Annemarie Buchholz-Kaiser, Moritz Nestor, Renata Rapp-Wagner
Vortrag, gehalten 2002 am X. Kongress der Europäischen Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» in Feldkirch: «Humanität am Scheideweg»
Wo stehen wir heute?
Ist die Geschichte der Menschheit nur eine Abfolge von Kriegen? Welchen Kräften verdanken wir Menschlichkeit und Fortschritt? Wie kann es sein, dass wir Heutigen die Welt in einen dritten Weltkrieg zu stürzen drohen, als hätte es die ersten beiden nicht gegeben, und dabei nichts sehnlicher wünschen als Frieden? Woher nehmen Menschen immer wieder die feste Hoffnung, dass Gewalt und Despotie unmenschlich und überwindbar sind und dass Kriege nicht unabwendbares und ewiges Schicksal sind?
Die gegenwärtige Weltlage scheint nicht zu allzu grosser Hoffnung zu berechtigen: Die Menschheit hat den Krieg noch nicht überwunden. Kulturentwicklungen werden ‑ bei allem Fortschritt ‑ immer wieder gehemmt und zurückgeworfen durch gewaltige Vernichtungen und Opfer. Erneut wird um geostrategischer Vorteile willen ein grosser Krieg geplant, provoziert und Schritt für Schritt durchgeführt. Kosovo, Afghanistan, jetzt der Irak. Die Industrienationen rüsten unter der Führung der USA seit Jahren wieder auf. Das US-Militär wächst unter Bush junior wie seit 20 Jahren nicht mehr. Immer destruktivere Waffen-Systeme werden produziert und – eingesetzt! Durch immer raffinierter manipulierte Bilder werden die Menschen über die Greuel des Krieges, den sie bezahlen, hinweggetäuscht. Sie werden in der Illusion gewogen, es handle sich um „chirurgisch saubere“ Eingriffe, um ihr Gewissen zum Schweigen zu bringen. Aber die Kriege im Kosovo und in Afghanistan sind genauso so brutal und vernichtend wie andere. Innerhalb weniger Monate war das mühsam erkämpfte Kriegsrecht ‑ Verbot des Angriffskrieges, Ächtung grausamer Waffen, Schutz der Zivilbevölkerung, Schutz des Internationalen Roten Kreuzes und anderer humanitärer Organisationen, Schutz von Kriegsgefangenen, Schutz von Kulturgütern usw. ‑ beiseitegeschoben.
Die Menschenrechte, die einst als sittlich-rechtliches Gewissen der Menschheit formuliert und als vorstaatliche Rechte und Schutz des einzelnen gegen staatliche Willkür und Gewalt entwickelt worden sind, werden heute sogar zur Rechtfertigung „humanitärer Interventionen“ als Waffe gegen den Menschen verwendet.
Im Zuge einer rücksichtslosen Globalisierung werden die demokratischen Rechtsstaaten entmachtet und zu Verwaltungseinheiten transnationaler Grossmachtgebilde degradiert. Den Menschen wird der rechtsstaatliche Schutz geraubt und so werden sie dem brutalen Spiel der Macht ausgeliefert. Im Zuge der vorgeblichen Terrorismusbekämpfung schränken die Machthaber der kriegführenden Länder die Freiheitsrechte der Bürger ein.
Die nationalen Volkswirtschaften mit ihren sozialen Schutzmechanismen werden aufgerissen und die Menschen dem inhumanen Konzept eines deregulierten Weltmarktes unterworfen. In China zum Beispiel stehen nach dem Beitritt des Landes zur WTO 200 bis 300 Millionen Bauern vor dem wirtschaftlichen Aus, weil sie mit den industriellen Billigimporten nicht konkurrenzieren können. Wie dort werden weltweit kleine und mittelständische Familienbetriebe in den Ruin getrieben und existentieller Not ausgeliefert, während immer grössere Monopole immer grössere Profite machen und immer totalere Herrschaft ausüben. Weltweit geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf. Die heutige Weltwirtschaft kennt keine Verteilungsgerechtigkeit mehr.
In der globalisierten Welt werden die Menschen ihrer natürlichen Bindungen beraubt und aus ihren gewachsenen Kulturen gerissen; sie sollen nur noch als identitätslose, „flexible“ Produktionsfaktoren für den Markt existieren, so dass der Mensch für den Markt und nicht mehr der Markt für den Menschen da ist.
