Moritz Nestor

Fulbert Steffensky
«Ich bin ein sehr alter Mensch, der an vielen Stellen nicht mehr Souverän seiner selbst ist», schrieb der 1933 geborene Fulbert Steffensky in hohem Alter für das Kalenderblatt zum zehnten Dezember 2025. [19] Er war 1968 einer der Mitbegründer des «Politischen Nachtgebets». Damals tobte der Vietnamkrieg. Und der «Ökumenische Arbeitskreis Köln» (Dorothee Sölle, Fulbert Steffensky, Heinrich Böll und andere) beantragten bei den Veranstaltern des «Essener Katholikentags» einen «politischen Gottesdienst» zum Thema Vietnamkrieg.
Als die Veranstalter den Gottesdienst auf 23 Uhr ansetzten, um ihn zu marginalisieren, benannte der Ökumenische Arbeitskreis die Veranstaltung kurzerhand um in «Politisches Nachtgebet». Ab Oktober 1968 fand es monatlich um 20:30 Uhr in der evangelischen Antoniterkirche in Köln statt. Meine Generation erinnert sich noch gut daran. Welche Hoffnungen waren daran geknüpft, der Kriegsfurie etwas entgegenzusetzen! Mehr als ein halbes Jahrhundert danach blickt der hochbetagte Fulbert Steffensky nun auf sein bewegtes Leben zurück, als er diese Worte zum Tag der Menschenrechte schreibt:
«Ich bin ein sehr alter Mensch, der an vielen Stellen nicht mehr Souverän seiner selbst ist. Ich gehe nur noch langsam, ich stolpere oft, falle gelegentlich. Ich verliere die Orientierung und verlaufe mich. Ich vergesse die Namen von lieben und nahen Menschen. Kurz: Mit meinen eigenen Künsten komme ich immer weniger durch das Leben.»
«Mein Gott, so hilflos will ich nicht enden!», entfuhr es einem lieben Menschen, dem ich diesen Text vorlas, «da gehe ich lieber … » Er beendete den Satz nicht. Aber wir wussten beide, was er meinte: Die mehr als dreissig Jahre «Sterbehilfe»-Kampagne in der Schweiz haben tiefe Spuren in den Gemütern hinterlassen. Der Text von Fulbert Steffensky nimmt aber eine fast überraschende Wende:
«Zur Freiheit des Menschen gehört die Fähigkeit und die Grösse abzudanken. Ein schönes altes Wort: ab-danken. Nicht darauf bestehen, sich mit sich selbst zu begnügen. Ich brauche barmherzige Menschen, die mir mit ihrer Hilfe das Alter erträglich und liebenswert machen. Menschen, die des Erbarmens fähig sind, sind schöne Menschen. Ein Mensch, der mehr zur Kenntnis nimmt als sich selbst, der an mehr leidet als nur an sich selbst, ist ein schöner Mensch. Ein Mensch, der nicht nur von sich selbst umklammert ist, ist ein freier Mensch. Und so gilt: Barmherzigkeit ist Menschenschönheit.» [19]
Welch ein Bollwerk der Hoffnung gegen die neue «Euthanasie» seit Beginn der Achtzigerjahre. Einer der ersten Vertreter der «neuen Euthanasie» damals war der neoliberale Spitzenpolitiker und Foucault-Schüler Jacques Attali, der eine Grossbank in den Ruin führte und der als «Königsmacher» von drei französischen Präsidenten gilt: Wenn der Mensch länger lebt, als er produziert, sagte Attali, der koste die Gesellschaft zu viel. Besser also, die «Maschine Mensch» (Attali) stehe still. Attali war Kabinettschef des französischen Präsidenten François Mitterrand während dessen Zeit als Generalsekretär der Sozialistischen Partei. François Hollande, der spätere Premierminister, Laurent Fabius und Ségolène Royal waren seine Assistenten. Nach Mitterrands Wahl 1981 wurde Attali dessen engster Berater im Elysée mit dem Büro gleich neben jenem des Präsidenten. Am WEF ist er ein wichtiger Akteur für Gesundheitsfragen.
