Moritz Nestor
Am 9. Januar 1997 veröffentlicht das Noordhollands Dagblad die Ergebnisse einer Studie, die im Auftrag der «Niederländischen Vereinigung für freiwillige Euthanasie», einer Schwestergesellschaft der Schweizer Sterbe«hilfe»gesellschaft EXIT, durchgeführt wurde. Als ein wesentliches Ergebnis hält sie fest: Bei ‚Euthanasie‘ müsse «eine lange Beziehung zwischen dem Ausführenden und dem Klienten bestehen», denn Ärzte würden meist mehr Bedingungen für die «Durchführung» (welch ein banal-brutales Wort für Töten) von «Euthanasie» stellen, als die heutige Rechtsprechung vorschreibe.
Wie gut, dass Ärzte so sorgfältig sind! Soll sich der ahnungslose Bürger beruhigen – und vergessen, dass es um Töten geht! Die Patiententöter nutzen das berechtigte Vertrauen schamlos aus, das der Bürger in die Person des Arztes hat.
Denn nur eine Woche nach diesem Bericht veröffentlichte am 15. Januar 1997 das gleiche Noordhollands Dagbladfolgenden Fall: Am 26. Januar 1996 wird ein Krebspatient ins Krankenhaus Almelo eingewiesen. Am 27. Januar redet dieser Unglückliche davon, er wolle schlafen und nie mehr aufwachen. Auf Druck der Familie hin tötet ihn ein Arzt am 28. Januar mit einer Spritze. Er trägt in den Totenschein ein: «natürliche Todesursache». Hiess es nicht eine Woche davor, bei «Euthanasie» müsse «eine lange Beziehung zwischen dem Ausführenden und dem Klienten bestehen» … ?
In Wirklichkeit geht es um das, was bereits im Dezember 1990 ein Arzt des niederländischen Krebsinstituts auf einer Konferenz für Bioethik zu Maastricht unverblümt aussprach: Sie würden an ihrem Institut Patienten töten, nachdem sie diese zuvor durch eine Morphium-Injektion absichtlich in ein Koma versetzt hätten. Man halte das nicht für «Euthanasie», denn es sei ja keine Tötung auf freies Verlangen des Patienten hin! Würde man den Plan zuvor mit den Patienten besprechen, sei das grob und unhöflich (!), denn die Patienten wüssten ja dann, dass sie unheilbar krank seien. [1] Der Bericht findet sich auf Seite 31 des Berichts Euthanasia in the Netherlands – American Observations von Alexander Morgan Capron, veröffentlicht im Hastings Centre Report von März/April 1992. Der niederländische Neusprech für solche Anstaltstötungen ist «medical treatment», also «medizinische Behandlung» oder «Akt der Menschlichkeit».
Wer sich nur ein bisschen menschliches Mitgefühl bewahrt hat, dem zieht sich beim Lesen dieser Unmenschlichkeiten vor Grauen alles zusammen! Es sei ein «Krieg gegen innen», nannte es einst der verstorbene Psychiater Klaus Dörner.
Wie nennt man einen Staat, der solches zulässt und fördert? In dem Anstaltstötungen «medical treatment», also «medizinische Behandlungen», oder «Akte der Menschlichkeit» genannt werden?
Zivilisation ist die immer stärkere Übernahme von Verantwortung vor allem auch gegenüber den Kleinen, Kranken, Schwachen und Alten. Die vorstaatlichen Menschenrechte sind der Schutzrahmen und die Voraussetzung dafür, dass dieser Kulturprozess gelingen kann. Ihr Kern ist das Menschenrecht auf Leben und damit das absolute Tötungsverbot. Das Lebensrecht ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen sich als Menschen entwickeln und als Mitmenschen miteinander in Frieden leben können. Freiheit, Würde, Gegenseitige Hilfe und Liebe sind nicht möglich, wenn das Leben nicht garantiert ist. Mit ihren Anstaltsmorden haben die Niederlande die Gemeinschaft der Kulturnationen verlassen. Zu Recht nannte daher der Vatikan die niederländische Euthanasiepraxis eine «Kultur des Todes». Und der gemeinsame Ausschuss der Ärzte in der Europäischen Gemeinschaft hat dem dadurch Ausdruck verliehen, dass er die Niederlande wegen dieser Anstaltstötungen vom Vorsitz in diesem Gremium ausschloss.
*****
Memento mori!

Inschrift an der Dorfkirche in Nebel auf Amrum aus dem Jahr 1645. Oben: «Sei dir deiner Sterblichkeit bewusst»: unten: «Gestern mir, heute dir»
Als die «Euthanasie»-Ärzte 1946/47 vor Gericht standen, sagte Karl Brandt, der Begleitarzt Hitlers und Generalmajor der Waffen-SS sowie Generalkommissar für das Sanitäts- und Gesundheitswesen:
«Dahinter stand: dem Menschen, der sich nicht selbst helfen kann und der unter entsprechenden quälenden Leiden sein Dasein fristete, eine Hilfe zu bringen.» «Wenn man über diese Frage der Euthanasie sich offen ausspricht und sich müht, von einer ernsten Grundlage der Tatsachen sich gegenseitig zu verstehen, so wird meiner Meinung nach auch für die Zukunft ein Weg für die Durchführung zu finden sein.» [2]
Quellen
[1] Alexander Morgan Capron. Euthanasia in the Netherlands – American Observations. In: Hastings Centre Report, March/April 1992, S. 31
[2] Mitcherlich, Alexander & Mielke, Fred. Medizin ohne Menschlichkeit. Dokumente des Nürnberger Ärzteprozesses. Frankfurt/Main 1962