Die Bilanz von dreissig Jahren Globalisierung ist ernüchternd: Die Staaten der EU zählen über 20 Mio. Arbeitslose, 50 Mio. Arme und 5 Mio. Obdachlose. 1,3 Mia. Menschen dieser Erde leben in absoluter Armut; über 800 Mio. – etwa das Vierfache der US-Bevölkerung ‑ sind chronisch unterernährt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein afrikanisches Kind vor dem 5. Lebensjahr stirbt, ist grösser als die, dass es jemals eine Schule besucht. 20-30 Mal höher ist die Kindersterblichkeit in Afrika als in der Schweiz, und 30 Jahre niedriger ist die Lebenserwartung dort. In den letzten dreissig Jahren hat sich der Unterschied im Pro-Kopf-Einkommen zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern von 5000.- auf 15 400.- US-Dollar verdreifacht. Gegen alle schönen Versprechungen, dass besonders die Armen von den Segnungen der Globalisierung profitieren würden, ist die Welt viel ungerechter geworden.
Wir können sagen, dass wir heute eine Epoche erleben, die das einmal erreichte Mass des Menschlichen wieder aufzugeben droht: Alle institutionellen Voraussetzungen eines menschlichen friedlichen Zusammenlebens sind heute –national wie international ‑ bereits derart untergraben, dass sie dem einzelnen Menschen sowie den Völkern nicht mehr genügend Schutz bieten. Die humanen Errungenschaften unserer Zivilisation – Demokratie, Gewaltenteilung, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Föderalismus, Sozialstaatlichkeit, Menschenbildung, Wissenschaft, Schutz der Familie, ein hoch stehendes Gesundheits- und Sozialwesen für alle ohne Unterschied sowie schliesslich das Selbstbestimmungsrecht des Menschen und der Völker und so weiter – werden als nutzlose Fossilien einer angeblich überholten Geschichtsepoche aufgegeben. Breite Teile der Bevölkerung werden der Verwahrlosung preisgegeben und atmen immer mehr die Sprache der Gewalt, der Macht- und der Geldgier. Besonders Kinder und Jugendliche müssen darunter leiden, zu Objekten einer verdummenden Kommerzialisierung gemacht zu werden ‑ statt dass sie in unseren Schulen zu verantwortungsbewussten Bürgern gebildet würden, die einmal eine bessere, menschlichere Welt aufbauen.
Dabei darf man sich nichts vormachen. Der Erosionsprozess ist derart weit vorangeschritten, dass die schicksalhafte Ergebenheit, die Arglosigkeit und Ahnungslosigkeit, mit der wir auf die Tragfähigkeit der brüchig gewordenen sozialen Systeme und den Schutz durch den Rechtsstaat vertrauen, verantwortungslos ist: Wir scheinen Ruderern zu gleichen, die im Zentrum eines Hurrikans dahintreiben und besorgt den dunklen Himmel beobachten, wann das Unwetter kommt.
Angesichts dieser Lage steht jeder von uns vor der Entscheidung: Entweder werden wir als Mitläufer oder als Teil einer schweigenden, ängstlichen Mehrheit in diesen Untergangsprozess hineingezogen oder aber wird folgen der Stimme der Menschlichkeit und halten es nicht mehr mit uns selbst aus, nicht alles Menschenmögliche getan zu haben, damit das gerettet wird, was zu retten ist, und das wiederaufgebaut wird, was zerstört wurde. Eigentlich haben wir gar keine Wahl, denn wenn wir nicht den humanen Weg einschlagen, leben wir unser Menschsein nur kümmerlich, stehen nicht zu dem, was wir sind und was wir sein können und was unser Recht ist.
