Egalitäre Gemeinschaften – auf Spurensuche mit David Graeber

1. Oktober 2026

Johannes Irsiegler

 

 

David Graeber (1961 –2020) war ein amerikanischer Kulturanthropologe und als solcher einer der weltweit einflussreichsten und innovativsten Denker unserer Zeit. Er ist Autor vieler Bücher, u.a. Fragmente einer anarchistischen Anthropologie (2004/2022), Schulden: Die ersten 5000 Jahre (2011), Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System (2012), Bullshit Jobs – Vom wahren Sinn der Arbeit (2018). Darin befasst er sich damit, was wir aus anthropologischer Sicht über menschliche Gemeinschaften wissen.

 

 

Warum die Beschäftigung mit der Anthropologie im Allgemeinen und der Kulturanthropologie im Speziellen?

Unser Zusammenleben wird durch Menschenbilder geprägt. «Auch bevor Philosophen und Wissenschaftler die Frage nach dem Menschen systematisch stellten, dachten Menschen immer über sich nach, und es gab Menschenbilder, die das Zusammenleben tief prägten»[1], so der Psychologe und Philosoph Moritz Nestor.

Wir kennen das Menschenbild, das die neoliberale Wirtschafts- und Staatsdoktrin prägt: «Who is society? There is no such thing!», so die Aussage von Margret Thatcher dazumals. Die Auswirkungen dieses Menschenbildes spüren wir heute mehr denn je. Wir kennen auch das Menschenbild, das den imperialistischen Raubzügen Europas zu Grunde lag und das heute wieder Hochkonjunktur hat: Survival of the fittest – Sozialdarwinismus.
Menschenbilder, die die jeweiligen Gesellschaften prägen, sind Ausdruck ihrer Kultur. Und je nachdem, wie gut diese historisch gewachsenen Menschenbilder in Einklang mit der Natur des Menschen sind, lebt der Mensch glücklicher und freier. Die Frage ist, wie der Mensch so leben kann, dass er sein Handeln in Einklang mit seiner Natur bringen kann. Die Denker des europäischen Humanismus versuchten auf diese Frage Antworten zu finden. Es geht auch bei der Beschäftigung mit der Anthropologie und der Kulturanthropologie um diese Frage: Welche Art des Zusammenlebens entspricht unserer Sozialnatur oder kommt ihr am nächsten?

Grundlegend kann gesagt werden, dass die Schaffung von Kulturen Teil unseres Menschseins ist. Wir Menschen sind Kulturwesen. Das Leben in Kulturen ist ein spezifisches Merkmal unserer Art.

«Zu allen historischen Perioden hat es keinen lebensfähigen Robinson gegeben, sondern wir sind immer aufgetreten in Gruppen, Stämmen, Ethnien, Kulturen. Und diese Kulturen haben diesen Sinn, so etwas zu bauen wie eine ‘zweite’ Natur, die den Menschen schützt in seiner Menschwerdung.»[2]

Aristoteles spricht vom Menschen als zoon politicon, also einem Gemeinschaftswesen, einem Lebewesen, das seine Natur nur in einer Gemeinschaft entfalten kann. Der bedeutende Basler Zoologe und Anthropologe Adolf Portmann erachtet Kultur als Natur des Menschen. Er meint damit folgendes:

«Er formt sich im Zusammenleben mit den Mitmenschen die Natur zur ‚zweiten Natur‘, zur Kultur und hat dabei alles, was er zu seinem Leben braucht, nicht automatisch von der Natur vorgegeben, ohne darauf Einfluss haben zu können, sondern kann sich, was er zum Leben braucht, durch Bearbeitung der Natur selbst gestalten. Mensch ist ein Wesen, das die Natur bearbeitet und aus ihr Kultur formt. In diesem Sinne ist die Umwelt des Menschen die von ihm bearbeitete Natur.»[3]

Papst Leo spricht in einer Rede vor Studenten an der Universität Rom davon, dass der Mensch seine Beziehungen, seine Sprache und seine Kultur sei.[4] Kulturen sichern das Leben, um Menschlichkeit und Humanität im Rahmen des möglichen zu verwirklichen. Es braucht hierfür keinen Zwang und es kann auch nicht von oben verordnet werden.

In der menschlichen Geschichte entstand deshalb eine Vielfalt an Kulturen, an Lebensformen, die sich alle mit den existentiellen Fragen des Zusammenlebens beschäftigen.

 

 

Zum Menschenbild David Graebers

Diese Vielfalt an sozialen Lebensformen zu erforschen, ist eines der Hauptanliegen von David Graeber. Er bezeichnet die Fähigkeit, «mit verschiedenen Formen sozialer Organisation zu experimentieren, (als einen wesentlichen) Teil dessen, was uns zu Menschen, also zu Wesen mit der Fähigkeit zur Selbsterschaffung, ja zur Freiheit macht.»[5] In der Menschheitsgeschichte lasse sich ein dauerndes Ringen um die Frage finden, «ob wie alle die gleichen Möglichkeiten haben, an Entscheidungen mitzuwirken, die unser Zusammenleben betreffen.»[6] Diese Möglichkeit, soziale Beziehungen neu zu organisieren und am Zusammenleben mitzuwirken betrachtet Graeber denn auch als eine Grundform der Freiheit des Menschen.[7] Bei der Auseinandersetzung mit der Kulturgeschichte und Kulturanthropologie geht es für Graeber um unsere Zukunft, darum, «wie wir die Freiheiten wiederentdecken können, die uns überhaupt erst zu Menschen machen.»[8]

