«Im Gespräch von Mensch zu Mensch kommen auch die dunkelsten Kapitel
der jeweils eigenen Geschichte wahrheitsgemäss auf den Tisch,
werden Schicksalsverwandtschaften entdeckt und Verbindungen gepflegt.
Diese ‘Demokratie von unten’ ist die Basis der Völkerverständigung.»
(Bernd Fabritius, Präsident Bund der Vertriebenen 2016[1])
«Man kann die Menschen aus der Heimat vertreiben,
aber nicht die Heimat aus den Menschen.»
(Erich Kästner)
Moritz Nestor
Lesung vom 21. März 2019 im Begegnungshaus «Die Brücke»
an der Zollikoferstr. 21, Volkmarsdorfer Markt in Leipzig
Verehrte Anwesende
Auf dem Plakat zur heutigen Veranstaltung, das Sie alle gelesen haben, steht:
«Vertrauen ist ein kostbares Gut. Es ist eine grosse Verantwortung für jeden, dort wo man lebt, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und täglich zu gestalten, ohne es in den oft heftigen politischen Auseinandersetzungen unserer Zeit unnötig aufs Spiel zu setzen. Bei zu vielen Menschen ist es gefährdet oder gar zerstört. Und es ist oft ein langer Weg, es wieder zurückzugewinnen, so dass trotz widriger Umstände Mitmenschlichkeit und Solidarität wieder blühen können. Nur wenn wir dem anderen in ehrlicher Gleichwertigkeit begegnen, kann Vertrauen wirklich (wieder) aufkeimen.»
Wenn ich heute damit beginnen würde, Ihnen auseinanderzusetzen, dass die Mutter und die Familie natürlicherweise jene ersten mitmenschliche Beziehungen sind, die dem Kind ein Grundvertrauen in den Menschen vermittelt, und dass dieses Urvertrauen, wie wir Psychologen sagen, die Entwicklung des kindlichen Persönlichkeitskerns erst ermöglicht, dann könnte ich das in anschauliche Worte kleiden. Man hat ja, wenn man 68 ist, einiges an Unterricht durch das Leben erhalten. Aber doch ergriffe das allein weniger das Herz. Und das Reden über den Menschen sollte doch Verstand undHerz, vor allem das Herz, erfassen – sonst vergessen wir zu schnell.
Ich habe eine liebe Freundin und gute Kollegin, die hat mir 2018 ihre Lebensgeschichte erzählt, und ich habe sie aufgeschrieben. «Ach Moritz», sagte sie, als wir darüber sprachen, «jetzt bin ich 75, und irgendwie betrifft es mich immer noch.» – «Nicht auszumalen, was wäre, wenn es dich nicht mehr betreffen würde!»
Ich möchte Ihnen diese Geschichte heute erzählen. Und dann werden wir gemeinsam darüber sprechen, was das Beispiel an allgemein Menschlichem zu unserem Thema «Vertrauen schenken können in unserer Zeit» enthält.
Es sind die Geschichte und die Erfahrungen aus dem gelebten Leben mit seinen zwischenmenschlichen Beziehungen, aus denen wir unsere Anschauungen über das Allgemeine gewinnen, das uns Menschen ausmacht und verbindet. Also beginne ich mit dieser Lebensgeschichte aus dem Zwanzigsten Jahrhundert, als wäre es meine. Es ist doch auch unsere Geschichte. Das Reden über den Menschen muss uns ganz erfassen, Verstand und Herz, vor allem das Herz – sonst vergessen wir zu schnell – und alle anderen Schicksale auch …
Vertrauen hat doch zuerst und ganz grundlegend damit zu tun, dass wir uns realitätsgetreu erinnern können und wollen. Daran, was wir getan haben.
Bessarabiendeutsche

Zar Alexander I.
Meine Vorfahren sind im 19. Jahrhundert nach Bessarabien ausgewandert, ein sehr fruchtbarer Landstrich, der sich von Norden nach Süden erstreckt und in etwa dem heutigen Moldawien entspricht. Bessarabien wurde 1812 nach dem Russisch-türkischen Krieg als russisches Gouvernement dem Zarenreich zugeschlagen. Ähnlich wie im 18. Jahrhundert Katharina die Grosse, rief auch Zar Alexander I.1813 deutsche Kolonisten ins eroberte Land. Er warb mit der Zusicherung, sie bekämen kostenfreies Land zur Urbarmachung und zinslose Kredite, die Religionsausübung sei frei, sie müssten keinen Militärdienst leisten und sie könnten sich selbst verwalten. Teils wanderten die Menschen aus politischen Gründen aus, zum Beispiel wegen der napoleonischen Kriege, teils aus religiösen Gründen, teils auch aus Gründen des Erbrechts oder anderen existentiellen Gründen. Die Kolonisten kamen vorwiegend aus Südwestdeutschland und Preussen.

Holzstich aus der ‚Gartenlaube‘ bessarabisches Mädchen
Die Vorfahren meiner Familie siedelten in der Nähe des Schwarzen Meeres und wurden «Schwarzmeerdeutsche» genannt. Wenn in unserer Familie darüber gesprochen wurde, hiess es immer: «Die erste Generation hat den Tod, die zweite die Not und die dritte erst das Brot.»[2] Die Siedlungen der Bessarabiendeutschen bestanden zwischen 1814 und 1940, und in dieser Zeit stieg die anfängliche Zahl von vierundzwanzig Mutterkolonien mit etwa 9.000 auf über 150 Siedlungen mit etwa 93.000 Personen. Bessarabien war bis 1917 Teil des russischen Kaiserreichs.[3] An dessen Rande
«entwickelten die Deutschen in Bessarabien im Laufe ihrer 125–jährigen Siedlungsgeschichte ein prosperierendes Gemeinwesen, das durch lokale Autonomie und eine religiös-pietistisch grundierte Ethik geprägt war. Als kleine Minderheit in einer bunten Vielfalt ethnischer und religiöser Gemeinschaften lebten sie mit Moldauern, Russen, Ukrainern, Bulgaren, Juden und anderen Gruppen in friedlicher Nachbarschaft.»[4]
Die Familie

Bessarabisches Bauernpaar auf einem Treffen der Landsmannschaft 2003 in der bis 1940 typischen Kleidung
Meine Eltern wuchsen in der Nähe des Schwarzen Meers, in Arzis auf. Die von den deutschen Auswanderern gegründeten Kolonien waren blühende Gemeinden mit eigener Schule, eigener Kirche, eigener Sprache und bis 1871 Gemeindeautonomie, die Grundlage einer demokratischen Gesellschaftsordnung – nota bene, inmitten des russischen Kaiserreichs. Es herrschte ein reges Vereinsleben unter den Deutschen. Es gab Jugendvereine, Theatervereine, Chöre. Mutter und Vater waren im Theaterverein. Mutti hat mir als Kind, ich weiss nicht wie viele Gedichte beigebracht. Mein alter Onkel konnte mit 98 Jahren Schillers «Glocke» und den «Ringe des Polykrates» und andere deutsche Gedichte wie am Schnürchen deklamieren. Man pflegte ausserordentlich sorgfältig die deutsche Literatur und das deutsche Volksliedgut. Handel und Kooperation mit den umliegenden russischen und rumänischen Gemeinden blühten. «Die frühe deutsche Kirchen-Gemeindeschule war zwar mangelhaft.» Aber unter den Bessarabiendeutschen
«betrug der Anteil der Analphabeten […] lediglich zwei Prozent. Bereits im Jahr 1844 wurde in Sarata die „Wernerschule“ eröffnet (finanziert durch das Kapital des württembergischen Kaufmanns Christian Friedrich Werner). Sie war das erste deutsche Lehrerseminar in Südrussland und zugleich die älteste offiziell bestätigte Lehrerbildungsanstalt im ganzen Russischen Reich.»[5]
War damals eine Familie wohlhabend, dann ging der älteste Sohn aufs Gymnasium nach Teplitz und legte dort die Reifeprüfung ab. Anschliessend ging er nach Deutschland studieren, wurde Arzt, Pfarrer, Apotheker oder Lehrer, kam wieder zurück und trug in die Gemeinde zurück, was er gelernt hatte.

Gemeindekanzlei und Waisenkasse von Arzis 1918
Mein Grossvater väterlicherseits war das zehnte Kind. Sein Vater musste dreimal heiraten, weil ihm die Frauen weggestorben sind. Er ging acht Jahre zur Schule, schrieb fehlerfrei und galt als sehr begabt. Er sprach Russisch, Rumänisch und Deutsch, lernte Eisengiesser, wurde von seinem Meister gefördert und ging nach der Lehre nach Odessa, wo er seine Meisterprüfung ablegte und dann wieder zurückkam nach Arzis. Später stellte er zusammen mit meinem Vater, der als Schreiner eine eigenen Schreinerei betrieb, und seinen vier Brüdern landwirtschaftliche Maschinen her. Grossvater betrieb zudem eine Lehmziegelei und daneben noch eine grosse Landwirtschaft mit vielen Pferden. Die Bessarabiendeutschen waren bienenfleissige Leute, die in enger Kooperation mit den Nachbarn lebten.
Ende der Privilegien
1918, nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich alles. Das bisher russische Bessarabien wurde rumänisch, die Bessarabiendeutschen wurden rumänische Staatsbürger und Rumänisch offizielle Sprache. Unabhängigkeit und Selbstverwaltung der deutschen Kolonien hörten gänzlich auf. Die Männer mussten als rumänische Soldaten dienen.