Entscheidend ist das Menschenbild
An Wissen über den Menschen und die Grundbedingungen für sein Zusammenleben in Freiheit und Frieden fehlt es nicht, um tätig werden zu können: Wann und wo immer in der Geschichte Menschen mehr Frieden, Wohlstand, Gerechtigkeit, Erkenntnis, Bildung und freie Entfaltung errungen haben, war das nur möglich, wenn sie miteinander zusammenwirkten, wenn sie sich, ihre Mitmenschen und die Welt besser verstanden und daher ihr Zusammenleben mitmenschlicher gestalten konnten. Je mehr sich Kulturen auf die Gegenseitige Hilfe besannen, die Menschen darin sich miteinander verbanden und gleichwertig zusammen etwas aufbauten und je mehr dabei jeder einzelne als Mensch geachtet und keiner zu gering angesehen wurde, als dass man auf ihn verzichten hätte können ‑ entstanden die besten Bedingungen dafür, dass sich jeder einzelne frei entwickeln konnte. Die moderne Anthropologie und Kulturanthropologie bestätigt uns nichts deutlicher als dass diese Gegenseitige Hilfe von den allerersten Anfängen der Menschheitsgeschichte an der mächtigste Entwicklungs-Faktor war und ist: Menschliches Zusammenleben kann dort gedeihen, wo jeder einzelne sich zum Wohl aller auf seine Weise aktiv beteiligen und Verantwortung übernehmen kann, wo jeder einzelne seine einmalige Bedeutung und seinen Wert für das Wohl aller erkennt, fühlt und lebt, so dass er und seine Mitmenschen zum Gestalter ihrer Geschichte werden und es von jedem einzelnen abhängt, welchen Weg die Menschheit einschlägt. Seit der griechischen Antike nennen wir die politische Form dieses anthropologischen Prinzips Demokratie.
Wo immer in der Menschheitsgeschichte das Prinzip der Gegenseitigen Hilfe verwirklicht wurde, konnte es um den einzelnen Menschen gehen, um sein Recht, seine Freiheit und um die Würde jedes einzelnen. Wo es in einer Kultur Fortschritte gab, verdanken sie ihre Entstehung dieser humanen Grundhaltung.
In der europäischen Tradition seit der frühen Neuzeit erreichte diese humane Grundhaltung mit der Auffassung vom Menschen als Person einen hohen Stand: Der Mensch ist weder durch Triebe oder Instinkte noch durch die soziale Umwelt determiniert. Der Mensch ist ein freies Wesen, auf Mitmenschlichkeit und Zusammenarbeit angelegt. Er ist begabt mit der Fähigkeit zu Vernunft und Sprache, durch die er sich und die ihn umgebende Welt begreifen beziehungsweise verstehen und sich entscheiden kann. Solcherart ist er fähig, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Er ist nicht dazu verdammt, ein Schicksal zu erdulden, sondern kann aktiver und verantwortlicher Gestalter seines Lebens und seiner Geschichte sein und kann an der Höherentwicklung der Menschheit im Sinne einer Höherentwicklung der Menschlichkeit teilnehmen. Gerade dieses schöpferische Aufgreifen und Weiterentwickeln dessen, was sich in der Geschichte bewährt hat, ist besonderer Ausdruck menschlicher Freiheit und wesentlicher Teil der kulturellen, geschichtlichen Existenz des Menschen.
Der Mensch ist von Natur ein kulturelles Lebewesen. Nur das Zusammenleben in Kultur ermöglicht es ihm, sein Menschsein zu entfalten. Kultur ist die „zweite Natur“, die er sich bauen muss, um jeden einzelnen und dadurch die Gattung zu schützen, zu sichern und alle ihre Anlagen zu entfalten. Er ist fähig, sich seiner selbst, seiner Stellung in der Welt und seiner kulturellen, geschichtlichen Bedingtheit bewusst zu werden. So können menschliche Gemeinschaften aus den Erfahrungen ihrer Geschichte lernen, Fehler und Irrtümer korrigieren, um so ihre Kinder zu mehr Mitmenschlichkeit zu erziehen und zu bilden, als dies vorangegangenen Generationen möglich war.
Wesentliche Errungenschaft war dabei die Erkenntnis, dass jeder Mensch sein Menschsein immer auf individuelle, einzigartige und unverwechselbare Weise ausbildet. Im Zentrum aller Bemühungen um ein humanes Zusammenleben der Menschen muss daher immer der einzelne stehen, nicht ein Kollektiv oder eine abstrakte „Menschheitsidee“, in deren Namen man die Menschen unterdrückt und bezwingt.
Diese Idee, die in der personalen Auffassung vom Menschen wurzelt, hat die humanistische Bildungstradition Europas hervorgebracht. Erasmus, Montaigne, Schiller, Humbold, Herder, Pestalozzi, schiesslich auch die Individualpsychologie Adlers und seiner Schüler und viele andere sind aus dieser Tradition hervorgegangen und haben durch Bildung und Erziehung des einzelnen zur Höherentwicklung der Menschheit, zu mehr Humanität beigetragen.
