgemeinheit, unter dessen Lenkung wir besser und ohne Rückschläge den Weg zu finden vermögen. Das Wohl der Allgemeinheit, die Höherentwicklung der Menschheit basieren auf den ewig unvergänglichen Forderungen unserer Vorfahren. Deren Geist bleibt ewig lebendig. Er ist unsterblich, wie andere es in ihren Kindern sind. Auf beide gründet sich die Fortdauer des menschlichen Geschlechtes. Sein Wissen darum ist überflüssig. Die Tatsachen gelten. Die Frage des rechten Weges scheint mir gelöst, wenngleich wir oft im dunkeln tappen. Wir wollen nicht entscheiden, nur das eine können wir sagen: eine Bewegung des einzelnen und eine Bewegung der Massen kann für uns nur als wertvoll gelten, wenn sie Werte schafft für die Ewigkeit, für die Höherentwicklung der gesamten Menschheit. Man soll sich, um diese These zu entkräften, weder auf die eigene noch auf die fremde Dummheit berufen. Dass es sich nicht um den Besitz der Wahrheit, sondern um das Streben danach handelt, ist selbstverständlich.»

Was aber

«geschah mit jenen Menschen, die nichts zum Wohle der Allgemeinheit beigetragen haben? Die Antwort lautet: sie sind bis auf den letzten Rest verschwunden. Nichts ist übrig von ihnen, sie sind leiblich und seelisch ausgelöscht. Die Erde hat sie verschlungen. Es ging mit ihnen wie mit ausgestorbenen Tierspezies, die keine Harmonie mit den kosmischen Gegebenheiten finden konnten. Da liegt doch eigentlich eine heimliche Gesetzmäßigkeit vor, als ob der fragende Kosmos befehlen würde: Fort mit euch! Ihr habt den Sinn des Lebens nicht erfasst. Ihr könnt nicht in die Zukunft reichen.»

Dies sei «ein grausames Gesetz», doch um so deutlicher hebt sich aber dadurch «der ewige Bestand des Beitrags von Menschen, die etwas für die Allgemeinheit geleistet haben», hervor. Wir sind

«besonnen genug, um nicht anzunehmen, dass wir den Schlüssel dazu hätten, in jedem Fall genau zu sagen, was für die Ewigkeit berechnet ist und was nicht. Wir sind überzeugt, dass wir irren können, dass nur eine ganz genaue, objektive Untersuchung entscheiden kann, oft auch erst der Lauf der Dinge.»

Viel ist schon getan, wenn «wir vermeiden können, was nicht zur Gemeinschaft beiträgt.» «Ohne es verstanden zu haben, suchen wir in der Erziehung, im Verhalten des einzelnen wie der Masse, in Religion, Wissenschaft und Politik den Einklang mit der zukünftigen Wohlfahrt der Menschheit auf verschiedenen, oft falschen Wegen herzustellen. Natürlich ist der näher der Erfassung künftiger Harmonie, der das bessere Gemeinschaftsgefühl besitzt. Und im großen und ganzen hat sich der soziale Grundsatz Bahn gebrochen, den Strauchelnden zu stützen und nicht zu stürzen.

Gewisse allgemeine Zustände wirken sich «auf die Entwicklung des kindlichen Gemeinschaftsgefühls verheerend» aus.