„Alles ist menschengemacht und wenn dem so ist, können wir es auch anders machen“, so seine tiefe Überzeugung.[9] Der Ausgangspunkt seines anthropologischen Forschens und politischen Denkens ist, dass «die Möglichkeiten menschlichen Eingreifens … auch heute noch weitaus grösser (sind), als wir zu denken geneigt sind.»[10] «Eine andere Welt ist möglich»[11], so eine Grundannahme seiner Gesellschaftstheorie. Zudem lehnt den autoritären Machtstaat mit seiner Organisation von oben nach unten ab, ebenso den Terror, wie er sich im autoritären Marxismus und im Bolschewismus vorfand, und die Idee, dass es eine Avantgarde brauche, die den Völkern der Erde die richtige Richtung weise. In diesem Sinne ist er ein zutiefst freiheitlicher Denker.

 

Wissenschaftliches Arbeiten in der Anthropologie und Kulturanthropologie

Der Kern wissenschaftlichen Denkens ist es, dass man verstehen lernen will, was wirklich ist. Man versucht, den zu untersuchenden Gegenstand so zu erkennen, so abzubilden, so zu analysieren, wie er sich in der Realität darstellt, und kommt so zu einer Erkenntnis über das Wesen dieses Gegenstandes. So macht des der Biologe, der mit seinem Mikroskop die verschiedenen Tier- und Pflanzenarten untersucht. Für die Anthropologie ergibt sich die Schwierigkeit, dass der zu untersuchende Gegenstand ein anderer Mensch ist, eine andere Kultur, eine fremde Lebensform. Der Forscher ist mit seinen Vorstellungen, kulturellen Vorurteilen und auch Verzerrungen aktiver Teil dieses Forschungsprozesses. Dem muss sich der Anthropologe bewusst sein, wenn er eine andere Gemeinschaft verstehen lernen will. Es braucht ein Gefühl der Gleichwertigkeit und der Achtung der anderen Kultur in ihrer ganzen Fremdheit. Schnelle Schlüsse oder moralisches Besserwissertum verblenden dabei die Sicht. In Graebers Worten:

«Wenn man ethnographische Untersuchungen durchführt, beobachtet man, was die Leute so treiben, um daraufhin zu versuchen, ihnen die verborgene symbolische, moralische oder pragmatische Logik, die ihren Handlungen zugrunde liegt, zu entlocken; man versucht dahinter zu kommen, in welcher Hinsicht Gewohnheiten und Handlungen der Menschen einen Sinn ergeben, auf die eine oder andere Weise, derer sie sich selbst nicht völlig bewusst sind. Eine offenkundige Rolle für radikale Intellektuelle besteht genau darin: auf jene zu achten, die gangbare Alternativen schaffen, die möglichen grösseren Implikationen ihrer (bisherigen, schon gelebten) Tätigkeit herausfinden und diese Ideen später zurückzugeben, nicht als Vorschriften, sondern als Beiträge, Möglichkeiten – Geschenke.»[12]

Die Ergebnisse der Forschung dem anderen Menschen als Geschenk zurückgeben, von gleich zu gleich, ohne moralische Bewertung. Im Grunde ist diese Haltung keine andere, als wir sie von der psychologischen Arbeit kennen. Der Schweizer Psychologe Friedrich Liebling hat es für seinen Tätigkeitsbereich so formuliert:

«(M)an kann tatsächlich die Menschen nur verstehen, soweit man sie liebt; und man wird sie mehr lieben, wenn man sie besser versteht. Das Grundgefühl eines echten Menschenkenners muss die Achtung vor der Fremdpersönlichkeit sein, eine Haltung frei von richterlichen und moralistischen Intentionen… .»[13]

In der Achtung vor der Persönlichkeit des anderen, die die Grundlage freien Forschens bildet, spiegelt sich ein hohes Ethos wider. Es bildet die Grundlage von Davids Graeber wissenschaftlichen Arbeitens. Graeber spricht in diesem Zusammenhang von einer ‚anarchistischen Anthropologie‘, weil für ihn eine anthropologische Wissenschaft nur unter den Bedingungen der Gleichwertigkeit und Freiheit möglich ist. ‚Anarchismus‘ heisst für ihn, dass Zweck und Mittel übereinstimmen müssen. Zum Beispiel lässt sich keine Freiheit mit autoritären Mitteln gewinnen. Und auch in den eigenen Beziehungen zu Freunden und Gleichgesinnten muss die Gesellschaft verkörpert werden, die man schaffen will.[14]

Wenn sich der Forscher von den Herrschaftsverhältnissen seiner eigenen Gesellschaft, vom Denken in oben und unten frei machen kann, dann erkennt er in der Menschheitsgeschichte bis heute diese Vielfalt an Lebensformen, die immer wieder den subsidiären Aufbau einer Gesellschaft von unten nach oben zeigen, ausgehend von selbstverwaltetem genossenschaftlichem Zusammenleben an der Basis – und er erkennt, dass dieser Aufbau unserer menschlichen Natur entspricht. Dass die Forschung oft auf Imperien und Königreiche fokussiert war, sagt mehr über die Forscher als über die Wirklichkeit aus.

