«Das Wunder von Bern»

«Das Wunder von Bern»

Moritz Nestor (2016)

Gäb´ es ein Lied, das unser Elend umfasste,
Könnt´ ich Euch vielleicht, was wir leiden, erzählen.
Dann könnte es sein, dass uns niemand sehr haßte,
Und die uns feind sind, würden uns nicht mehr quälen.
(Ricarda Huch, 1947)

Das Wunder von Bern Christof Siemes«Das Wunder von Bern», 2003, ein Film von Sönke Wortmann, nach dem Roman von Christof Siemens, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Vordergründig ein Film über das legendäre Endspiel der Fussballweltmeisterschaft 1954 im Wankdorfstadion zu Bern, wo die deutsche Mannschaft unter Sepp Herberger gegen die ungarische mit dem Siegestor von Helmut Rahn neun Jahre nach Kriegsende Weltmeister wurde. Mit viel Liebe zum Detail wird der Zuschauer in die Nachkriegszeit zurückversetzt: Essener Bergarbeiterfamilien zwischen Kruppschen Reihenhäusern, Schutthalden, Fussballplatz, Kneipe und Schloten auf der einen, chromglänzender Nierentischbarock des bürgerlichen Milieus auf der anderen Seite.

Doch der Film überrascht jeden, der einen sentimentalen 50er-Jahre-Schinken erwartete oder eine weitere Legende um die Fussballweltmeisterschaft 1954. Die Geschichte des Endspiels 1954 bildet nämlich einen Rahmen, in den hinein eine zweite feinfühlig erzählte Geschichte gewoben ist, die der Essener Bergarbeiterfamilie Lubanski: Eine Mutter mit drei Kindern, deren Mann nicht aus dem Krieg heimgekehrt ist, hofft immer noch auf ihn. Die Not des Krieges hat sie wie Tausende und Abertausende Frauen jener Zeit gezwungen, die traditionelle Frauenrolle aufzugeben, Stärke und Beharrlichkeit zu entwickeln und die Aufgaben des an die Front gestellten Mannes zusätzlich zu übernehmen, um das Leben der geliebten Kinder durch Krieg und Nachkriegszeit zu retten. Sie und die Kinder führen eine Bergarbeiterkneipe in Essen. Der Älteste hat in vielen Dingen Vaters Aufgaben übernommen. Aber auch der jüngste Sohn Matthias trägt durch den Verkauf von selbst gedrehten Zigaretten aus weggeworfenen Kippen zum Lebensunterhalt bei.

Eine Tages kehrt der Vater der Familie als einer der letzten Kriegsgefangenen aus Sibirien zurück. Ein versteinerter, vom Kriegsgrauen, Töten und Getötet-werden gebrochener Mensch, seelisch müde und stumm von Krieg und 11 Jahren Lager in Sibirien. Seine Freunde sind dahingestorben, durch Zwangsarbeit in Eis und Schnee vernichtet – «Wiedergutmachung» gegenüber dem sowjetischen Volk, wie Stalin seine Rache nannte. Auf dem Bahnhof umarmt der Spätheimkehrer seine Tochter irrtümlich als die Ehefrau. Seine Zeit ist stehen geblieben. Er findet sich nicht mehr zurecht, kann nicht über das Erlebte reden. Für den Schrecken von Krieg und Sibirien hat er wie sein Zeitalter keine Sprache und treibt einsam unter Menschen dahin. Er schämt sich zutiefst für sein Schicksal. Mit schlichten Pinselstrichen bringt der Autor dem Publikum die Persönlichkeit eines traumatisierten Kriegsopfers nahe, der im Bergwerk einen Nervenzusammenbruch erleidet, weil das Stakkato der Presslusthämmer in seinem Kopf zum hämmernden Maschinengewehrfeuer wird. In ihm lebt der Krieg weiter, ohne dass die Menschen um ihn herum es wahrnehmen.

