Moritz Nestor (PDF)
«Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen.»
(Ernst Bloch)1

Unbekannter Meister, Holland 16 Jh. Allegorie der Hoffnung
Hoffnung macht den Menschen zutiefst aus. Ohne sie könnten wir nicht existieren. Das Christentum lehrte Hoffnung als Tugend. Es hat aber die Hoffnung nicht erfunden. Gehofft haben die Menschen zu allen Zeiten.
Anlass zur Hoffnung auf diese Kraft im Wesen des Menschen gibt der Aufsatz von Giovanni Maio, «Therapieziel Hoffnung. Zur Bedeutung der Hoffnung in einer technisierten Medizin». Dieser «bewegend wunderbare» Aufsatz, wie mir ein Kollege schrieb, muss noch viel zu reden geben. Denn seine tiefen Gedanken greifen weit über die Bedeutung der Hoffnung für Leidende, Kranke und Sterbende hinaus und fragen uns: «Was bedeutet Hoffnung in unserer Zeit?»2 Giovanni Maio beginnt mit dem Grundgedanken:
«Wir können eben nur dann konkret hoffen, wenn wir von einer Grundhoffnung getragen sind. […] Der Mensch wählt also seine Alltagshoffnungen auf dem Boden der Hoffnung, die ihn trägt und leitet.»3
1979 schenkte mir mein Vater eine Ausgabe von Ernst Blochs dreibändigem Werk «Prinzip Hoffnung» zum Geburtstag. Auf der Innenseite des ersten Bandes steht von seiner Hand «Seite 83 unten: Was Hoffnung ist». Er wollte seinem Sohn Mut machen. «Hoffnung», sagt Bloch an dieser von Vaters Hand unterstrichenen Stelle,
«dieser Erwartungs-Gegenaffekt gegen Angst und Furcht, ist deshalb die menschlichste aller Gemütsbewegungen und nur Menschen zugänglich, sie ist zugleich auf den weitesten und den hellsten Horizont bezogen».4
Und dann zitiert Bloch jenen fast etwas unmarxistisch klingenden Gedanken von Marx:
«Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut, am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war.»5
Der Mensch als Baumeister «verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiss».6
Auf allen Gebieten des Lebens, so deutet Bloch diesen Gedanken, muss der Mensch «den Plan selber geplant haben» und dann die Verwirklichung seines Plans «als einen glänzenden, auch entscheidend anfeuernden Traum nach vorwärts vorweggenommen haben».7 Im Unterschied zur Biene kann und muss der Mensch planend «vorausblicken».
«Und genau an dieser Stelle nun bildet sich das, […] was gegebenenfalls […] aktiviert und aufs Ziel des besseren Lebens hinspannt: es bilden sich Tagträume. Sie kommen allemal von einem Mangel her […], sie sind allesamt Träume von einem besseren Leben. […] unter ihnen gibt es […] entnervende Fluchtträume […] mit Billigung und Unterstützung des bestehenden Zustands […]. Aber wie viele andere Wunsch-Tagträume haben sie, indem sie vom Wirklichen nicht wegsahen, sondern konträr […] in seinen Horizont hineinsahen, Menschen am Mut und an der Hoffnung gehalten.»8
Der Mensch «erweitert» so sein Leben planend in die Zukunft. Und ihm schwebt dabei etwas «Noch-nicht-Bewusstes» vor, was es noch nie gegeben hat und was man in der Vergangenheit noch nie gedacht hat: eine «Dämmerung nach vorwärts, ins Neue». Dieses Erahnen einer neuen Zukunft umgibt bereits die einfachsten Tagträume, «von da reicht sie in die weiteren Gebiete der verneinenden Entbehrung, also der Hoffnung».9
Man könnte sich lange und äusserst fruchtlos darüber streiten, wieso Bloch als Marxist über die christliche Tugend der Hoffnung schreibt, wo doch Marx die Religion als «Opium des Volkes» abgetan hat. Etwas viel Wichtigeres ist zu betonen: Ernst Bloch schreibt das «Prinzip Hoffnung» zwischen 1938 und 1947 im amerikanischen Exil und veröffentlicht es 1959. Mehr als ein halbes Jahrhundert später lesen wir in dem bemerkenswerten Aufsatz des Christen Giovanni Maio «Therapieziel Hoffnung» folgende Sätze, die den Gedanken des Marxisten Ernst Bloch so verblüffend gleichen:
«Die Hoffnung ist kein schwärmerisches Übergehen der Realität, sondern sie ist das Anerkennen der Realität, sie ist grundlegend vernunftorientiert, weil sie die Defizite des Jetzt klar erkennt. Die Hoffnung ist dadurch charakterisiert, dass sie die widrige Realität gerade nicht übertüncht, sondern sie bejaht; sie erkennt sie an, lässt sich aber nicht von ihr überwältigen. Hoffnung impliziert die Fähigkeit, in der jetzigen Realität zugleich auch eine Potentialität zu erblicken. Der Hoffende sieht […] die der Widrigkeit immer noch innewohnende Möglichkeit. […] der Hoffende ist der klar Sehende, der sich Perspektiven schafft.»10
«Während der Verzweifelte die Gegenwart auf das Noch-Nicht reduziert und seinen Blick somit allein auf die reine Gegenwart einengt, sich also in der Gegenwart gefangen hält, vermag der Hoffende das Defizitäre der Gegenwart genauso zu erkennen, sieht aber durch das Defizitäre hindurch die grundsätzliche Möglichkeit des Guten.»11
Warum treffen sich ein Marxist und ein Christ am gleichen Punkt, wenn sie über Hoffnung sprechen? Weil es der Punkt ist, der alle, «die Menschenantlitz tragen» (Alphonse Daudet), als Gleiche miteinander geistig verbinden kann. Er macht die Hoffnung zu etwas, das den Optimismus weit übersteigt: Die Gewissheit über das Wesen des Menschen – über seine Natur, das Geschöpf Gottes, oder welche Worte wir nehmen. Es ist die sittlich-rechtliche Gewissheit, die in Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck kommt und die 1948 erstmals für alle Menschen kategorisch forderte:
«Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.»
Heute gehört die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte zum Völkergewohnheitsrecht. Wer aber die Zeitgeschichte verfolgt, könnte ohne Hoffnung verrückt werden. Man mag es nicht erneut aufzählen, zu was für einem schrecklichen Zerrbild Menschen werden können, wenn sie grössenwahnsinnig sind, erfüllt sind von Hass, Geld- und Machtgier; wenn sie jeden Bezug zur Realität verlieren; wenn ihnen Menschen nur Mittel zum Zweck sind; wenn sie ohne Gewissen zu Völkermördern werden, die im Namen irgendeines angeblich höheren Wesens andere als «Vieh» sehen und massenweise abschlachten; die sich wie Irre benehmen und, emotional erkaltet, geistig unfähig sind, sich zu überlegen, ob andere vielleicht auch einmal recht haben.
In dieser «westlichen» Welt, zu der wir zählen, ob es uns passt oder nicht, lebt nicht mehr viel, was einmal zum Besten der europäischen Kultur zählte. Und doch sind es nur 5–10% der internationalen Geld- und Machteliten, die zu dem fähig sind, was ich gerade beschrieb. Die überwiegende Mehrheit der Menschheit arbeitet, liebt ihre Familie und ihre Kinder, will keinen Krieg, keine Folter, will nichts von dem, was täglich an Irrsinn auf einen einstürmt. Aber sie sind gefangen in der irrationalen Angst vor herbeigeredeten Bedrohungen, die ihnen täglich eingeträufelt wird.
Vielleicht ist das Einzige, was uns geistig tragen kann, egal zu welcher Religion oder Weltanschauung wir uns rechnen, diese Gewissheit: dass nämlich mit jedem neugeborenen Kind wieder neues «unverbogenes» Leben zur Welt kommt, das noch nicht in dem Irrsinn unserer westlichen Kultur gefangen ist. Dort sieht der Hoffende, dass der Mensch in Wirklichkeit völlig anders ist.