«Unser Bild von den vergangenen 5000 Jahren der Menschheitsgeschichte ist von Städten, Imperien und Königreichen geprägt, obwohl es sich dabei nur um Inseln der Hierarchie in einem politischen Meer handelte, dessen Bewohner – sofern sie überhaupt ins Blickfeld der Historiker gerieten – überwiegend in ‘Stammesverbänden’, …(Städtebünden) oder ‘segmentären Gesellschaften’ lebten, wie es die Anthropologen nennen – also in gleichartigen und gleichrangigen Gruppen ohne zentrale politische Institutionen. Aus Afrika, Nordamerika und Asien, wo solche lockeren politischen Zusammenschlüsse noch bis in die jüngste Zeit existierten, wissen wir zwar ein wenig, wie solche Gesellschaften funktionierten. Aber aus der Zeit, als sie weltweit die dominierende Herrschaftsform waren, haben wir so gut wie keine Informationen über sie.»[15]

Graeber lehnt Elitedenken ab. Er hält fest, dass sich eine vorurteilslose Haltung in der Anthropologie nicht mit universitärem Elitedenken vertrage.[16]

 

 

Anfänge

Gemeinsam mit dem britischen Archäologen David Wengrow hat Graeber das Buch Anfänge publiziert. Darin zeigen sie auf, dass es Teil unseres Menschseins ist, sich in Gemeinschaften zu vereinen, sich von unten nach oben zu organisieren, die Angelegenheiten selbst zu regeln und das in so vielen Beispielen, wie es Kulturen gibt. Immer wieder weisen sie darauf hin, dass es aufgrund dieser menschlichen Eigenart Alternativen zur heutigen Weltordnung gab und gibt und geben wird. Das Gefühl von Ohnmacht und Perspektivlosigkeit angesichts des Macht- und Kriegsrausches einiger Eliten heute ist Teil der Propaganda und entspricht nicht dem, was wir über die menschlichen Gemeinschaften auch aus anthropologischer Sicht wissen.

Die beiden Autoren widerlegen in ihrem Buch viele gesellschaftlich weit verbreitete Mythen, die uns heute fast schon naturgegeben vorkommen:
Zum Beispiel,

1. dass die Geschichte linear verlaufe (Jäger/Sammler; Bauer; Städter; Hierarchie; Ungleichheit …), also es in der Geschichte eine Teleologie gebe, die Geschichte sei auf ein Ziel oder einen Zweck bezogen, und seien damit die heutigen Verhältnisse unvermeidlich[17],

oder

2. dass Komplexität von Gesellschaften automatisch zu Hierarchie führe und damit sei Ungleichheit unvermeidlich – Im Gegenteil haben viele Gesellschaften Mechanismen entwickelt, Macht zu begrenzen, Hierarchien zu verhindern oder wenn sie da waren, wieder bewusst abgeschafft.

Oder

3. dass, heute in Gleichheit zu leben, erfordere, dass wir die Technik und die zivilisatorischen Errungenschaften aufgeben. Das ist der alte Topos des ‘edlen Wilden’, im Grunde das Narrativ des biblischen Sündenfalls. Dabei haben die Menschen zu allen Zeiten bewusst mit verschiedenen Gesellschaftsformen experimentiert und wenn man sie in Ruhe gelassen hat, dann sich die Gesellschaften so eingerichtet haben, wie sie es den Lebensumständen entsprechend am besten fanden. Die Frage ist, warum wir heute denken, das dies nicht mehr möglich ist.

 

 

Nun einige Beispiele aus Graebers Buch

Zunächst ein Beispiel aus unserer Menschheitsgeschichte, das mit dem Mythos bricht, dass Sesshaftigkeit und Städtebau unweigerlich zu Hierarchie und Machtballung führen: Siedlungen mit mehreren 10,000 Einwohnern tauchen in der Menschheitsgeschichte erstmals vor etwa 6000 Jahren auf, auf beinahe allen Kontinenten und zunächst isoliert. Diese Städte unterschieden sich voneinander. Die Bandbreite war gross. Überraschend wenige dieser frühen Städte weisen Anzeichen einer autoritären Herrschaft auf, wie der gegenwärtige Forschungsstand belegt. Die Städte waren nicht zwangsweise von einem bäuerlichen Hinterland abhängig, wo Leibeigene oder Pachtbauern schuften und von wo aus sie Wagenladungen mit Getreide herbeischaffen um den Hunger der Stadtbewohner zu stillen. In den ersten Städten waren Gartenbau und Nutztierhaltung in kleinem Massstab sehr wichtig. Dasselbe gilt auch für die Jagd und das saisonale Sammeln von Nahrung in Wäldern und Marschgebieten.

Werfen wir einen Blick auf die ältesten mesopotamischen Städte aus dem vierten Jahrtausend v. Chr. Wir haben alle das Bild einer monarchischen und aristokratische Zivilisation vor Augen, so wurde es den meisten von uns in der Schule gelehrt. Fakt ist aber, dass diese ersten Städte keinerlei Anhaltspunkte für eine Monarchie zeigten. Das gab es erst später. Es gab die verpflichtende Mitarbeit an Gemeinschaftsprojekten, die freien Bürgern saisonal bedingt abverlangt wurde. Es war Teil des politischen Ehtos. Diese Arbeit leistete jeder, selbst der Herrscher späterer Perioden. Zeiten der Arbeitsmobilisierung wurden als Momente betrachtet, in denen alle Menschen vor den Göttern absolut gleich waren, sogar Sklaven.