Meine Mutter und mein Vater waren 1918 fünf Jahre alt und gingen schon auf eine rumänische Schule, nicht mehr auf eine deutsche. Meine Mutter lernte fliessend Rumänisch sprechen. Untereinander sprachen die Deutschen aber weiterhin ihre deutsche Mundart.
1915, während des Ersten Weltkrieges plante das Zarenreich die Enteignung der Bessarabiendeutschen und deren Deportation nach Sibirien. Nur knapp entgingen sie diesem Schicksal. Nach der Revolution, erzählten mir die Grosseltern, trieben im Frühjahr, als die Flüsse auftauten, viele Leichen den Fluss herab, und die deutschen Kolonisten waren froh, dass sie nun zu Rumänien gehörten.
Meine Eltern wurden beide mit sechs Jahren eingeschult, verbrachten ihre gesamte Kindheit und Jugend im gleichen Dorf zusammen, der eine im Ober-, der andere im Unterdorf, und sie versprachen sich, ein Leben lang zusammenzubleiben. Sie haben noch in Bessarabien geheiratet.
Meine Grossmutter mütterlicherseits lebte als Soldatenwitwe mit sechs Kindern auf einem grossen Hof. Ihr bessarabiendeutscher Mann war als russischer Soldat im Ersten Weltkrieg gefallen. Die Militärdienstbefreiung war längst aufgehoben. Grossmutters ledige Schwester versorgte nun die Kinder, die Grossmutter lernte Hebamme und verdiente damit Geld. So wuchs meine Mutter ohne Vater auf. Meine Eltern haben relativ spät geheiratet. Mutter musste ihre Mutter noch versorgen.
Mein stolzer frisch verheirateter Vater war 26 oder 27, als er mit dem Grossvater ein Haus baute, 60 Obstbäume pflanzte und einen Brunnen bohrte. Der frisch verheiratet Mann hat alles für eine neue Familie eingerichtet. «So wollen wir es in Erinnerung behalten.», sagte er zu seiner Frau, als sie wenig später deportiert wurden. Für sie war dieses Bild in den kommenden Jahren wie ein innerer Anker.
Krieg, Hitler-Stalin-Pakt und Deportation

Der Treck erreicht den Grenzfluss Pruth
Das Jahr 1939 kam und der Hitler–Stalin–Pakt. Die UdSSR bekam Bessarabien von Rumänien. Die Rote Armee marschierte in Bessarabien ein, und die etwa 93.000 «volksdeutschen» Bessarabiendeutschen wurden bis auf wenige im September 1940 «heim ins Reich» umgesiedelt. Und zwar von der «Volksdeutschen Mittelstelle», einer SS-Organisation, die mit den Sowjets zusammenarbeitete.[6]

Totenabschied
Jeder Bessarabiendeutsche durfte 30 kg Gepäck mitnehmen, keinen Schmuck. Sie besuchten noch einmal die Toten auf dem Friedhof. Dann fuhr das ganze Dorf geschlossen von Arzis nach Galaz, der rumänischen Stadt am Meer, um dort eingeschifft zu werden. Die Hunde heulten, die Häuser blieben zurück, wie sie waren. Man hörte schon die ersten Russen, die alles übernahmen und als erstes die Kirchen zerstörten, die Zentren der Dörfer.
Im September kam das ganze Dorf in Brandenburg an der Havel an. Sie kamen nach Zwickau in ein Lager. Von dort aus wurden sie weiter verteilt.[7] Insgesamt wurden die Bessarabiendeutschen in rund 250 Umsiedlungslagern in Sachsen, Franken, Bayern, im Sudetenland und in Österreich untergebracht, wo sie ein bis zwei Jahre in drangvoller Enge in Schulen, Turnhallen oder Ballsälen von Gasthäusern lebten.
Kaum an Land, wurden alle Männer gemustert und nach und nach zur Wehrmacht eingezogen. Vater und Mutter lebten noch ein Jahr zusammen im Lager Zwickau. Vater arbeite irgendwo ausserhalb als Schreiner und im Büro. Meine kleine Schwester wurde im Lager geboren, starb aber mit sechs Monaten an Enzephalitis.
Bereits im September 1939, also vor der Umsiedlung, hatte die Wehrmacht den westlichen Teil Polens erobert. Es wurde mit vielen Lagern für die Polen überzogen, die nun als Menschen «minderer Rasse» verfolgt, von ihren Höfen und Wohnungen vertrieben wurden, in Lager kamen oder als Zwangsarbeiter ins «Reich» deportiert wurden. Deportierte Bessarabiendeutsche wurden auf Höfen vertriebener Polen angesiedelt.
Etwa zwei Jahre lebten wir in Lagern, zuerst in Zwickau, dann in Bromberg, wo wir 1942 eine Wohnung bekamen. Mein Vater wurde zur Wehrmacht eingezogen und musste an der russischen Front kämpfen. Später wurde er bei Witebsk schwerst verwundet, von Partisanen verschleppt und sollte nie mehr zurückkehren. Mutter und ich lebten unter Polen. Es gab eine deutsche evangelische Gemeinde in Bromberg, der sich Mutter anschloss.
Meine Grosseltern lebten nach der Deportation zunächst auch im Lager Zwickau, ehe sie einen Hof in Karlsbach zugewiesen bekamen, von dem die Polen vertrieben worden waren. Bei ihrer Ankunft tauchten aber die polnischen Besitzer auf, die nicht gehen wollten. Mein Grossvater und seine Frau schauten sich an und sagten: «Ja gut, dann schaffen wir zusammen.» Die beiden Polen hatten keine Frauen, keine Familie, nichts mehr, alles verloren, den Tod vor Augen. Die Grosseltern haben mit denen bis 1945 zusammengelebt und -gearbeitet. Als dann die Front zusammenbrach und die Rote Armee kam, war Grossvater schwer krank und nicht fluchtfähig. Grossmutter spannte den Wagen alleine an, wollte ihre alte Mutter und ihren kranken Mann alleine auf der Flucht nach Westen versorgen. Da sagte der eine der Polen zu ihr: «Ich kann Sie doch nicht alleine lassen. Ich begleite Sie.» Er hat sie mit seinen eigenen Pferden so weit in den Westen begleitet, bis er nicht mehr wagen konnte, weiter zu gehen. Dann ist er wieder zurück.
Ich und meine Mutter, die nun Witwe war, lebten in Bromberg, etwa 30 km von den Grosseltern in Karlsbach entfernt und hatten mit den Polen keine Probleme. Als die Grosseltern 1945 flohen, sollten wir eigentlich mitkommen. Aber ich war sehr krank. Mutter, die schon ein Kind verloren hatte, wagte die Flucht nicht, sondern ging mit mir zurück nach Bromberg. Das war schon russisch besetzt und alle Brücken über die Brahe waren gesprengt. Mutter konnte Russisch und überredete einen russischen Soldaten, sie mit dem kranken Kind über die Brahe zu führen. In unserer Wohnung lebten nun schon Polen. Die sagten zu ihr: «Sie können aber nicht bleiben, es herrscht Mord und Totschlag. Die Deutschen werden erschossen oder vergewaltigt.» – «Aber wo soll ich hin? Das Kind ist krank.» – «Oben hat es eine Kammer für euch. Aber eure Wohnung, die wollen wir.» Sie hätten auch anders reagieren können. Diese Polen haben uns sechs Wochen lang Essen gebracht.
Polnische Konzentrationslager
Dann fanden uns die Russen doch. Rotarmisten hörten vor unserer Kammer mein deutsches Plappern, traten die Türe ein, und meine Mutter kam in ein russisches, später ein polnisches Konzentrationslager – ich blieb zurück bei der polnischen Familie, die nun in unserer Wohnung lebte, denn nur grössere Kinder und Säuglinge durften mit ins Lager. Ehemalige deutsche Konzentrationslager waren von Polen übernommen worden.[8]
Mutter war vom Lager aus zu einer schwangeren polnischen Jüdin zum Putzen abkommandiert. Die war mit einem hohen polnischen Militär verheiratet. Eines Tages erfuhr Mutter, es gehe mir bei den Polen nicht gut, und ich solle für einen Liter Schnaps und ein Schaf wegegeben werden. Mutter dachte, schlimmer könne es nicht mehr kommen: «Dann soll sie lieber hier im Lager mit mir sterben.»
Sie wollte mich holen und vertraute sich dieser polnischen Jüdin an. Diese sagte zu ihr: «Ich kann sie für eine Stunde entlassen. Aber wenn sie dann nicht zurück sind, muss ich die Miliz verständigen, schon wegen meinem Mann. Ich darf deutschen Gefangenen nicht helfen.» Sie gab meiner Mutter Kleider, vor allem auch einen Hut, denn Mutter war mit ihrer Glatze und dem Hitlerzeichen auf dem Rücken als Sträfling gekennzeichnet. So zog sie also los, mich zu holen. «Du hast mich erkannt», erzählte sie mir später, «und laut ‚Mutti‘ gerufen. Und dann bin ich mit dir gerannt und gerannt und habe gebetet, ‘Mein Gott hilf mir doch’.»
Wie ein Engel sei plötzlich Ella aufgetaucht, die achtzehnjährige Tochter meiner späteren polnischen Pflegefamilie. Ella erkannte meine Mutter und fragte: «Mein Gott, gute Frau, was machen Sie hier?» – «Ich weiss nicht, wohin mit dem Kind, ich muss zurück ins Lager.» – «Ich fliehe heute Nacht mit einem Eisenbahner auf dessen Lokomotive nach Danzig. Ich könnte Ihre Tochter mitnehmen», schlug Ella vor. Da hat meine Mutter mich ihr übergeben und ist zurück zu der Jüdin. Dort aber wartete schon die Miliz auf sie. Andere hatten sie verraten, und sie kam in den Straftrakt.
