Familie, die Schule des Lebens

2. Februar 2026

Moritz Nestor

Vortrag vom 30. April 2015 im Begegnungshaus «Die Brücke»,  Leipzig, Leitung Missionar Hugo Gevers

Flyer Bericht von Hugo Gevers: «Die Schuhe meines Vaters»

Lieber Herr Gevers, verehrte Anwesende

Sie haben mich gebeten, etwas zur Familie als Schule des Lebens zusagen. Ich bin Psychologe und auch Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Ich habe lange Zeit beides parallel gemacht, weil man, vor allem am Anfang, als Psychologe schlecht leben kann, oder besser nicht davon leben sollte, bevor man nicht sicherer wird. Ich habe dann mit der Zeit weniger Schule gegeben.

Ich bin hier bei Ihnen natürlich jetzt auf einem etwas unbekannten Gebiet, was das Thema Familie betrifft. Ich stamme ursprünglich aus der BRD und lebe heute in der Schweiz. Hier in der ehemaligen DDR über Familie zu sprechen, ist daher vielleicht ein bisschen gewagt. Ich kenne vielleicht Ihre Geschichte zu wenig. Ich fände es gut, wenn wir anschliessend die Situation der Familie bei Ihnen und bei uns vergleichen könnten.

In meiner Arbeit als Psychologe sind mehr als ein Drittel aller Probleme Familienprobleme, Ehe- und Erziehungsprobleme usw. Wir beobachten in der Praxis, dass die Familie seit den späten Sechzigerjahren immer mehr heruntergewirtschaftet wird. Wir erleben mittlerweile in der psychologischen Praxis sogar Eltern, die nicht mehr erziehen wollen. Noch nicht so viele, aber es werden immer mehr. Sie bilden sozusagen die Spitze des Eisberges. Wir erleben immer mehr Eltern, die nicht mehr «Autorität» sein wollen, ihre Kinder verwöhnen oder gar ohne erzieherische Anleitung lassen, sie ohne Anleitung und «selbstgesteuert» sich selbst überlassen, – keine armen Familien, sondern Wohlstandsfamilien. Es liegt bei ihnen nicht am Mangel an Geld, nicht am Mangel an Liebe, sondern an der Einstellung der Eltern gegenüber dem Erziehungsauftrag. Wir erleben extrem viele Scheidungsfälle, aber auch andere gewaltige Probleme unter der Jugend: Drogen, Alkohol, Gewalt, Gewaltvideos, Pornographie usw. Mit solchen Sachen müssen wir uns täglich rumschlagen.

Die skizzierte Entwicklung läuft darauf hinaus, dass mit dem Verlust der Familie – und das ist sehr beelendend – die Lebensgrundlage einer Gesellschaft verlorengeht. Daher der Titel meines Vortrags: Familie als Schule des Lebens. Eigentlich ist die Familie die Schule des Lebens schlechthin. Aber immer weniger ist sie heute noch Schule des Lebens. Immer mehr Kinder wachsen heran, die auf eine typische Art innerlich haltlos und leer sind und damit auch sehr anfällig sind für Strassengangs, Drogen, Gewalt usw.

Dieses Problem beschäftigt einen ständig in der Praxis: Wieso sind wir Menschen in den industrialisierten Ländern des Westens imstande, den Ast abzusägen, auf dem wir sitzen? Wie kommen wir eigentlich dazu? Wir sind alle nur auf dieser Welt, weil wir Eltern hatten, und wären es nicht ohne ihre Liebe, Fürsorge und Pflege. Die Menschheit könnte nicht existieren, wenn es keine Familie gäbe. Es ist daher nahezu unbegreiflich, wie wir – und das ist vor allem Mitteleuropa, sehr extrem West-Deutschland – dermassen umgehen können mit der Familie.

In vielen anderen Ländern der Welt ist das nicht so. Wenn wir in der Praxis zum Beispiel Familien vom Balkan erleben oder aus Russland, da staunt man: Sie leben in Familien und die Männer sind selbstverständlich Männer und die Frauen sind selbstverständlich Frauen. Sie sind sehr selbstverständlich Mann und Frau, und sind sehr stolz auf ihre Familien. Dort herrscht ein ganz anderes Verhältnis zur Familie. Ich erlebte im Unterricht Deutsch als Fremdsprache viele Familien aus den Mittelmeerländern und Südamerika. Auch dort herrscht ein völlig anderes Verhältnis zur Familie.

Der Niedergang der Familie ist speziell ein mitteleuropäisches Phänomen. Ich habe mich immer ein bisschen gewundert, wenn ich Menschen aus der damals DDR und nach der Wende in den neuen Bundesländern getroffen habe. Wenn diese Menschen von der Familie erzählten, dann hörte man sehr, sehr oft: «Die Familie, das war unser Rückzugsgebiet vor dem Staat, Familie, das war selbstverständlich.»

Und was diese Menschen aus der ehemaligen DDR von ihren Familien erzählten, das war die Familie, die ich auch erlebte, als ich Kind war. Etwa bis in die 60er Jahre hinein im Westen, war das genau die gleiche Familie: Vater und Mutter, Kinder, Werte. In der Religion waren verschiedene Ausrichtungen, aber das ist dann gesellschaftspolitisch mehr gewesen. Es war in meiner Kindheit in den Fünfzigerjahren unstrittig in allen Schichten der Gesellschaft, dass die Familie, Vater, Mutter, Kinder, die Familie, die «Kernfamilie», wie wir sagen, dass die eigentlich die erste Gemeinschaft ist, in die ein Kind hineinwächst. Wo ein Kind sich identifiziert, der Bub mit seinem Vater, das Mädchen mit seiner Mutter, und wo das Kind alle Werte einer Gesellschaft, einer Kultur, vermittelt bekommt.

Dann aber begann bei uns im Westen in den 60er Jahren ein Prozess, der kam interessanterweise aus der «Neuen Linken», der die Familie grundsätzlich infrage stellte. Die Familie als «Sozialisationsagentur» der «bürgerlichen Gesellschaft». Die Familie sei mit ihrem «Sexualunterdrückung» die «Brutstätte des Faschismus». Die «Neue Linke» nannte sich neu, weil in ihr Marxisten aller Schattierungen den Marxismus mit Freuds Triebtheorie verschmolzen. Diese Neue Linke hatte nichts mehr mit den klassischen Kommunistischen Kaderparteien zu tun, wie zum Beispiel die SED oder die KPdSU. Diese «alten» Marxisten waren etwas ganz anderes ideologisches Gemenge, als die westlichen Marxisten, die wir damals in den 60er Jahren dann erlebt haben.

Die «Neue Linke» war eine bunte Bewegung, die plötzlich erklärt hat, dass die Familie abgeschafft werden müsse zugunsten «alternativer» und «freier Lebensformen», vor allem mit freier Sexualität. Die traditionelle «bürgerliche» Familie sei die die Keimzelle des Faschismus. Man sollte die Familie zerschlagen.