Überall wo dieses Menschenbild geschichtlich wirksam werden konnte, hat Lösungswege gesucht und Einrichtungen geschaffen, bis hin zu den Institutionen des Rechtsstaates und des Völkerrechts, die zu einer humaneren Entwicklung und Entfaltung der menschlichen Fähigkeiten beigetragen und mehr Frieden und Gerechtigkeit unter den Menschen geschaffen haben.
Grundgedanke ist dabei, dass der Mensch nur Mitmensch werden kann unter der Bedingung von Mitmenschlichkeit, Humanität. Zwang und Gewalt können keine selbstbewussten Persönlichkeiten mit Vertrauen zum Mitmenschen hervorbringen. Vertrauen unter Menschen gründet unabdingbar in Freiheit und Gewaltlosigkeit. Das ist eine Konstante der menschlichen Natur, die niemand übergehen kann, ohne dem Menschen Schaden zuzufügen.
Vertrauen zum Mitmenschen ist die Grundlage der Kulturentwicklung, aber auch der Persönlichkeitsentwicklung in allen Lebensphasen. Die erste natürliche Gemeinschaft, in der schon das Neugeborene dieses Vertrauen entwickelt ist die Familie. Ohne ein Grundmass an Urvertrauen entsteht kein Persönlichkeitskern im Kind, entwickeln sich seine Menschlichkeit unvollkommen. Seine Sprachentwicklung leidet, sein Denken entwickelt sich schwach, seine mitmenschlichen Fähigkeiten verkümmern, die Kinder werden anfällig dafür, sich kritiklos Gruppenzwängen unterzuordnen, andere zu beherrschen, abzuwerten oder gar sadistisch zu quälen und darin ein pervertiertes Gefühl von Wert zu spüren; sie können auch sogenannte Borderlinefälle werden. Nichts ist besser im letzten Jahrhundert von der personalen Tiefenpsychologie und Entwicklungspsychologie erforscht worden. Die moderne Anthropologie hat, ausgehend von Adolf Portmanns Grundlagenforschung in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts diese Zusammenhänge bestätigt.
Familien, der grössere Kreis der Verwandtschaften und Gemeinschaften brauchen, um existieren zu können, den Schutz und die Ergänzung durch grössere soziale Einheiten: andere Familien, die zusammen Dorfgemeinschaften, (kleinere) Städte bilden. Diese kleinen kulturellen Einheiten müssen für den Einzelnen überschaubar bleiben. Sie sind Räume gemeinsamer Sprache, Werte, Traditionen, durch die sie sich verständigen und beieinander geborgen fühlen können. Die Menschen bilden sie freiwillig und spontan und schaffen in gegenseitiger Hilfe alle Güter und Einrichtungen, die zum Leben nötig sind. Ausgangspunkt und Ziel dieses für den Menschen typischen Verhaltens ist der Schutz des Lebens eines jeden, seine Bildung und Förderung durch das, was eine Kultur ausmacht: Gegenseitige Hilfe in Familien und den vielfältigen Gemeinschaften wie Nachbarschaftshilfen, Kooperativen, Vereinen, wissenschaftlichen Gesellschaften, Akademien, Schulen, Gesundheitswesen, Institutionen des demokratischen Rechtsstaates – deren Ziel und Zweck die freie Entfaltung jedes einzelnen in und durch Gemeinschaft ist.
So bauen die Menschen Kulturen, die um so menschlicher sind, je mehr sie die Einmaligkeit eines jeden achten und bilden können. Je humaner durchbildet die Kultur ist, desto bessere Voraussetzungen bietet sie dadurch, dass in ihrem Schoss reife, verantwortungsvolle, selbstbewusste Individualitäten heranwachsen können. Diese wiederum tragen ihren Teil dazu bei, das Vorgefundene zum Wohle aller, auch der kommenden Generationen, weiterzuentwickeln, Fehler zu vermeiden, das Bewährte auszubauen und weiterzugeben.