Die Bürger hatten bedeutendes Mitspracherecht an der Regierung. Selbst die autokratischsten Herrscher späterer Stadtstaaten mussten sich vor Stadträten, Stadtteilgremien und Bürgerversammlungen verantworten, an denen neben den Männern oft auch Frauen teilnahmen. Die Söhne und Töchter einer Stadt konnten sich Gehör verschaffen und alles, von der Besteuerung bis zur Aussenpolitik, beeinflussen. Volksräte und Bürgerversammlungen waren feste Säulen der Regierung auch in den städtischen Gesellschaften benachbarter Völker. Nirgendwo im alten Nahen Osten findet sich eine Stadt, in der keine Volksversammlung oder etwas ähnliches einberufen wurde. [18]

«Die meisten mesopotamischen Städter (lebten) offenbar in autonom organisierten, selbstverwalteten Einheiten, die auf offensive Oberherren reagierten, indem sie diese vertrieben oder die Stadt gänzlich aufgaben.»[19]

Graeber führt weitere Beispiele aus der Ukraine und Indien an und kommt zum Schluss:

«Wir wollen keinesfalls behaupten, die ersten Städte in einer beliebigen Region der Welt seien ausnahmslos nach egalitären Prinzipien gegründet worden. … Vielmehr zeigen archäologische Funde, dass dies ein überraschend häufiges Muster war, welches den konventionellen, evolutionären Annahmen, wie sich Grössenordnungen auf die menschliche Gesellschaft auswirken, widerspricht. In jedem der Fälle, die wir untersucht haben, … organisierte man die menschlichen Siedlungen immer komplexer, ohne dass sich Reichtum oder Macht in den Händen herrschender Eliten konzentriert hätte. Kurzum, die archäologische Forschung hat die Beweislast zu Ungunsten jener Theoretiker verschoben, die behaupten, die Entstehung von Städten und das Aufkommen von Schichtstaaten, seien ursächlich miteinander verknüpft, was sich nun zunehmend als unhaltbar erweist.»[20]

 

Es folgen Beispiele für Gesellschaften, die saisonal egalitär lebten und so auch Mechanismen entwickelten, wie sie Macht begrenzen können.

a) Die Lakota, ein indigener Stamm der Great Plains der USA leben die meiste Zeit des Jahres in egalitären Gruppen ohne Zwang. Einzig im Sommer zur Büffeljagd kommen hierarchische Strukturen ins Spiel, die Büffelpolizei:

«Die Völker der Great Planes waren einst Ackerbauern gewesen, hatten jedoch den Getreideanbau weitgehend aufgegeben. Sie waren auf entlaufene Pferde spanischer Eroberer gestossen, hatten diese gezähmt und ein fast gänzlich normales Leben begonnen. Nur im Spätherbst und Frühherbst sammelten sich die Kleinen, ausgeprägte mobilen Gruppen von Cheyenne und Lakota in grossen Siedlungen und trafen die logistischen Vorbereitungen für die Büffeljagd. Für diese heikelste Zeit des Jahres stellten sie eine Polizei auf, die volle Zwangsgewalt hatte – auch das Recht, jeden der die Jagdvorbereitungen gefährdete, einzusperren, auspeitschen oder mit einer Strafe zu belegen. … Sobald die Jagdsaison beendet war, machte der Autoritarismus wieder den … ‚anarchischen‘ Organisationsformen Platz und die Gesellschaft teilte sich wieder in kleine mobile Gruppen auf.
… Um einen maximalen Jagderfolg zu gewährleisten, wurde eine Polizei aufgestellt, die entweder aus einer Militärgesellschaft bestand oder ad-hoc ernannt wurde oder durch ihre Clan Zugehörigkeit definiert war. Sie erteilte Befehle und wiesen ungehorsame in die Schranken. In den meisten Stämmen konfiszierten sie nicht nur heimlich gejagtes Wild, sondern peitschten den Täter auch aus, zerstörten seinen Besitz und töteten ihn, wenn er Widerstand leistete. Dieselbe Organisation, die sich bei einem Mord auf moralische Appelle beschränkte, verwandelte sich im Zusammenhang mit einer Büffeljagd in ein unerbittliches Staatsorgan. … Die Soldaten hielten auch Krieger mit Gewalt davon ab, Überfälle zu begehen, die der Häuptling für unangebracht hielt; sie übernahmen die Führung bei Massenmigrationen; sie beaufsichtigen die Menge bei einem grossen Fest und konnten auch sonst für Ruhe und Ordnung sorgen. … Einen grossen Teil des Jahres, existierte der Stamm schlichtweg nicht als solcher und die Familien oder kleinere Verbände von vertrauten, die gemeinsam ihren Lebensunterhalt bestritten, bedürften keiner besonderen, disziplinarischen Organisation. Die Soldaten waren also lediglich eine Begleiterscheinung zahlenmässig, starker Versammlungen und arbeiteten deshalb nicht kontinuierlich, sondern nur periodisch. …
Sie lösten nicht nur, sobald die Saison der Rituale vorbei war, alle Mittel auf, mit denen sich autoritäre Macht ausüben liess, sondern achteten auch sorgfältig darauf, die Machtausübung nach einem Rotationssystem auf die einzelnen Clans oder Militärgesellschaften zu verteilen. Wer immer in einem Jahr Macht ausübte, war im darauffolgenden Jahr der Macht anderer unterworfen.»[21]