«Freie», und «alternative» Lebensformen sollten zum Beispiel Wohngemeinschaften, «freie Sexualität» und Ähnliches. «Freie Lebensformen» sollten vor allem durch «antiautoritäre Erziehungsformen» verwirklicht werden. Dem folgte bald auch die «Antipädagogik», die unter Freiheit verstand, gar nicht mehr erziehen zu wollen.

Wenn ich diese Geschichte Freunden oder Kollegen aus der damaligen DDR oder nach der Wende erzählt habe, dann haben die alle mit dem Kopf geschüttelt und gesagt: Das verstehen wir nicht. Wie habt ihr das machen können, wie ist das gegangen?

Nun sind ja Jahrzehnte vergangen, mittlerweile sind auch andere Einflüsse zum Tragen gekommen, vor allem der neoliberale Marktradikalismus, der den Menschen nur noch als Ware sieht.

Wenn man sich diese Entwicklung veranschaulicht, dann ist es doch eine brennende Frage für eine Kultur, warum sie durch eigenes Tun ihre Lebensgrundlage verliert. Wie kommen wir dazu? Das widerspricht doch allem, was wir über uns Menschen wissen. Wir sind doch Familienwesen.

Wir Menschen sind doch ganz eigenartige «Tiere». Wenn wir uns vergleichen mit anderen Säugetieren in der Natur, dann gibt es kein Tier, das eine dermassen ausgedehnte Kindheits- und Jugendphase hat, und kein Tier, das eine dermassen ausgedehnte Altersphase hat wie die menschliche Gattung. Alles, was normalerweise ein Tier hat um zu leben, hat der Mensch am Anfang des Lebens nicht. Jede Tiergattung ist an eine bestimmte Umwelt angepasst, der Eisbär an das Eis, und wenn man ihn an den Äquator setzt, dann kann er nicht überleben, weil er ganz einfach nicht angepasst ist an diese Umwelt. Der Mensch hat keine spezielle menschliche Umwelt wie der Eisbär seine Arktis hat. Der Mensch hat keine vorgegebene Anpassung an irgendeine Umwelt. Er kann überall auf der Erde lernen zu überleben. Aber er muss sich das schaffen. Er muss sich die Mittel zu seinem Überleben, diese Mittel muss er sich selber schaffen, «die Lebensmittel», wenn man so will, im weitesten Sinn des Wortes. Das ist seine Kultur. Er muss Häuser bauen, er muss Ackerbau betreiben, er muss die Nahrung herstellen, er muss seine Kleidung herstellen, er muss seine Kinder erziehen, denn sie werden einfach nicht von alleine erwachsen. Sie werden nur erwachsen, wenn man sie erzieht. Das ist eben das Phänomen.

Wenn ein kleines Pferd zur Welt kommt, dann ist das nach der Geburt ein kleines Pferdchen, was schon bald laufen kann. Es hat von Geburt her schon das arteigene Verhalten eines Pferdes. Es muss noch wachsen, es ist im Grunde eine verkleinerte Form des erwachsenen Pferdes. Es braucht die Milch, Nahrung noch, und es besteht eine Beziehung zwischen dem kleinen Pferdchen und der Stute. Aber das Fohlen hat bei Geburt schon die typische Gestalt eines Pferde und alle anderen Arteigenschaften, zum Beispiel die artgemässe Kommunikationsmittel der Pferde, es kann wiehern. Das alles muss es nicht lernen wie der Mensch. Es ist ihm angeboren.

Beim Menschen ist es anders. Käme er in dem gleichen Zustand auf die Welt wie das Fohlen, dann müsste die Schwangerschaft mindestens 21 Monate dauern. Beim Menschen ist die Schwangerschaft zurückgezogen, und er kommt nach 9 Monaten auf die Welt. Die restliche Zeit von 12 Monaten, das ist so ziemlich genau das 1. Lebensjahr. In diesem 1. Lebensjahr reift der Mensch noch nach Gesetzmässigkeiten des Uterus heran, als ob er noch im Mutterleib lebte.

Es kommt mit wachen Sinnen zur Welt. Das Gehirn ist schon weit entwickelt, aber im ersten Lebensjahr reift das Hirn zur vollen Funktionstüchtigkeit heran. Dazu müssen um die Nervenbahnen des Gehirns bestimmte Hüllen, damit die Nerven überhaupt leiten können.

Dieses weitere Reifen des Hirns, das ja als das zentrale Steuerung- und Beziehungsorgan extrem wichtig ist für den ganzen Organismus, geschieht in diesem ersten Lebensjahr, als ob es noch wie die anderen Säugetiere im Mutterleib lebte. Aber es ist nicht mehr im Mutterleib, sondern das Reifen geschieht nun in der Beziehung zu den Mitmenschen. Das ist etwas, was kein anderes Tier hat. Das muss man sich vorstellen! Das das Steuerungsorgan aller physiologischen Prozesse im Körper, das Organ für Beziehung, Denken, Fühlen, Handeln entwickelt sich in zwischenmenschlichen Beziehungen, beeinflusst davon, wie die Beziehung zwischen dem Kind und den Eltern ist. Ob da Liebe ist oder Ablehnung; Geduld oder Strenge usw. hat einen Einfluss auf die weitere Reifung des unfertigen kindlichen Organismus. Es ist von Anbeginn an und das ganze Leben lang ein psychosomatischer Prozess. Aber in dieser ersten Phase des ersten Jahres ist es am empfindlichsten, wie die zwischenmenschlichen Gefühls-Beziehungen in der Familie von den Eltern gestaltet werden. Sie trage dafür die Verantwortung. Deswegen hat man dieses erste Lebensjahr des Menschenkindes den sozialen Uterus (Portmann) genannt. Der Menschen wächst nicht, wie das Pferdchen, im Mutterleib zur vollen Erwachsenengestalt heran, und wenn er ausgereift ist, kommt er zur Welt. Sondern der Mensch kommt ein ganze Jahr früher und unreif aber im höchsten Mass erzieh- und bildbar zur Welt. Und das Herausbilden seiner Erwachsenengestalt ist es ein reifendes Lernen und ein lernendes Reifen. Organisches und seelisches Geschehen bildet eine untrennbare Einheit.

In Extremfällen, wenn in diesen frühen Phasen die Mütter sich den Kindern nicht zuwenden, kann das zu sehr schweren Störungen führen, bis hin zum Tod. Die innige liebende Bindung zwischen Mutter und Kind ist lebensnotwendig und durch nichts zu ersetzen. Ohne sie keine weitere körperliche Reifung.

Um das erste Lebensjahr herum fängt nun bei dem kleinen Menschlein das an, was das Pferdchen schon angeboren hat, wenn es auf die Welt kommt: Erst am Ende des «sozialen Uterus» lernt das Kind zu laufen. Es lernt die Art, wie die Gattung Mensch sich bewegt: aufrechter Gang. Vorher kriecht er und krabbelt. Dann steht auf und fällt hin. Jetzt lernt er aufrecht stehen. Das Schreiten ist angeboren, aber für das Aufrecht-Stehen muss das Kind ein Vorbild haben. Hat es kein Vorbild, mit dem es sich identifizieren kann und so werden will wie dieses aufrecht stehende Vorbild, lernt es nicht stehen, sondern kriecht auf vier Beinen. Das sind die berühmten Fälle der «Wolfskinder», die daher Schwielen an den Knien haben, und kein Mensch richtig weiss, wie die überlebt haben.