In seiner Not will er wieder Herr im Hause werden, kritisiert, schlägt seine Kinder. Misstrauisch vermutet er, sein Jüngster sei gar nicht von ihm, weil er von der dritten Schwangerschaft nichts mehr erfahren hatte, ehe er damals vom Heimaturlaub zurück an die Front musste. Der älteste Sohn, der als aktives Mitglied der KPD,  – die Tragik der 1968er Zeit vorwegnehmend – den Vater als «Faschisten» anfeindet, ohne auch nur ein einziges Mal gefragt zu haben, was dieser im Krieg erlebt hat, steht für das Tabu, dass die Täter nicht Opfer sein durften.

Aber der Autor geht über die Beschreibung dieses so oft schon beschriebenen Dramas hinaus und gestaltet in Mutter Lubanski eine Frauenfigur, die aus ihrer Zeit herausragt. Sie, die vordergründig keine Hauptrolle einnimmt, wird zur entscheidenden Person. Sie ist stark geworden, um dem Krieg zu trotzen, ohne aber ihre Menschlichkeit dabei zu verlieren. Sie erfasst, wie es ihrem Mann geht, und baut ihren Kindern eine Brücke, den Vater zu verstehen. Mit schlichter innerer Grösse und einfachen Worten gelingt ihr, was in 60 Jahren «Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit» so schmerzlich gefehlt hat: Ohne das Vergangene zu leugnen, einen Neuanfang zu machen und die mitmenschliche Haltung einzunehmen, dass es bei einem Krieg nur Verlierer gibt.

Vater Lubanski verkörpert auch meinen Vater und Millionen Väter, die nicht offen über den Zweiten Weltkrieg reden konnten, und die meine Generation in den 60er Jahren unerbittlich begann für ihre Vergangenheit im «Dritten Reich» abzulehnen. Wir 40er- und 50er-Jahre-Kindern haben am eigenen Leib bitter erlebt, wie verständnislos mit unseren Vätern umgegangen wurde, die man belogen und betrogen und schliesslich zur Schlachtbank geführt hatte und die den Krieg überlebt hatten, aber als körperliche und seelische Krüppel zurückgekehrt waren. Über ihre tief verwundeten Seelen, ihre Schuldgefühle, ihre Wut, ihre innere Leere, ihren zerknickten Stolz  und ihre Angst konnten sie nicht mit uns sprechen. Den «Tätern» wurde das Klagen über das auch ihnen angetane Unrecht von vorn herein als «Ewiggestrigsein», als «faschistoid», als Verharmlosung des «Holocaust» und Ähnliches mehr ausgelegt, ohne auch ihnen zuzuhören und zu verstehen, was sie brach, was sie meinten, und dass auch sie nicht gerne im Kriege waren. Auch wenn noch so viele Geschichten aus Wohnzimmern zu erzählen sind, wo noch in den 60er und siebziger Jahren beim Sonntagnachmittagskaffe Worte fielen wie «Der Krieg war die schönste Zeit meines Lebens.» Mein Vater, der so sprechen konnte, hat mir einmal anvertraut, was er nicht am Sonntagnachmittag strahlend erzählen konnte: Dass er seit dem Krieg immer wieder schweissgebadet aufwachte, weil er im Traum einem Russen den Gewehrlauf in den Mund steckte und beim Donnern des Schusses, der den Kopf des Gegners zerplatzen liess, starr vor Schreck aufwachte, weil er einen Menschen getötet hatte. Bei uns zu Hause war wie in vielen Millionen Familien der Krieg nicht 1945 zuende. In Vaters Wutausbrüchen steckte auch immer ein Stück in Krieg und Diktatur erlebte Gewalt und ein verzweifeltes wütendes Aufbegehren dagegen, Jahr für Jahr im Traume weiter töten zu müssen, Jahr für Jahr, von 1945 bis 1980.

Wer damals seinen eigenen Vater angefangen hatte abzulehnen, weil er nicht verstand, warum dieser nicht offen über den Krieg reden konnte, der wurde selbst zum  Opfer des Krieges, denn es lehnt keiner einen geliebten Menschen ab, ohne unweigerlich an seiner eigenen Seele Schaden zu nehmen: Er beginnt sich selbst abzulehnen, muss ablehnen und verstecken, was er an Positivem von seinem Vater gelernt hat, denn er will ja bei den «fortschrittlichen» linksliberalen «Antifaschisten» ankommen, will ihre Gunst nicht verlieren, die es zum Verbrechen erklärte haben, so zu sein wie der Vater – und er merkt nicht, dass er das tut, was der Vater einst tat, der zu den Hitlerleuten lief, um dabei zu sein, anzukommen, nicht vor allen dumm dazustehen und so weiter …. Er gleicht dem Eiferer, der der Sabbath entheiligt, um seinen Sonntag zu heiligen.

