Kostendiskussion ohne ethische Dimension

25. Juni 2024 Moritz Nestor

Wie 1998 bereits aus gut unterrichteter Quelle zu erfahren war, bot damals der Direktor der Filiale einer der grossen Schweizer Krankenkassen der Schweiz einem Mitarbeiter 1 500 Franken an, wenn dieser «zu teure» Patienten zu einem Übertritt in eine andere Krankenkasse überreden würde. Der Mitarbeiter erhielt zu diesem Zweck eine Liste mit 260 Namen von Personen, für welche die Kasse im Jahr 1996 sechzehn Millionen Franken bezahlt hatten –  weitgehend alte Menschen. Der Chef einer anderen grossen Krankenkasse kommentierte damals schon immer wieder, wenn man die Rationierungsmassnahmen der Kassen nicht akzeptiere, müssten die Kassen irgendwann einmal sagen, einem 65jährigen werden zum Beispiel kein Herz mehr implantiert.

Jaque Attali, ehemaliger persönlicher Berater von Mitterand und ehemaliger Präsident der Europäischen Bank für Aufbau und Entwicklung sagt es noch offener:

«Nach 60 oder 65 lebt der Mensch länger als seine Arbeitskraft. Dann kostet er die Gesellschaft eine Menge Geld. … Es ist also vom Standpunkt der Gesellschaft aus besser, wenn die menschliche Maschine plötzlich stoppt als wenn sie langsam verfällt … Euthanasie wird zu einem der wichtigsten Mittel unserer zukünftigen Gesellschaften werden. … Die Logik des Sozialismus ist Freiheit. Die höchste Freiheit ist der Selbstmord. Das Recht auf Selbstmord – entweder direkt oder indirekt – ist daher ein Höchstwert in solch einer Gesellschaft.“

Weder versicherungsintern, sagte die Gewährsperson, noch in den Medien, noch sonst in der Öffentlichkeit werde irgendwo in der Schweiz von jenen ein ehrlicher ethische Diskurs geführt, welche die Rationierungen auf dem Rücken der Schwächsten der Gesellschaft bereits klandestin einführen. Was unter welchen Umständen gespart und was nicht gespart werden darf – bei gleichzeitig laufendem Umbau des gesamten Gesundheitssystems von seinen Grundfesten her ‑ darüber wird der öffentliche Diskurs verweigert!

Das zeigt die Doppelbödigkeit und Demokratiefeindlichkeit der Argumentation: Man führt das Wettbewerbsprinzip anstelle des Solidarprinzips im Gesundheitswesen ein, Ethik hat dabei nicht zu interessieren! Wer das nicht akzeptiert, dem werden die Rationierungsschrauben angesetzt.

Dazwischen werden zuerst die Alten, Kranken, Schwachen, Behinderten zerrieben …

Autor

Moritz Nestor, Psychologe

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