Und etwas Zweites entwickelt sich an dieser Grenze des ersten Lebensjahrs, zusammen mit dem Aufrecht-Stehen. Es setzt das Lernen der Wortsprache ein, die Kommunikationsart der Gattung Mensch. Es leuchtet ein, dass jetzt das Gehirn dafür reif genug ist. Die anderen Säugetier haben ihre Verständigungsmittebei Geburt angeboren.

In den ersten vier, fünf, sechs Monaten probiert das Kind alle möglichen Laute aus, Krächzen, Schreien, Quietsche usw. – es probiert das ganze Repertoire von Lauten durch, die man mit dem Mund erzeugen kann. Aber diese Laute sind keine Bedeutungsträger wie die späteren Worte. Dieses probieren hört dann wieder auf. Ab dem Ende des ersten Lebensjahrs fängt das Kind an, bedeutungstragende Wörter der Eltern nachzuahmen, zu imitieren: Mama, Papa, erst Silben, dann zwei Silben, dann zwei Silben-Wörter, Sätze usw.

Zu dem aufrechten Gang, der Wort-Sprache beginnt etwas Drittes am Ende des ersten Lebensjahrs, was zur Wort-Sprache nötig ist: das Kind beginnt objektiv zu denken. Ich will das an einem Beispiel erklären: Setzt man ein einjähriges Kind in einen Raum, zusammen mit mit einem Erwachsenen. Der Erwachsene arbeitet etwas am Tisch. Es ist ausgemacht, dass nicht gesprochen wird. Der Kleine spielt. Irgendwann geht der Erwachsene nach draussen, und eine Weile ist der Kleine alleine. Es kommt nun ein zweiter Erwachsener herein und räumt einen Ordner des ersten in das Regal und geht wieder hinaus. Wenn der erste Erwachsene wieder hereinkommt, sucht dieser, offensichtlich für das Kind, seinen vermissten Ordner, sagt aber keinen Ton. Was macht das Kind? Er deutet auf das Regal zu dem Ort, wo der vermisste Ordner liegt!

Das Kind hat sich in einen übergeordneten Standpunkt versetzt und verstanden, dass der Erwachsene etwas sucht, von dem es weiss, wo es ist. Es hat verstanden, dieser da ist ein Mensch wie ich, der hat ein Ziel, der ist irgendwo in Not. Ich weiss, wo das ist, was er sucht, kann ihm helfen in seiner Not! Es hat sich also in die Perspektive des Anderen hineinversetzt, geistig, und zwar: vor dem Erlernen der Wortsprache! Ein Vorgang ohne rationale Logik, ohne Mathematik, ohne Psychologie. Auf einer gefühlsmässigen, bildhaften Ebene hat das Kind die Intention des andern Menschen verstanden. Er teilt mit dem Anderen die Intention. Eine geteilte Intention. Jetzt haben beide – der Erwachsene und das Kind – ihre Aufmerksamkeit auf dieses gesuchte Objekt gerichtet. Diese geistige Fähigkeit beginnt beim Menschen mit dem Erreichen ersten Lebensjahrs.

Führen wir uns nochmals vor Augen, was der Kleine in dem Raum eigentlich macht. Der hat ja noch keine Sprache, denkt sich trotzdem mühelos in den Anderen hinein, teilt dessen Intention – und es hilft spontan aus einem innerenBedürfnis heraus, weil es im Freude macht zu helfen. Denn es hat den objektiven Zusammenhang verstanden: Der erste Erwachsene sucht etwas, weil der zweite vorhin etwas getan hat, und hat Not. Und ich will ihm jetzt helfen.

Das heisst, dieses Kind denkt – wie auch immer man das nennen will, Denken, Fühlen, wie auch immer, ich nenne es mal denken – und versteht, dass die Vergangenheit eine Wirkung auf die Gegenwart hat. Der kann also in einem ganz allgemeinen Sinn geschichtlich denken. Und es versteht die Not des Erwachsenen und hilft ihm spontan, ohne dass ihm jemand dazu angeleitet hätte.

Rein theoretisch überlegt: Das Kind könnte ja denken: Mal sehen, kriege ich was, helfe ich. Kriege ich nix, helfe ich nicht! Nein, das Kind hilft spontan. Man hat damit experimentiert, und hat Kinder belohnt, wenn sie mehr helfen. Interessanterweise hörten die Kinder dann aber eher auf zu helfen.

Das Wichtige ist: Das Kind hilft dem anderen, und zwar nicht, weil es etwas bekommt, nicht weil es gelobt wird. Sondern es hilft spontan, weil es ihm ein natürliches inneres Bedürfnis ist, anderen Menschen zu helfen. Schon mit mehreren Monaten gehen Kinder lieber zu Menschen, die helfen, als zu Menschen, die nicht helfen.

Und jetzt kommt es darauf an was die Umwelt macht. Wenn die Umwelt die Einstellung hat, das Mensch sei von Natur aus nicht sozial und man müsse ihm anerziehen sozial zu sein, dann missversteht er das Kind.

Wenn ich nicht verstehe, dass das Kind gern helfen will, dass es vielleicht noch ungeschickt ist, zu wenig weiss, dann greife ich daneben. Ich muss diesen natürlichen Impuls des Kindes aufgreifen du fördern und zum Blühen bringen. Das ist die erste Aufgabe der Mutter, dass sie Wächterin ist über diese Fähigkeit des Kindes.

Man macht sich das viel zu wenig klar, was da eigentlich passiert. Der kleine einjährige Knirps identifiziert sich mit dem Anderen und kann sich hineindenken in dessen Lage und versteht intuitiv, dass man helfen muss. Wann machen wir Erwachsenen das?

Und dann ist noch etwas ganz Bedeutendes: Dieses kleine einjährige Kind, das sich in den Anderen hineinversetzt, versteht sich mit dem Erwachsenen als gleichwertig. Es macht das spontan und freiwillig. Und dass es dann die Not des anderen, der sucht, lindern will und hilf, ist solidarisch brüderlich. Freiwilligkeit, Gleichwertigkeit und Brüderlichkeit, angelegt in dem kindlichen Wesen. Was später zum Denken der Menschenrechte dazukommt, beruht auf dem, was sich am Anfang des Lebens bereits in dem kleinen Kind angelegt zeigt.

Dieses kleine Menschlein ist doch, haben wir gesehen, in einem extrem hohen Masse bildbar und erziehbar. Aus ihm wird gar nicht ein Mensch, wenn es nicht erzogen wird. Wir werden nur Menschen durch Menschen. Ob das besser oder schlechter gelingt, ist eben unser Schicksal.