 

b) Das Volk der Nambikwara bewohnt einen für seine Unwirtlichkeit berüchtigten Streifen Savanne im Nordwesten von Brasilien:

«Sie lebten effektiv in zwei ziemlich unterschiedlichen Gesellschaftsformen. In der Regenzeit wohnten sie mit mehreren 100 Menschen in einem Bergdorf und betrieben Gartenbau, aber den Rest des Jahres verteilten sie sich auf kleine Wildbeutergruppen. Häuptlinge … gaben in dieser Phase Befehle, fanden Krisenlösungen und verhielten sich auf eine Art autoritär, die während der Regenzeit abgelehnt worden wäre. In dieser Jahreszeit, in der es viel entspannter zuging und eher Überfluss als Mangel herrschte, …wirkten die Häuptlinge, indem sie ihr Volk schonend überzeugten oder mit gutem Beispiel vorangingen, wenn sie ihre Gefolgsleute beim Bau ihrer Häuser und der Pflege ihrer Gärten anleiteten. In dieser Funktion versorgten sie auch Kranke und Bedürftige, vermittelten bei Streitigkeiten, zwangen aber niemandem je etwas auf. … Durch das Geschick, dass die Häuptlinge in der Trockenzeit als Anführer kleiner Gruppen von Wildbeutern bewiesen, wenn sie unter Druck … schnelle Entscheidungen trafen, qualifizierten sie sich dafür, auf dem Dorfplatz, die Rolle von Vermittlern und Diplomaten zu spielen. Und indem sie das taten, bewegten sie sich jedes Jahr zwischen zwei Existenzformen hin und her, die evolutionäre Anthropologen beharrlich als zwei völlig verschiedene Stadien der sozialen Entwicklung definieren, von Jägern und Sammlern zu Bauern und zurück. …(D)er Häuptling der Nambikwara … wechselt mit ruhiger Finesse zwischen zwei verschiedenen Sozialsystemen und bringt dabei stets seinen persönlichen Ehrgeiz mit dem Gemeinwohl in Einklang.»[22]

 

c) Die typische Organisation der Piratenschiffe des 18. Jahrhundert scheint bemerkenswert demokratisch gewesen zu sein.

«Kapitäne wurden nicht nur gewählt, gewöhnlich funktionierte ihre Rolle in vielem wie die der war Chiefs der Native Americans: auf der Verfolgungsjagd oder im Kampf mit absoluter Macht ausgestattet, wurden sie anderweitig wie gewöhnliche Mannschaftsmitglieder behandelt. Die Besatzung der Schiffe, deren Kapitänen grössere allgemeinen Machtbefugnisse eingeräumt wurden, bestanden auf ihrem Recht, ihre Kapitäne im Falle von Feigheit, Grausamkeit oder irgendeinem anderen Grund, jederzeit ihres Postens entheben zu können. In jedem Fall lag die letzte Entscheidungsgewalt bei einer Vollversammlung, die oft sogar über ganz geringfügige Angelegenheiten befand.»[23]

 

Das nächste Beispiel räumt mit dem Mythos des «edlen Wilden» auf und zeigt auf, dass viele Gesellschaften von einem hohen politischen Ethos geprägt waren. Es handelt von den demokratischen Institutionen der Ureinwohner um die Grossen Seen in den USA, der Irokesen oder Haudenosaunee und Huronen oder Wendat.

Über das Leben der Irokesen oder Haudenosaunee ist folgendes bekannt:

«In den Dörfern der Irokesen waren die Äcker Gemeinschaftseigentum und die Arbeit Gemeinschaftsarbeit. Gejagt wurde gemeinsam, und die Beute wurde auf alle Mitglieder des Dorfes verteilt. Häuser galten als gemeinsames Eigentum und wurden von mehreren Familien geteilt. Ein französischer Jesuitenpriester, der ihnen in den 1650ern begegnete, schrieb: ‘Sie brauchen keine Armenhäuser, weil es keine Armen und keine Bettler unter ihnen gibt. … Ihre Freundlichkeit, Menschlichkeit und Höflichkeit machen sie nicht nur freigiebiger mit dem, was sie haben, sondern führen dazu, dass sie fast nichts besitzen ausser der Gemeinschaft. ’
Frauen waren in der Gesellschaft der Irokesen einflussreich und respektiert. Familien waren matrilinear, das heisst, die Erbfolge lief über die weiblichen Mitglieder. Deren Ehemänner schlossen sich ihrer Familie an, während Söhne, wenn sie heirateten, Teil der Familie der Ehefrau wurden. Jede Grossfamilie lebte in einem ‘Langhaus’. Wenn eine Frau die Scheidung wollte, stellte sie die Sachen des Mannes vor die Tür.
Jede Familie gehörte einem Klan an, und ein Dutzend oder mehr Klane bildeten ein Dorf. Die ältesten Frauen des Dorfes ernannten die Männer, die Klane bei Dorf- und Stammes-Zusammenkünften repräsentierten. Sie benannten auch die neunundvierzig Häuptlinge, die den regierenden Rat der Konföderation der Fünf Nationen der Irokesen bildeten. Die Frauen nahmen an Klan-Zusammenkünften teil, standen hinter dem Kreis der Männer, die sprachen und abstimmten, und entliessen die Männer aus dem Amt, wenn sie zu weit von den Wünschen der Frauen abwichen.»

