Die Diagnose tiefenpsychologisch denken – «seelisches Fremdverstehen»

4. Oktober 2026

Johannes Irsiegler

Sei es als Lehrer, als Psychologe, als Arzt oder als Mitmensch: Immer wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen, geht es auch darum, ihn in seiner Persönlichkeit zu erfassen: Wer steht mir gegenüber? Mit was für einer Persönlichkeit habe ich es zu tun? Friedrich Liebling setzt sich in seinem Aufsatz Tiefenpsychologische Menschenkenntnis mit dieser Frage auseinander: Was braucht es, um einen anderen Menschen in seiner Persönlichkeit zu erfassen und zu verstehen? Liebling spricht von «seelischem Fremdverstehen.»

Ausgangspunkt für ist, dass «jeder Mensch eine Individualität ist, und dass seelische Verhaltensweisen ihr Profil erst im Rahmen der Gesamtpersönlichkeit gewinnen.» Zudem hält er fest: «Zählen, Messen, Rechnen, Schematisieren, aus den Naturwissenschaften und ihrem Gegenstandsbereich wohlvertraut, versagen im psychischen Bereich.»

Die tiefenpsychologische Menschenkenntnis hingegen vertritt die Auffassung, dass

«seelisches Fremdverstehen im Wesentlichen auf Intuition beruhen muss. Alle mechanischen oder statistischen Hilfsmittel bringen die Gefahr mit sich, dass die Beurteilung des Menschen an Oberflächlichkeiten haften bleibt; das Verlockende jeder schematisierenden Menschenkenntnis besteht darin, dass der Beurteilende hierbei die eigene Persönlichkeit nicht in die Waagschale werfen muss, sondern mitunter mehr oder minder unbeteiligt ‚an der Tabelle‘ die Wesensart des Mitmenschen ablesen zu können glaubt.»

Intuition definiert Herr Liebling als «die Fähigkeit der Einfühlung, des Mitempfindens und des Sich-in-die-Situation-des-anderen-Versetzens.» Diese Fähigkeit zur Empathie erkennt er als grundlegend menschliche In diesem Sinne entspringt Menschenkenntnis einem «anthropologischen Merkmal des Menschen, nämlich der Tatsache, dass jeder Mensch für andere Menschen in einem gewissen Grade verständlich ist.» Friedrich Liebling erklärt:

«Verstehen ist eine Möglichkeit des Menschen überhaupt, und jede Freundschaft, jede Liebe, jede Partnerschaft, jedes Gespräch ist auf dem Verstehen aufgebaut. […] der Psychologe in seinem Beruf verfeinert lediglich ein Werkzeug, das dem Menschen angeboren ist und dessen Leistungsfähigkeit […] durch Geduld, Feinsinn und Liebe zur Sache gewaltig gesteigert werden kann. […] Jedes Fremdverstehen wird mitbedingt durch die Reife, die Lebenserfahrung, die Selbsterkenntnis und – nicht zuletzt durch die Weltanschauung eines Menschen.»

Daraus folgt die Anforderung an den Psychologen, «dass er die Einseitigkeiten seiner Persönlichkeit kennt, um auf sie zu achten, wenn er ein Urteil über einen andere Menschen abgibt.» Weil:

«Jeder Komplex hat die Eigenschaft, die Optik zu verzerren, das Bild zu verfälschen; je komplexhafter eine Persönlichkeit, umso mehr Komplexe oder Komplikationen wird sie in die Umwelt hineinprojizieren.» Und deshalb muss der Psychologe «auch ein Mensch sein, der imstande ist, sein eigenes Leben zu gestalten, das heisst im Bereich der Normalität zu bewahren».

Tiefenpsychologische Menschenkenntnis ist damit immer auch intuitive Menschenkenntnis. Aber, so Friedrich Liebling, die Tiefenpsychologie «hat zugleich auch alle Hilfsmittel bereitgestellt, um der Intuition ein wissenschaftliches Rüstzeug zur Unterstützung zu geben.» Das Befragen und Beobachten muss einem Leitfadenfolgen, einem Frageschema. Eine «zielgerichtete Befragung ist nur möglich, wenn man bereits zum vorneherein weiss, was man bei einem Menschen zu erwarten hat.»

