Naturrecht – das von Natur aus Richtige

3. Juli 2026

Moritz Nestor

Der Anthropologe Michael Tomasello und andere berichten 2005 in der Zeitschrift «Developmental Science» folgende entwicklungspsychologische Szene: Ein zwölf Monate altes Kind beobachtet, während es spielt, wie ein Erwachsener Unterlagen mit einem Locher abheftet. Die beiden befinden sich alleine in einem Raum. Es ist vereinbart, dass nicht gesprochen wird. Der Erwachsene verlässt irgendwann den Raum. Bald kommt ein zweiter herein, räumt die Dinge des ersten in ein Regal und verlässt den Raum wieder, ebenfalls ohne zu sprechen. Als nun der erste Erwachsene nach einer weiteren Weile wieder mit  zusätzlichen Unterlagen zurückkommt und diese ebenfalls abheften will, findet er seinen Locher nicht mehr und sucht mit fragenden Gesten danach. Das einjährige Kind, das noch nicht sprechen kann, beobachtet diese fragenden Gesten, versteht dass der Erwachsene seinen Locher sucht, und – deutet mit dem Finger auf den gesuchten Gegenstand im Regal. Aber nicht auf die ebenso dorthin weggeräumten Papiere! Denn: Als der Erwachsene den Locher in der Hand hält, hört das Kind auf zu zeigen.[1] Das einjährige Kind versteht ohne Wortsprache die Intention des Erwachsenen und den Sinn seiner eigenen Zeigegeste.[2] Es hat die Intention des Erwachsenen einfühlend intuitiv verstanden, es hat sie mit ihm geteilt und genau so lange auf den gesuchten Gegenstand gezeigt, bis das Ziel des Erwachsenen erreicht war.

Was passiert hier? Das Kind ist am Ende des ersten Lebensjahrs erstmals imstande, in seinem Denken und Fühlen einen übergeordneten Standpunkt einzunehmen, indem es sich geistig in einen anderen Menschen hineinversetzt, dessen Ziele und Motive und seine Hilfsbedürftigkeit versteht und – hilft. Es erkennt, und zwar ohne Wortsprache, was der andere braucht und will und hilft. Es errichtet zwischen sich und dem anderen Menschen eine geistige Welt. Es kann sich vorstellen, was der andere will. Es teilt, indem es dorthin zeigt, wo das ist, was der andere sucht, mit dem anderen Menschen dessen Intention. Tomasello nennt diesen Vorgang daher «kulturelle Intelligenz» oder «geteilte Intentionalität». Es ist die Fähigkeit, «mit anderen in kooperativen Unternehmungen gemeinsame Absichten zu verfolgen und Verpflichtungen einzugehen. Diese gemeinsamen Absichten und Verpflichtungen werden durch gemeinsame Aufmerksamkeit und wechselseitiges Wissen geformt und basieren auf den kooperativen Motiven anderen zu helfen und Dinge mit ihnen zu teilen.»[3]

Peter Kropotkin war einer der ersten Wissenschaftler, der die grosse Bedeutung der gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt als entscheidenden Evolutionsfaktor beschrieb: «In der Betätigung gegenseitiger Hilfe, die wir bis an die ersten Anfänge der Entwicklung verfolgen können, finden wir also den positiven und unzweifelhaften Ursprung unserer Moralvorstellungen; und wir können behaupten, dass in dem ethischen Fortschritt des Menschen der gegenseitige Beistand – nicht gegenseitiger Kampf – den Hauptanteil gehabt hat. In seiner umfassenden Betätigung – auch in unserer Zeit – erblicken wir die beste Bürgschaft für eine noch stolzere Entwicklung des Menschengeschlechts.»[4]

Die von Tomasello «geteilte Intentionalität» genannte Form der gegenseitigen Hilfe kommt in der Natur nur beim Menschen vor, bei dem Lebewesen mit der höchstentwickelten Sozialnatur. Und es ist wichtig zu betonen, dass sie nicht von der Wortsprache abhängt. Dieses Verhalten schauen sich die Kinder nicht von den Erwachsenen ab oder lernen es oder erwerben es auf irgendeine andere Art. Es «kommt ganz natürlich zum Vorschein», und zwar «ungefähr von ihrem ersten Geburtstag an – wenn sie zu laufen und zu sprechen beginnen».[5]