Wer von uns das durchgestanden und den Irrtum bemerkt hat und dann den Weg zurückgegangen ist – den überkommt ein inneres Brennen, eine Freude und eine Wehmut und ein ehrliches Weinen, denn Mutter Lubanski in dem Film vermag etwas, was kaum jemand von unseren Eltern und von unserer «zweiten» Generation vermocht hat. Als ihr Jüngster tief getroffen ist, dass der Vater seine beiden geliebten Kaninchen zum Geburtstagsessen der Mutter geschlachtet hat, und verzweifelt und wütend wegläuft, legt die Muter in ihm das Samenkorn der Verständnisses, indem sie an seinem Schmerz anknüpft:

«Matthes! Denk mal an vorhin und wie es in dir drin wehgetan hat, als du gemerkt hast, dass Atze und Blacky [seine Kaninchen] weg sind. … Und jetzt stell dir mal vor, dass es in dir drinnen jeden Tag so wehtut, zehn Jahre und acht Monate lang, jeden Tag. Kannst Du dir das vorstellen?»

Matthias schüttelt den Kopf. …

«Aber so muss es für deinen Papa gewesen sein, als er nicht nach Hause durfte. Elf Jahre lang.»

«Aber da kann doch ich nichts dafür.»

«Kann denn der Papa ‚was dafür?»

Jetzt schaut Matthias hinaus auf den Kanal … Noch einmal sieht Matthias den Moment, als sein Vater aus dem Zug stieg, ein grauses Gespenst, das mit seinem entschlossenen Schritt über den Bahnsteig auf sie zu nicht seine abgrundtiefe Verlorenheit überspielen konnte. Langsam schüttelt Matthias den Kopf: Nein, der Mann hatte nicht mehr genug Kraft, um überhaupt noch für irgendetwas zu können. …

«Aber wir können alle helfen, dass es besser wird.»

So legt sie in ihrem Sohn, der die Grobheiten seines vom Kriege gekennzeichneten Vaters nicht versteht, die Grundvoraussetzung für den Frieden:

«Du bist´n ganz Grosser, mein Kleiner. Und das haste bestimmt nicht allein von mir. Dein Papa is nämlich auch ´n ganz Grosser. Tief drinnen. Und wenn wir alle ihm helfen, dann wirst du dich noch wundern, was du´n tollen Vater hast

Mit dem Wunder von Bern hat ein deutscher Filmemacher das das schier unmöglich erscheinende Wagnis fertig gebracht, einen deutschen Soldaten des Zweiten Weltkrieges auch als Opfer darzustellen. Die Versöhnung der Kinder mit ihrem Vater gerät zur menschlichen Utopie: «So hätte es sein können÷, ruft sie einem ihre Botschaft zu:  «So allein ist Neuaufbau und Aufarbeitung nationalsozialistischer Vergangenheit möglich.»

Und der Film hinterlässt einen sehr nachdenklichen Zuschauer, der sich fragt, was gewesen wäre, wenn sich in den letzten 50 Jahren statt Rache, Hass, Siegerjustiz, Klassenhass und Klassenkampf die mitmenschlich Haltung von Mutter Lubanski die Grundlage gewesen wäre für die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

 

 

 

 

 

 

Zu den Grundlagen einer personalen Psychologie

Seminar: „Psychiatrie und Psychotherapie im Ländervergleich“

Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüsse Sie alle recht herzlich und bedanke mich für die freundliche Einladung hierher nach Wladimir.

Wir freuen uns sehr auf die kommenden Stunden mit Ihnen; auf das Kennenlernen der Standpunkte und Meinungen; auf den Austausch der Erfahrungen und auf das Wachsen von gegenseitigem Verstehen.

Ich habe haben schon länger von Ihnen gehört. Und so entstand der Wunsch, Sie einmal zu besuchen und kennenzulernen. Und ich möchte schon an dieser Stelle die Hoffnung aussprechen, ob wir Sie auch einmal zu einer ähnlichen Veranstaltung bei uns begrüssen dürfen.

