Hans Jonas: Es brauche die «wohlwollende, wohlinformierte und von der richtigen Einsicht beseelte Tyrannis» einer «Elite mit geheimen Loyalitäten und geheimen Zielsetzungen» – und: die «edle Lüge»

2. Januar 2011 Moritz Nestor

 

 


«Für mich bleibt der Eindruck, dass es uns in Deutschland und auch in Europa, geschweige denn in den Vereinigten Staaten, ohne die Entwicklung eines Impfstoffes nicht gelungen wäre, diese Pandemie zu besiegen. Eine Impfung gegen CO2 wird es allerdings niemals geben. Somit benötigen wir Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels, die analog zu den Einschränkungen der persönlichen Freiheit in der Pandemie-Bekämpfung sind. Ob das erreichbar ist, wage ich zunehmend zu bezweifeln.»
(Karl Lauterbach. Klimawandel stoppen? Nach den Corona-Erfahrungen bin ich pessimistisch. In: Welt vom 27.12.2020)


 

 

Hans Jonas fordert in seinem Buch «Prinzip Verantwortung» die Idee einer Rettung der Menschen und der Natur durch «Tyrannis». Denn: Der Mensch denke immer nur an sich und verstehe nur die Sprache der Furcht. Er übernehme nur dann Verantwortung, wenn das eigene Leben unmittelbar auf dem Spiel stehe.[1] Eine Art «Notstandsethik»[2], die eine (temporäre) Diktatur fordere.[3]

«Ehrfurcht vor dem Leben […] Natürlich soll das ja mit mobilisiert werden. Und wenn das der Ökologie im Ganzen zugute kommen würde, kommt es auch dem Menschen zugute […]. der Appell an die Liebe, das scheint mir sehr zweifelhaft. […] Sie sagen zwar: Jeder hat doch Liebe zum Leben; bitte seien Sie etwas genauer: Liebe zum eigenen Leben zunächst mal. Eine Liebe, die imstande ist zu entsagen, können Sie keineswegs überall voraussetzen, und da liegt der Hase im Pfeffer. Ich meine, wie viel und was sind die Menschen bereit sich zuzumuten?»[4]

Jonas geht von der Unterstellung aus, wir würden keine universelle Sittlichkeit kennen:

«Keine überlieferte Ethik belehrt uns […] über die Normen von ‚Gut’ und ‚Böse’»,

wie wir mit dem heutigen Stand von Wissenschaft und Technik und der damit gegebenen Macht umzugehen hätten. Alle bisherige Ethik sei immer subjektiv gewesen und hätte keine universale Sittlichkeit gekannt.[5]

Um die Welt vor der Apokalypse zu bewahren, brauche es aber eine «kollektive Ethik»,[6] da es sich bei der heutigen Bedrohungslage der ganzen Menschheit um kollektives Tun handle, bei dem gar kein «Täter» im Zentrum der Handlung stehe.[7] Indem er den Menschen nur als Kollektivwesen sieht, spricht er  wiederum dem einzelnen Menschen die Fähigkeit zur Ethik ab. 

«Meine pessimistische Theorie ist, dass das, was Weisheit und politischer Verstand nicht fertigbringen, vielleicht der Furcht gelingt»,[8] sagt Jonas und sieht die Rettung in einer «Erziehung durch Katastrophen».[9]

So einig man sein kann mit Jonas’ Diagnose, dass die Menschheit heute imstande ist, mit den technischen Mitteln sich selbst auszulöschen, sein Schluss daraus, die Rettung gehe nur mit einer Diktatur, ist ein Widerspruch in sich. Er schreibt nämlich, die Demokratie sei für eine

«Politik verantwortlicher Entsagung […] mindestens teilweise untauglich».[10] Seine «augenblickliche Abwägung» sei daher «zwischen verschiedenen Formen der ‚Tyrannis’».[11]