So kann auch ein Band zwischen Kulturen entstehen, können ‑ wie dies die europäische Entwicklung von den antiken Griechen über die Araber und Römer bis in die frühe Neuzeit hinein zeigt ‑ Kulturen voneinander lernen, aufeinander aufbauen, Traditionen aufgreifen und schöpferisch weiterbilden, kurz: den Grad der Humanität im Strom der Geschichte weiterentwickeln. Und so kann es auch eine allmähliche Höherentwicklung der Menschlichkeit in der gesamten Menschheit ‑ eine Menschheitsgeschichte im eigentlichen Sinne des Wortes ‑ geben. Es war Johann Gottfried Herder, der dies Humanität nannte, in einem Wort alles, was das naturrechtlich humanistische Denken seit der griechischen Antike geschaffen hat. Ein Mensch allein kann gar nicht ausbilden, was der Mensch als Gattung sein kann. Schliesslich wird erst die Menschheit in gemeinsamer Anstrengung es tun können.
Gelingen kann es aber nur, wenn diese Menschen sich dafür einsetzen und nicht im Wahn eines Krieges inhumane, kulturdestruktive Kräfte entfesseln oder sich gar selbst vernichten. Die Höherentwicklung ist nämlich kein geradliniger Prozess, kein Geschichtsautomatismus, sondern hängt davon ab, ob und wie genau wir Menschen dieses Ziel der Menschlichkeit erkennen, wie gut wir erkennen, was Geschichte sinnvoll macht, wie gut es uns gelingt, aus uns Menschen zu machen, die das leben, was wir sind, dass wir Mitmenschen werden und Gesellschaften bauen, die allen Menschen ohne Unterschied die Entfaltung ihrer Menschlichkeit ermöglicht. Und dass wir aus diesem Werden heraus und aus dem tiefen Mitgefühl, welch Unrecht am Menschen der Weg der Macht und des Krieges bedeutet, etwas dafür tun, dass die Menschheit den humanen Weg und keinen anderen einschlägt.
Der Staatsrechtler Martin Kriele hat dies für die staatsrechtliche Sphäre einmal die „demokratische Weltrevolution“ genannt, welche allmählich ‑ mit Umwegen und Rückschlägen ‑ von Beginn des naturrechtlichen Denkens in der griechischen Antike an bis in die Neuzeit mehr Freiheit, mehr Recht, mehr Schutz des einzelnen und seiner Kultur ‑ in allem mehr Menschlichkeit ‑ gebracht hat.
Das ist das, was Alfred Adler nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges als Fernziel der Menschheitsentwicklung (sub spezie aeternitatis) und als ethisches Fundament seiner Individualpsychologie ansah: Wir Menschen sollen alles tun, dass eines Tages die Menschheit Gemeinschaftsgefühl wie Luft atmen kann, was nur gelingen kann, wenn es gelingt die Menschen, jeden einzelnen, vom Streben nach Macht zu erlösen und ihn mit den Menschen zu befreunden, und zwar in den kleinen wie in den grossen Gemeinschaften der Menschen.
Wenn in der Geschichte auch kein Automatismus wirkt, so gibt es doch nur dieses eine Ziel der Humanität und des Friedens, das der Mensch seiner Geschichte geben muss, damit sie sinnvoll wird, denn nur der Frieden ‑ innerhalb der Kulturen wie auch zwischen ihnen ‑ schafft die Voraussetzungen, dass der Mensch sich als Mitmensch entwickeln kann, dass er zu dem werden kann, was er ist. Das kulturelle Wesen des Menschen, seine personale Natur zeigt uns: Nicht „der Krieg ist der Vater aller Dinge“, der Friede ist der Humus der humanen Kultur. Man muss nicht die andere Kultur hassen, um die eigene lieben zu können, wie Huntington behauptet. Daher gibt es auch keinen „Clash of civilisations“, wenn er nicht durch Aufstachelung und Verhetzung künstlich herbeigeführt wird.
Wo die Menschen statt Krieg zu führen, zu morden, grenzenlosem Reichtum nachzustreben die Höherentwicklung der Humanität ins Auge fassen, kann der Blick auf den Menschen frei werden und auf die gegenseitigen Hilfe, die ungeahnte Kräfte freisetzt. Wo die personale Auffassung vom Menschen geschichtsmächtig geworden ist, sind Fortschritte zum Wohl aller möglich geworden. Daran anzuknüpfen und weiter zu wirken ist unserer Aufgabe, wenn es darum geht, eine humanere Welt zu bauen.