Lassen Sie mich ein paar persönlich Worte voranschicken: Mich verbindet meine Familiengeschichte mit Russland. Mein Familienname ist griechisch: Nestor. Der Ur-Urgrossvater meines Vaters, ein griechischer Schiffskoch, wanderte am Anfang des 19. Jahrhunderts im Gefolge eines russischen Fürsten von Griechenland nach St. Petersburg ein. Einer seiner Nachkommen, mein Grossvater Heinrich, wurde 1883 als zweites von sechs Kindern eines russischen Försters und dessen deutscher Frau in St. Petersburg geboren. Ich besitze ein einziges Bild aus jener Zeit. Den polnisch, russisch und deutsch sprechenden Heinrich verschlug es als jungen Mann in die deutsche Stadt Görlitz. Dort arbeitete er als Hufschmied und heiratete die Tochter eines armen Leinwebers aus dem Dorfe Oberoderwitz. 1914 musste er in den Krieg. Als Ulan, zu Pferde, mit der Lanze gegen Panzer. Er hatte Glück. 1915 wurde sein einziger Sohn Edgar, mein Vater, geboren. Er hatte weniger Glück als der Grossvater. 1939 musste er in den nächsten Krieg. Als Oberleutnant erhielt er im russischen Winter des Frühjahrs 1943 auf dem Rückzug nach Westen im Kessel von Tschertkowo einen Kopfschuss. Nur wenige haben das überlebt. Er ging am Stock, weil dem unbeweglich auf dem Verwundetenschlitten liegenden Fiebernden beim Ausbruch aus dem Kessel ein Fuss erfror. Zeitlebens wachte er nachts auf, weil er im Traum weiter töten musste. Der Krieg war für ihn nie zuende. Bis zu seinem Tode 1980. Tschertkowo war die Wende in seinem Leben. Denn er hatte seither das Gefühl, dass die Verwundung die Strafe Gottes dafür gewesen sei, dass er bei Hitler mitgemacht hatte. Er wurde nach dem Krieg ein guter Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik, heiratete und erzog uns drei Kinder zu Christen, damit uns nie das passieren sollte, was ihm passiert war: Einem Irrsinnigen blind hinterher zu laufen.

Das war für mich als seinen ältester Sohn der Beweggrund, dass ich Psychologe werden wollte: Was braucht es in der Persönlichkeitswerdung eines Menschen, dass er nicht so schnell den Verführungen der Propaganda erliegt? Dass sein Mitgefühl mit den Unterdrückten und Geplagten nicht von politisch hervorgerufenen Massen-Affekten ausgelöscht wird?

Und darum habe ich mich einer psychologischen Lehr- und Forschungsgemeinschaft angeschlossen, die Ende der Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts ins Leben gerufen wurde, und dort Psychologie gelernt. Ihr Gründer, Friedrich Liebling, kam aus der sogenannten ‚Individualpsychologie’ des Wiener Arztes Alfred Adler. Bei ihm hatte Liebling zwischen den beiden Weltkriegen gelernt.

Die Individualpsychologie war als Reaktion auf den Massenwahn des Ersten Weltkrieges entstanden. Adlers zentrale Forschungsfrage als Psychologe war: Wie können wir Menschen mehr Mitgefühl füreinander erwerben? Adler nannte das ‚Gemeinschaftsgefühl’ und verstand darunter die ausgebildete Beziehungsfähigkeit des Menschen. Er war als Kriegsteilnehmer bewegt von der Hilflosigkeit der Völker, deren Mitmenschlichkeit sich im Trommelwirbel nationalistischer oder anderer Ideologien ersticken liess. Mehr soziale Verbundenheit, mehr Mitgefühl mit dem Bruder auf der anderen Seite des Grabens, so der Gedanke, müsste es doch möglich machen, dass die Völker einmal Nein sagen, wenn wieder zum Angriff geblasen wird. Und wie sollte das entstehen?