Diese erste Gemeinschaft in die das Kind hineinwächst, ohne die kann es gar nicht ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft werden. Im Grunde ist es ja so, dass die Familie in diesen ersten Lebensjahren alle Werte und alles Können und alles Geistige aus der Kultur in die nächste Generation hinüber fliessen lässt. Dieses «Nadelöhr» Familie ist eigentlich der Ort, wo der ganze Reichtum der Kultur auf die nächste Generation hinüberfliesst. Wird etwas nicht weitergegeben, dann ist es eben weg! Dann muss man es im günstigsten Fall wieder neu aufbauen. Aber dazu braucht es viel mehr Zeit als zum Vergessen oder Einreissen von Traditionen und Sitten.

Diese erste Gemeinschaft der Familie ist Lebens-Schule. Ihre erste Lehrerin ist die Mutter. Die erste Schulbank ist der Arm der Mutter. Das erste Lehrbuch ist ihre Liebe: Weil ich da bin, freut sie sich. Sie freut sich, also habe ich einen Wert, also bin ich Jemand. So entwickelt sich zwischen Mutter und Kind das Urvertrauen. Da entwickelt sich das Gefühl «Ich bin wer, ich habe einen Wert. Meine Mutter freut sich an mir, ohne dass ich etwas tue, sie liebt mich, nur schon weil ich da bin, ohne dass ich etwas dazu tue. Später kommen Misstöne hinein, wenn «erzogen» wird. Je älter das Kind wird, kommen Missverständnisse.

Nur in seltenen Fällen kann eine Mutter sich ihrem Kindern nicht zuwenden. Im allgemeinen setzt sich die die Natur spontan durch: die Mutter liebt ihr Kind. In dieser Mutterliebe, in der Beziehung zur Mutter, in der Beziehung zum DU, entwickelt sich die Sicherheit: Ich bin Jemand, ich bin ein Mensch, ich habe einen Wert, weil ich so ein Wesen bin wie sie eines ist. Am Anfang des Lebens steht diese liebende Fürsorge der einen Generation gegenüber der nächsten. Diese Fürsorge bringt in Gang, dass sich im kleinen Kind das Ich entwickelt, der Kern der werdenden Persönlichkeit, und dieser Kern wächst dann im Wechselspiel zwischen Kind und den Eltern, zwischen dem Kind und den Geschwistern.

Nach der Familie kommen Kindergarten und Schule als erste grössere Gemeinschaften nach der «Schule des Lebens». Später dann die Ausbildung und das Leben in der Gemeinde. Es ist eigentlich immer ein Aufeinander-Aufbauen und Breiter-Werden.

Ich rede jetzt vom günstigen Fall. Ich weiss, dass es auch sehr schief gehen kann. Aber reden wir ruhig vom günstigen Fall. Man redet ja sowieso viel zu wenig davon, was wir Menschen sind und was möglich wäre, wenn wir das mehr ins Auge fassen würden!

Es ist eigentlich die Schule die Fortsetzung der Mutter. Das ist auch eine Chance für die Schule. Dort kann sich in der Klassengemeinschaft eventuell etwas «auswachsen», was in den Familie zu wenig hat gelingen können. Dazu braucht es allerdings Lehrer, die dafür ein Auge und ein Herz haben und für die Schule auch etwas mit Menschenbildung zu tun hat.

Wehe, wenn der Lehrer nicht mehr Lehrer sein darf oder will, sondern nur noch «Lernbegleiter». Das ist ja das Problem, das sich heute immer mehr stellt und leider verheerend auf die Familien zurückwirkt. Wenn die Lehrer nicht mehr Menschenbildner sein wollen, sind sie nicht mehr was die Mutter für das Kind ist: Mitmensch, liebende führende Autorität, Leitplanken setzender, erziehender Mitmenschen, mit dem das Kind sich positiv identifizieren und beobachtend lernen kann – und so realistisch in die Welt eingeführt wird. Die Lehrer sind plötzlich nur noch «Coach», oder «Animator», oder lassen die Kinder dann «selbstbestimmt» lernen. Sie ziehen sich immer mehr als Mitmensch aus dem Beziehungsgeschehen namens Lernen heraus. Und der ist doch vom ersten Lebenstag an immer ein sozialer Prozess zwischen einem Du, das etwas besser kann und weiss, und einem Ich, das etwas lernen will und sich etwas «sagen lassen» können muss. Ohne das verliert die Schule die Kraft und Chance, etwas auffangen zu können, was leider in der Familie zu wenig entwickelt worden ist. Dann werden Fehlhaltungen, die vorher in der Familie schon waren, eher verstärkt als gemildert. Die oder der Heranwachsende wird im Stich gelassen. Mit verheerenden Folgen für die Gesellschaft, denn das sollten alles die Menschen sein, die morgen alles tragen.

Was auch immer später kommt, ohne die erste Schule der Familie wird kein Kind zum Menschen. Es ist ein Irrsinn, dass wir nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen haben, an diesem Ast zu sägen. Es ist völlig unbegreiflich. Ich könnte Ihnen einen Berg von Theorien referieren aus meiner Studentenzeit und später, die hochgelehrt und gespickt mit viel Fremdwörtern «erklären», warum die «bürgerliche» Familie abgeschafft werden müsse. Wir «jungen Wilden» haben damals vehement solche Sachen vertreten, und ich erschrecke heute, was wir gemacht haben.

Wenn man sich die Gattung Mensch vor Augen hält – die Menschheit –, dann macht das, was ich gerade geschildert habe, anderes Tier, dass es das, was es am dringendsten zum Leben braucht wegwirft. Der Mensch kann nur überleben, wenn er eine Kultursphäre baut. In Kultur das Leben zu führen ist seine Natur. Kultur ist die «zweite Natur» des Menschen, ohne die er weder materiell noch geistig überleben kann. Kultur ist der durch Arbeit und «umgewandelte Naturstoff» (Marx). Und in allen materiellen und geistigen Dingen unserer Kultur stecken die Mühen von Generationen vor uns. Kultur beinhaltet auch, weil ihr Sinn ist, das Leben zu schützen, immer auch das Streben aufzubauen und weitergeben. Die Generationen sind durch einen unsichtbaren Generationenvertrag durch die Geschichte hindurch verbunden. Immer sind sie Schöpfer und Geschöpfe ihrer Kultur. Ob die Geschichte einen guten oder schlechten Verlauf nimmt, ist allein unser Werk.

Es hat nie in der Menschheitsgeschichte ein «Robinson-Mensch» existiert, der dann durch einen «Zusammenschluss» ein soziales Wesen wurde. Die Gattung Mensch ist immer in Gruppen aufgetreten, immer in Gemeinschaften. Der Mensch lebt als Gemeinschaftswesen. Und das ist eben die Anlage von dem kleinen Kind, von dem ich vorhin sprach, der spontan kooperiert und hilft, weil es ihm ein Bedürfnis ist, und das ihm nicht «anerzogen» werden muss. Man braucht ihm nicht beizubringen zu helfen, es äussert Helfen «wie Atem» (Adler). Die Frage ist nur, was machen wir Erwachsenen daraus. Erziehen wir ihn zum Idioten oder erziehen wir ihn zum Mitmenschen? Für eine friedliche Kultur ist es entscheidend, was wir in der Erziehung machen. Greifen wir die bildungsfähigen sozialen Anlagen des Kind auf, die als unerschöpfliches Reservoir von Möglichkeiten uns mit jedem Neugeborenen gegeben sind, und leiten das Kind an zu einem kooperativen Miteinander – oder … jetzt beginnt ein neues Kapitel: Wie soll man erziehen?

