«Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft»?

16. Januar 2026

Moritz Nestor

Der aus Österreich stammende US-amerikanische Physiker Heinz von Foerster (1911-2002) schuf in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Kooperation mit dem US-amerikanischen Geheimdienst OSS/CIA und der US-Navy den radikalen Konstruktivismus. «Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners» heisst der radikal-konstruktivistische Streitschrift, in der Heinz von Foerster und Bernhard Pörksen 2004 den «Wahrheitsterrorismus» anklagen. [Foerster, 2022] Es wird in der Schweiz auf Lehrer-Fortbildungen als «Grundlage» herumgeboten.

2001 beschreibt Bardmann in seinem Aufsatz «Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft. Soziale Arbeit im Lichte der Kybernetik des Heinz von Foerster» [Bardmann, 2001] das Menschenbild des radikalen Konstruktivismus‘: Sozialarbeit sei ein «eigenschaftsloser» Beruf. Er halte «alle Eigenschaften» für «gleich gültig». Das sei die «Freiheit zur Selbstbestimmung». Jede Person «entscheidet in jedem Augenblick, wer sie ist, welche Eigenschaften sie an- und welche sie ablegt». Daher sei «Eigenschaftslosigkeit die hervorragende und massgebliche professionelle Eigenschaft der praktischen Sozialarbeit.» Ein kleines Beispiel ist dieser Artikel für eine gesellschaftliche Tendenz der letzten Jahrzehnte, die «Selbstbestimmung» als jene Haltung predigt, die «alle Eigenschaften [für] gleich gültig» erklärt.

Wie verblüffend deckt sich das doch mit dem, was etwa zur gleichen Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks der Marxist Jean Paul Sartre 1946 in seinem Essay «Ist der Existentialismus ein Humanismus?» [Sartre, 1969] schrieb: Der Mensch sei «nicht definierbar». Man dürfe, «den Menschen nie als einen Zweck nehmen, denn der Mensch ist immer neu zu schaffen.» Daher gelte: Der Mensch sei vollkommen frei. [Spät, 2013] Wer aber glaube, dass man den Menschen definieren könne, wer also glaube, dass es «ein Menschentum» gebe, der ende «beim Faschismus. Das ist ein Humanismus, von dem wir nichts wissen wollen.» [Sartre, 1969, S. 35] Sartre bewunderte Stalin und den deutschen Terroristen Andreas Bader. Den humanistischen Standpunkt von Abert Camus, der als Humanist lehrte, aus dem Absurden rette nur die Liebe, machte er öffentlich übel herunter. [Spät, 2013] Mit seiner Ideologie, es gebe keine definierte Menschennatur, beeinflusste Sartre eine ganze Generation von französischen antihumanistischen Intellektuellen: Foucault, Lacan, Bourdieu und Derrida und andere «Dekonstruktivisten». [5]

Es fällt einem natürlich Robert Musil ein, der 1930 in der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus’ in seinem Roman «Mann ohne Eigenschaften» schreibt, der Mensch ohne Eigenschaften

«hält kein Ding für fest, kein Ich, keine Ordnung; weil unsere Kenntnisse sich mit jedem Tag ändern können, glaubt er an keine Bindung, und alles besitzt den Wert, den es hat, nur bis zum nächsten Akt der Schöpfung». (153f.) «Unsere Anschauung von unserer Umgebung, aber auch von uns selbst, ändert sich mit jedem Tag.» (S. 215)

Ich stamme noch aus dem «alten Europa». Nur ein gleichgeschalteter Staat wie der Hitlers, lernten wir noch in der Schule der Fünfziger- und Sechzigerjahre, brauche eigenschaftslose Menschen: «Ich bin nichts, mein Volk ist alles.» Meine Eltern hatten ein tiefes Misstrauen gegen den nach dem Krieg aufkommenden «Massenmenschen», denn dieser erinnerte sie unangenehm an das fanatische Brüllen der tobenden Massen ihrer jungen Jahre, die alle Eigenschaften aufgegeben hatten. Was sie buchstäblich «begeisterungsfähig» gemacht hatte.

Die Identität eines Menschen, lernten wir jungen Menschen damals noch in «Gemeinschaftskunde», ermöglicht das Wichtigste, was ein freier Mensch braucht: einen eigenen Standpunkt. Vor einem neuen Totalitarismus rette nur das unbestechliche, eigenständige Denken, die Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl, die Verpflichtung zur Wahrheit und Ehrlichkeit – der Mensch, der Nächstenliebe leben kann, gerade weil er nicht eigenschaftslos ist. «Wieso immer Technik, Technik, Technik?», rief unsere Englischlehrer Sievert immer wieder zornig, weil er sah, wie wir anfingen, die Produkte der amerikanischen Massenkultur zu bewundern. «Es gibt doch viel Wichtigeres im Leben! Merkt Euch das!» Er war Soldat gewesen und starb bald an den Spätfolgen eines zerschossenen Beines.

Ein eigener Standpunkt, eine eigene Identität mit ausgeprägten individuellen Eigenschaften und die tiefe, warme Liebe zur Heimat – das ist doch das Ideal des demokratischen Bürgers, der ehrlich und in Gleichwertigkeit mit allen kooperiert und nach für alle tragfähigen Lösungen sucht. Sein Ideal ist die freie Entfaltung der menschlichen Person in und durch Gemeinschaft, Kooperation und Frieden. Daraus bestehen das allgemeine Wohl und der Friede. Das entspricht dem Menschentum des europäischen Humanismus’ zutiefst.

 

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Literatur

Bardmann, Theodor: Eigenschaftslosigkeit als Eigenschaft. Soziale Arbeit im Lichte der Kybernetik des Heinz von Foerster. In: Das gepfefferte Ferkel. Online-Journal für systemisches Denken und Handeln. Edition ferkel im systemagazin 27. November 2001.

Directorate of Intelligence [Direktion des Nachrichtendienstes]. France: Defection of the Leftist Intellectuals[Frankreich: Die Abtrünnigkeit der linken Intellektuellen]. EUR 85-10199, Exemplar 314, Dezember 1985 [Geheimer Forschungsbericht der CIA, der als «Bereinigte Kopie» am 13. Mai 2011 durch die CIA-RDP86S00588R000300380001-5 freigeben wurde. [URL: https://www.cia.gov/readingroom/docs/CIA-RDP86S00588R000300380001-5.pdf]

Foerster, Heinz von & Pörksen, Bernhard. Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. [EA 2004] Auer Verlag 2022

Sartre, Jean Paul. Ist der Existentialismus ein Humanismus? [EA 1946] In: Ders. Drei Essays. Frankfurt/Main, Berlin 1969, S. 7-51

Spät, Patrick. Aus dem Absurden rettet die Liebe. In: Die Wochenzeitung Nr. 45, 7. November 2013

 

 

 

 

 

 

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