Später kam Mutter ins Lager Kaltwasser (Zimne Wody)[9] und dort in die Wasserfolter. Sie hat es überstanden, schwarz und blau. Kaltwasser wurde nach drei Monaten aufgelöst, bis auf wenige waren alle Gefangenen an Typhus und anderen Krankheiten gestorben.[10] Unsere Verwandten erhielten die Nachricht, auch meine Mutter sei tot. Aber sie hat überlebt, weil sie als Kind an Typhus erkrankt war.

Friedhof für die Opfer des deutschen Lagers in Potulice
Nun kam sie nach Potulitz (Potulice). Dort gab es auch Bunker mit Wasserfolter. Potulitz war ein riesiges polnisches Konzentrationslager mit Werkstätten und Aussentrupps.[11] Die Gefangenen aus Mutters Abteilung mussten stundenlang auf Kies knien, wurden vor Wagen gespannt wie Pferde, mussten Tote auf dem Wagen zu den Gruben fahren, die sie zuvor hatten ausheben müssen, wurden morgens mit einer Peitsche geweckt. Diese Hölle hat sie überlebt. Sie hat mir später erzählt, sie habe sich immer schwarz angemalt, um nicht vergewaltigt zu werden. Es muss aber auch eine rührende Gemeinschaft unter denen bestanden haben, die noch zusammen waren. Die haben ab und an einmal sogar von irgendwelchen Wachposten ein Stückchen Brot zugesteckt bekommen.[12]
Noch in Bromberg, zu meinem ersten Geburtstag hatte sie eigentlich den Vater erwartet. Stattdessen kam just an jenem Tag ein Bote und überbrachte ihr einen Brief, in dem stand, dass und unter welchen Umständen mein Vater mit Kopf- und Schulterschuss verschleppt worden war. Erst ein Kind verloren, dann den Mann, und jetzt hatte sie auch noch mich weggeben müssen, erzählte sie mir, «ich habe nur überlebt, weil ich hoffte, es könnte doch sein, dass wenigstens dieses Kind überlebt.» – Ich. So hat sie die Jahre bis Frühjahr 1948 überstanden. Zuletzt arbeitete sie bei einem Bauern.
Leben in Gdingen (Gotenhafen)
In jener Zeit lebte ich in Gdynia/Gdingen (Gotenhafen). Ella war 18 Jahre, als sie mich 1945 nach ihrer Flucht aus Bromberg zu ihren Eltern gebracht hatte. Unvorstellbar, vor allem mit dem Kind, das ja ein deutsches war. Man durfte damals kein Wort Deutsch in Polen sprechen.
Das war alles so gekommen: Ciotka, die Mutter von Ella, lebte in Gdingen, Ellas Schwester lebte in Bromberg, woher sie meine Mutter aus der deutschen Gemeinde kannte. Ella arbeitete 1945 in Bromberg und flüchtete, als es dort nicht mehr auszuhalten war, nach Gdingen zu ihren Eltern. Zufälligerweise traf sie an jenem Tag, zu jener Stunde, an jener Stelle – da muss man dem Schicksal doch dankbar sein – meine Mutter, die nicht wusste, wohin mit mir. So kam ich mit Ella nach Gdingen. Ellas Eltern nahmen mich auf. Ich war mittlerweile zweieinhalb Jahre alt. Es war Sommer 1945, der Krieg war zuende.
Ciotka hatte als Deutsche einen Polen geheiratet, war dadurch «eingepolt» worden. Aber abends an meinem Bett betete sie immer mit mir auf Deutsch. «Ich bin klein, mein Herz ist rein. Soll niemand drin wohnen als Jesus allein.» Zuvor schloss sie immer die Fenster, damit kein Pole sie hörte. Diese polnische Familie nahm es auf sich, so ein deutsches Kind, das ihnen der Krieg vor die Türe gespült hatte, aufzunehmen. Sie waren ja auch nicht mehr so jung, hatten eine 18jährige Tochter.
Ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern, wie ich es verkraftet habe, Mutter mit 2 ½ Jahren zu verlieren.
An die Zeit in Gdingen habe ich vorwiegend gute Erinnerungen. Die vielen Kinder auf dem Hof. Wir waren so eine richtige kleine Bande, haben einer alten Frau nachgerufen: «Baba jaga, baba jaga»,[13] haben auch gespielt mit dem schönen Sand im Hof. Einmal formten wir Tiere aus Sand. Da kam so ein grosser Junge vorbei. Meine Freundin Soscha und ich haben geblasen, wollten den Tieren aus Sand den «Odem einhauchen». Da fragte der Junge erstaunt: «Was macht ihr denn da?» – «Wir wollen den Tieren den Odem einhauchen.» – Der lachte und sagte: «Das kann doch nur der liebe Gott.» Als ich mich einmal fürchterlich den Kopf angestossen habe, kam eine Nachbarin und drückte mir ein kaltes Messer an die Stirn, damit die Beule abschwoll. Solche Geschichten habe ich in Erinnerung. Ich war gut integriert.

Strand bei Gdynia – zwischen Ostsee und bewaldeter Steilküste
Ellas Mutter Ciotka, die ich «Tante» nannte, war oft ungeduldig mit mir. Sie hat 1948 meiner Mutter geschrieben, diese solle froh sein, wenn der Transport nicht so schnell komme, ich sei ein ziemlich anstrengendes Kind. Ciotka selbst hat mich schon auch manchmal «ins Lot gestellt», in die Rumpelkammer gesperrt oder auch geschlagen.
Ich habe viele Erinnerungen an jene Zeit, ans Meer, an den Eismann, von dem ich auch einmal ein Eis gekriegt habe. Als ich mir einmal in die Hosen gemacht habe und nicht wusste, was tun, kam Ella und hat überhaupt nicht geschimpft. Wir sind weit in die flache Ostsee hinausgelaufen. Als es tief genug war, sagte Ella zu mir: «Nun ist es weggespült.» Und eben: Sie war gütig, hat nicht geschimpft.
In Gdingen lebte ich von 1945 bis 1949 und sprach nur noch Polnisch.
Neues Leben
Von den 93.000 im Jahre 1940 deportierten Bassarabiendeutschen erreichten rund 70.000 die Bundesrepublik Deutschland und 10.000 die DDR. Sie konnten nicht mehr in die Heimat zurück, weil es diese Heimat nicht mehr gab.
Die überlebenden Verwandten unserer Familie fanden sich nach dem Krieg wieder und zogen alle in die Umgebung von Stuttgart. Der älteste Bruder meines Vaters hatte schon vor 1940 in Tübingen Medizin studiert. Wie das Tradition unter den Bessarabiendeutschen war, wollte er eigentlich wieder in die Heimat zurück. Aber dann kam die Deportation. So liess er sich nun als Arzt in Stuttgart nieder. Dieser Onkel wurde nach dem Krieg zum Kristallisationspunkt für die ganze Verwandtschaft Bogner. Er gab beim Roten Kreuz eine Suchanzeige auf nach meiner Mutter und mir.
Mutter wurde 1948 aus dem polnischen Konzentrationslager entlassen, kam in einem erbärmlichen Zustand über die Grüne Grenze in die damalige Sowjetische Besatzungszone. Ihre Füsse steckten in je einem weissen und einem schwarzen Holzschuh. Sie trug ein kurzes dünnes Kleidchen und Glatze. Zunächst kam sie in ein Lager, wo sie entlaust wurde. Ihre Haare durften nun wieder wachsen.
Über die Suchanzeige beim Roten Kreuz kam der Kontakt zur deportierten Familie in Baden-Württemberg zustande. Erst durch die Suchanzeige des Roten Kreuzes nach mir hat meine Mutter damals erfahren, dass es mich überhaupt noch gab und dass der Onkel in Stuttgart lebte.
Von Gdingen ins Durchgangslager Bietigheim – zwischen den Welten
Mein Weg von Gdingen nach Baden-Württemberg war mir schwer. Eines Tages hiess es in Gdingen: «Das ist die Frau Soundso», ich habe ihren Namen vergessen, «die wird Dich auf dem Transport begleiten, wenn Du nun zu Deiner Mutter nach Deutschland fahren wirst.» Der Abschied von den Kindern fiel mir sehr schwer. Ich trug und trage das Bild von Soscha mit ihren blonden Härchen immer in mir: Meine kleine polnische Freundin.
Im Frühjahr 1949 kam ich in einem Eisenbahntransport in Baden-Württemberg an. Es ging mehr als drei Wochen, bis ich mich ein bisschen einzugewöhnen begann. Ich war nicht mehr zu Hause, in Polen, die waren alle weg. War aber auch nicht bei der Mutter. War zwischen den Welten. Zunächst kam ich in das Durchgangslager im schwäbischen Bietigheim. Alles war voller Kinder, die wie ich von Polen nach Deutschland gebracht worden waren. Wir schliefen in einer Baracke auf Pritschen wie die Soldaten. Den Lagerleiter fand ich schrecklich. Der kam immer mit einer Tüte Dörrobst, das er unter uns Kinder schmiss, und wir mussten es auflesen. Ich ging immer in den Keller, wo es eine kleine Katze gab, mit der ich mich getröstet habe, mich irgendwo im Keller mit ihr auf die Stufen gesetzt habe. Das sind so Bilder, die heute noch in mir leben.