Theologen, Philosophen und Dichter haben schon immer um Antworten auf diese Frage gerungen. Ich erinnere an Tolstois „Krieg und Frieden“ oder an Dostojewskis „Schuld und Sühne“. An Goethes „Faust“ oder Schillers „Wilhelm Tell“. Oder an den spanischen Mönch La Casas, dessen beeindruckendes Lebenswerk zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein einziger grosser Versuch war, das Mitgefühl der Menschen zu wecken und zu stärken, um den Völkermord an den Indios nach 1492 im neu „entdeckten“ Amerika zu bremsen.

Die Individualpsychologie Alfred Adlers ist eine eigentliche Sozialpsychologie. Der Name Individualpsychologie heisst nur, dass der Mensch ein Unteilbares (In-dividuum), eine unteilbare Einheit ist. Adler hat mit seinem Ansatz im 20. Jahrhundert zu der allgemeinen Menschheitsfrage eine wichtige Antwort hinzugefügt: Das Ausmass an seelischem Leid eines Menschen hängt mit einem mehr oder minder starken Mangel an Beziehungsfähigkeit zusammen, der sich in der Kindheits- und Jugendphase herausbildet. Mehr mitmenschliche Bildung und Erziehung in Elternhaus und Schule, in der Berufsausbildung und im politischen Zusammenleben der Gemeinde sollte den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft fördern und den einzelnen Menschen stärken. Dieser Ansatz hat zwei Seiten: Er will heilen, seelisches Leid heilen, und er will Prophylaxe betreiben, damit unsere Kinder und Kindeskinder einmal anders da stehen. Darin steckt die grosse Hoffnung, dass die Menschen in kommenden Generationen weniger anfällig für Propaganda und Massenpsychosen sein werden.

Ich werde später noch einmal darauf zu sprechen kommen. Lassen Sie mich zuerst noch etwas anderes sagen.

Ich kenne Ihr Land nicht aus eigener Erfahrung. Es tut uns sehr leid, dass das Bild von Russland in den meisten Medien nur ein wüstes Zerrbild ist. Ich schenke diesem Bild keinen Glauben. Ich selbst trage schwer daran. Die aggressive Politik gegen ihr Land lehne ich ab. Der Weltfrieden ist dadurch bedroht wie kaum zuvor.

Ich kennen auch Ihren wissenschaftlichen Hintergrund und ihren therapeutischen Alltag nicht. Zudem komme ich aus einer psychiatrisch psychotherapeutischen Tradition im Westen, die es zwar seit Beginn des 20. Jahrhundert gibt, die aber aus verschiedenen Gründen seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts in den Hintergrund gedrängt worden ist.

Ich möchten gerne mit Ihnen allen in einen wissenschaftlichen Austausch treten. Wir werden am Ende dieses Seminars bereichert wieder nach Hause fahren, wenn dieser wissenschaftliche Austausch auch ein Stück dazu beigetragen hat, dass sich unsere Völker etwas näher gekommen sind. Wissenschaft hat nach meiner Auffassung untrennbar etwas mit Reden und Verständigung zu tun – mit Frieden. Eine Wissenschaft die diesen Namen verdient, muss dem Zweck dienen, das Leben immer besser zu schützen und Leiden zu verhindern. Und jedermann wird nur Abscheu empfinden können, wenn Wissenschaftler zum Beispiel Folterprogramme erfinden.

Auf die Frage „Warum soll man nicht lügen?“ hat Albert Einstein einmal geantwortet:

Lügen zerstört das Vertrauen in die Aussagen anderer. Ohne ein solches Vertrauen wird soziale Zusammenarbeit unmöglich oder zum mindesten schwierig. Die Zusammenarbeit ist jedoch wesentlich, um das menschliche Leben möglich und erträglich zu machen. Das heißt, die Vorschrift ’Du sollst nicht lügen’ wurde zurückgeführt auf die Gebote: ‚Menschenleben ist zu erhalten’ und ‚Schmerz und Trauer sind soweit wie möglich zu verringern’“.

Die Völker wollen keine Kriege. Es sind auch nicht die Völker, das ist die Lehre aus der Psychologie, die Kriege machen, auch wenn ein Volk sich gegen jeden Angriff zu Recht verteidigt.

