Moritz Nestor

Die Anti-Kriegs-Literatur nach den Ersten Weltkrieg ist heute in der Öffentlichkeit nahezu vergessen. Nach dem Ersten Weltkrieg und dann vor allem nach Erscheinen von «Im Westen nichts Neues» 1928 von Erich Maria Remarqueentbrannte eine beachtliche öffentliche Auseinandersetzung zwischen Pazifisten der unterschiedlichsten Couleur und kriegsverherrlichenden Romanen, wie zum Beispiel Ernst Jüngers «In Stahlgewittern».
In «Der Weg zurück» beschreibt Erich Maria Remarque 1930/31 erschütternd, wie die Überlebenden des Grauens nach dem Krieg versuchen, im Zivilleben wieder Fuß zu fassen. Der Roman erinnert den heutigen Leser in Vielem an die persönlichen dramatischen Schicksale von Veteranen des Vietnamkrieges, von denen mehr nach dem Krieg an Suizid starben als in Vietnam im Kampf fielen.
Es stehen einem aber auch die Berichte der eigenen Väter aus dem Zweiten Weltkrieg und jener Veteranen der deutschen Bundeswehr aus dem Afghanistankrieg vor Augen, die seelisch zerbrochen zurückkommen, deren Ehen an den Folgen zerbrechen, die sich unweigerlich einstellen, wenn man – nicht aus Notwehr, sondern verführt von der Machtgier des Staates – Menschen zwingt, die tief im Menschen verankerte natürliche Scheu vor dem Töten zu überwinden.
Meine Generation hat noch im eigenen Familienleben mit unseren «schwierigen» Vätern erlebt, was es heisst, dass das sozialpsychologische Klima einer ganzen Gesellschaft schwer belastet ist vom Verhalten einer Vätergeneration, die seelisch zerbrochen aus dem Krieg kam. Die Liste der psychischen Symptome, die heute nüchtern-kalt als‘Posttraumatische Belastungsstörung’ etikettiert werden, ist uns aus den familiären Beziehungen der Nachkriegszeit wohlbekannt: psychosomatische Störungen, Härte, Grobheiten, seelische Übererregbarkeit und lebenslanges Wieder-Erleben und Wieder-Träumen von Kriegserinnerungen («Flashbacks»), emotionale Taubheit, Hilflosigkeit und die tiefe «Erschütterung des Ich- und Weltverständnisses.» Sie hätten dringend seelische Hilfe gebraucht. Wir alle hätten ein Nachdenken über die seelischen Folgen des Krieges, vor allem eines Eroberungskrieges in den Diensten der Macht, dringend gebraucht. Aber die Schuld am Krieg haben die westlichen Sieger dem Volk zugeschoben – nachdem man ihm zuerst «ein Tuch über dem Kopf geworfen hatte» (Alfred Adler), um es in den Krieg zu lügen. Sie schwiegen – als «Tätervolk» – von ihrer seelischen Gebrochenheit, die sie selbst nicht verstanden und die doch in ihrem Alltags-Verhalten immer sichtbar war. «Das ist halt der Krieg», sagte meine Mutter hilflos, wenn ich mich bei ihr tief gekränkt über die ungezügelten Affektausbrüche des Vaters beschwerte. Sie wusste auch nicht, was tun – ausser Beten, aber das half nichts.
Statt den als «humanitäre Intervention» maskierten völkerrechtlich verbotenen Angriffskrieg als politische Ursache der schweren seelischen Störungen der Veteranen zu nennen und dagegen politisch etwas zu tun, lenkt heute eine biologistische Psychiatrieauffassung von der Anklage des Krieges als Ursache ab, indem sie die Kriegsfolgen unter der Diagnose ‘Posttraumatische Belastungsstörung’ PTBS subsumiert und das Elend psychiatrisch verwaltet. Die Zahl der «Fälle» traumatisierter Bundeswehrsoldaten steigt – heute – kontinuierlich, geschätzt um etwa 100 Fälle pro Jahr. PTBS sei «nicht heilbar», man könne sie nur kontrollieren lernen, erklärt die Kriegspsychiatrie. (Tagesspiegel 26. Dezember 2019)
Zurück zum Ersten Weltkrieg: Einer der frühen Anti-Kriegs-Texte im Gefolge des Massensterbens war «Menschen im Krieg» von Andreas Latzko (1876-1943). Er diente in der österreichisch-ungarischen Armee und kam mit einem schweren seelischen Trauma aus dem Krieg zurück. In «Menschen im Krieg» findet sich die Novelle «Der Abmarsch».