Jonas fordert schliesslich zur Rettung der Menschheit eine

«wohlwollende, wohlinformierte und von der richtigen Einsicht beseelte Tyrannis»,[13 ] eine «Elite mit geheimen Loyalitäten und geheimen Zielsetzungen».[12] Sie könne endlich das tun, was «das Eigeninteresse der Betroffenen sich spontan nicht auferlegt hätte, die demnach, wenn sie gar die Majorität treffen, im demokratischen Prozess schwer zum Beschluss gebracht werden können.»[14]

Aber: Ohne politische Freiheitsrechte und ohne Recht ‑ und damit automatisch auch ohne Menschenrechte, ohne die beide undenkbar sind ‑ herrscht diese «grüne» Elite zur Rettung der Menschheit mit absolutistischem Willen zur Macht (legibus absolutus). 

Es bleibt völlig unerfindlich,

«warum eine Tyrannis, die insbesondere die Öffentlichkeit als zentrale Wahrnehmungsinstanz für gesellschaftliche Probleme ausschaltet, von einer ‚richtigen Einsicht’,[15] die aber gegenüber der Gesellschaft argumentativ nicht ausgewiesen werden muss, beseelt sein soll. Wenn der Tyrannis das Recht zur Verwendung unwahrer Aussagen zur Täuschung der Massen ‑ Jonas nennt das mit Platon ‚edle Lüge’ ‑ zugesprochen wird,[16] fällt das ganze Konstrukt einer aufgeklärten autokratischen Elite als Bewahrerin der Natur in sich zusammen.“[17]

Das 20. Jahrhundert hat genügend Anschauungsunterricht in Formen der Tyrannis gegeben, um solche «Theorien» aus dem politischen Diskurs auszuscheiden. Für Schweizer und damit Vertreter der direkten Demokratie sind sie ohnehin absurd und obsolet.

 

 

[1]     Gross, 2003, S 3
[2]     Micha, 2003, S. 1
[3]     Ferry, 1995, S. XXIV, 61, 72, 76f, 80-84, 86, 112
[4]     Jonas zitiert nach: visipix.dynalias.com, S. 6
[5]     Jonas zitiert nach: Gross, 2003, S. 4
[6]     Jonas zitiert nach: Gross, 2003, S. 6
[7]     Jonas zitiert nach: zool80.de
[8]     Jonas zitiert nach: Gross, 2003, S. 3
[9]     Jonas zitiert nach: Gross, 2003, S. 4
[10]    Jonas, 2003, S. 269
[11]    Jonas, 2003, S. 269
[12]    Jonas, 2003, S. 266
[13]    Jonas, 2003, S. 262
[14]    Jonas, 2003, S. 262
[15]    Jonas, 2003, S. 262
[16]    Jonas, 2003, S. 266
[17]    Perels, 2006, S. 47

 

 

Literatur

 

Ferry, L. [1992]: The New Ecological Order. Chicago & London: The University of Chicago Press 1995

Gross, St. Hans Jonas – Zum hundertsten Geburtstag. In: Tabvla Rasa. Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. Ausgabe 20. 12. Jahrgang 2003. URL: http://www.tabvlarasa.de/20/gross1.php. (aufgerufen am 1.10.2010)

Jonas, H. [1979]: Das Prinzip Verantwortung: Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation.Frankfurt/Main 2003

Micha, W. Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung. In: Düwell, M. & Steigleder, K. (Hg.) (2003): Bioethik. Eine Einführung. Frankfurt/Main 2003, S. 41-56

Perels, J. Demokratie und Ökologie – Theoretische und historische Bemerkungen. In: Gröning, G. & Wolschke-Bulmahn, J. (Hg.) Naturschutz und Demokratie!? München 2006

visipix.dynalias.com: Podiumsgespräch vom Donnerstagvormittag nach Hans Jonas, Leitung F. Kreuzer. URL: http://www.visipix.dynalias.com/sites-en/buch_denken/podium_02.html (eingesehen am 1.10.2010)

zool80.de. URL: http://www.zool80.de/html/verantwortungsethik.html (eingesehen am 1.10.2010)

 

 

Autor

Moritz Nestor, Psychologe

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