«So die Tatsache des Krieges und seine Glorifizierung im Schulunterricht. Unwillkürlich richtet sich das vielleicht noch unfertige, vielleicht im Gemeinschaftsgefühl schwache Kind auf eine Welt ein, in der es möglich ist, Menschen gegen Maschinen und Giftgase kämpfen zu machen, sie dazu zu zwingen, und es als ehrenhaft zu empfinden, wenn man möglichst viele, sicherlich auch für die Zukunft der Menschheit wertvolle Mitmenschen tötet. In kleinerem Maße wirkt sich die Tatsache der Todesstrafe aus, deren Schaden auf das kindliche Gemüt wenig vermindert wird durch die Betrachtung, daß es sich dabei nicht um Mitmenschen, eher um Gegenmenschen handelt. Selbst die brüske Erfahrung des Todesproblems kann Kinder von geringerer Neigung zur Kooperation zum überstürzten Abschluß ihres Gemeinschaftsgefühls veranlassen. Ebenso sind Mädchen gefährdet, die das Liebes-, Zeugungs- und Geburtsproblem von unbedachter Umgebung als schreckhaft erfahren. Mit übergroßer Schwere lastet das ungelöste ökonomische Problem auf dem sich entwickelnden Gemeinschaftsgefühl. Selbstmord, Verbrechen, schlechte Behandlung von Krüppeln, Greisen, Bettlern, Vorurteile und ungerechte Behandlung von Personen, Angestellten, Rassen und Religionsgemeinschaften, Mißhandlungen Schwächerer und von Kindern, Ehestreitigkeiten und Versuche, die Frau in irgend einer Art als minderwertig hinzustellen und anderes mehr, Protzerei mit Geld und Geburt, Cliquenwesen und dessen Auswirkungen bis in die höchsten Kreise setzen neben Verwöhnung und Vernachlässigung der Kinder frühzeitig den Schlußpunkt in der Entwicklung zum Mitmenschen. In unserer Zeit hilft dagegen nur neben Herstellung der Mitarbeit des Kindes die richtige, rechtzeitige Aufklärung darüber, daß wir heute erst ein verhältnismäßig niedriges Niveau im Gemeinschaftsgefühl erreicht haben und daß ein richtiger Mitmensch es als seine Aufgabe erfassen muß, an der Lösung dieser Mißstände zum Wohle der Gesamtheit mitzuarbeiten und diese Lösung nicht von einer sagenhaften Entwicklungstendenz oder von anderen zu erwarten. Versuche, wenn auch in bester Absicht unternommen, die Höherentwicklung durch Verstärkung eines dieser Übel zu erzielen, durch Krieg, durch die Todesstrafe oder durch Rassen- und Religionshaß bringen in der folgenden Generation stets einen Abfall des Gemeinschaftsgefühls und damit eine wesentliche Verschlechterung der anderen Übel mit sich. Interessanterweise führen sie fast regelmäßig zur Bagatellisierung des Lebens, der Kameradschaft und der Liebesbeziehungen, eine Tatsache, an der man deutlich das Sinken des Gemeinschaftsgefühls wahrnehmen kann.»

Es ist also klar geworden,

«dass es sich hier um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung handelt, wenn ich betone, dass das Individuum in seiner richtigen Entwicklung nur dann weiterkommt, wenn es als Teil des Ganzen lebt und strebt.»

Alles, was der Individualpsychologe tut, hat zum Ziel, «die Gemeinschaft der Menschen nicht zu stören, den einzelnen mit der Gemeinschaft zu verbinden.»

«Sehen heißt aufnehmen, fruchtbarmachen, was auf die Netzhaut fällt. Dies ist nicht bloß ein physiologischer Vorgang, er zeigt den Menschen als Teil des Ganzen, der nimmt und gibt. Im Sehen, Hören, Sprechen verbinden wir uns mit den anderen. Der Mensch sieht, hört, spricht nur richtig, wenn er in seinem Interesse mit der Außenwelt, mit den anderen verbunden ist. Seine Vernunft, sein Common sense unterliegt der Kontrolle der Mitmenschen, der absoluten Wahrheit und zielt auf ewige Richtigkeit. Unsere ästhetischen Gefühle und Anschauungen, vielleicht die stärkste Schwungkraft zu Leistungen in sich tragend, haben Ewigkeitswert nur, wenn sie im Strom der Evolution zur Wohlfahrt der Menschheit verlaufen. Alle unsere körperlichen und seelischen Funktionen sind richtig, normal, gesund entwickelt, sofern sie genügend Gemeinschaftsgefühl in sich tragen und zur Mitarbeit geeignet sind.»

Der Individualpsychologe versteht unter ‘Tugend’, «dass einer mitspielt», und unter ‘Laster’, «dass einer die Mitarbeit stört.» Ein Fehlschlag ist deshalb ein Fehlschlag, «weil es die Entwicklung der Gemeinschaft stört, ob es sich um schwer erziehbare Kinder, Neurotiker, Verbrecher, Selbstmörder handelt. In allen Fällen sieht man, dass der Beitrag fehlt.»