Die Polin, die mich von Gdingen nach Bietigheim begleitet hatte, verschwand von jetzt auf nachher. Sie fuhr wieder zurück, ohne sich von mir zu verabschieden. Das muss man sich merken, das darf man nicht. Ich hatte doch die Beziehung zu all den Polen in Gdingen, bei denen ich so lange gelebt hatte, und mein ganze Vertrauen zu ihnen war übertragen auf diese Frau. Als sie einfach weg war, brach eine Welt zusammen. Hätte sie mir doch gesagt: «Hör zu, ich muss jetzt wieder reisen, Du musst jetzt durchhalten.» oder wenn der Lagerleiter anders gewesen wäre … Ja, dann hätte ich es vielleicht anders überstanden. Ich war am Tiefpunkt, habe aber doch immer noch gehofft. Das war die schlimmste Situation, an die ich mich erinnern kann. Wie eine Wüste. Ich war einsam. Ich sprach ja Polnisch und konnte kein Wort Deutsch mehr, fing erst wieder an mit Deutsch.
Ich wusste aber, dass meine Mutter kommen würde. Immer trug ich ihr Bild in mir. Da gab es eine Frau, die die Aufsicht führte und die offenbar Polnisch verstand. Sie hat meiner Mutter später berichtet, ich hätte immer gesagt: «Ich weiss ganz genau, dass meine Mutter kommt und mich abholt.»
Wiedersehen mit der Mutter
Mutter lebte im Dorf Steinheim an der Mur, drei Kilometer von Marbach entfernt, dem Geburtsort Schillers, was ihr immer viel bedeutet hat. Er war der deutsche Dichter, von dem sie Gedichte auswendig konnte. Muttis Haare wuchsen erst langsam nach. Es waren nicht mehr die schönen Locken, wie ich sie von früheren Photos her kannte. Sie wohnte in einem kleinen Dachzimmerchen zur Untermiete bei Frau Schmied, der Näherin im Dorf. Diese nahm meine Mutter bei sich auf, in einem ganz kleinen Haus. Frau Schmieds Mann hatte sich beim Einmarsch der Amerikaner das Leben genommen.
Mutti wurde ständig von Albträumen geplagt. Es ging ihr nicht gut nach all diesen schrecklichen Jahren. Frau Schmied war ein Segen, sie legte Mutti oft nachts die Hände um den Kopf, schenkte ihr Äpfel gegen Rheuma und sagte ihr, dass sie versuchen könne, in der Fabrik eine Arbeit zu finden. Frau Schmied war eine ungeheure seelische Stütze für Mutti. Sie solle aufs Amt gehen, um ihre Kriegerwitwenrente zu bekommen, riet ihr der Bruder. Der war Abgeordneter im Gemeinderat und Vertreter der Flüchtlinge, eine gediegene und vertrauenserweckende Gestalt, «mein Onkel»! Mutti aber sagte: «Ich will keine Witwenrente vom Staat. Die haben mir meinen Mann ermordet. Jetzt soll ich von denen auch noch Geld nehmen.» Also ging sie in die Fabrik arbeiten. Das Verfahren lief trotzdem, sie hat schliesslich ihre Witwenrente doch gekriegt und auch angenommen. 20 oder 25 Mark waren das, wenn ich mich recht erinnere.
Eines Tages kam dann meine Mutter nach Bietigheim zu mir. Das war drei Wochen nach Ankunft des Transports. Sie hatte ein Telegramm erhalten: «Liebe Mutti, hol‘ mich sofort.» Da vermittelte Frau Schmied meiner Mutter einen Tabakhändler, der ein Auto besass und dem sie ans Herz legte, er solle meine Mutter nach Bietigheim fahren, was dieser dann auch gemacht hat. Meiner Mutter wurde vom Autofahren und den Umständen so schlecht, dass sie sich in dem Auto des armen Mannes übergeben musste. Aber das hat dann wohl doch nicht so viel ausgemacht. Jedenfalls bin ich in diesem Auto nach Steinheim gefahren, bei meiner Mutter auf dem Schoss, und ich war glücklich. In Steinheim bei Mutti zu Hause stand ein Badezuber in der Küche, und eine Puppe war da. Mit der stieg ich in den Badezuber, worauf sie sich auflöste. Ich sprach unentwegt Polnisch.
In den fünf Monaten, nachdem die Mutter mich geholt hatte, bis zum Schuleintritt lernte ich ganz schnell Deutsch und wurde im Oktober 1949 eingeschult. Wir waren wieder zusammen! Mutti arbeitete in der Fabrik. Ich sollte in den Kindergarten, aber ich sprach nur Polnisch, und die anderen Kinder sprachen alle Schwäbisch. Zudem war ich eigentlich schon zu alt für den Kindergarten. Also blieb ich tagsüber bei Frau Schmied zu Hause.
Mutti und ich besuchten reihum die Verwandten, wo man Hochdeutsch sprach. Ich sollte nun «gutes Deutsch» lernen und habe es auch im Zusammenleben mit den vielen Verwandten ganz, ganz schnell gelernt. Ich musste ja irgendwie. Man erzählte mir, nach einem Vierteljahr hätte ich kaum noch «der», «die» und «das» verwechselt. Wir fuhren oft nach Stuttgart, wo sich immer alle aus der grossen Familie trafen. Kein Mensch hat mehr mit mir Polnisch gesprochen. Mutter wollte das auch nicht mehr, aus verständlichen Gründen. Zu meinem Grossvater, der versuchte, mit mir Russisch zu sprechen, berichtete man mir, hätte ich gesagt: «Was spricht der für ein komisches Polnisch?» Nur wenn ich traurig war, sang ich noch auf Polnisch «Magda Bosca»-Lieder (die heilige Mutter Gottes).
Vom ältesten Bruder meines Vaters, dem Arzt – er war der einzige, der Geld hatte – bekam ich eine Flöte, nach der ich ganz versessen war, denn ich hörte immerzu, wie meine Cousine Flöte spielte, zusammen mit ihrem Bruder, der sie auf dem Klavier begleitete. Das hat mich fasziniert. Frau Schmied lehrte mich das Alphabet, so dass ich mir dann das Flötespielen selbst beibringen konnte. Sehr schnell konnte ich alle Volkslieder spielen, die wir immer sangen, und war glücklich. Frau Schmied hat mir überhaupt alles beigebracht. Sie ging mit mir die Hühner füttern, sass mit mir auf der Bank unter dem Holderstrauch und sang mit mir.
«Es kommt keiner aus dem Krieg, der nicht ein anderer geworden wäre»
Aus einem der vielen Kriegsbriefe von jungen Männern aus dem Ersten Weltkrieg ist mir der Satz eines gefallenen Studenten in Erinnerung geblieben: «Es kommt keiner aus dem Krieg, der nicht ein anderer geworden wäre.» Denn: Nach meiner Mutter hatte ich mich doch so gesehnt! Aber nun, da ich sie wieder hatte, war sie so oft schrecklich ungehalten. Das war irgendwie zu viel für mich. Nach drei Wochen nahm ich in meiner Verzweiflung das Köfferchen, mit dem ich aus Polen gekommen war und worin sich eine Hartwurst und ein paar schöne neue Stiefelchen befunden hatten. Diese Stiefelchen zog ich an und lief von zu Hause weg.
Sie haben mich dann bei den Hühnern im Hühnerhaus gefunden. Die gütige Frau Schmied erklärte mir, was ich doch nicht versehen konnte: «Weisst Du, Brigittle, Mutti ist nicht wegen Dir so ungehalten und nervös. Sie hat nicht wegen Dir die vielen Albträume. Sie leidet, weil sie so viel Schweres im Krieg und im polnischen Konzentrationslager erlebt hat. Darum und nicht wegen dir muss sie nachts immer so schwer träumen und ihr tut dann der Kopf so weh.» Frau Schmied war mein grosser seelischer Halt. Sie hat mir überhaupt immer erklärt, wie ich mich verhalten müsse.
Gehöre ich dazu?
Den Lehrer in der ersten Klasse mochte ich sofort und fragte ihn: «Herr Staudenmeier, kannst Du das?»
Der schmunzelte: «Nei, des kann i net. Aber des kann i no lerne.»
Das flösste mir Mut ein. Ich lernte schnell und war sehr lebhaft und lief einfach im Klassenzimmer herum, wenn ich mit einer Aufgabe fertig war.
Herr Staudenmeier sagte dann freundlich: «Brigittle, du musch di hisetze.» Und ich setzte mich.
Manchmal aber war es zuviel, und er stellte mich vor die Türe: «Jetzt musch Du vor die Tür.»
Irgendwann habe ich die Türe aufgemacht und gefragt: «Herr Staudenmeier, darf i wieder komme?»
«Nei, Du darfsch no net komme.»
Da lief ich nach Hause zu Frau Schmied. Sie war erstaunt, wo mein Ranzen sei. Aber ich erzählte nichts.
Am Nachmittag kam dann der Lehrer zu uns, brachte meinen Ranzen und erklärte mir ernst und ruhig, dass ich die anderen Kinder nicht beim Lernen stören dürfe. Wenn ich schnell sei, sei das in Ordnung. Aber ich dürfe die anderen nicht am Lernen hindern.
Die beiden haben verstanden, dass ich so unruhig war, weil ich dazugehören und wieder Freunde haben wollte – ich vermisste die Kinderschar in Polen. Ab jenem Nachmittag war meine Unruhe vorbei, und ich habe nie mehr gestört.
