Moritz Nestor, 2011
Die Führer der EU reden gerne von «Demokratie» und vom «Zusammenwachsen» Europas. Der französische Präsidenten Sarkozy hielt im Juli 2007 in der senegalesischen Hauptstadt Dakar eine Rede, in der er den Afrikanern den ungeheuerlichen Satz in Gesicht schleuderte: «Niemand kann von den Söhnen verlangen, die Sünden ihrer Väter zu bereuen.» Die heutigen Franzosen, das meint der Satz unzweideutig, müssen den Kolonialismus nicht bereuen.
Nächstenliebe heisst auch, sich verantwortlich fühlen zu können für die Untaten anderer. So hat Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, die Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls erklärt.
Viele meiner Generation haben gegen die Vätergeneration sinngemäss reagiert: Wir haben Hitler nicht gewählt, tragt die Folgen von dem, was ihr getan habt, also selbst. So haben wir geredet. Wen hat das damals gestört? Der Bruch war politisch gewollt.
Das historische Erbe der Väter kann der Mensch ebensowenig ausschlagen wie die Tatsache, dass man Sohn seines Vaters ist. Jeder wird in dieses Land ohne seinen Willen hineingeboren. Schuld ist immer persönlich. Ich kann nicht (mit)schuld sein an den Taten der Väter. Aber wenn ich meinen Vater und mein Land liebe und mit ihm und dem Land innerlich verbunden bin, wie das natürlich ist, wenn Menschen miteinanderleben, dann kann ich auch die historischen und menschlichen Verstrickungen verstehen lernen, die die Vätergeneration ihre Fehler begehen liess. Und dann wird man etwas leiser und langsamer in der Beurteilung von Menschen. Denn ich sehe neben den Splittern in den Augen der Väter auch die Balken im eigenen Auge. Dann nehme ich das historische Erbe an: Es reut auch mich, was geschehen ist. Eine tiefe Betroffenheit erfasst einen. Denn hätte ich an seiner Stelle gelebt, ich der ich mich ja kenne mit meinen Balken, was hätte ich getan?
Diese europäische philosophische religiöse Substanz von Nächstenliebe, Fürsorgepflicht und Verantwortungsgefühl gegenüber der ganzen Menschheit hat der Europäer Sarkozy «vergessen». Aber er «liebt» Afrika, betont er.
Auf Gottes Frage: «Kain, wo ist Dein Bruder Abel?» antwortet also der französische Präsident: «Was kümmert mich mein Bruder!» Das ist das Ungeheuerliche! Versteht man? Warum kümmert mich mein Bruder? Die Frage geht an uns alle, an Europa, an die «westliche» Welt, die so lange geglaubt hat, die hegelschen ‘Neger’ seien noch nicht in die Geschichte des Weltgeistes eingetreten, weil sie keinen preussischen Staat hätten – nach Hegel die höchste Vernunft in der Geschichte …
Wenn wir schon von Europa reden wollen: Es ist zutiefst die beste europäische philosophische und religiöse Substanz, dass den Menschen der andere Mensch etwas angeht, dass der Mensch den anderen gegenüber eine Fürsorgepflicht hat. Und zwar weil jeder Mensch als Mensch geboren ist, frei und gleich an Rechten und weil wir uns im Geiste Brüderlichkeit begegnen sollen. So heisst es in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Die Verfasser dieses bedeutenden Dokuments, das durch die Folgepakte zu geltendem nationalem und internationalem Recht wurde, gaben dem vom Massenmord und der Atombombe aufgeschreckten sittlich-rechtlichen Bewusstseins der Menschheit nach mehr als 60 Millionen Toten eine Stimme. Aus christlicher Lehre, abendländischem Naturrecht, Menschenrechtsethik, katholischer Soziallehre und den demokratischen Strömungen im Sozialismus zogen sie eine Summe. Und was dieser Atikel 1 sagt, ist nichts anderes als das Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit jener grossen Nation, deren Präsident 2007 den Afrikaner mit dem Satz «Niemand kann von den Söhnen verlangen, die Sünden ihrer Väter zu bereuen.» Brüderlichkeit verweigert. Und ohne Brüderlichkeit keine Gleichheit. Und ohne Gleichheit keine Freiheit. Sarkozys Satz «Niemand kann von den Söhnen verlangen, die Sünden ihrer Väter zu bereuen.» Heisst also: Wir können so weitermachen wie die Kolonial-Väter.
Nur nebenbei gesagt, kein deutscher Präsident hätte jemals, bezogen auf Hitlerdeutschland, sagen dürfen: «Niemand kann von den Söhnen verlangen, die Sünden ihrer Väter zu bereuen.» Die besiegte deutsche Nation wurde von den US-Siegern in mehrere Klassen Schuldiger unterteilt, Unschuldige gab es nicht. Dann wurde «entnazifiziert». Roosevelt hatte zeitweise sogar erwogen, alle Deutschen zu kastrieren. Und dann kam die Zweite Schuld, welche die zu tragen hatten, die selbst nicht im Krieg waren, aber Kinder der Kriegsgeneration.
Wie passt das alles zu dem, was der französische Präsident 2007 den Afrikanern sagte: «Niemand kann von den Söhnen verlangen, die Sünden ihrer Väter zu bereuen.»?
[1] Der volle Wortlaut der Rede des französischen Staatspräsidenten an der Universität Dakar von 2007 in französisch und deutsch ist nachzulesen in : Peter Cichon, Reinhart Hosch, Fritz Peter Kirsch (Hg.), Der undankbare Kontinent? Afrikanische Antworten auf europäische Bevormundung, S. 19-56.