Tomasello deuten damit darauf hin, dass man das Auftauchen der geteilten Intentionalität erst dann in seiner ganzen Tragweite versteht, wenn man bedenkt, dass im Normalfall alle heranwachsenden Menschenkinder dieses Verhalten von Natur aus vom Ende des ersten Lebensjahrs an zeigen, wenn sie anfangen, von einem übergeordneten Standpunkt aus denken und fühlen zu können. Parallel dazu beginnt das Kind aber gleichzeitig auch mit dem Erwerb der Wortsprache und dem Erlernen der aufrechten Haltung: Denken, Sprechen und aufrechter Gang; das heisst die arteigene Köperhaltung, das arteigene Verhalten und das arteigene Kommunikationsmittel. Der Anthropologe Adolf Portmann hat in den Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts in seinem Buch «Biologische Fragmente …» als erster die grosse Bedeutung dieser neuen Entwicklungsphase am Ende «extrauterinen Erstjahrs» herausgearbeitet.[6]

Betrachten wir also genauer, was sich in dem oben zitierten Beispiel des einjährigen Kindes abspielt. Drei bedeutende Dinge zeigen sich:

Gleichwertigkeit: Das Einjährige behandelt den anderen als ihm wesensgleich. Vom ersten Tag strebt das Kind danach Beziehung zu Menschen aufzubauen. Nach einem Jahr beginnt es dann, die Intentionen der anderen zu verstehen. Wenn ein Mensch das tut, dann fühlt er sich dem anderen weder über- noch unterlegen, sondern gleichwertig. Das einjährige Kind baut eine gleichwertige Beziehung auf: Es handelt von Mensch zu Mensch. Es besteht kein Über- oder Unterordnungsverhältnis zwischen ihm und dem Erwachsenen. Es hilft, weil es erkennt, was dem anderen fehlt. Es versetzt sich geistig in dessen Situation und erfasst dessen Intention. Ohne Wortsprache und logisch rationales Denken. Es verbindet sich emotional geistig mit dem Erwachsenen und dessen Intention. Es hilft nicht, weil zu dem anderen eine emotionale Abhängigkeit besteht. Der andere ist ihm zunächst fremd. Aber sobald es diesen Fremden suchen sieht, wird ihm der Erwachsene als Mensch vertrauter – und es hilft.

Freiheit: Das einjährige Kind vollzieht eine freie Handlung – es ist nicht determiniert. Es ihm spontan, aus freien Stücken, weil es des anderen Bedürftigkeit erkannt hat. Es wird dazu weder gezwungen noch belohnt, noch verlockt. Ihm wurde keine Belohnung in Aussicht gestellt. Es handelt nicht als Kosten- Nutzenmaximierer. Sein Motiv kommt aus seinem Innern: Ich erkenne dich als Menschen und helfe dir, weil es mir Freude bereitet, Menschen zu helfen. Es handelt nicht von aussen angestossen oder bewegt (extrinsisch). Es handelt aus einem inneren seelischen Bedürfnis heraus (intrinsisch). Und das Bemerkenswerteste: Man könnte vermuten, dass das Helfen vermehrt auftritt, wenn man das Kind dafür belohnt. Das Interessante aber ist, dass das kindliche Helfen weniger wird, wenn man es belohnt.

Brüderlichkeit: Der Grund, warum das Kind aus freien Stücken hilft, ist, weil er den anderen als ihm wesensgleichen Mitmenschen erkennt. Es macht das alles gerne, es ist ihm eine Freude.