Über die Erziehung der Kinder wird berichtet:

«Die Kinder lernten in der Irokesengemeinschaft zwar das kulturelle Erbe ihres Volkes und Solidarität mit ihrem Stamm, aber sie wurden auch dazu erzogen, unabhängig zu sein und sich keiner übermässigen Autorität zu unterwerfen. Ihnen wurde Standesgleichheit und das Teilen von Besitz beigebracht. Die Irokesen benutzten keine harten Strafen für die Kinder; sie beharrten nicht auf frühem Abstillen oder Toilettentraining, sondern erlaubten dem Kind, allmählich für sich selbst zu sorgen.»

Und weiter:

«Vor der Ankunft der Europäer fanden sich in den nordöstlichen Waldgebieten weder Gesetze noch Obrigkeiten, weder Sheriffs noch Polizisten, Richter oder Jurys, Gerichte oder Gefängnisse … . Und doch gab es feste Grenzen akzeptierten Verhaltens. Obwohl sie stolz auf ihre Autonomie als Individuen waren, hielten die Irokesen strikte Vorstellungen davon aufrecht, was richtig und was falsch war. … Wer einem anderen sein Essen stahl oder sich in der Schlacht feig verhielt, wurde von seinem Volk mit ‘Schande’ belegt und so lange aus ihrer Gemeinschaft verstossen, bis seine Taten gesühnt waren und er zu ihrer Zufriedenheit nachwies, dass er moralisch geläutert war.» [24]

Es gibt Hinweise auf einen Einfluss der politischen Ordnung der Haudenosaunee auf die amerikanischen Gründerväter. Vor allem Benjamin Franklin hatte Kontakt zu Vertretern der Haudenosaunee und kannte ihr politisches System gut. So schrieb er:

«It would be a very strange Thing, if Six Nations of ignorant Savages should be capable of forming a scheme for such an Union … and yet that a like Union should be impracticable for ten or a Dozen English Colonies. (Es wäre eine sehr seltsame Sache, wenn sechs Stämme unwissender Wilden in der Lage wären, einen Plan für eine solche Union auszuarbeiten … und dennoch sollte eine ähnliche Union für zehn oder ein Dutzend englische Kolonien undurchführbar sein.)»[25]

Graeber arbeitet in seinem Buch einen sehr wichtigen Aspekt am Beispiel der Haudenosaunee heraus: Ihr Gesellschaftordnung entstand in einer Welt, die teilweise durch die sogenannte Mississippikultur geprägt war, entwickelten aber ihr eigenes, deutlich anderes politisches System. Zentrum der Mississippikultur war Cahokia, eine Stadt in der Region Mississippi/Missouri mit ca. 15000 Einwohnern. Das Gesellschaftssystem dieses Stadtstaates war sehr hierarchisch, es existierte eine Elite/Herrscherklasse. Es wurden Monumentalbauten errichtet. Ausserhalb der Stadt wurden vermutlich alle selbstverwalteten Gemeinschaften fast vollständig aufgelöst. Es fanden Massenhinrichtungen statt. Die Stadt wurde aber schliesslich ganz von den Einwohnern verlassen. Die Umstände dieser Massenflucht liegen im Dunkeln.

«Was immer sie für ihre Bewohner darstellte, sei muss von der überwältigen Mehrheit ihrer Bevölkerung entschieden abgelehnt worden sein. Noch Jahrhunderte nach dem Untergang der Stadt war der Ort, an dem sie gestanden hatte, völlig unbewohnt, … .» [26]

Die Nachkommen der Untertanen und Nachbarn von Cahokia aber organisierten sich neu

«in Stammesrepubliken in der Grösse einer Polis …, die in einem sorgfältig austarierten ökologischen Gleichgewicht mit ihrer natürlichen Umgebung lebten.»[27] Sie lebten in kleinen Städten mit einigen hundert Einwohnern weiter, «mit egalitären Stammesstrukturen und kommunalen Rathäusern.»[28]

Das heisst, die Gesellschaften (unter anderem die Ligue of six nations der Irokesen oder Haudenosaunee) haben sich «aus jahrhundertelangen politischen Konflikten und bewussten Debatten»[29] entwickelt. Es waren Gesellschaften, «in denen die Fähigkeit, bewusste politische Debatten führen zu können, als einer der höchsten menschlichen Werte angesehen wurde.»[30] Diese Gesellschaften entwickelten ihre ethischen Werte aufgrund einer Erfahrung, die sie nicht wiederholen wollten.