Andreas Latzko: Der Abmarsch. In: Ders. Menschen im Krieg, Zürich 1918, S. 9-35
Darin schildert Latzko auf dem Hintergrund seiner persönlichen Erlebnisse das Schicksal eines «Kriegszitterers». Eines von Hunderttausenden, die der Front entkamen und unter schwersten Schockzuständen litten: ohne Wunden, aber Tics, Stottern, unerklärliche Schmerzen, ständige Übelkeit, seelisch bedingte Erblindung und Taubheit, Bewegungsstörungen und Lähmungen. Manche zitterten, andere schrien, wieder andere hatten das Gedächtnis oder ihre Stimme verloren,zitterten ständig unkontrollierbar, konnten sich nicht mehr auf den Beinen halten, konnten nichts mehr essen und bekamen vor Alltagssituationen panische Angst, indem sie etwa beim Eintreten des Arztes panisch unters Bett hechteten, als drohte ein Granateinschlag. Das vom Krieg verursachte Elend wurde schon damals von einer biologistischen Psychiatrie verwaltet, von der Sigmund Freud schrieb: «den Ärzten ist so etwas wie die Rolle von Maschinengewehren hinter der Front zugefallen, die Rolle, die Flüchtigen zurückzutreiben.» Latzko durchbricht aber in seiner Novelle «Der Abmarsch» den Nebel der Kriegspropaganda und lässt einen Kriegszitterer zum leidenschaftlichen Ankläger gegen die wahren Ursachen seines Elends werden und geisselt so die von der staatlichen Propaganda hergestellte Kriegsbegeisterung der Bevölkerung. Latzko wird zur Strafe für das Buch als Soldat degradiert. «Menschen im Krieg» wird in den Krieg führenden Staaten verboten..
Ein Jahr nach «Menschen im Krieg» schreibt Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, «Die andere Seite. Eine massenpsychologische Studie über die Schuld des Volkes» (Wien 1919):
«Nun will man diesem Volk vor der Mitwelt die Schuld an diesem Krieg aufbürden. Nein! Wer in seiner Mitte geweilt hat, wird dieses Volk von jeder Schuld am Krieg freisprechen. Es war unmündig, hatte keine Richtungslinien und keine Führer. Es wurde zur Schlachtbank gezerrt, gestossen, getrieben. Keiner sagte ihm die Wahrheit. Seine Schriftsteller und Zeitungsschreiber standen im Banne oder im Solde der Militärmacht. […] Wenn Menschen Sklavendienste leisten sollen, wenn sie hungern, frohnden, zahlen und büssen sollen, dann halte man sich an alle, die das Höllenwerk ersannen, vollbrachten und an ihm mit Vorbedacht teilgenommen haben.»
Mein psychologischer Lehrer, Friedrich Liebling, der selbst, wie Adler, den Ersten Weltkrieg mitmachen musste, sagte in einem Interview («Ein universitärer ambulanter Lehrstuhl in Puerto Rico. Interview von Maria Isabel Rodriguez. In: Diario de Las Palmas vom 6. März 1981, Gran Canaria):
«Verwendete man mehr Geld für die Psychologie, müssten wir mit der Zeit kein Geld mehr für Kriegsmaterial ausgeben. Wir könnten verhindern,
dass die Kinder und Jugendlichen wegen Delinquenz und Drogenproblemen in den Gefängnissen, Kliniken und Irrenhäusern landen müssten. Wir müssten die Jugend nicht auf das Feld der Ehre schicken, in die Kriege. Jeder Bürger eines Volkes hat das Recht über sich und den Mitmenschen Bescheid zu wissen. Nur so kann man zum gegenseitigen Verständnis, zum Respekt und in der Konsequenz zu einer gerechten Gesellschaft, die in Frieden leben kann, gelangen. Aber leider ist das heute nicht so. Noch bestimmen die Generäle über das Leben des Menschen und sein Schicksal.»