Das Wichtige ist doch, dass eine Generation der anderen das weitergeben können muss, was sie sich und was sich die Generationen zuvor an Lebensdienlichem in Richtung Frieden und Gerechtigkeit aufgebaut haben, zum Schutz des Lebens aller.

Es gibt Vorformen von Kultur unter Schimpansen, hat man jetzt festgestellt. Aber diese typische Form der Menschen-Kultur ist nie unter Tieren beobachtet worden. Kein anderes Tier hat diese Form der Familie. Kein andere Gattung kann Kultur weitergeben durch Lehrer. Kein anderes Tier regelt und schützt sein Leben durch Institutionen. Das ist der Kern des Kulturschaffens bei der Gattung Mensch.

Ein Affe versteht auch, was eine Bäckerei ist: dass es dort Fressen gibt. Er geht hinein und holt sich das Brot. Wenn ein Mensch eine Bäckerei betritt, dann gehen wir nicht nur hinein und holen uns das Brot und essen. Sondern es beginnt mit dem Entschluss, den Laden zu betreten, ein hochkompliziertes Zusammenspiel von Beziehungen, Regeln, Haltungen, Sitten und Traditionen. Das ist Kultur, dass wir diese Institutionen und Regeln selbst gut aufbauen müssen, weil wir unsere Lebensführung nicht genetisch gegeben haben. Das Tier hat genetisch, wir müssen sie uns erwerben. Wir müssen uns Regeln des Zusammenlebens geben, damit es gelingt, dass eben nicht jeder das Brot holt und rücksichtslos isst, sondern dass es gerecht verteilt wird. Wir müssen die Regeln des Zusammenlebens in der Kultur erstens selbst schaffen, und wir müssen sie zweitens so gestalten, dass sie gerecht sind und das Zusammenleben möglichst friedlich abläuft. Wenn wir das nicht tun, dann geschieht es eben nicht. Wir sind Schöpfer und die Geschöpfe unserer Kultur.

Die erste Schule, wo das Kind das Kulturleben im Vollzug des täglichen Lebens mitlebend lernt, ist die Familie als «Schule des Lebens». Wenn die Familie diese Aufgabe verfehlt, wenn sie nicht mehr erziehen will oder kann, wenn sie die Kinder in einem «antiautoritären» Laissez-faire-Stil machen lässt, was sie «selbstbestimmt» wollen, dann fangen sie schnell an, sich nach dem Mächtigsten auszurichten in einer Welt, wo derjenige sich durchschlägt, der am skrupellosesten Gewalt ausübt.

 

Diskussion

 

Wie könnte man das politisch Gegensteuer geben?

In jeder Gesellschaft ist das Bild von der Familie entscheidend. Unterstützt die Politik die Familie oder lässt sie sie im Stich, oder arbeitet sie gar gegen die Familie. Da liegt natürlich auch die politische Aufgabe für jeden Bürger. Veränderungen auf diesem Feld dauern länger. Es ist ein grosses Zukunftsprojekt, wie wir die politischen Verhältnisse so gestalten, dass man die Familie wieder ihren Wert als «Schule des Lebens» bekommt. Das fängt an bei den Nachbarschaftshilfen, bei den Kindern, wenn man die Eltern nicht erreicht, aber immerhin die Kinder. Es fängt an bei allen Gemeinschaftsprojekten in der Gemeinde. Wenn sie ausstrahlen, dann haben sie auch immer eine Ausstrahlung auf die Familien. Vielerorts, glaub ich, wird man erst in kommenden Generationen positive Veränderungen erleben. Man sägt an dem Ast, auf dem man sitzt, nicht ohne, dass Schaden entsteht. Es ist bitter, was passiert ist. Die Kirchen, die Vereine, die vielfältigen Zusammenschlüsse, alle tragen an der Aufgabe daran zu wirken.

 

Was kann ich da als Einzelner tun?

Wenn ich politisch Einfluss nehmen will, steht zuerst die Gemeinde im Zentrum. Ich muss dort wo ich lebe, in den menschlichen Beziehungen dort, anfangen als Mensch zu wirken. Jeder von uns steht ja in irgendwelchen Zusammenhängen. Wir sind in Vereinen tätig. Wir arbeiten in irgendwelchen Gremien, sitzen in irgendwelchen Ausschüssen, wir arbeiten irgendwo in Berufen und haben dort immer mit Menschen zu tun. Wir haben immer überall mit Menschen zu tun. Es ist für jeden im Grunde eine menschliche Aufgabe, so mit anderen reden zu lernen, dass er ihm zuhören kann und ihn versteht. Ohne das ist Politisieren auf Sand gebaut. Schon das Kind spürt doch, ob die Erwachsenen es verstehen und ihm zuhören können. Schon das Kind sucht menschliche Beziehungen, hilft gerne. Das bringt es mit auf die Welt. Das braucht man ihm nicht beibringen. Es hat diese Anlage dazu. Das gilt nicht nur für dieses kleine Kind da, sondern das gilt ein ganzes Leben lang, denn diese Anlage hört nicht auf, wenn wir erwachsen geworden sind.

 

Es wäre ja wirklich gut, wenn man mehr aufklären würde. Was denke Sie, hat da die Psychologie für eine Bedeutung?