Und auf diese Gesellschaften mit ihrem hohen politischen Ethos trafen dann im 16. Und 17. Jahrhundert englische und französische Kolonialisten und sie stellten mit Erstaunen fest:

«Sie halten sich für besser als die Franzosen: denn, so sagen sie, ihr kämpft und streitet andauernd miteinander; wir leben in Frieden. Ständig beneidet und verleumdet ihr einander; ihr seid Diebe und Betrüger; ihr seid lüstern und weder grosszügig noch freundlich; wenn wir hingegen einen Krumen Brot haben, teilen wir ihn mit unserem Nachbarn. Solche und andere Dinge sagen sie unablässig.»[31]

Oder:

 «Sie erwidern Gastfreundschaft und helfen einander der Gestalt, dass für alle gesorgt ist, ohne dass es in ihren Städten und Dörfern einen unwürdigen Bettler gibt; und sie hielten es daher für sehr schlecht, als sie vernahmen, es gibt in Frankreich eine grosse Anzahl solch bedürftiger Bettler, und dachten, der Grund dafür sei unsere mangelnde Nächstenliebe, wofür sie uns schwere Vorwürfe machten.»[32]

Ein Missionar betont die Redegewandtheit und sprachliche Überzeugungskraft der Wendat, Fähigkeiten, die in beinahe täglichen öffentlichen Diskussionen um gemeinschaftliche Angelegenheiten gepflegt wurden. Wenn die Wendat eine Gruppe Franzosen versammelt sehen würden, würden sie häufig anmerken, dass diese sich gegenseitig niederbrüllten und unterbrächen, schwache Argumente vorbrachten und insgesamt … nicht gerade den Anschein erweckten, als seien sie besonders klug.[33]

Besonders die freiheitliche Lebensweise der Wendat war den französischen Missionaren fremd:

«Ich glaube, dass es auf der Welt keine freieren Menschen gibt als sie; weniger bereit, ihren Willen welcher Macht auch immer zu unterwerfen.»[34]
Befremdet bemerkten sie, dass sogar Mörder unbehelligt davonkämen: Statt Missetäter zu bestrafen, bestünden die Wendat darauf, die gesamte Familie oder Sippe solle eine Kompensation leisten. Daraus erwachse die Verantwortung aller, die eigenen Verwandtschaft unter Kontrolle zu halten:
«Nicht die Schuldigen erleiden eine Strafe, sondern die Allgemeinheit, die Schadenersatz für das Vergehen einzelner leistet.»[35]

Wenn ein Hurone einen Algonkin oder einen anderen Huronen getötet hatte, kam man von weither zusammen, um über die Anzahl der Geschenke für die trauernden Verwandten zu verhandeln, «damit diese die ihnen zustehende Rache nicht übten.»[36]

Des weiteren wird bemerkt, dass die Wendat untereinander keinen Zwang anwenden:

«Hauptleute der Wendat … halten ihre Untergebenen dazu an, das Notwendige bereitzustellen; niemand ist dazu verpflichtet, aber wer bereit ist, bringt in die Gemeinschaft ein, was er beitragen möchte; es ist, als wetteiferten sie ihres Wohlstands entsprechend miteinander; und der Wunsch danach, edel und um das öffentliche Wohlergeben besorgt zu erscheinen, lässt sie bei allerlei Gelegenheiten so handeln.»[37]

So entstand das Bild vom «edlen Wilden», weil sich die europäischen Kolonisten in ihrem Überlegenheitsglauben und mit ihrem Menschenbild nicht vorstellen konnten, dass die Ureinwohner des Kontinents ein höheres politisches Ethos als sie selber besitzen.

Abschliessend stellen Graeber und Wengrow eine interessante Frage. Die Frage stellt sich,

«warum es für ihre Vorfahren möglich war, dem Erbe von Cahokia mit seinen übermächtigen Herren und Priestern den Rücken zu kehren und sich in freien Republiken zu organisieren. Als freilich ihre französischen Gesprächspartner erfolgreich in ihre Fussstapfen traten und sich von alten Hierarchien befreiten, war das Ergebnis katastrophal.»[38]

Dieses Moment, dass sich Gesellschaften bewusst von einer Entwicklung hin zu Zentralismus und Hierarchie verabschiedeten und freiheitlichere Formen des Zusammenlebens, also dezentral von unten nach oben, den Vorzug gaben, findet man auch bei anderen Völkern. Graeber und Wengrow erwähnen das Beispiel der Mayavölker, die in der sogenannten klassischen Epoche durchaus sehr hierarchisch und zum Teil auch gewalttätig organisiert waren. Es kam aber dann zu einer Veränderung. Als die spanischen Eroberer Yucatan erreichten, besassen die Maya-Gesellschaften eine ausgeprägte dezentrale Struktur. Es gab eine Vielfalt von Gemeinschaften und Fürstentümern, von denen viele ohne Könige auskamen. Und die Gesellschaften waren von einem Geist der Rebellion durchdrungen – den man bis heute noch spürt.[39]

Ein ähnliches Beispiel findet sich in der Hochebene Mexikos.Es ist auch mein letztes eindrückliches Beispiel, das mit dem Mythos aufräumt, dass egalitär nur in kleinen Gemeinschaften möglich ist.