Wer das Ungeheuerliche nicht glauben mag, der lese Jacques Attali im Original. 1981 sagte er in einem Interview mit Michel Salomon («Die Medizin auf der Anklagebank») die folgenden entsetzlichen Worte:
«[…] bei einer Lebenserwartung von mehr als 60 oder 65 Jahren lebt der Mensch länger, als er produziert, und kommt der Gesellschaft teuer. […] tatsächlich ist es vom Standpunkt der Gesellschaft aus besser, wenn die Maschine Mensch plötzlich stehenbleibt, als wenn sie allmählich immer schlechter funktioniert. […] Die Euthanasie wird eines der wesentlichsten Instrumente unserer zukünftigen Gesellschaften sein, wie immer diese auch aussehen mögen. In einer sozialistischen Logik, um mit ihr den Anfang zu machen, stellt sich das Problem folgendermassen: Die Logik des Sozialismus ist die Freiheit und die grundlegende Freiheit ist der Selbstmord; folglich ist das Recht auf direkten oder indirekten Selbstmord in dieser Gesellschaftsform ein absoluter Wert. In einer kapitalistischen Gesellschaft dagegen werden Tötungsmaschinen auftauchen […], die es ermöglichen, Leben auszulöschen, wenn es zu unerträglich oder wirtschaftlich zu aufwendig geworden ist, und diese Maschinen werden gang und gäbe sein. Meiner Meinung nach wird also die Euthanasie, egal ob sie nun als Freiheitswert oder als Ware zählt, eine der Regeln der zukünftigen Gesellschaften sein.» [1]
Reicht denn die historische Erfahrung mit der «Sterbehilfe» vor 1945 nicht? Das nationalsozialistische Euthanasiegesetz von 1940 hiess tatsächlich «Gesetz über die Sterbehilfe». Es blieb in der Schublade für die Zeit nach dem «Endsieg». Sein Artikel eins ist von heutigen «Sterbehilfe»-Texten kaum zu unterscheiden:
«§ 1 Wer einer unheilbaren, sich oder andere stark belästigenden oder sicher zum Tode führenden Krankheit leidet, kann auf sein ausdrückliches Verlangen mit Genehmigung eines besonders ermächtigten Arztes Sterbehilfe durch einen Arzt erhalten.» [2]
Als die «Euthanasie»-Ärzte 1946/47 vor Gericht standen, sagte Karl Brandt, der Begleitarzt Hitlers und Generalmajor der Waffen-SS sowie Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen:
«Dahinter stand: dem Menschen, der sich nicht selbst helfen kann und der unter entsprechenden quälenden Leiden sein Dasein fristete, eine Hilfe zu bringen.» «Wenn man über diese Frage der Euthanasie sich offen ausspricht und sich müht, von einer ernsten Grundlage der Tatsachen sich gegenseitig zu verstehen, so wird meiner Meinung nach auch für die Zukunft ein Weg für die Durchführung zu finden sein.» [5]
Solche Szenen aus der Geschichte lehrten meine Generation in den späten 60er- und 70er Jahren noch das Fürchten, vor allem, als wir das Aufkommen der neuen «Euthanasie» in den 80er -und 90er-Jahren miterlebten.
Literatur
Attali, Jaques. Die Medizin auf der Anklagebank. In: Salomon, Michel (Hg.). Die Zukunft des Lebens. Wien/Hamburg 1981 [Französische Ausgabe: Salomon, Michel (Hg.). L’Avenier de la Vie. Edition Seghers Paris 1981]
Mitcherlich, Alexander & Mielke, Fred. Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt/Main 1962
Roth, Karl Heinz (Hg.) Erfassung zur Vernichtung. Berlin 1984
Steffensky, Fulbert. Andere Zeiten, Hamburg 2025
Anmerkungen
[1] Attali 1981;
[2] Roth, 1984, S. 177
[5] Mitscherlich/Mielke 1962, S. 207
[19] Steffensky 10.12.2025