Sich und den anderen zu verstehen, verhilft dazu, mehr Mitmenschlichkeit zu entwickeln, den andern Menschen um seiner selbst willen zu lieben und zu achten, Humanitas zu leben. In diesem Sinne haben die Erkenntnisse der Tiefenpsychologie und der personalen Humanwissenschaften eine zutiefst politische Bedeutung, durch die Bildung von mehr sozialem Mitdenken und Mitfühlen die Menschen innerlich zu festigen und immun zu machen gegen die irrationalen Bilder der Kriegspropaganda. Immanuel Kant formulierte die ethische Grundpflicht, dass der Mensch nie nur als Mittel zum Zweck, sondern immer «als Zweck an sich» behandelt werden müsse. In diesem Sinne heisst es bei Friedrich Lieblings in dessen Aufsatz Tiefenpsychologische Menschenkenntnis von 1964:
«Einen Menschen aber in seiner Wesensart zu erfassen ist lediglich demjenigen möglich, der den Menschen um seiner selbst willen studiert, vielleicht ist sogar ein grundlegendes Verstehen nicht abtrennbar von dem Wunsche oder der Neigung, dem andern zu helfen, ihm zu verhelfen, sein wahres Wesen zu realisieren. Menschenkenntnis darf nicht zu einem Gesellschaftsspiel werden, zu einer oberflächlichen Belustigung, in der man dem Nachbarn „Fehler“ aufzeigt oder die Maske vom Gesicht zieht; noch weniger darf sie zu einem Behelf der Selbstüberhebung werden, worin man durch die Einsicht in fremde Mängel sich selbst der Mangelhaftigkeit überhoben glaubt. Es mag vielleicht moralistisch klingen, aber man kann tatsächlich die Menschen nur verstehen, soweit man sie liebt; und man wird sie besser lieben, wenn man sie besser versteht. Das Grundgefühl eines echten Menschenkenners muss die Achtung vor der Fremd-Persönlichkeit sein, eine Haltung frei von richterlichen und moralistischen Intentionen: Nichts ist schwerer für den Menschen als solch eine vorurteilsfreie Begegnungsfähigkeit, und daher rührt der psychologische Zusammenhang, dass jene die guten Menschenkenner sind, die selbst schon in grossen Verstrickungen von Schuld, Versuchung oder innerer Not gestanden haben; die „reuigen Sünder“ haben – wie Alfred Adler hervorhebt – im Aufbau der europäischen Moral (im Guten wie im Schlechten) eine hervorragende Rolle gespielt. Fassen wir das Problem sachlicher an, so ist es offenbar so, dass eigene Not, sofern sie überwunden ist, die Augen erst öffnet für die grosse Mühe, welche die Menschen mit ihrem Leben haben: eine Einsicht, die uns versöhnlich und milde macht und uns den Wert des Menschen an sich, gleichviel mit welchem Makel er behaftet ist, vor das Bewusstsein bringt.» (Friedrich Liebling. Tiefenpsychologische Menschenkenntnis. In: Ders. Aufsätze, Zürich 1992, S. 33ff. Zuerst erschienen in: Psychologische Menschenkenntnis. 1/1964-65, S. 210-218)
[1] Tagesspiegel 26. Dezember 2019
[2] Andreas Latzko. Menschen im Krieg, Zürich 1918, S. 9-35.
[3] «Ein universitärer ambulanter Lehrstuhl in Puerto Rico». Interview von Maria Isabel Rodriguez. In: Diario de Las Palmas vom 6. März 1981, Gran Canaria. URL: https://iphg.ch/ein-universitaerer-ambulanter-lehrstuhl-in-puerto-rico/
[4] Friedrich Liebling. Tiefenpsychologische Menschenkenntnis. In: Ders. Aufsätze, Zürich 1992, S. 33ff. Zuerst erschienen in: Psychologische Menschenkenntnis. 1/1964-65, S. 210-218
[5] Freud, Sigmund. Gutachten über die elektrische Behandlung der Kriegsneurotiker vom 14.10.1920, zitiert nach Riedesser/Verderber, S. 64
dass die Kinder und Jugendlichen wegen Delinquenz und Drogenproblemen in den Gefängnissen, Kliniken und Irrenhäusern landen müssten. Wir müssten die Jugend nicht auf das Feld der Ehre schicken, in die Kriege. Jeder Bürger eines Volkes hat das Recht über sich und den Mitmenschen Bescheid zu wissen. Nur so kann man zum gegenseitigen Verständnis, zum Respekt und in der Konsequenz zu einer gerechten Gesellschaft, die in Frieden leben kann, gelangen. Aber leider ist das heute nicht so. Noch bestimmen die Generäle über das Leben des Menschen und sein Schicksal.»