Wir haben in der Praxis viele Menschen, bei denen kann es sehr gefährlich werden, wenn man anfängt zu suchen, wo hat dieser Mensch in seiner Kindheit ein traumatisches Problem erlebt. Das ist ja so eine beliebte Art, wie viele Psychologie verstehen. Zuerst einmal muss man die Lebenssituation eines Menschen erfassen. Das gilt übrigens nicht nur für den Psychologen, sondern auch für jeden Menschen, der aufklären und politisch tätig sein will. Wehe man schaut nicht genau und unvoreingenommen hin. Es kann zum Beispiel eine 30jährige Ehegeschichte dermassen ruinös wirken, dass eine Frau zusammenbricht. Nicht weil sie in ihrer Kindheit traumatisiert wurde, sondern weil in dreissig Ehejahren das natürliche Bedürfnis nach Beziehung, nach inniger Verbundenheit mit dem anderen, ruiniert worden ist, missbraucht worden ist, gedemütigt worden ist. Niemand weiss das übrigens so gut wie die Folterknechte aller Couleur. Die haben sich aus den Psychologischen Fakultäten die Forschungsergebnisse geholt und verwenden sie zum Schaden: Wir können Menschen dadurch am besten «zersetzen», indem wir sie von allen Beziehungen isolieren. Abgeschnitten von allen Einflüssen, dauert es etwa fünf bis sechs Stunden, dann wird ein Mensch wahnsinnig. Das ist auch in Guantanamo passiert, und zwar mit Hilfe von Psychologen. Das ist jetzt die schwarze Seite. Positiv formuliert, ist es eine ewige Aufgabe eines jeden Menschen in jeder Generation, – auch sich selber gegenüber – mehr soziale Verbundenheit zu schaffen, zuhören zu lernen, andere verstehen zu lernen und gleichwertig Lösungen zu suchen für alle. Ich merke doch, wenn ich darüber anfange nachzudenken, ob ich den anderen, den ich politisch «aufklären» will, überschütte mit Wissen und recht haben will – ohne zuzuhören und dem anderen erste einmal zuzuhören. Was soll politische Gerechtigkeit sein, wenn ich nicht dem anderen nicht gerecht begegne, sondern alles besser weiss und bewundert werden will? Es ist doch auch ein altes pädagogische Ideal, dass ich mich selbst erziehe, dass ich an mir arbeite. Wir können weder als Politiker noch als Psychologen arbeiten, wenn wir das nicht vor Augen haben. Wenn jemand Hilfe braucht, wenn ich politisch helfen will, dann kommt es immer auf die Art an, wie ich die Beziehung zu den Menschen gestalte. Es misslingt immer dann, wenn man anfängt, irgendetwas in die Beziehung reinzutragen, wo man eigentlich, wenn man ehrlich ist, nicht «sauber» ist: Man ärgert sich, findet den Anderen blöd wegen irgendetwas usw., es gibt Vieles. Das sind dann «Verunreinigungen» eines gleichwertigen Zusammenwirkens, die eigentlich der andere nicht verdient hat. Diese Ehrlichkeit sich selber gegenüber gehört auch in den Prozess der zwischenmenschlichen Beziehungen im weitesten Sinne. Nun kann man das von den Menschen. Aber nicht jeder kann es. Wenn es uns gelingt, das Miteinander mehr zu entwickeln, dann werden die Chancen eben grösser, dass die menschlichen Beziehungen gewinnen.

 

Man muss doch aber auch den Eltern ganz konkret helfen. Was kann man tun?

Es gibt zum Beispiel Mütter, die sind unsicher und wollen immer gern «ankommen». Gerade bei ihren Kindern ist das am stärksten. Jetzt haben sie zufällig ein Kind, das schreit aus irgendeinem Grund. Das Schreien erschreckt die Mutter, weil sie denkt, sie habe es dem Kind nicht recht gemacht. Sie erschrickt und fühlt sich unmöglich und – geht innerlich auf Distanz zum Kind. Je mehr sie aber auf Distanz geht, je mehr schreit das Kind. Je mehr das Kind schreit, umso schlechter fühlt sie sich, weil sie meint, sie ist eine schlechte Mutter. Sie merkt ja, dass irgendwie etwas an ihr nicht stimmt. Je mehr sie in dem Gefühl versinkt, sie sei eine schlechte Mutter, vergrössert sie die Distanz, die das Kind mit Schreien versucht zu lösen. Es schreit und schreit und schreit und hört nicht auf, denn die Mutter versteht nicht, warum es schreit. Dann heisst es vielleicht: «Es ist halt ein Schreibaby.» Damit ist aber nichts erklärt oder gemacht. Das sind typische Abläufe. Die Mutter ist hilflos. Sie versteht sich nciht. Sie muss sich verstehen lernen. Wenn die mütterliche Unsicherheit, die aus dem Sich-nicht-Verstehen stammt, nicht durch die Hilfe anderer behoben werden kann, kann sich im Kind kein richtiges Ur-Vertrauen bilden, weil es nur Angst hat. Sein Schreien ist eigentlich die einzige Methode, mit der es im ersten Jahr ausdrücken kann: Gefahr für mein Leben, Protest! Es kann ja noch nicht sprechen. Es hängt alles davon ab, wie sehr die Eltern sich und das Kind verstehen.

 

Es ist doch aber nicht nur die Angst. Wir haben doch als Eltern, also ich bin selbst Mutter, auch so falsche Bilder im Kopf.

Ja, es gibt auch andere Beispiele, wo Vater oder Mutter das Bild haben: Der Kleine will nicht, was er soll – mir zuleid. So ist der Mensch eben. Man muss ihm zum Guten zwingen. Dann fangen sie an, das Kind zu von oben herab zu belehren und zu bezwingen: Du musst doch mal mehr wollen! Je mehr ein Vater dann von dem Kind erzwingen will, dass das Kind das «Richtige» will, desto mehr fühlt sich das Kind missverstanden, und entweder macht es sich klein und kuscht ängstlich, oder es rebelliert irgendwann. Das ist Kind ist unverstanden. Je früher das Bezwingen einsetzt, desto gefährlicher ist es für das Entstehen des Urvertrauens. Meistens setzen die grösseren Missverständnis relativ erst nach einem Jahr ein. Vor allem dann, wenn die Kinder schon am Tisch sitzen, dann fällt die Marmelade um, und es soll doch «anständig» gegessen werden, «hör einmal auf!». Man hat ja sehr genau untersucht, welche gefühlsmässigen Eigenschaften eine «gute Mutter» braucht, um eine gute Bindung z ihrem Kind eingehen zu können. Es ist aber immer etwas gefährlich, darüber zu reden, dass jemand eine «gute» Mutter sein soll, ohne nicht Betroffenheit, Schuldgefühle oder Empörung wachzurufen. Wenn ich das Gefühl habe, ich muss ein «guter Vater» sein, dann ist schon ein «schräger» Gefühlston von Ungeduld oder Schärfe in meinen Handlungen. Damit wir uns aber verständigen können, muss man davon reden, was aus psychologischer Perspektive eine «gute» Mutter ist. Man weiss heute sehr genau, dass der Erzieher, wenn er die Signale des Kindes richtig deuten kann, einen ruhigeren Umgang hat mit dem Kind. Wenn zum Beispiel der kindliche Schrei nicht als Trotz empfunden wird, sondern eben als «Bitte», ich habe die Windel voll oder Hunger oder … .  Und: es muss irgendwie prompt eine Reaktion auf das kindliche Signal kommen, also nicht erst nach fünf Stunden. Es muss eine ruhige, gefühlvolle Reaktion als Antwort kommen. Das Problem ist, dass kein Mensch so ideal «gut» ist, sondern wir Erzieher haben eben unsere Fehler. Wir waren auch einmal Kinder. Ich erziehe ja nicht nach Lehrbuch, sondern als spontan handelnder Mensch. Mit allen Stärken und Schwächen. Unsere Schwächen haben eben Reaktionen zur Folge, und das Kind stellt sich darauf ein und reagier auch wieder mit ungeschickten Versuchen, mit unseren Schwächen fertig zu werden, und dann entsteht eben ein Kreislauf von Missverständnissen.

 

Aber wir können doch nicht immer den Eltern die Schuld geben?

