Jacques Attali: «Euthanasie» ist im Sozialismus ein «absoluter Wert»: «Die Euthanasie wird eines der wesentlichsten Instrumente unserer zukünftigen Gesellschaften sein, wie immer diese auch aussehen mögen.»

25. Juni 2024 Moritz Nestor

Jacques Attali ist ehemaliger persönlicher Berater von F. Mitterand und Präsident der «Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung» sowie – zusammen mit dem «Euthanasie»-Philosophen Peter Singer und Anthony Giddens, dem Berater von Tony Blaire – Berater des World Economic Forums WEF in Fragen der «Gesundheitsökonomie».

Auszüge aus einem Interview von Michel Salomon mit Attali aus dem Jahr 1981[1]:

Seite 44ff.

Michel Salomon: Ist es möglich und wünschenswert 120 Jahre alt zu werden?

Jacques Attali: […] Aber bei einer Lebenserwartung von mehr als 60 oder 65 Jahren lebt der Mensch länger als er produziert und kommt der Gesellschaft teuer.
Deshalb glaube ich, dass nach der Logik der industriellen Gesellschaft selbst das Ziel nicht mehr die Erhöhung der Lebenserwartung sein wird, sondern die Schaffung bestmöglicher Lebensbedingungen bei einer bestimmten Lebensdauer und bei möglichst niedrigen Ausgaben für die Gesundheit im Hinblick auf die Kosten für die Allgemeinheit. […] Tatsächlich ist es vom Standpunkt der Gesellschaft aus besser, wenn die Maschine Mensch plötzlich stehenbleibt, als wenn sie allmählich immer schlechter funktioniert.
Das ist völlig klar, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Ausgaben für die Gesundheit auf die letzten Lebensmonate konzentriert sind. Ganz ohne Zynismus: Die Ausgaben für die Gesundheit würden nicht einmal ein Drittel der derzeitigen Summen (175 Milliarden Francs im Jahr 1979) betragen, wenn alle Menschen plötzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben kämen. […]

Michel Salomon: Die zukünftige Welt, egal, ob sie nun ‘liberal’ oder ‘sozialistisch’ ist, wird eine ‘biologische’ Moral brauchen, sich zum Beispiel eine Ethik des Klonens oder der Euthanasie schaffen müssen.

Jacques Attali: Die Euthanasie wird eines der wesentlichsten Instrumente unserer zukünftigen Gesellschaften sein, wie immer diese auch aussehen mögen. In einer sozialistischen Logik, um mit ihr den Anfang zu machen, stellt sich das Problem folgendermassen: Die Logik des Sozialismus ist die Freiheit und die grundlegende Freiheit ist der Selbstmord; folglich ist das Recht auf direkten oder indirekten Selbstmord in dieser Gesellschaftsform ein absoluter Wert. In einer kapitalistischen Gesellschaft dagegen werden Tötungsmaschinen auftauchen […], die es ermöglichen, Leben auszulöschen, wenn es zu unerträglich oder wirtschaftlich zu aufwendig geworden ist, und diese Maschinen werden gang und gäbe sein. Meiner Meinung nach wird also die Euthanasie, egal ob sie nun als Freiheitswert oder als Ware zählt, eine der Regeln der zukünftigen Gesellschaften sein.

[1] Attali, Jaques. Die Medizin auf der Anklagebank. In: Salomon, Michel (Hg.). Die Zukunft des Lebens. Wien/Hamburg 1981
[Französische Ausgabe: Salomon, Michel (Hg.). L’Avenier de la Vie. Edition Seghers Paris 1981]

Autor

Moritz Nestor, Psychologe

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