Leider leben wir in einer Zeit, in der in Deutschland und auch bei uns in der Schweiz vielfach nur noch die älteren Menschen in der Schule gelernt haben, welche wertvollen Beiträge die europäische Kultur gerade ihrem Land verdankt. Auch gerade dem zum Trotz möchten wir mehr von Ihnen kennenlernen.

Dann komme ich zu den Grundlagen, was wir „Personale Psychologie“ nennen.

Unsere psychiatrisch-psychotherapeutische Arbeit steht in der Tradition der Individualpsycholgie Alfred Adlers und auch in der Tradition der sogenannten Neoanalyse oder Neopsychoanalyse. Da sind Namen zu nennen wie Karen Horney Frieda Fromm Reichmann, Harry Stuck Sullivan, Franz Alexander und andere. Die Neopsychoanalyse ist vor allem in den Vereinigten Staaten entstanden und bestand aus einer Gruppe von Psychiatern, die allesamt nicht mehr einverstanden waren mit Sigmund Freuds mechanistischer Deutung des Seelenlebens und mir der Triebtheorie. Wir werden dann in der Diskussion vielleicht genauer diese Zusammenhänge noch diskutieren können.

Ich möchte nur kurz den Adler’schen Beitrag und den seiner Schüler skizzieren: Alfred Adler ist einer der Pioniere der Tiefenpsychologie aus der Wiener Schule. Er wird am 07. Februar 1870 in Wien geboren. Während der Wende zum 20. Jahrhundert beginnt er als Augenarzt in Wien zu wirken. Bald darauf lädt ihn Sigmund Freud zu den Diskussionen in seiner „Mittwochs-Gesellschaft“ mit anderen Ärzten und Psychiatern ein, aus der später die freudsche Psychoanalyse hervorgeht – eine der drei ursprünglichen tiefenpsychologischen Schulen neben derjenigen Adlers und der analytischen Psychologie C. G. Jungs.

Nach neun Jahren Zusammenarbeit trennt sich Adler von Freud wegen der Differenzen zur Triebtheorie und gründet eine eigene tiefenpsychologische Lehr, Forschungs- und Ausbildungstätigkeit. Er nennt sie zunächst „Vereinigung für freie Psychoanalyse“. Später wird Adlers Schule unter dem Namen „Individualpsychologie“ bekannt. 1937 stirbt er leider viel zu früh, 66jährig, auf einer Vortragsreise in Aberdeen in Schottland.

Fruchtbar verbunden hatte Freud und Adler ursprünglich die Entdeckung, dass seelisches Leiden durch seelische Konflikte verursacht und verstehend zu heilen ist. Es war die Geburtsstunde der Tiefenpsychologie.

Während der neun Jahre Zusammenarbeit mit Freud, baute Adler den verstehenden Ansatz immer weiter zu einer Persönlichkeitstheorie und zu einer eigentlich Sozialpsychologie aus. Freud dagegen hat sein mechanistisches Triebmodell immer weiter ausgebaut und sich immer mehr auf biologistische, reduktionistische Erklärungen gestützt. Der Psychotherapie und der Erziehung gegenüber ist er später immer pessimistischer geworden.

Für Adler, und das ist das Wichtigste, für Adler ist das Bedürfnis nach Liebe, nach Geborgenheit, Sicherheit und mitmenschlicher Beziehung ein primäres angeborenes geistig-seelisches Streben. Das Kind bringt das als Anlage zur Welt. Es ist eine bildbare, erziehbare soziale Anlage, die nach der Geburt in soziales Wechselspiel mit den Mitmenschen im sogenannten „reifenden Lernen“ und „ lernenden Reifen“ mündet. Die Erzieher machen das Kind nicht sozial, sondern sie wachen über die sich entwickelnde weltoffene, offene Anlage. Die biologischen Bedürfnisse des Kindes sind dem Bestreben nach Beziehung nachgeordnet, sekundär. Die biologischen Bedürfnisse werden von den individuellen und kulturellen Werten geformt. Das sind Erkenntnisse, die später in der modernen Entwicklungspsychologie, ich nenne Namen wie, Spitz und Hensler, Anthropologen wie Wicki, Wal und Tomasello bestätigt werden.