Voraussetzung ist, dass der psychologisch geschulte Arzt oder Therapeut «Grundkenntnisse der menschlichen Natur» hat. Denn: «(I)ndem sich die Individualität aus diesem Schema heraushebt, wird sie uns verständlich.»

Welche Aspekte der Persönlichkeit, welche Fragen sollen nun im Zentrum stehen:

«Die Analyse des Charakters soll hauptsächlich ergeben, wie der Mensch zu sich selbst und zu seiner Mitwelt steht. Wir orientieren uns hierbei an seiner Selbsteinschätzung und seiner Kontaktfähigkeit.»

In der Selbsteinschätzung zeigt sich das «Ausmass seiner seelischen Stabilität […] unnütz zu sagen, dass ein Zuviel ebenso verdächtig ist wie ein Zuwenig.» Die Kontaktfähigkeit definiert Friedrich Liebling als «die Fähigkeit sich mit anderen Menschen zu verbinden und in Verbundenheit zu erhalten.» Sie ist «ein genauer Indikator des inneren Gleichgewichts.»

Wie erhält man ein Bild von der Kontaktfähigkeit des Menschen? Friedrich Liebling erklärt:

«Man muss also die Lebensfront des Menschen abtasten, seine Stellung in der mitmenschlichen Welt miterleben, fragend aufhellen; Stellungnahme zu Eltern, Geschwistern, Untergebenen und Vorgesetzten, Gleichgestellten, Freunden, Liebespartnern, Kindern, ja sogar Stellungnahme zu entfernteren Verwandten, Volk- und Standesangehörigen, zur Menschheit überhaupt: dies alles ergibt ein Profil der Auffassungen eines Menschen, das in gleicherweise sein Selbstwertgefühl und sein Kontakterleben widerspiegelt.»

Auch hier wieder stellt sich eine Anforderung an den Psychologen, den Lehrer usw. «Natürlich muss man hierbei wissen, wie menschliche Auffassungen bewertet werden sollen, man muss gleichsam selbst eine ‚höhere Moralität‘, eine Ethik in sich tragen, welche einen Mangel erkennen kann.» Man wird nur verstehen, was man «selbst an Werten der Einstellung oder der Gesinnung zu realisieren imstande ist.»

„Was sich nicht durch Intuition ergibt, muss die sichere Technik des Gesprächs aufklären.» Dazu gehört auch das «Studium des Verhaltens.» Denn:

«vor jeder neuen Lebenssituation wird die Einstellung eines Menschen (worin wir seine Selbsteinschätzung, seine Kontaktfähigkeit, seine Urteile und Vorurteile, sein Werterleben usw. zusammenfassen) eine bestimmte Handlung resultieren lassen.»

Der psychologisch geschulte Arzt oder Therapeut oder Lehrer oder Erzieher kommt schliesslich zur Erkenntnis: «Wenn ich so zum Leben stehen würde wie er, dann hätte ich auch kaum anders handeln können.» Damit erfasst er das, was Alfred Adler die Gangart eines Menschen gegenüber den Lebensproblemen nennt. Wobei hier zu berücksichtigen gilt, dass die meisten Menschen, «nach der Würde der Moralität streben, und da man sich in ein gutes Licht rücken will, wird man sich jene Eigenschaften zuschreiben, die sozial geachtet sind.» Das heisst, dass der «letzte Prüfstein einer Einstellung das reale Verhalten ist“ oder wie Alfred Adler sagte: «Schaut ihm nicht auf den Mund, sondern schaut ihm auf die Hände.»

Grundprinzip der tiefenpsychologischen Menschenkenntnis ist das

«Verhalten innerhalb des Lebenslaufs […] wie einer sein Leben gelebt oder aufgebaut hat, wie er den Schwierigkeiten begegnete, die das Leben ihm stellten, wie er persönliche oder allmenschliche Situationen gemeistert hat, oder an ihnen scheiterte … ».