Vergegenwärtigen wir uns folgendes Beispiel. Ein 12 Monate altes Kind sieht beim Spielen zu, wie ein Erwachsener Unterlagen bearbeitet. Es ist vereinbart, dass nicht gesprochen wird. Der Erwachsene verlässt nach einer Weile den Raum. Ein zweiter Erwachsener kommt herein, räumt die Unterlagen des ersten weg und verlässt den Raum. Der erste Erwachsene kommt nach einer Weile zurück und sucht seine Unterlagen. Das Kind sieht das und zeigt ihm mit dem Finger den Ort im Regal, wo das Gesuchte liegt. Als der Erwachsene verstanden hat, hört das Kind auf zu zeigen.12 Das Kind kann noch nicht sprechen und aufrecht gehen. Aber es versteht schon diese Zeigegeste und deren Sinn.13
Was ist passiert? Das Kind verbindet sich geistig mit dem Erwachsenen und erfasst, was sich in ihm abspielt, es versteht dessen Intention. Es erkennt den anderen als ihm wesensgleich (Gleichheit) und hilft, nicht weil der andere ein geliebter Angehöriger ist, es handelt sich ja um einen Fremden, sondern weil es den anderen als Mitmenschen wahrnimmt, dem es spontan, aus freien Stücken hilft (Freiheit), und nicht, weil es aufgefordert oder belohnt worden wäre – es ist kein Kosten-Nutzen-Maximierer. Es ist ein freiwilliges spontanes (intrinsisches) Handeln. Es hilft, weil es erkennt, was dem anderen fehlt. Es versetzt sich geistig in dessen Position und erfasst dessen Absicht. Es verbindet sich geistig mit dem Erwachsenen und dessen Absicht. Und: es macht das alles gerne, es ist ihm eine Freude. Es entsteht eine gemeinsame Aufmerksamkeit auf die gleiche Absicht (Brüderlichkeit). Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stehen am Anfang des Lebens. Es ist das ein Verhalten, das alle Kinder um das Ende des ersten Lebensjahrs zeigen, noch bevor das Kind sprechen und einsichtig denken kann. Michael Tomasello nennt diesen Vorgang «kulturelle Intelligenz» oder «geteilte Intentionalität». Es ist die Fähigkeit,
«mit anderen in kooperativen Unternehmungen gemeinsame Absichten zu verfolgen und Verpflichtungen einzugehen. Diese gemeinsamen Absichten und Verpflichtungen werden durch gemeinsame Aufmerksamkeit und wechselseitiges Wissen geformt und basieren auf den kooperativen Motiven, anderen zu helfen und Dinge mit ihnen zu teilen.»14
Diese Form des Helfens kommt nur beim Menschen vor, und es ist wichtig zu betonen, dass es nicht von der Sprache abhängt: Kinder informieren andere durch Zeigegesten. Dieses Verhalten muss ihnen nicht anerzogen werden. Es «kommt ganz natürlich zum Vorschein», und zwar
«ungefähr von ihrem ersten Geburtstag an – wenn sie zu laufen und zu sprechen beginnen […]. Im Laufe ihrer weiteren Entwicklung wird diese relativ uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft der Kinder jedoch durch verschiedene Einflüsse verändert.»15
Lügen, also eine Verweigerung der Kooperation,
«tritt erst einige Jahre später auf und setzt vorheriges Vertrauen und Kooperationsbereitschaft voraus. Wenn die Menschen nicht davon ausgingen, dass sie sich auf die Hilfsbereitschaft anderer verlassen können, würden Lügen gar nicht erst funktionieren.»16
So sind wir Menschen am Anfang des Lebens. So sind wir von Natur aus. Wie weit ist doch dieser strahlende Anfang des Lebens entfernt vom geistigen Zustand der Grössenwahnsinnigen, Kriegstreiber, Lügner, Rechthaber, Verbrecher, Mörder? Was muss mit unseren geliebten Kindern passieren, dass aus dem Einjährigen, der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bereits in einem vorsprachlichen Alter als emotionale Qualitäten leben kann, später im Leben Charaktere werden, die völlig von ihrer Natur entfremdet leben? Was müsste sein, dass irgendwann einmal die Menschheit so leben könnte wie der Einjährige? Der wir doch alle einmal waren! Wenn sich die Menschheit unter dem Diktat der Irren nicht selbst vernichtet, wenn wir Zeit und Freiheit hätten, uns zu entwickeln …
Völlig anders, zeigt sich im Licht der personalen Humanwissenschaften, sind wir Menschen in Wirklichkeit, völlig anders als die grosse Menge gut bezahlter Intellektueller mit dem richtigen Parteibuch, die sich hinaufgearbeitet haben in die Sphären der «Staatsphilosophen», «Meisterdenker», Nobelpreis-, Würden- und Ordensträger. Sie werden ausgesucht, gefördert, emporgehoben in die Expertengremien und auf die Beraterstellen, von wo aus sie jenen 5–10%, von denen schon die Rede war, all die millionenfach falschen Theorien über den Menschen liefern, die zum Opium der Völker werden.