Für Alfred Adler war die personale Auffassung vom Menschen von Anfang an wesentlich, und das unterscheidet ihn grundlegend von Freud. Adlers Persönlichkeitstheorie versteht den Menschen als ein Wesen, das in zwischenmenschlichem Bezug steht und für die Gestaltung seines eigenen Lebens und der es umgebenden Kultur über eine schöpferisch-gestaltende Komponente verfügt. Deshalb gehört die Adlersche Psychologie in die Reihe der Ich-Psychologen.“[1]

Adler erforschte die Entstehung von seelischem Leid, um dem Einzelnen zu helfen. Er sah aber auch, wie viel wirkungsvoller es ist, wenn das psychologische Wissen für die Vermeidung von seelischem Leid eingesetzt wird. Adler erkannte als politisch Aufgeschlossener, seine Frau Raiza war übrigens Russin, Adler erkannte als politisch Aufgeschlossener die politische Bedeutung der Individualpsychologie, nämlich die Erziehung der Erzieher. Das heisst, in allen Bereichen des Lebens das psychologische Wissen und Können vermitteln, Menschen zu stärken und die Gesellschaft mehr sozial zu durchbilden.

Zwischen den beiden Weltkriegen entstanden in Österreich und Deutschland viele individualpsychologische Lehrerberatungsstellen. In vielen gesellschaftlichen Bereichen setzte eine umfassende Vorsorgetätigkeit ein zur Vermeidung von Kriminalität, Suizid, seelischem Leiden allgemein.

Die Grundidee dieser Erziehungsberatungsstellen, dieser Lehrerberatungsstellen war, dass die Menschen im Sinne einer umfassenden Volksbildung seelisch widerstandsfähiger würden. Das erkannte Adler als den wirkungsvollsten Schutz gegen die vorher schon erwähnten demagogischen Versuche, das Volk zu belügen, das Gemeinschafts- und Geltungsstreben des Volkes aufzupeitschen und es zum Hass und letztlich zum Krieg gegen andere Nationen aufzuhetzen.

Unter denen, die nach dem Weltkrieg Adlers Werk weitergeführt haben, ist Friedrich Liebling. Er musste wie alle anderen vor dem Nationalsozialismus fliehen, der die breite individualpsychologische Bildungs- und Vorsorgearbeit in Österreich und Deutschland zerschlug.

Seit Mitte der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts führte Friedrich Liebling in Zürich eine Praxis unter dem Namen Psychologische Lehr- und Beratungsstelle. Seit den Sechzigerjahren hatte er diese weiter ausgebaut und die therapeutische Arbeit um ein immer breiter werdendes Spektrum an Beratungs-, Forschungs- und Bildungsangeboten erweitert. In kleinen, mittleren und grösseren Gesprächskreisen, Tagungen und Kongressen, wurden psychologische, philosophische und gesellschaftspolitische Fragen in allgemeinverständlicher Sprache und an konkreten Beispielen aus dem Zusammenleben erörtert. In etwa vergleichbar einer Volkshochschule oder Institutionen, wie zum Beispiel das von Adolf Portmann ins Leben gerufene Bildungswerk „Jugend forscht“ oder anderen. Hier konnten sich alle Interessierten – Eltern, Studenten, Ärzte, Lehrer und Angehörige aller Berufe – mit der Bedeutung der Psychologie für alle Lebensbereiche auseinandersetzen. In der Zeitschrift „Psychologische Menschenkenntnis“ wurden Ergebnisse der Arbeit veröffentlicht.

Es war eine ‚Lebensschule’, wie sie Friedrich Liebling nannte, die das Anliegen Alfred Adlers und vieler anderer Tiefenpsychologen aufgriff: Nicht nur Heilen, sondern auch Bilden. Seelische Prophylaxe für die kommenden Generation, Schutz der Heranwachsenden vor Drogen, Kriminalität, Entmutigung, vor seelischem Leid allgemein. Erziehung der Erzieher, und zwar nicht nur in Form von individueller therapeutischer Hilfe oder Beratung, sondern auch im Sinne einer breit verstandenen Psychoedukation, die ein grosses Bildungsangebot umfasste.