Es ist doch so, dass jeder junge Mensch mehr oder minder oder dann und wann unter dem leidet, was die Eltern falsch gemacht haben. Wir leiden unter den Fehlern unserer Eltern. Unsere Eltern haben gelitten unter den Fehlern der Grosseltern. Leiden darunter tun wir aber immer nur so lange, wie wir die Schuld immer bei den Eltern suchen und ihnen dafür grollen. Wenn ich verstehe, dass ich es viel leichter habe, wenn ich die Fehler der Vergangenheit selber in die Hand nehme und an mir verändere, dann verblasst ihre Wirkung in mir. Dann verstehe ich eben: Meine Eltern wussten es nicht besser, und ich mache es auch nicht sooo viel besser. Ich mache auf eine andere Art auch meine Fehler. Ich werfe doch auch dem Neandertaler nicht vor, dass er so «dumm» war und das Rad noch nicht erfunden hat. Also hören wir auf, uns die Fehler zuzuschieben, sondern sind wir einfach für das verantwortlich, was in unserer Macht liegt: Wer wir sind, was wir daraus machen und dass wir es besser machen. Dann geht es schon mal besser. Das wäre etwas, was zum Beispiel bei Elternschulungen ungeheuren Einfluss hätte. Aber auch für die politische Kultur wäre das wichtig, dass wir nicht dauernd immer nach den Fehlern der Anderen suchen, sondern bei den eigenen anfangen. Der Umgang mit dem Fehler, der hat eine ungeheure Wirkung in der Erziehung, auf den Zusammenhalt in der Familie – aber auch auf den Umgang mit dem politisch Andersdenken, im Umgang mit politischen Konflikten.

 

Das ist doch oft so schwer, oder. Wie erzieht man denn richtig?

Es ist natürlich unsere theoretische Sprache. Ich erziehe ja nicht, indem ich dem Kind sage: Du musst jetzt diesen oder jenen Wert respektieren und auswendig lernen für dein Leben. Ich muss es vorleben können. Entweder kann ich Frieden und Gerechtigkeit leben, oder sonst predige ich an das Kind – aber auch an denjenigen, den ich politisch «aufklären» will – heran, und es nützt nichts. Das Kind identifiziert sich doch mit seinen Eltern, weil es sie liebt und weil es geliebt wird. Die Eltern sind die Vertreter der Kultur, der Menschheit, sie sind die ersten Menschen. Identifizierend lernt das Kind durch Beobachtung und Nachahmung alles, was der Vater und Mutter vorleben, was die denken, was sie fühlen, was sie tun. Man sieht es dann auch: Der Sohn ist dann «genauso wie der Vater». Wie er schon da sitzt, wie er redet, seine Gesten und Mimik, ganz der Vater. Seine Sprache, seine Art des Sprechens, seinen Ton, seine Ansichten. Das Kind schaut es sich identifizierend ab und macht mit seiner ihm eigenen schöpferischen Kraft etwas individuell Eigenes daraus. Es ist keine blosse Kopie. Man merkt dem Kind bald an, je älter es wird: Da hat es einen «Baustein» vom Vater übernommen, und diesen anderen Baustein hat es vom Onkel. Immer macht das Kind aus dem beobachteten Verhalten seine eigenen Varianten. Das Kind ist immer auch mitbeteiligt am Erziehungsprozess, je älter es wird. Am Anfang sind es tastende Versuche in ein unbekanntes Land, bis es dann langsam diese Menschen und diese Welt begreifen lernt. Jeder seiner tastenden Versuche und der Reaktionen der Eltern darauf ruft anpassende Reaktionen des Kindes hervor, in denen seine Schlüsse aus den vorangegangenen Versuchen stecken. Geht etwas gut, auch wenn es objektiv vielleicht ein Irrtum ist, aber bei Mami prächtig funktioniert, wird es ausgebaut. Bis allmählich feste Haltungen entstehen. Kind und Eltern formen im Wechselspiel miteinander typische individuelle Verhaltensweisen und Charakterhaltungen im Wesen des Kindes: die individuelle Persönlichkeit des heranwachsenden Kindes formt sich. Und jede Reaktion seiner Eltern baut das Kind wieder ein in einen neuen Ansatz, in eine neue Vorstellung, in einen neuen Begriff. Und so formt das Kind in den ersten Jahren des Lebens eine individuelle «Leitlinie», wie es meint, in der Welt und unter den Menschen bestehen zu könne, wie es gut geht.

 

Wie ist das gemeint, dass das Kind Mitspieler ist?

Ja, das Kind ist aktiver Mitspieler im Erziehungsprozess, es wird nicht «geprägt» wie ein Münze. Es hat einmal jemand gesagt: Der Mensch ist Künstler an sich selber. Das Kind ist ein kleiner schöpferischer Künstler an sich selber, es macht immer aus den äusseren Einflüssen auch etwas. Es interpretiert die Einflüsse auch und baut sich da draus etwas Eigenes. Man merkt in seinem Verhalten das Vorbild, aber es ist auch eine Nuance anders. Von zwei Buben, die einen strengen Vater erleben, kann der eine etwas völlig anderes aus dem Vorbild machen als der andere. Der eine wird zum Beispiel noch strenger, weil er das extrem gut findet. Der andere fängt an zu rebellieren, macht etwas anderes aus dem väterlichen Vorbild. Um das fünfte, sechste Lebensjahr herum ist ein kleines Persönchen entstanden mit seinen eigenen individuellen Haltungen. Es hat sich einen individuellen Lebensstil geschaffen. Darin sehen wir die Werte, die Haltungen und das Menschen- und Weltbild der Eltern und der Gesellschaft, der Kultur. Darin sehen wir dann aber auch die Haltung, ob dieser kleine Mensch achtlos an einem Bettler vorbeigeht, oder doch stehenbleibt und ihm etwas gibt. Wenn der Vater das vormacht, wenn er es lebt. Es ist eben nicht das Predigen, das die Erziehung ausmacht, sondern es wirkt eben, wie ich bin und was ich lebe. Ich bin mit meiner ganzen Persönlichkeit dieses Vorbild, und deswegen ist es so schwierig in der Elternarbeit, in der psychologischen Praxis. Ich kann dem anderen lange sagen: «Ja, hör doch auf, Angst zu haben. Du musst keine Zwänge haben.» Es nützt nichts, an ihn heranreden, sondern es kommt darauf an, als Persönlichkeit eine Wirkung zu haben. Es braucht immer eine gleichwertige verstehende Gefühlsbrücke zwischen uns Menschen, wenn wir wirken wollen – im Elternhaus und in der Politik.

 

Wie sehen Sie es denn in diesem Zusammenhang, wenn ein Kind gewalttätig wird? Heute gibt es dich immer mehr gewalttätige Kinder. Was passiert in der Erziehung, dass ein Kind heut gewalttätig wird? Heute wird ja weniger geschlagen, und die Eltern sind nicht mehr so streng.