In den letzten hundertfünfzig Jahren wurde von Vertretern der personalen Strömungen in Geschichte, Psychologie, Pädagogik, Psychiatrie, Anthropologie und allen anderen Humanwissenschaften eine überwältigende Fülle von Wissen, Erkenntnissen und Können geschaffen. Sie alle zusammengenommen, lassen erkennen, wie und warum aus Einjährigen, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bereits in einem vorsprachlichen Alter als emotionale Qualitäten leben können, später im Leben Charaktere werden, die völlig von ihrer Natur entfremdet leben.
Diese Gewissheit, dass der Mensch anders ist. Völlig anders! Das ist die Hoffnung, der Tag-Traum, den wir im Blochschen Sinn träumen, als wäre die Menschheit ewig: sub specie aeternitatis, wie Alfred Adler sagte. Diese Hoffnung weiss um die Natur des Menschen und weiss um einen wirklich möglichen Zustand der Menschheit, der aus dem Verhalten des Einjährigen leise hervorschimmert und uns beweist: So könnte es immer sein. Ernst Bloch nennt es daher eine «gelehrte Hoffnung», eine «docta spes». Sie trotzt dem westlichen Irrsinn: Das ist nicht der Mensch, wie er seiner Natur nach wirklich ist. Wir sind völlig anders.
1 Bloch, Ernst. Prinzip Hoffnung. 1. Band. 4. Aufl. Frankfurt/Main 1977, S. 1
2 Maio, Giovanni. «Therapieziel Hoffnung. Zur Bedeutung der Hoffnung in einer technisierten Medizin». In: Zeitschrift für medizinische Ethik 61 (2015), S. 257–269
3 ebenda, S. 258
4 Bloch, Ernst. Prinzip Hoffnung. 1. Band. 4. Aufl. Frankfurt/Main 1977, S. 83f.
5 Marx, Karl. Das Kapital I, 1947 in: Bloch 1977,
S. 85., S. 186
6 ebenda
7 Bloch, Ernst. Prinzip Hoffnung. 1. Band. 4. Aufl. Frankfurt/Main 1977, S. 85
8 ebenda
9 ebenda, S. 86
10 Maio, Giovanni. «Therapieziel Hoffnung. Zur Bedeutung der Hoffnung in einer technisierten Medizin». In: Zeitschrift für medizinische Ethik 61 (2015), S. 259
11 ebenda, S. 263
12 Lizskowski, U.; Carpenter, M.;Tomasello, M. (2006): «12- and 18-month-olds point to provide information for others». In: Journal of Cognition and Development 7, S. 173–187
13 Behne, T.; Carpenter M.; Tomasello, M. (2005): One-year-olds comprehend the comunicative intentions behind gestures in a hiding game. In: Developmental Science 8, S, 492–499
14 Tomasello, Michael: Warum wir kooperieren. Frankfurt/Main 2010, S. 11f.
15 ebenda, S. 19
16 ebenda, S. 31