«Im Laufe ihrer weiteren Entwicklung wird diese relativ uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft der Kinder jedoch durch verschiedene Einflüsse verändert».[7] Lügen, zum Beispiel, also eine Verweigerung der Kooperation, «tritt erst einige Jahre später auf und setzt vorheriges Vertrauen und Kooperationsbereitschaft voraus. Wenn die Menschen nicht davon ausgingen, dass sie sich auf die Hilfsbereitschaft anderer verlassen können, würden Lügen gar nicht erst funktionieren.»[8]

Ist das nicht erstaunlich. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit stehen als ‚emotionale Qualitäten‘ (Annemarie Buchholz-Kaiser) am Anfang des Lebens als ‚weltoffene‘ durch Erziehung bildbare Anlage. Das ist heute keine Idee mehr, keine Annahme, kein philosophischer Schluss, keine Hypothese – es ist eine wissenschaftlich bewiesene anthropologische Tatsache der Conditio humana.

Wir haben also allen Grund, die folgenschweren falschen Annahmen unserer machtbesoffenen kriegerischen Kultur über die Natur des Kindes neu zu überdenken. Das Menschenkind bringt, das zeigt der Befund, den Tomasello herausgearbeitet hat, ein feines Gespür für die Achtung der Menschen untereinander und ihm gegenüber mit auf die Welt – lange, bevor es aufrecht stehen kann und die Wortsprache beherrscht. Eine bildbare weltoffene Anlage, eine Möglichkeit. Diese Conditio humana ermöglicht es, als Erwachsener die Menschenwürde zu leben – dass aus der Möglichkeit eine Wirklichkeit werde!

Dieses Wächteramt über das Schicksal der kommenden Generationen ist und war schon immer in unserer aller Verantwortung gegeben, auf dass wir Mitmenschen erziehen und nicht Unmenschen, die zum Völkermord fähig werden. Denn machen wir uns nichts vor: Auch der schlimmste Massenmörder, dessen Taten unsere grösste Abscheu verdienen, war auch einmal dieses kleine Menschenkind mit der Möglichkeit Mitmensch zu werden. Versagt hat an ihm eine von Machtbesessenheit und Geldgier zerfressene Kultur, die ihn durch falsche Erziehungsprinzipien und Vorbilder zu einem Menschen bildeten, der von seinem eigentlichen Wesen total entfremdet lebt.

 

 


 

«Die Individualpsychologie erblickt ihre Aufgabe darin, dass ihre Lehren (…) über die Grenze der Krankenbehandlung und der individuellen Erziehung hinaustreten, dass sie Prophylaxe werden und Weltanschauung. Im Banne des Kosmos, verhaftet auf dieser nicht überreichlich spendenden Erdkruste, verknüpft durch die Schwäche seines Organismus, noch mehr durch seine Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Sprache, Vernunft, Ethik, Ästhetik und Erotik, zwingt das Leben den Menschen zur Antwort auf zwangsläufig entwickelte Fragen. (…) Sein Mut, sein Optimismus und seine trainierte Leistungsfähigkeit sind notwendige Antworten auf eine reale Not, die auch ein dauerndes Gefühl der Minderwertigkeit als wesentlichen Inhalt seines Seelenlebens unterhält.»

(Alfred Adler, Die Individualpsychologie, ihre Bedeutung für die Behandlung der Nervosität, für die Erziehung und für die Weltanschauung. Scientia, 1926)

 

 

 


 

Anmerkungen

[1]      Lizskowski, U., Carpenter, M. & Tomasello, M. (2006): 12- and 18-month-olds point to provide information for others. In: Journal of Cognition and Development 7, 173-187
[2]      Behne, T. Carpenter, M. & Tomasello, M. (2005): One-year-olds comprehend the comunicative intentions behind gestures in a hiding game. Developmental Science 8, 492-499
[3]      Tomasello, Michael. Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 11f.
[4]      Kropotkin, Peter. Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Leipzig: Theod. Thomas 1908, S. 274f.
[5]      Tomasello, Michael. Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 19
[6]      Portmann, Adolf. Biologische Fragmente zu eine Lehre vom Menschen. Basel: Schwabe 1969
[7]      Tomasello, Michael. Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 19
[8]      Tomasello, Michael. Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp 2010, S. 31

 

 

 

 

 

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