… nur keinen Kummer machen.
Mutti musste um sieben Uhr auf der Arbeit sein und fuhr dazu jeden Morgen mit dem Zug nach Marbach. Egal, was war, ich habe sie immer vor der Schule zum Zug begleitet. Ich war von der ersten Klasse an eine gute Schülerin. Die Geschichten meiner Mutter über meinen Vater spielten eine ungeheure Rolle in meinem Leben. Keiner sei so tüchtig gewesen wie er. Er habe die wildesten Pferde zugeritten. Im Schmerzen-ertragen, wenn sie sich gebalgt hatten, sei er derjenige gewesen, der nie eine Miene verzogen oder klein beigegeben habe. Er sei ein toller Turner gewesen. Die ganze Familie erzählte das. Er habe ‚goldene Hände‘ gehabt, ein Supermensch.
Ich wollte Mutter den Vater ersetzen, denn ich glaubte mich daran schuldig, dass die Russen uns damals in Bromberg erwischt hatten. Ich wollte Mutti Leid ersparen, dass sie glücklich wurde und sich freute an mir. Sie war aber immer traurig, war oft so weit weg mit ihren Gedanken.
Mutter war beim Lernen streng, hat geschaut, dass ich sorgfältig arbeitete, hat mir Gedichte und Lieder beigebracht, hat aufgepasst, dass ich schön schreibe. Schrieb ich nicht schön, wischte sie alles aus, haute mir auf die Finger, bis diese dick waren. Ich musste immer wieder alles noch einmal schreiben. Das war immer abends, wenn Mutti von der Fabrik zurück war. Ich wollte sie so glücklich machen, wie ich gehört hatte, dass mein toller Vater sie glücklich gemacht hatte. Alles wollte ich tun, nur keinen Kummer machen.
Frau Schmied fand eines Tages heraus, dass mein Vetter die anderen Buben gegen mich aufhetzte und die mir Beleidigendes nachriefen. Eine Zeit lang begleitete ich darum meine Mutter, mit einem Stock bewaffnet, zum Bahnhof. Ich wollte sein, wie ich mir meinen Vater vorstellte: tapfer, nicht klagend, dass ich geplagt wurde. Auch der Lehrer bekam nichts mit. Frau Schmied ging mit mir in zwei oder drei Bauernhäuser, wo die Familie gerade beim Abendessen sass, und hat dort vor allen Anwesenden gesagt, die Buben würden mich plagen und mir schlimme Dinge nachrufen: «Polenkrott», «Polacke» und «die hat der Zirkus Busch verloren». Danach hörte alles auf, und ich bin aufgeblüht.
Für die vierte Klasse wechselte ich von Steinheim nach Stuttgart in eine andere Schule. Mutter fand, ich sei so lebhaft, ich solle nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gehen. Sie gab ihre Arbeit in der Fabrik auf, und wir zogen nach Stuttgart, weg von Frau Schmied. Mutti betreute ihre Schwiegereltern. Sie kaufte sich von dem ersparten Geld aus der Steinheimer Fabrik eine Nähmaschine, denn sie war gelernte Schneiderin, und verdiente fortan das Geld für uns als Änderungsschneiderin. So haben wir überlebt. Auch für meine Klavierstunden hat sie genäht. Auf dem Gymnasium bekam ich dann ein Stipendium, und die Geige und den Unterricht bekam ich kostenlos.
Familienzusammenkünfte
Es gab ja immer diese Familienzusammenkünfte bei den Bogners. Alle waren da, die überlebt haben. Mittelpunkt war der älteste Bruder meines Vaters, der Arzt. Der Jüngste war auch Arzt. Eine Schwester meines Vaters kam erst 1952 aus Polen zurück. Sie war mit ihren zwei Kindern auf einem Bauernhof festgehalten worden. Eines ist dort beim Bauern verhungert, und sie musste es in den Wäldern begraben. Ihr Mann war schon Jahre zuvor in den Westen geflogen. Mit ihm hat sie dann wieder zusammengelebt. Alle aus der grossen Familie haben sich immer getroffen, selbst die geschiedenen Kinder. Auch an Weihnachten und an Ostern kamen alle zusammen.
An diesen Treffen sass man zusammen und erzählte, was man alles erlebt hatte. Dabei sass ich als Kind sehr häufig unter dem Tisch, hörte zu und nahm nun alles in mich auf, was Mutter erzählte, was sie alles erlebt hatte. Damals hat sie im Familienkreis ausführlich alles erzählt, was im Lager Potulitz geschah. Das tat mir sehr weh, nie hätte ich so etwas geahnt … Dort unter dem Tisch, als niemand ahnte, dass ich mithörte, erzählte Mutti dann auch, wie die Russen uns entdeckten, weil ich Deutsch plapperte. Ich dachte nur noch: «Das warst Du doch, die Deutsch redete, und dann haben sie Euch gefunden … » Ich habe mit niemandem darüber geredet, auch mit Mutti nicht. Ich wusste doch, mein Vater, das war ein ganz Heller, und ich war doch seine Tochter. Da musst du gut sein, damit die Mutter Freude hat. Die haben alles so furchtbar klar ausgebreitet. Und dann eben fiel unter anderem dieser Satz: «Die Brigitte hat dann geplappert, und die Russen haben die Türe eingetreten … .» Nie hat mir einer eine Schuld zugeschoben. Niemand hat ja gemerkt, dass ich unter dem Tisch sass. Die hätten sonst anders gesprochen.
«Polnische KZs, das gab es nicht.»
Frau Schmied wusste, worüber Mutti nie mit anderen ausserhalb der Familie geredet hat, sie hat Muttis Albträume miterlebt.
Helga Hirsch beschreibt in ihrem Buch «Die Rache der Opfer» das polnische Konzentrationslager Potulitz. Meine Mutter war auch in diesem Bunker dort mit der Wasserfolter. Das hat einem in den siebziger Jahren kein Mensch in Deutschland geglaubt. Heute findet man im Internet alles wörtlich so, wie es meine Mutter damals geschildert hat – als man in Westdeutschland nichts davon hat wissen wollen, aus Angst davor, dass damit die deutschen Untaten «relativiert» würden. Einerseits ist es furchtbar, wenn man es heute liest. Doch andererseits ist es auch entlastend, dass man es endlich nicht mehr vor den anderen verschweigen muss, um nicht abgelehnt zu werden. Es ist eben die unerbittliche Realität, über die man heute sprechen darf.
Erzählte ich früher von Muttis Erlebnissen in Potulitz, hiess es meist: «Polnische KZs, das gab es nicht.» Meine besten Freunde redeten damals auch so. An diesem Punkt hat Freundschaft aufgehört. Auch die Vertriebenenverbände wurden pauschal als «Faschisten» verdächtigt. Das war schlimm: Man war dadurch in der Öffentlichkeit isoliert.
Meine Freunde, die das früher nicht geglaubt haben, haben heute revidiert, aber so war das damals in den siebziger Jahren. Es bleibt etwas Bitteres zurück.
Damals lag doch Deutschland in Trümmern. Wenn jemand das Glück gehabt hatte, überhaupt den Krieg zu überleben, aus der Gefangenschaft heimzukehren, dann hat er gearbeitet. Ein Lob der Verdrängung. Das Leben musste wieder anfangen. Die mussten sich wieder in der Realität einfinden. Und da kamen wir Abgesättigten 1968, und machen denen Vorwürfe, dass sie nicht geredet haben. Es war doch das blanke Überleben, dass sich nicht geredet haben. Und die reden wollten, es gab sie, prallten an die Schweige-Mauer in der Öffentlichkeit mit ihem verordneten Bild: Deutsche sind Nur-Täter.
Wie Mutti waren die meisten aus meiner Verwandtschaft. Die haben alle nach dem Krieg sofort angefangen, ein eigenes Häuschen zu bauen, mit der eigenen Hände Arbeit. Der zweite Bruder meiner Mutter zum Beispiel, kam erst 1956 aus russischer Gefangenschaft zurück und war sehr krank. Er fand schnell eine Stelle als Fahrer bei einem Fabrikanten, bekam mit dem ganz schnell ein Vertrauensverhältnis, hat sich ganz schnell eingefunden in der neuen Realität. Er erwarb einen Bauplatz und baute ein Häuschen. So haben es viele gemacht.
Es gab damals aber auch viele schlimme Selbstmorde. Das war das andere Extrem, so mancher konnte gar nicht mehr, und es war einfach zu viel.
«Wo deine Mutter war, da war es immer fröhlich.»
Mutti hat so gerne gesungen. Kaum hatte ich begonnen, Klavier zu spielen, konnte ich schon alle deutschen Volkslieder spielen, die sie mir vorgesungen hatte, und sie sang nun mit. Sie hatte so Freude an den deutschen Volksliedern und an der deutschen Literatur, obwohl sie keine grössere Schulbildung hatte. Sie hat wunderbar geschrieben und konnte sich gut ausdrücken. Als wir zum Beispiel zu einer Hochzeit eingeladen waren, hat Mutti sich ein Theaterstück ausgedacht, das wir dort zusammen gespielt haben. Sie hat die Dialoge entworfen. Sie konnte viel auswendig und hat es mir sechsjährigem Kind beigebracht. Ich kann heute noch alles auswendig und habe es unseren Kindern weitergegeben.