«In der ganzen Menschheitsgeschichte finden sich keine isolierten Menschen. Die Entwicklung der Menschheit war nur möglich, weil die Menschheit eine Gemeinschaft war und im Streben nach Vollkommenheit nach einer idealen Gemeinschaft gestrebt hat. Das drückt sich in allen Bewegungen, allen Funktionen eines Menschen aus, ob er diese Richtung gefunden hat oder nicht, im Strom der Evolution, der durch das Gemeinschaftsideal charakterisiert ist, weil der Mensch unverbrüchlich durch das Gemeinschaftsideal gelenkt, gehindert, gestraft, gelobt, gefördert wird, so dass jeder einzelne jede Abweichung nicht nur zu verantworten, sondern auch zu büßen hat. Das ist ein hartes Gesetz, grausam geradezu. Diejenigen, die in sich bereits ein starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt haben, sind unentwegt bestrebt, die Härten für den, der fehlerhaft schreitet, zu mildern, als ob sie es wüßten: das ist ein Mensch, der den Weg verfehlt hat, aus Ursachen, die die Individualpsychologie erst nachzuweisen imstande ist. Wenn der Mensch verstünde, wie er, der Seite der Evolution ausweichend, fehlgegangen ist, dann würde er diesen Weg verlassen und sich der Allgemeinheit anschließen.»

«Alle Probleme des menschlichen Lebens verlangen, wie ich gezeigt habe, Fähigkeit und Vorbereitung zur Mitarbeit, des sichtbaren Zeichens des Gemeinschaftsgefühls. In dieser Stimmungslage ist Mut und Glück miteingeschlossen, die sonst nicht zu finden sind.»

«Alle Charakterzüge erweisen den Grad des Gemeinschaftsgefühls, laufen der Linie entsprechend, die nach der Meinung des Individuums zum Ziel der Überlegenheit führt, sind Leitlinien, verwoben mit dem Lebensstil, der sie geformt hat und immer wieder zutage bringt. Unsere Sprache ist zu arm, um feinste Gebilde des Seelenlebens mit einem einzigen Wort auszudrücken, wie wir es Charakterzügen gegenüber tun, dadurch die Mannigfaltigkeit übersehend, die durch diesen Ausdruck verdeckt ist. Daher schimmern für die, die sich an Worte klammern, Widersprüche durch, so daß ihnen die Einheit des Seelenlebens nie klar wird.»

«Vielleicht wird manchen die einfache Tatsache am stärksten überzeugen, daß alles, was wir als Fehlschlag bezeichnen, den Mangel an Gemeinschaftsgefühl aufweist. Alle Fehler der Kindheit und im Leben der Erwachsenen, alle schlechten Charakterzüge, in der Familie, in der Schule, im Leben, in der Beziehung zu anderen, im Beruf und in der Liebe erweisen ihre Herkunft aus dem Mangel an Gemeinschaftsgefühl, sind vorübergehend oder dauernd, beides in tausend Varianten.»

«Eine genaue Betrachtung des persönlichen Lebens und des Lebens der Masse, der Vergangenheit und der Gegenwart zeigt uns das Ringen der Menschheit um ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl. Es ist kaum zu übersehen, daß die Menschheit um dieses Problem weiß und von ihm durchdrungen ist. Was in der Gegenwart auf uns lastet, stammt aus dem Mangel sozialer Durchbildung. Was in uns drängt, um auf eine höhere Stufe zu kommen, von den Fehlschlägen unseres öffentlichen Lebens und unserer Persönlichkeit frei zu werden, ist das gedrosselte Gemeinschaftsgefühl. Es lebt in uns und sucht sich durchzusetzen, es scheint nicht stark genug zu sein, um sich trotz aller Widerstände zu bewähren. Es besteht die berechtigte Erwartung, daß in viel späterer Zeit, wenn der Menschheit genug Zeit gelassen wird, die Kraft des Gemeinschaftsgefühls über alle äußeren Widerstände siegen wird. Dann wird der Mensch Gemeinschaftsgefühl äußern wie Atmen. Bis dahin bleibt wohl nichts anderes übrig, als diesen notwendigen Lauf der Dinge zu verstehen und zu lehren.»

(1) Soweit nichts anders vermerkt, stammen alle Zitate aus Adler. Sinn des Lebens, Kapitel 15)
(2) Vgl. Cicero, De finibus bonorum et malorum III, 26–33; Diogenes Laertios, Über Leben und Lehren berühmter Philosophen VII, 87–89. «Formel» ist die sinngemäße Zusammenfassung.

 

 

 

 

 

 

 

 

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