Friedrich Liebling stellt in seinen weiteren Ausführungen ausführlich dar, welche Fragen dabei von Bedeutung sind:

«Welche frühkindlichen Erfahrungen wurden gemacht? Charakter der Mutter und des Vaters: welche Beziehung bestand zu ihnen? Verwöhnende oder strenge Erziehung? Eventuelle Eigentümlichkeiten als Kind: langandauernde Unreinlichkeit, Nahrungsverweigerung, Daumenlutschen, Bettnässen, Schreckreaktionen usw.? Verhalten gegenüber Geschwistern: Einzelkind, Jüngstes, Ältestes, Mittleres, Bub unter Mädchen oder Mädchen unter Buben, geliebte, gehasste, beneidetet, überlegene oder unterlegene Geschwister? Von den Eltern bevorzugt oder hintangestellt? Kindergarten und Schule: anschlussbereit oder isoliert, ruhig oder lebhaft? Welche Leistungen: eifrig, Pflichterfüllend, ehrgeizig oder träge, nachlässig? Erlebnisse mit den Lehrern: strenge oder gute Lehrer, Situationen der Bestrafung. Verhalten angesichts der Berufswahl: klarer Berufswunsch oder unentschiedene Wunschgedanken? Welcher Beruf wurde gewählt? Arbeitsleistungen im Berufsmilieu? Zufrieden oder unzufrieden mit dem Beruf? […] Erwachen der Sexualität: Wann? Aufgeklärt? Oder abgeschreckt? […] Wann erste Liebesbeziehung, erster Sexualkontakt? […] Einstellung gegenüber dem anderen Geschlecht, dem Sexualverkehr? […] Körperliche Gesundheit und allgemeines Lebensgefühl? […] Stimmungen, Gefühle: Optimismus oder Pessimismus? Geistiges Niveau: intellektuelle Fähigkeiten, Bildungsgrad usw. Stellungnahme zu religiösen, politischen oder philosophischen Fragen? Dominierende Charakterzüge: Ehrgeiz, Eitelkeit, Neid, Geiz, Hass, Ängstlichkeit, Melancholie, Mitleid, Gemeinschaftsgefühlt usw. Minderwertigkeitsgefühle, Selbstüberschätzung usw.»

Der Psychologe oder Menschenkenner muss dabei «herausfühlen, wo tatsächlich ein Problem vorliegt, und wo es psychologisch angezeigt ist, tiefer zu graben und eingehendere Befragung vorzunehmen.» Dabei muss «ein psychologisches Gespräch immer den Gesetzen des Taktes folgen und in ihrem Fortgang sich sukzessive und schonend den intimeren Bereichen zuwenden.»

Zum Schluss seines Aufsatzes spricht Friedrich Liebling die zutiefst ethische Dimension an, die tiefenpsychologische Menschenkenntnis innewohnt:

«Einen Menschen […] in seiner Wesensart zu erfassen ist lediglich demjenigen möglich, der den Menschen um seiner selbst willen studiert, vielleicht ist sogar ein grundlegendes Verstehen nicht abtrennbar von dem Wunsche oder der Neigung, dem anderen zu helfen, ihm zu verhelfen, sein wahres Wesen zu realisieren.» «Das Grundgefühl eines echten Menschenkenners muss die Achtung vor der Fremdpersönlichkeit sein, eine Haltung frei von richterlichen und moralistischen Intentionen: Nichts ist schwerer für den Menschen als solch eine vorurteilsfreie Begegnungsfähigkeit, und daher rührt der psychologische Zusammenhang, dass jene die guten Menschenkenner sind, die selbst schon in grossen Verstrickungen von Schuld, Versuchung oder innerer Not gestanden haben; die reuigen Sünder …».

Diese ethische und zugleich zutiefst humanistische Dimension kommt in den Schlussworten Friedrich Lieblings zum Ausdruck:

«In der tiefenpsychologischen Menschenkenntnis liegt immer auch ein ethischer Faktor, indem man andere Menschen nur so weit verstehen kann, als man sie liebt, und man liebt besser, je besser man versteht.»

 

 

 

 

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