Meine Cousine hatte Mutti noch erlebt, als Mutti noch ein Kind war, und sagte immer wieder zu mir: «Wo deine Mutter war, da war es immer fröhlich.» Der Krieg und die KZ-Zeit haben tiefen Spuren hinterlassen. 1949 war sie nicht mehr dieselbe, hatte Albträume und manchmal ganz verquere Reaktionen. Das hat eben zu ihr gehört, habe ich lernen müssen. Aber: Sie ist nicht versunken. Sie hat nicht aufgegeben, hat die Hoffnung nicht verloren, sondern hat weiter gemacht.
Ich bin eine Zeit lang jeden Tag zu spät gekommen, obwohl wir nur sieben Minuten zu Fuss von der Schule entfernt wohnten. Da nahm mich eines Tages Fräulein Roos, die Lehrerin – mit der ich mich übrigens nach der Schulzeit sehr befreundet habe – beiseite: «Brigitte, wieso kommst Du immer zu spät? Was ist los?» Es war schon so, dass meine Mutter einige Tage vorher einmal krank gewesen war, aber nur einen Tag. Ich aber flunkerte: «Meine Mutter ist krank, da brauche ich morgens immer länger.» – «Ach so, die Mutter ist krank, das tut mir aber leid. Ich würde sie gerne einmal besuchen. Frag‘ sie einmal, ob ich kommen darf.», sagte Fräulein Roos. Also musste ich meiner Mutter alles beichten. Da nahm doch meine Mutter den nächsten halben Tag in der Fabrik frei, legte sich ins Bett und empfing die Lehrerin in diesem Zustand! Ich bin nie wieder zu spät gekommen! Ich wäre für meine Mutter durchs Feuer gegangen. Man lässt einen nicht im Stich. Mutter hat sich einfach nicht einpressen lassen.
In der sechste Klasse Gymnasium meldete ich mich von der Schule ab. Da kam der Rektor und sagte: «Da fehlt die Unterschrift Deiner Mutter.» – «Die weiss es nicht, aber ich will abgehen.», sagte ich zu ihm. Der Rektor bestellte meine Mutter ein und meine Mutter sagte, sie wisse von nichts. Sie habe nicht gesagt, ich solle aus der Schule raus, sondern meine lieben Onkels hätten gesagt: «Was soll die jetzt noch länger zur Schule gehen. Die soll jetzt Geld verdienen und Dich unterstützen.» – «Nein, Brigitte soll das Abitur machen», stärkte der Rektor Mutter den Rücken. Sie wäre nie im Leben auf den Gedanken gekommen, ich solle aufhören. Sie sagte immer: «Was Du im Kopf hast, das kann Dir keiner mehr nehmen.» Ich wollte eben meiner Mutter nicht zumuten, weiter für mich arbeiten zu müssen, wollte mir nicht nachsagen lassen, ich würde meine Mutter ausnützen.
Ich habe nach dem Abitur Musik studiert, Klavier, finanziert über den Lastenausgleich. Das kostete viel Geld, habe immer an der Hochschule geübt. Mein Lehrer meinte, es wäre gut, ich hätte einen eigenen Flügel. Das habe ich einmal meiner Mutter erzählt. «Ja, warum sollen wir nicht vom Erbe einen Flügel kaufen. Das wäre doch ein Andenken an Deinen Vater.» Der Flügel kostete 12.000 DM. Wir hatten aber nur 4.000 DM. Mutter hat jahrelang die Raten abbezahlt. Sie hat sich nicht drausbringen lassen: «Dann soll es auch was Gutes sein.» Heute haben wir ihn noch, und nun spielen die Kinder und Enkel darauf.
Mutter hat sich sehr schnell entwürdigt und zurückgesetzt gefühlt. Auch dabei spielte immer auch der Krieg hinein. Wenn wir zum Beispiel später die Eltern meines Mannes besuchten, konnte sie schimpfen: «Bildung hast Du schon, aber keine Herzensbildung.» Einmal zertrampelte sie eine Schachtel Pralinen, die ich ihr von einem Besuch bei den Schwiegereltern mitgebracht hatte, weil sie Angst hatte, die Schwiegereltern nähmen mich ihr weg. Vor meinem Mann aber hatte sie nie Angst, ihr von ihm weggenommen zu werden. Nur damals, 1968, als wir für zwei Jahre nach Amerika gingen, da habe ich gedacht, sie müsse in die Klinik. Ich verstehe sie heute. Es war, als würde ihr wie damals die Tochter wieder weggenommen. Das war für und beide schwierig zu verstehen.
Ein Volk, das einen Krieg erlebt hat, braucht 20 Jahre und mehr, bis das Leben wieder einigermassen leben darf. Man muss es in Ruhe lassen, dass es wieder normal wird zu leben.
Als ihre Hüfte operiert werden musste, habe ich sie jeden Tag besucht. Da ging es ihr sehr schlecht. «Kind, nun bist du auch unter meine Henker gegangen», sagte sie. Da war ihr das Konzentrationslager wieder hochgekommen und die Folter. Als sie wieder gesund war, habe ich sie zusammen mit dem jüngsten Bruder meines Vaters abgeholt. Zuvor hatte ich ihre Wohnung schön gemacht. Sie hatte immer Freude an Holz, wenn es glänzte und schien. Darauf legte ich ein schönes gesticktes Deckchen. Alles war aufs Schönste hergerichtet, ein paar Verwandte eingeladen und ein schönes Essen vorbereitet. Sie sah gelb aus, als wir sie aus der Klinik brachten, fast schon vom Tod gezeichnet. Doch kaum hatte sie den Fuss über die Schwelle gesetzt, war wieder in ihrer Wohnung und sah, wie schön alles hergerichtet war, da stieg ihr die Röte wieder ins Gesicht. Das Leben richtete sich in ihr auf. Sie war so glücklich, weinte und sagte: «Ich bin ja wieder in meinem Zuhause.» Dort war die Gemeinde, wo sie sich gebraucht fühlte.
Mutter tat sich nie hervor. Immer war sie da, freundlich und hilfsbereit. Sie tat es gerne, es war ihr nichts zu viel. Einmal ist sie von Taschendieben überfallen und beraubt worden. Aber das hat sie nicht abgehalten, danach wieder zu helfen. Für ihre Enkel hat sie süsse Dirndel und Hochzeitskleider für Puppen genäht, alles aufs Feinste. Die Enkel waren ihr ein und alles. Unser zweiter Sohn erinnerte Mutter irgendwie an meinen Vater. Er hat bei ihr gezeichnet und gemalt und hat ihr die Bilder geschenkt, hat ihr kleine Büchlein gemacht, Geschichten geschrieben.
Frau Schmid lebt heute fest in mir. Leider habe ich nie erfahren, ob meine Briefe an Ella und die polnische Pflegefamilie jemals angekommen sind. Ich habe Ella zu meiner Konfirmation eingeladen, aber sie hat nicht geantwortet. Eine Zeit lang schickten wir der Familie regelmässig Herzmedikamente. Sie sind gestorben, ohne dass wir uns wiedergesehen hätten. Als mein Mann und ich von 1968 bis 1970 in Amerika lebten, kam Ella das erste Mal nach Deutschland und hat meine Mutter besucht. Ich habe sie leider nicht gesehen. Meine Mutter hat die Kleiderschränke geöffnet und Ellas Koffer gefüllt. Mutter hat ihr auch später noch Kleider geschickt. Eines Tages ist dann der Kontakt ganz abgebrochen.
Die Wende in meinem Leben – Friedrich Liebling
Viele Jahre vergingen. Mein Mann und ich wendeten uns Anfang der siebziger Jahre an Friedrich Liebling und baten um Beratung in Erziehungsfragen. Er, der damals etwa siebzig Jahre alt war, empfing uns. Erst später erfuhr ich, dass er als polnischer Jude in Galizien aufgewachsen, vor dem Ersten Weltkrieg nach Österreich ausgewandert, den Ersten Weltkrieg mitgemacht hatte und vor den Nazis dann in die Schweiz geflüchtet war.
Wir sassen also da, er sah mich zugewandt und aufmerksam an und fragte nach meiner Lebensgeschichte. Ich habe ihm alles erzählt. Dass ich eben durch die Kriegsumstände von meiner Mutter getrennt wurde und durch abenteuerliche Umstände in eine Polenfamilie gekommen bin, die, als der Krieg zuende war und das Rote Kreuz mich und meine Mutter suchte, zu meiner Familie in Deutschland Kontakt aufnahm. Wie ich dann wieder zu meiner Mutter zurückgekommen bin, die vorher in polnischer Gefangenschaft war, in einem jener polnisch Konzentrationslager, von denen man in Nachkriegsdeutschland lange nicht reden durfte, da das nach 1945 an Deutschen begangene Unrecht als gerechte Vergeltung betrachtet und darüber geschwiegen wurde. Ich hätte studiert, meinen Mann kennengelernt und danach noch einmal studiert. Nach seinem Studium hätten wir zwei Jahre in Amerika gelebt. Heute hätten wir drei Kinder, und die Erziehungsfragen beschäftigten uns sehr.
Ich war im Fluss und wollte schon mit der drängendsten Frage zur Erziehung beginnen. Da lehnte er sich zurück und sagte ganz ruhig zu mir: «Da haben Sie ja etwas erlebt, was Ihnen keiner mehr nehmen kann.» So waren seine Worte. Ich war sprachlos. Das hatte ich nicht erwartet. Ich fragte ihn verwundert: «Wie meinen Sie das?»
