Am 11. April 2024 berichtet Michael Cook auf der Internetplattform Bioedge, [1] dass Luc Van Gorp, der Präsident des größten belgischen Gesundheitsfonds «Christian Mutualities» das Problem der alternden Bevölkerung mit «Sterbehilfe» «lösen» will. Menschen, «die des Lebens überdrüssig sind», sollten mit «Sterbehilfe» ums Leben gebracht werden dürfen. In Belgien werde die Zahl der über 80-Jährigen bis 2050 von heute rund 640.000 auf 1,2 Millionen verdoppeln. Das Gesundheitswesen werde teurer. Aber mehr Geld sei «keine Lösung».
«Egal, wie viel man investiert, es wird immer noch nicht genug sein. Es gibt einfach nicht genug Gesundheitspersonal, um die Arbeit zu erledigen», sagt Luc Van Gorp. «„Brauchen wir wirklich all diese zusätzlichen Pflegeheime? Nur Zimmer zu bauen, ohne etwas gegen den Personalmangel zu unternehmen, ist kein nachhaltiges Modell. Mir fehlt die Warum-Frage in der Altenpflege. Warum machen wir unsere Arbeit so, wie wir sie jetzt machen? Oft gibt es darauf keine Antwort.»
Luc Van Gorp will einen «radikal anderen Ansatz». Wir müssten uns nicht fragen: «Wie lange kann ich leben?», sondern: «Wie lange kann ich ein qualitativ hochwertiges Leben führen?». Also: solle man «Sterbehilfe» für Menschen einführen, die glauben, «dass ihr Leben vollendet ist». Dann folgt die üblich Wortverdrehung, der Sterbehilfe»-Propaganda:
«Selbstmord ist ein zu negativer Begriff», sagt Van Gorp. «Ich würde es lieber so nennen: Leben zurückgeben. Ich weiß, dass das ein sensibles Thema ist, aber wir müssen es wirklich wagen, diese Debatte zu führen.»
In einem Interview mit Nieuwsblad erklärte Van Gorp:
«Aber was ist mit der Gruppe älterer Menschen, die maximale Pflege erhalten, aber dennoch nicht die Lebensqualität haben, die sie sich wünschen? Diese Frage wird viel zu selten gestellt.»
Schon stehen die nötigen Politiker bereit, die ein «vollendetes Leben» als Rechtfertigung für das Töten durch «Sterbehilfe» «anerkennen». Jetzt wird lange «diskutiert», bis die nötige Mehrheit für Töten alter Menschen beisammen ist, die nun nicht mehr Töten genannt wird, sondern «Leben zurückgeben»,
Allerdings gibt es auch Gegner wie den Christdemokraten:
«Das macht mich wütend», sagte er. «Wenn jemand des Lebens müde ist und das Gefühl hat, im Weg zu stehen oder keine Besucher mehr zu bekommen, versagen wir dann nicht als Gesellschaft?»
In der belgischen Zeitung De Morgen schrieb Van Gorp:
«Der Bedarf an Pflege wird in den kommenden Jahren nur noch steigen. Wenn wir einfach so weitermachen wie bisher, steuern wir auf einen regelrechten Pflege-Crash zu. Das können wir nur verhindern, wenn wir einen radikal anderen Ansatz wählen, der von einer gesunden Gesellschaft ausgeht, die Lebensqualität vor Quantität stellt.» «Zahlreiche Gesundheitsdienstleister weisen seit langem darauf hin, dass es so nicht weitergehen kann. Es gibt einfach nicht mehr genug Fachkräfte, um die gesamte Pflege zu leisten. Und als Gesellschaft schaffen wir zu wenig Raum, um uns selbst um die Menschen zu kümmern, die uns am meisten am Herzen liegen.» «So heikel es auch ist, wir müssen es wagen, die Debatte über Lebensqualität, auch am Lebensende, zu führen. Lieber heute als morgen.»
Wer erinnert sich noch an das «sozialverträgliche Frühableben» von 1998?
Der damalige Präsident der Bundesärztekammer Karsten Vilmar hatte diesen Begriff in einem Radiointerview mit dem Norddeutschen Rundfunk NDR verwendet, um damit – «bewußt das bürokratisierte Deutsch persiflierend» – beissend ironisch die Folgen der neoliberalen Rationierungspolitik im deutschen Gesundheitswesen durch die rot-grüne Regierung Schröder zu charakterisieren. Er hatte in jenem Interview gesagt:
«Dann müssen die Patienten mit weniger Leistung zufrieden sein, und wir müssen insgesamt überlegen, ob diese Zählebigkeit anhalten kann, oder ob wir das sozialverträgliche Frühableben fördern müssen.»
Auf die Frage des NDR, ob die geplante Sparpolitik der Regierung Schröder zu einem« früheren Tod von Patienten führen« würde, meinte Vilmar:
«Wird diese Reform so fortgesetzt, dann wird das die zwangsläufige Folge sein.»
Die moralische Empörung unter Journalisten war gross. Der Journalist Peter Dittmar erkannte allerdings den Sarkasmus in Vilmars Aussage:
Das «Unwort des Jahres» … «war eigentlich ganz anders gemeint. […] Karsten Vilmar, der Präsident der Bundesärztekammer, hat das Wort geprägt. Es war eine Formulierung, die bewußt das bürokratisierte Deutsch persiflierend aufnahm.» [2]
Die Jury, die das «sozialverträgliche Frühableben» zum «Unwort des Jahres» gewählt hatte, kam allerdings nicht umhin, das «sozial verträgliche Frühableben» auf die nationalsozialistischen Krankenmorde zu beziehen.
[1] https://bioedge.org/end-of-life-issues/euthanasia/belgian-health-care-boss-says-euthanasia-is-the-solution-to-an-ageing-population/
[2] Dittmar, Peter: Sozialverträgliches Frühableben“. In: Die Welt vom 27. Januar 1999