Wir erleben in der psychologischen Praxis, dass immer mehr und immer jüngere Kinder die eigenen Eltern schlagen. Das gab es vor 20 Jahren nicht. Vor allem ist die Gewalttätigkeit nicht mehr nur eine Domäne der Jungen, die Mädchen ziehen nach und sind oft unbarmherziger als die Buben. Die «Zickenkriege» sind oft viel brutaler und hören nicht auf. Wenn die andere am Boden liegt, dann wird nachgetreten, mitleidlos. Natürlich nicht alle, das ist klar. Eine Tendenz, die fast brutaler ist als die männliche Gewalt. Daran sind wir Psychologen leider mitbeteiligt. Psychologen und Pädagogen waren es, die den Eltern in den letzten 20, 25 Jahren immer gesagt haben: Wenn der Kleine aggressiv wird, dann lasst ihn seine Aggressionen ausleben, das hört dann schon auf. Das war das Modell des Dampfkessels. Der Bub müsse den Druck ablassen, dann höre es auf. Viele Kollegen, vor allem die an den Schaltstellen sassen, in den Beratungsstellen, haben die Eltern beraten: Wenn ihr die Bedürfnisse der Kinder befriedigt, dann entwickelt sich eine gute Beziehung. Aber wenn das Kind gewalttätig wird, dann kann ich vergeblich lieb sein und hoffen, dass es damit aufhört. Mein Hinnehmen der Gewalt verstärkt sie. Eltern wollen in der Regel gute Eltern sein und wollen alles recht machen. Und dann macht man es dem Kind recht und recht, und man verwöhnt es immer mehr, anders als vor 30 Jahren, als die harte Erziehung im Vordergrund stand. Und dann fangen die Kleinen eben an zu dominieren. Jahrelang haben wir den Kindern den roten Teppich ausgerollt und die Folgen sind bedrückend. Das bekommen wir nicht allein durch Elternberatungen geregelt. Im individuellen Fall werden wir natürlich immer helfen, das ist klar. Aber viele Eltern rennen in dem Moment davon, wo sie sich gekränkt fühlen. Sie sind eben auf der einen Seite sehr verwöhnend. Auf der anderen Seite aber auch plötzlich rechthaberisch, wenn man ihnen sagt, dass das Verwöhnen schädigt. Dann sind sie gekränkt und haben das Gefühl «Ich weiss es besser, wenn ich verwöhne und es dem Kind recht mache, bin ich der bessere Mensch. Ich bin wirklich lieb zum Kind. Das ist ein grosses Problem. Man bekommt dieses Problem nicht allein über die psychologische Einzelfallhilfe hin. Es braucht neue gesellschaftliche Prozesse. Es braucht unter uns Psychologen mehr Problembewusstsein, wo wir mit falschen Annahmen über das Wesen des Kindes beraten haben. Es braucht in Politik und Gesellschaft das Nachdenken und Aufräumen aller, um dieses falsche Bild, das seit Jahren überall wirkt, zu korrigieren. Es stimmt eben nicht, dass Gewalt aufhört, wenn man sie «abreagiert». Das Gegenteil passiert. Wir haben die Beispiele von den jungen Leuten zu Hauf. Einer fällt mir ein, dem haben sie einen Sandsack hinter der Scheune aufgebaut. Der hat mir erzählt: «Dort haben wir unsere Aggressionen ausgelebt.» – Dann frage ich: «Und was hast Du dir dabei vorgestellt?» – Dann hat er gegrinst und gesagt: «Das Gesicht vom Chef.» – Er hat in den Sandsack gehauen und hat sich dabei den verhassten Chef vorgestellt, dessen einziges «Verbrechen» war, dass er dem jungen Mann seine Fehler nicht durchgehen liess und Pünktlichkeit und Anstand von ihm forderte Mit jedem Schlag ist die Aggression grösser geworden. Das «Ausleben» von Gewalt ist ein Gewalt-Training. Es passiert genau das, was bei den Videospielen passiert, das Ausleben ist ein Lernen der Aggression.

 

Das kann man doch nicht allein durch Erziehungsberatung lösen. Oder?

Da haben Sie recht. Das bekommen wir nicht allein über Erziehungsberatung gelöst. Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion über die Ursachen von Gewalt. Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion über den Umgang mit der Gewalt und eine politische Bewegung. Wir haben uns angewöhnt, gegenüber der Gewalt einzuknicken, sie zu «tolerieren», zu entschuldigen. Viele schauen weg. Wenn sich heute auf dem Schulhof – früher war das anders – zwei sich prügeln und der Lehrer schreitet ein und trennt sie, dann kann es ihm passieren, dass der Vater bei der Schulleitung anruft und dem Schulleiter sagt: «Was hat der Lehrer da gemacht. Bringen Sie dem Lehrer bei, dass der in Zukunft meinen Sohn nicht mehr so behandelt.» Dann wird der Lehrer zum Schulleiter zitiert und kriegt eine Lektion. Also das ist ein Extrembeispiel, passiert nicht immer so krass. Aber das ist Ausdruck einer gesellschaftlichen Tendenz. Wenn Gewalt ausgeübt wird auf dem Pausenhof oder in der Gesellschaft, irgendwo, und es kommt keine öffentliche Gegenreaktion, kein öffentlicher Widerspruch, dann ist das, als ob Gewalt toleriert wird. Auch wenn innerlich bei dem einen oder anderen die Haltung ist: Ich bin dagegen. Aber wenn der Lehrer dasteht und nichts macht, und die beiden prügeln sich, dann denken alle, die drum herumstehen: Der ist einverstanden. Genau das passiert in der Gesellschaft auch! Wenn der SA Mann die Scheibe des jüdischen Geschäfts einschlägt und alle wechseln die Strassenseite, denkt das beobachtende Kind: die tolerieren das – auch wenn der Erwachsene die Strassenseite vielleicht nur aus Angst gewechselt hat. Aber das Ausbleiben der Verachtung der Gewalt wirkt nach aussen als Toleranz, und das ist das Grundproblem. Wir sagen kaum mehr STOP zur Gewalt, das ist eingerissen. Das ist gefördert worden. Das hat angefangen, als wir Ende der Sechzigerjahre studiert haben. Wir haben das bereits in den Seminaren diskutiert, dass man Gewalt ausleben können müsse. Das war so in der BRD. Ich weiss nicht, wie es hier war. Wir haben in den marxistischen Seminaren diskutiert, dass die Gewalt «ausgelebt» werden solle, dass man Kinder Kot an die Wände schmieren lassen solle, damit sie in ihrer «Freiheit» nicht beschnitten würden. Das sind die Beispiele der Kinder aus den Berliner «Kinderläden», da könnte man Stunden erzählen. Zu Beginn waren das kleine Zirkel von Ideologen, die diese Idee des Auslebenkönnenmüssens der Gewalt in die Bewegung hineintrugen. Viele davon sind später in die Erziehungsberatungsstellen gegangen, sind Professoren geworden, haben in den Bildungsinstitutionen gewirkt. Und das hat sich ausgewirkt.

 

 

 

 

 

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