Er hatte mit einem Ausdruck gesprochen, als hätte ich etwas ganz Positives erlebt. Ich hatte jedoch bis dahin – aus Gesprächen unter der Verwandtschaft und wo immer man über unsere Geschichte sprach – nur erfahren, dass es eine furchtbare Geschichte war. Schon etwas, was man mir nicht nehmen konnte – aber etwas sehr Schweres, Negatives, worüber ich nicht sprechen konnte. Denn mich plagten starke Schuld- und Schamgefühl, dass ich vieles wiedergutmachen müsse bei meiner Mutter. Hatten doch die Russen uns damals in Bromberg in jenem Kämmerchen aufgrund der Tatsache entdeckt, dass ich Deutsch plapperte. Hatten sie uns doch dadurch als Deutsche erkannt und die Türe eingetreten und uns gefunden. Nachdem ich erfahren hatte, was Mutti Schlimmes hatte erleben müssen, quälte ich mich lange immer damit herum, ich sei schuld daran, und wollte alles an ihr wiedergutmachen. Wie konnte ich da den Anspruch stellen, dass es mir gut ergangen sein sollte, während sie im Konzentrationslager so schrecklich litt. Ich hatte deswegen auch grosse Schwierigkeiten, überhaupt über diese Dinge zu sprechen, damals in den siebziger Jahren, wenn Freunde fragten: «Woher kommst Du?» und man sein Leben erzählte. Wenn ich nämlich erzählte, meine Mutter sei nach dem Krieg drei Jahre in einem polnischen Konzentrationslager gesessen, dann wurden die anderen immer so seltsam und sagten: «Du, das hatten nur die Deutschen, solche Lager. Du musst aufpassen, was Du da sagst.»[14] Da war plötzlich kein Zuhören mehr. Es herrschte ein Tabu. Und für mich war das eine schwere Belastung. Das alles schoss mir durch meinen Kopf.

Friedrich Liebling
Da sagte nun dieser freundliche ältere Herr mit seinen schlohweissen Haaren zu mir: «Da haben Sie etwas erlebt, was Ihnen keiner mehr nehmen kann.» Auf meine Frage «Wie meinen Sie das?» sah er mich ganz ernst an und sagte: «Das ist die Natur des Menschen. Da haben Sie erlebt, dass sogar Feinde dem Feind helfen.»[15]
Das hat mein Leben umgestülpt. Ich habe es zuerst gar nicht begriffen. Aber eine Last fiel von mir ab. Ich konnte es plötzlich innerlich vor mir selbst ohne schlechtes Gewissen zulassen, dass ich inmitten der Schrecken des Krieges, der Konzentrationslage von Flucht und Vertreibung etwas Gutes erlebt hatte. Es durfte neben dem Schrecken auch etwas Gutes sein.
Die Bromberger Polen haben uns versteckt, uns Essen gegeben. Die Zeit bei den polnischen Pflegeltern, als die Mutter im polnischen Konzentrationslager litt, ohne dass ich davon wusste, war nicht einfach für mich als Kind, denn ich war getrennt von ihr. Aber ich habe gute Erinnerungen daran. Vor allem an die vielen Kinder, mit denen ich dort auf dem Hof gespielt habe. Ciotka war zwar streng und nörgelig, aber ich habe gute Erinnerungen an sie, bis weit zurück. Auch an meine grosse Stiefschwester Ella, die mich ja gerettet hat, an die Ostsee, an den Pflegevater, einen ganz lieben, warmherzigen Menschen, und an jene liebe Nachbarin, bei der ich Trost fand, wenn Ciotka wieder einmal hart war. Ich habe nicht das Gefühl, ich hätte als Kind eine schwere Zeit erlebt. Ich war sogar manchmal aufmüpfig. Wenn man partout von mir etwas wollte, wie zum Beispiel Hühnerfleisch essen – damals etwas Kostbares –, was mir aber widerstand, dann habe ich das halt weggedrückt und anschliessend im Sand vergraben. So etwas war auch möglich.
Das war die Zeit von 1945 bis 1949. Aber die durfte später nicht mehr in mir sein, als ich Mutters Geschichte erfuhr, da bekam ich grosse Schuldgefühle ihr gegenüber.
Dieses eine Gespräch mit dem gütigen und feinfühligen alten Herrn, bei dem ich mich so verstanden fühlte und der meinem Leben eine völlig neue Perspektive hinzufügte, hat mich ungeheuer entlastet und mir den Weg für ein unbeschwerteres Leben frei gemacht.
«Ach Kind, was hatte das alles mit mir zu tun?»
1998 war Mutter schon sehr schmal geworden. Sie trug immer ein adrettes Kleid und sass aufrecht da, mit ihren weissen Haaren. Das Bild ihrer Haltung hat mich immer gerührt. Ich las nun zu jener Zeit das Buch von Helga Hirsch «Die Rache der Opfer» und sagte einmal zu ihr:
«Da ist jetzt ein Buch herausgekommen, darin kommt jetzt die Wahrheit über Potulitz und die anderen polnischen KZs nach 1945 ans Licht der Öffentlichkeit. Ich habe es gerade gelesen. Du, ich habe mich gefragt: Wie hast du das alles ausgehalten, wie hast du Lager, Folter, Plagen überlebt?»
Sie schwieg sehr, sehr lange. Warum musste ich auch jetzt anfangen, sie mit diesen schrecklichen Geschichten zu belätschern, durchfuhr es mich. Aber nach einer langen Pause und mit einem nach innen gerichteten Blick, so dass ich zuerst dachte, sie hätte mich nicht verstanden – sagte sie zu mir den erstaunlichen Satz: «Ach Kind, was hatte das alles mit mir zu tun?»
Mutter hat sich nicht schuldig gewusst. Sie hat gewusst, dass ihr Unrecht geschah. Sie war keine Kirchgängerin, aber sie hat an einen Gott geglaubt. Das hat sie immer gesagt. Der habe ihr damals auch Ella geschickt, dort in der grossen Not, als sie nicht wusste, wohin mit mir. Sie hat sich nicht schuldig gefühlt. Was ihr geschehen ist, das hat sie trennen können von sich. Sie hat ihren Mann verloren und ein Kind, das war schrecklich. Aber es berührte nicht ihre ureigene seelische Bewegungslinie. Sie bewahrte letztlich ihre Würde, blieb standfest. Weigerte sich innerlich, die schrecklichen Taten mit sich in Verbindung zu bringen. Das eine war sie. Das andere war die Machtpolitik, war das Verbrechen, etwas, das hat sie immer klar im Gefühl gehabt, was mit ihr, auch als Deutsche, nichts zu tun hatte.
Das war zeitlebens so, wenn jemand sie unwürdig behandelte, dann wandte sie den Kopf ab. Sie grollte, bewahrte sich ihre innere Würde, und war sich zu schade, darüber zu klagen, jemand hätte sie unwürdig behandelt. Natürlich hat sie immer ihre Konsequenzen aus den Misshandlungen gezogen. Man hat das gespürt.
Eine Zeit lang putzte sie auf der Chefetage des Arbeitsamtes Stuttgart, und zwar beim Landespräsidenten. Dieser schätzte sie sehr. Er liess mich einmal zu sich kommen und sagte, er wolle mich kennenlernen. Er habe von meiner Mutter gehört, ich ginge aufs Gymnasium, und er wolle mir sagen, meine Mutter sei ein fabelhafter Mensch. Das ist so gekommen: Meine Mutter hat sehr gerne Handarbeiten gemacht. Sie musste auf der Chefetage, wo sie putzte, immer dafür sorgen, dass es schön war und sauber und dass auch immer Früchte vorhanden waren. Hatte sie ihre Arbeit getan, setzte sie sich hin, nahm ihre Handarbeit hervor, die sie immer mit sich trug, und stickte. Einmal aber vergass sie sich dabei und ass alle Trauben auf. Es war zu spät, um Ersatz zu kaufen. Damals hatten die Läden noch nicht so lange auf wie heute. Also ging sie kurzerhand zum Landespräsidenten und berichtete ihm: «Wissen Sie, was mir passiert ist, ich war so in Gedanken, dass ich alle Trauben gegessen habe.» Der Präsident war ein netter Mensch und hat ihr das nicht übelgenommen, sondern diese Szene war der Grund, warum mich zu sich bat, um mich kennenzulernen und um mir seine Achtung vor meiner Mutter zu zeigen. Der Mann wusste nichts von dem polnischen KZ; er wusste nur, dass sie Kriegerwitwe war, noch eine Tochter hatte, alleinstehend war und ihre Heimat und alles verloren hatte.
Meine Mutter hat ausserhalb der Familie nie jemandem vom polnischen KZ erzählt, nicht einmal in dem Kriegsversehrtenverband, dem sie angehörte. Auch dort wusste man nur, dass Mutter ihren Mann verloren hatte, aber nichts von den Lagern. Das war sie: Es konnte sie irgendwie keiner wirklich brechen. Sie hat immer gewusst, wer mich auch geplagt hat, ich bin nicht die Ursache gewesen. Sie konnte trennen zwischen sich und dem anderen.
Das waren die unerschütterlichen Werte ihrer Heimat Bessarabien und der Kultur der Siedler, unter denen sie aufgewachsen ist: Dass man den älteren Menschen ehrt, dass man einander hilft, dass das Kind etwas anzunehmen hat, dass der Mensch sich regen und mit dem Leben zurechtkommen muss. Das Gefühl, dem Leben Vorwürfe zu machen, kannte sie nicht, das kannten auch die Eltern und Geschwister meines Vaters nicht. Alle haben sich immer absolut realistisch an die Tatsachen gehalten und geschafft, geschafft und geschafft. Die höchste Tugend war, sich ins Gemeinwesen einzubringen mit allen Kräften. Das war eine ungeheure menschliche Substanz: Das Leben ist meine Sache. Ich verlange nichts vom andern. Frage nicht, was bekomme ich, sondern, was gebe ich, damit wir alle überleben können. Das war jene realistische Mentalität, durch die alleine diese Auswanderer hatten überleben können.