Graeber und Wengrow haben sich hierfür genauer mit der Geschichte der präkolumbianischen Metropole Teotihuacanbefasst, die etwa bis 600 n.Chr auf dem Gebiet des heutigen Mexiko existierte. In ihrer Blütezeit hatte sie etwa 100.000 Einwohner mit ähnlichem Lebensstandard. Bis ca. 200 n. Chr. regierte in der Stadt ein Erbadel, eine Kriegeraristokratie. Es gab Menschenopfer, Monumentalbauten. Die grossen Pyramiden, die dort errichtet worden waren, stehen noch heute imposant. Für die Zeit danach erzählen die archäologischen Zeugnisse eine ganz andere Geschichte, «denn die Bewohner Teotihuacans entschieden sich für einen anderen Weg.»[40] Die Forscher wissen heute, dass sich die Gesellschaft dort bewusst egalitär organisierte. Die Stadt funktionierte danach jahrhundertelang ohne klaren Herrscherstaat. Gegen 300 n.Chr. begannen die Bewohner von Teotihuacan aber mit «einem erstaunlichen Stadterneuerungsprojekt, das unabhängig von Reichtum und Status für fast die gesamte Bevölkerung hochwertigen Wohnraum bereitstellte.»[41] Wir wissen nicht warum, aber die Forscher können nachweisen, dass es geschah. Es fanden sich Wohngruppen von sechzig bis hundert Personen, die zwei Arten von Gemeinschaftsleben pflegten: das eine beruhte auf Verwandtschaft, die andere Art «bezog sich auf das Zusammenleben in Wohnungen und Nachbarschaften und intensivierte sich oft durch gemeinsame handwerkliche Spezialisierung …»[42] Teotihuacan zeigte nun keinerlei Spuren einer herrschenden Klasse, keine Paläste, keine grossartigen Gräber, keine Bilder von Unterdrückung. Die Stadt hatte sich vollkommen von Monarchie und Aristokratie abgewandt. Kunsthistoriker sprechen von einer bewussten kulturellen Umkehrung im Kontrast zu den Herrscherkulturen der benachbarten Reiche ihrer Zeit.

Es gäbe noch viele weitere eindrückliche Beispiele in ihrem Buch. Aber entscheidend ist, dass diese Beispiele zeigen, dass es der Natur des Menschen entspricht, Gesellschaften und Kulturen zu schaffen und dass es hierfür keines Zwangs und keiner Gewalt bedarf und dass sie Menschen dies aus freien Stücken von unten nach oben tun – und dass diese Entwicklung in der Geschichte aber immer wieder durch Machtstreben oder Kriege gestört wurde. Die Diskussion über das beste Zusammenleben der Menschen ist so alt, wie die Menschheit selbst. Und wenn sich heute eine Frage stellt, dann diese: «Wie sind wir in einer einzigen Form sozialer Realität stehengeblieben, und warum sind Beziehungen, die letztlich auf Gewalt und Herrschaft beruhen, in dieser Realität normal geworden?»[43]


 

Literatur:

Graeber David, Wengrow David: Anfänge; Stuttgart, 3. Auflage, 2022.
Graeber David: Fragmente einer anarchistischen Anthropologie; Münster, 2. Auflage, 2025
Liebling Friedrich: Aufsätze; Zürich, 1992
Nestor Moritz: Zum Menschenbild in der direkten Demokratie; In: Roca René (Hg.): 175 Jahre Schweizerische Bundesverfassung – historische und sozialpsychologische Grundlagen; Oberrohrdorf-Staretschwil, 2025
Zinn Howard: Eine Geschichte des amerikanischen Volkes; Hamburg, 2013

Anmerkungen

[1][1] Nestor M., 2025, S. 30
[2] Nestor M., 2025, S. 31
[3] Nestor M. https://naturrecht.ch/adolf-portmann-die-sonderstellung-des-menschen-in-der-natur/ abgerufen 11.7.20206
[4] https://www.zeit-fragen.ch/archiv/2026/nr-11-26-mai-2026/es-ist-ein-kampf-fuer-wahrheit-wuerde-und-fuer-die-zukunft-unserer-kinder, abgerufen 11.7.2026
[5] Graeber D., 2022, S. 21
[6] Graeber D., 2022, S. 21
[7] Graeber D., 2022, S. 392
[8] Graeber, D., 2022, S. 21
[9] https://markk-hamburg.de/ausstellungen/ich-bin-ethnologe-manchmal-besetze-ich-dinge-und-so-davidgraeber/ abgerufen 2.7.2026
[10] Graeber, D., 2022, S. 558
[11] Graeber, D., 2025, S. 26
[12] Graeber, D., 2025, S. 28
[13] Liebling, F., 1992, S. 44
[14] Graeber, D., 2025, S. 23
[15] Graeber, D., 2022, S. 412
[16] Graeber, D., 2025, S. 23
[17] Graeber, D., 2022, S. 480
[18] Vgl. Graeber, D., 2022, S. 326 ff
[19] Graeber, D., 2022, S. 332
[20] Graeber, D., 2022, S. 351
[21] Graeber, D., 2022, S. 128/129
[22] Graeber, D., 2022, S. 118/119
[23] Graeber, D., 2025, S.168
[24] Zinn, H., 2013, S. 26/27
[25] https://oll.libertyfund.org/quotes/benjamin-franklin-unity-colonies; zuletzt abgerufen 11.7.2026
[26] Graeber, D., 2022, S. 484
[27] Graeber, D., 2022, S. 484
[28] Graeber, D., 2022, S. 503
[29] Graeber, D., 2022, S. 484
[30] Graeber, D., 2022, S. 484
[31] Graeber, D., 2022, S. 53
[32] Graeber, D., 2022, S. 54
[33] Graeber, D., 2022, S. 54
[34] Graeber, D., 2022, S. 57
[35] Graeber, D., 2022, S. 57
[36] Graeber, D., 2022, S. 57
[37] Graeber, D., 2022, S. 53 ff
[38] Graeber, D., 2022,S. 535
[39] Graeber, D., 2022, S. 408 ff
[40] Graeber, D., 2022, S. 369
[41] Graeber, D., 2022, S. 370
[42] Graeber, D., 2022, S. 372
[43] Graeber, D., 2022, S. 553

 

 

 

 

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