
Szene aus «Ich klage an» (Wolfgang Liebeneiner, 1941)
Spätestens seit dem goebbelschen Propagandameisterwerk «Ich klage an» wissen wir es: Filme, Bücher und Social Media-Inhalte können Politik und Gesetzgebung zur «Sterbehilfe»/«Euthanasie» stark beeinflussen. Vor allem auch wegen der hohen suggestiven Wirkung von Bildern. Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der HSG-Literaturwissenschaftlerin Anna Elsner, HSG-Professorin für Französische Kulturwissenschaft und Medical Humanities, forschte auf diesem Gebiet mit Geldern der EU.
Folgende künstlerisch verarbeitete Geschichte habe einen starken Einfluss auf die spanische Liberalisierungspolitik in Sachen «Sterbehilfe»/«Euthanasie»:
Ein Mann, der nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist, kämpft darum, seinem Leben ein Ende zu setzen. Als ihm dies vor Gericht verwehrt wird, nimmt er sich mit Hilfe einer Freundin das Leben. Mit dieser wahren Geschichte hatte der Spielfilm «Mar Adentro» im konservativ-katholisch geprägten Spanien in den 2000er-Jahren eine Debatte über die Legalisierung der Sterbehilfe ausgelöst.»
Allerdings muss man sehr aufmerksam sein. Denn gerade das Lancieren von «Debatten» selbst, vor allem durch starke Gefühle auslösende «Geschichten» mit wenig realer Argumentation, braucht immer einen Ouvertüre oder einen «emotionalen Türöffner». Vor allem erlebt man das bei dem Thema «Sterbehilfe»/«Euthanasie», wo es um den bewussten Bruch des tiefsten Tabus geht: den Lebensschutz. Sätze wie die der HGS-Forschergruppe «Die Erkenntnisse aus dem Projekt sollen einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte um die Sterbehilfe leisten.» sind daher mit grosser Vorsicht zu geniessen. Sätze der Forschergruppe wie «Als Wissenschaftler wollen wir möglichst objektiv Erkenntnisse darüber gewinnen, wie Sterbegeschichten Gesetzgebungsprozesse beeinflussen.» können für die EU-Auftraggeber heissen, auch wenn die Forscher das nicht beabsichtigten: Was ist objektiv am geeignetsten, um Gesetzgebungsprozesse anzustossen? Die Forschergruppe untersuchen zudem «verschiedene Sprachregionen und Kulturen sowie unterschiedliche Rechtssysteme», um «einen differenzierten Beitrag zu gesellschaftlichen Debatten über Sterbehilfe (zu) leisten». Die Forscher brauchen «weder für noch gegen Sterbehilfe Stellung beziehen».
Auch der Name der Forschungsgruppe, «Assisted Lab», der nach eigenen Aussagen der Forscher einen bewussten Bezug zu «Assisted Dying» darstellt, lässt einen vorsichtig werden. Ebenso der institutionelle Hintergrund: Das Forschungsprojekt wird bis 2008 finanziert durch einen «Starting Grant» des «European Research Council». Nach der Niederlage der Schweizer Kampagne zur Legalisierung der Tötung auf Verlangen (Initiative Cavalli) im Jahr 2000 erklärte der verstorbene Chef der Schweizer «Sterbehilfe»-Gesellschaft, Ludwig A. Minelli: Nun müsse man in Sachen Legalisierung von «Sterbehilfe»/«Euthanasie» auf die «europäische Ebene gehen. Seither bis zu seinem Tod, war Minelli in den Staaten der EU bei an Verfassungsgerichten zu sehen und anderen massgeblichen Institutionen unterwegs.
Tendenziell gehe die Entwicklung in der Gesetzgebung international dahin, dem Einzelnen möglichst viel Autonomie in der Frage des eigenen Sterbens einzuräumen, sagt die Leiterin Elsner. Es stimmt nicht, dass dies ein weltweiter Prozess ist. Es nur 10% aller Staaten weltweit, und zwar vor allem die der westlichen Industrienationen, in denen Gesetzgebungsverfahren zu «Sterbehilfe»/«Euthanasie» lanciert wurden und werden.
Das Forschungsteam hat ein «Living Archive of Assisted Dying» aufgebaut:
«Dafür haben sie rund 300 Medien gesichtet, die nach dem Jahr 2000 erschienen sind und die Geschichten rund um die Sterbehilfe erzählen. Die einzelnen Einträge geben zum ersten Mal einen Überblick darüber, in welchen politischen Debatten oder teilweise sogar Gesetzestexten kulturelle Produktionen zitiert wurden. „Das Archiv ist öffentlich zugänglich und soll von verschiedenen Gruppen genutzt werden“, sagt der HSG-Germanist Marc Keller, der für das Projekt deutschsprachige und niederländische Medien sichtet und auswertet. Keller und Elsner tauschen sich für das Projekt in Experteninterviews auch regelmässig mit Anwält:innen, Politiker:innen und Ärzt:innen aus. Neben dem öffentlichen Archiv produziert das Team einen Podcast, in dem Forschende, Kunstschaffende oder Rechtsexpert:innen zu Wort kommen sollen. Außerdem kommuniziert es über das soziale Netzwerk X über Neuigkeiten aus dem Projekt. Auf der Website des Archivs gibt es zudem einen Button, mit dem Externe die Forschenden auf Medien aufmerksam machen können. […] Das Team bezieht auch Medienformate wie Newsletter oder Videos auf sozialen Netzwerken in die Analyse mit ein. «Auch deshalb sind wir am Austausch mit der Öffentlichkeit interessiert – aufgrund der Vielfalt der Medien und Aspekte können wir selbst nicht alle Produktionen zum Thema im Blick behalten“, sagt Keller. Mit der Öffentlichkeit traten die «Assisted Lab»-Mitglieder bisher auch schon in Podiumsdiskussionen rund um kulturelle Produktionen in Austausch. Diverse Artikel basierend auf dem Archiv sowie über das Archiv sind bereits erschienen und eine Veröffentlichung einer abschliessenden Studie ist auf 2028 geplant.»
Quelle: Universität St. Gallen. «Geschichten haben grossen Einfluss auf die Debatte über Sterbehilfe». News vom 18. Juni 2024. URL: https://www.unisg.ch/de/newsdetail/news/geschichten-haben-grossen-einfluss-auf-die-debatte-ueber-sterbehilfe/