Nach Friedlich Lieblings Tod 1982 führte die Psychologin und Historikerin Annemarie Buchholz-Kaiser seine Arbeit bis zu ihrem Tod 2014 fort. Bei Friedrich Liebling und Ihr haben die Psychiater und Psychotherapeuten unserer Arbeits-Gruppe die für den Psychotherapeuten notwendige Charakter- und Lehranalyse absolviert.

[1]    Buchholz-Kaiser, Annemarie: Zum Jahresbeginn 1989. In: VPM: Jahresbericht 1988, Zürich: 1988, S. 19.

Sog in den Abgrund oder Hoffnung für die Zukunft …

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Plakat der Veranstaltung

Es gibt viele Menschen, die Schreckliches erlebt haben. Nicht nur Flüchtlinge, die in Ihrer Heimat Folterung und Hass erleben mussten. Es gibt auch schreckliche Dinge, die sich hinter ganz normalen bürgerlichen Mauern verbergen. Einige Menschen leiden ein ganzes Leben lang von eben solchen Erfahrungen und können so nie wirklich zu ihrem Glück finden. Die Vergangenheit bleibt immer wie ein Klotz am Bein und wirft ein Schatten über das ganze Leben. Und doch gibt es immer wieder Beispiele von Menschen, die den ganzen Widerwärtigkeiten zu trotz einen neuen Start machen konnten und vielleicht sogar gestärkt aus der Krise kamen. Und genau dieses Phänomen hat Herr Moritz Nestor interessiert und fragt sich deshalb, ob eine problemorientierte Behandlung nicht geradezu Quelle des Problems sein könnte. Sich stützend auf ganz neue Forschung, die sich „Resilienzforschung“ nennt, zeigt er auf, dass positive Aspekte, wie klein sie auch sein mögen, wichtige Ressourcen für traumatisierte Menschen sein können. „Es geht darum: Weg vom Defizit (Pathologie, Träume, Vererbung, Opferhaltung), hin zu Lösungsorientierung, Bildung, Ermutigung und Weckung der Widerstandskraft („Resilienz“) im Menschen.“ sagt der Psychologe Moritz Nestor. Das hat er während einer Lesung in der Brücke am 17. März 2016 getan. Titel der Lesung war: „Warum nicht alle Kinder aus schlechten Verhältnissen automatisch ’schlecht‘ werden und was man dazu tun kann.“ In einer lebendigen Diskussion mit vielen Beiträgen aus der Zuhörerschaft, wollten wir in der „Brücke“, Wege suchen, Menschen in Not zu helfen. Dabei können die einfachsten Dinge das Eis brechen. Miteinander Marmelade kochen, Sport, Kunst, Musik, oder Tomaten anbauen, können einem Menschen auf völlig andere Bahnen bringen. Menschen in Krisen brauchen oft nur einen kleinen Anstoß von einem Mitmenschen, sie aus dem Bann der Vergangenheit zu befreien. Besonders erfreulich war die erfrischende Herangehensweise. Das große Interesse an unserer Arbeit in „der Brücke“ hat gut getan.

DSCN2352Am Donnerstagnachmittag, den 17. März trafen wir Herrn Nestor und Diplom-Heilpädagogen Wolfgang von Biezen in der „Brücke.“ Unter dem Hauptthema „Tüchtig fürs Leben erziehen“ wollten wir über unser Engagement unter Kindern und Familien reflektieren. Dabei konnten unsere Mitarbeiter in einer lockeren menschlichen Atmosphäre über Erfahrungen berichten. Ich nehme für mich selber viele wichtige Erfahrungen mit, die ich in Zukunft in der Arbeit in Leipzig zum Tragen bringen will. Ganz besonders sehe ich die Notwendigkeit, nicht zuzulassen, dass wir von den Ereignissen des Alltags überrollt werden. Wenn man von einer Krise zur nächsten rennt, ist die Versuchung groß, Probleme unreflektiert in den Hintergrund zu drängen. Dieselben Problemfälle haben aber immer wieder die lästige Angewohnheit wieder aufzutauchen. Und meistens werden die über Zeit schlimmer. Es lohnt sich allemal mit allem aufzuhören und ein Problem beherzt anzugehen. Und zwar nicht nur bei Kindern.

Der Themenabend war Programmpunkt der Leipziger Büchermesse und wurden mit einem geselligen Abend bei Käse und Wein ausgeklungen.