Der Repräsentant, der damals in jenen vergangenen Zeiten eine bessarabische Gemeinde auf Kreisebene vertrat – jedes Dorf hatte seinen Abgeordneten –, hat sein Dorf vertreten, aber keiner der Repräsentanten hätte sich angemasst, die anderen Volksgruppen zu degradieren. Man wirkte zusammen. Die Juden boten die fantastischsten Stoffe auf dem Markt feil, die Bulgaren hatten die guten Pferde, so tat jeder das Seine. Die Bolschewiki haben dann alles zerschlagen, zentralisiert, kollektiviert, und die Bessarabiendeutschen waren so froh, dass sie diesem Schicksal 1915 entgingen. Sie hatten immer Angst vor dem Kommunismus.
Meine Cousine hat mit immer von meiner Mutter erzählt. «Sie war als Kind schon so. Wenn ich zu ihr kam und wollte ein Puppenkleid von ihr genäht bekommen, dann hat sie mir mein Puppenkleid genäht, hat es mir geduldig gezeigt. Die hatte nie einen Zorn.» Nach dem Krieg war das anders. Aber da war sie seelisch schwerst geschädigt. Als sie uns Vorwürfe machte, wir hätten ihr ihre Heimat Stuttgart genommen, weil wir sie zu uns nach Berlin nahmen, da war es mir einmal zu viel. Ich wusste zwar, sie konnte nicht anders, aber ich sagte empört: «So kannst Du doch mit mir nicht sprechen. Ich bin doch auch nicht aus Holz.» Sie sagte nur: «Aber Kind, wem soll ich es denn sonst sagen?» Das stimmte auch wiederum. Wem sollte sie es denn sonst sagen, heisst doch auch: Ich meine es eigentlich gar nicht so. Es ist etwas in mir, und ich muss es doch auch irgendwo los werden.
Ein Jahr vor ihrem Tod, als sie schon im Sterbezimmer im Krankenhaus lag, ist sie dem Tod noch einmal sprichwörtlich von der Schippe gesprungen. Sie kam noch einmal zu uns zurück für ein Jahr, war aber schon ganz abgemagert. Sie ist sehr bewusst gestorben. Sie erlebte 1999 noch das Weihnachtsfest mit uns, sang immer noch alle Verse von allen Weihnachtsliedern auswendig mit.
Einige Tage später aber sagte sie: «So Kind, jetzt möchte ich nicht mehr jeden Tag mich anziehen und zu Euch zum Essen kommen.» Auch nicht zu ihrem Geburtstag kam sie nicht mehr. Wir haben einen Dienst eingerichtet. Meine Tochter hat sich auf ihr Examen vorbereitet, lebte bei uns im Haus und schaute tagsüber nach ihr. Abends kam ich. Der Arzt gab ihr Infusionen, weil sie nichts mehr essen mochte. An dem Tag, an dem sie starb, ging ich morgens vor Arbeit noch zu ihr hoch und legte ihr eine schöne neue Tischdecke hin. Sie hatte doch immer Freude an solchen Dingen. Ich stellte ihre frische schöne Fresien in die Vase, denn sie mochte deren Duft so gern, verabschiedete mich und wäre eigentlich erst spät nach Hause gekommen. Aber es fiel zufällig etwas aus, und es zog mich die liegengebliebene Arbeit nach Hause. Ich traf dort noch den Arzt, der gerade wegging, und ging zu ihr, da sagte sie: «Ach, Brigittele, jetzt kommst Du.» Dann habe ich mich neben ihr Bett gesetzt und sie sagte: «Brigittele, jetzt muss ich sterben.» Das hat sie gesagt. Ich habe ihr geantwortet: «Ich hoffe, Du bleibst noch eine Weile bei uns.» – «Nein, nein, jetzt ist es Zeit», hat sie gesagt. So gut ich konnte, habe ich ihr noch aus ihrem tapferen und guten Leben erzählt und ihr gesagt, dass sie alles gut gemacht hat, und dass ich mir ihr Beispiel vornehme. Und dann ist sie mit 85 Jahren in meinen Armen gestorben.

Literatur
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Pauli, Otto. Flucht aus Lager Potulice. Erinnerungen des Kriegsgefangenen Nummer 5797. URL: http://potulice.de (eingesehen am 17.3.2019)
Rasmus, H. Schattenjahre von Potulitz 1945. Schicksal in polnischen Internierungslagern. Eine Dokumentation, Münster 1995
Sattler, Gert O. E. Leidensweg deutscher Frauen 1944-1949. Kiel 1996
Schieder, Theodor. Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Band 1, Ausgabe 2. Herausgegeben vom Bundesministerium für Vertriebene 1956
Schmidt, Ute. Die Deutschen aus Bessarabien. 2. durchgesehene Auflage. Köln 2004
Schmidt, Ute. Bessarabien. Deutsche Kolonisten am Schwarzen Meer. Postdam 2008
Schmidt, Ute & Baehr, Ulrich. «Fromme und tüchtige Leute». Die deutschen Siedlungen in Bessarabien1814-1940. Wanderausstellung. [2010] URL: http://bessarabien-expo.info/Dokumentation_Wanderausstellung_Fromme_und_tuechtige_Leute.pdf (eingesehen am 18.3.2019)
Schmidt, Ute & Baehr, Ulrich. Deutsche Spuren in Moldau 1814 – 2014 Tradition und Modernisierung. Ausstellung im Muzeul Naţional de Artă al Moldovei Chişinău 12. Mai bis 10. Juni 2014. URL: http://bessarabien-expo.info/wp-content/uploads/2014/09/Deutsche-Spuren-in-Moldau.pdf (eingesehen am 18.3.2019)
Vereinbarung zwischen der Deutschen Reichsregierung und der Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken über die Umsiedlung der deutschstämmigen Bevölkerung aus den Gebieten von Bessarabien und der nördlichen Bukowina in das Deutsche Reich. URL: http://www.kloestitzgenealogy.org/dok_umsiedlung/umsiedlungsvertrag.htm (eingesehen am 18.3.2019)
Wikipedia. Zentrales Arbeitslager Potulica. 1. April 2018, 17:06 Uhr. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrales_Arbeitslager_Potulice#cite_ref-Hirsch980903_6-1(eingesehen am 20.3.2019)
Wikipedia. Potulice (Nakło nad Notecią). 4. Oktober 2017, 06:55 Uhr. URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Potulice_(Nakło_nad_Notecią) (eingesehen am 20.3.2019)
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Anmerkungen
[1] Fabritius 2016
[2] Austria Forum 2018
[3] Vgl. Schmidt 2004 und 2008
[4] Vgl. Schmidt 2010
[5] Vgl. Schmidt 2010 und 2014
[6] Himmler 1939
[7] Vgl. Jachomowski 1984; vgl. Vereinbarung zwischen der Deutschen Reichsregierung …
[8] Vgl. Metapedia 2018. Vgl. auch: Hirsch 1998 & 1999; Kelm 1984; Sattler 1996; Jungk 1945; Grafschafter Bote 1987; Kümmel 2018; Kent 2003. Schieder 1956, S. 587
Zu den Opferzahlen vgl.: Hirsch 1998. Jahn 1980, S. 187. Europa in Flammen 1967, S. 280
[9] Biły, 2016
[10] Kaufmann 2011; vgl. auch: Lelke 2007, S. 32
[11] Vgl. Wikipedia 2017 und 2018: In der 1939 eroberten polnischen Stadt Potulice (Potuliz) errichteten die Deutschen 1941 ein Konzentrationslager für Polen in der Villa Potulice. (Orth 1999, S. 153) Ab 1942 gehörte es zum KZ Stutthof, es entstanden dreissig Baracken. Ab 1942 war es auch Zwangsarbeitslager (Lager Lebrechtsdorf–Potulitz) und ab 1943 auch Lager für Kinder von sowjetischen und polnischen Partisanen. (Mausbach 1979, S. 204. Krüger-Mlaouhia 2017)
Ab Mai 1945 führten die Polen das Nazi-KZ als «Zentrales Arbeitslager Potulice» weiter: für etwa 36.000 Deutsche, aber auch «antikommunistisch» polnische Zivilisten, Kriegsgefangene der «Polnischen Heimatarmee» und aus Tschechien, Ungarn oder Rumänien. Die mit Abstand grösste Gefangenengruppe waren «Volksdeutsche» und Mitglieder der «Deutschen Volksliste», darunter 1.285 (1945) und 1.100 (1948) Kinder unter zwölf Jahren. Helga Hirsch zählt etwa 3.500 Tote (Hirsch 1998). 1950 wurde Potulice als Lager für Deutsche aufgelöst.
[12] Vgl. Ramus 1995
[13] In den meisten slawischen Sprachen ist damit eine alte Frau oder Grossmutter gemeint. Nach der Christianisierung bezieht sich das Wort auch mehr auf die europäische «Hexe» als (bösartiges) Kräuterweib oder Heilerin mit Zauberkräften. So taucht sie in den meisten im 19. Jahrhundert aufgeschriebenen Märchen auf.
[14] Vgl. Mitteldeutscher Rundfunk 1919; Dudek 2018; Eckert 2016
[15] Vgl. Lenz 2009
[16] Maio 2016, S. 204