Pro Memoria: Der Reichstagsbrand – Oder: Warum es sich lohnt, über geschichtliche Erfahrungen nachzudenken

2. Juli 2026

Annemarie Buchholz-Kaiser

 

 

Was erzählen Sie nächstes Jahr zu Weihnachten Ihren Kindern?

21. Dezember 2001 – Versuchen Sie auch ab und zu, sich in die Zeit vor etwa fünf Jahren zurückzuversetzen? Wenn Ihnen damals einer gesagt hätte, dass in Europa wieder Krieg geführt werde, hätten Sie dann nicht mit dem Finger an die Stirne gepocht: Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank? Und wenn der andere dann behauptet hätte, dass die Nato ein Angriffsbündnis werde, dass europäische Länder mit dem schwersten Geschütz in andere Regionen der Welt schwersten Krieg führen gehen, dass sie auf die ärmsten Länder der Welt Clusterbomben, Gasbomben wie Fuel-Air-Bombs (Benzin-Luft-Bomben) herniederregnen lassen, dass sie das Rote Kreuz bombardieren und nicht einmal eine Entschuldigung für nötig halten, hätten Sie dann nicht den Notfallpsychiater angerufen und ihm den Patienten gemeldet? Dass einem die Tagesmeldungen in der Nacht nicht schlafen lassen, ist vielleicht noch eine der gesünderen Reaktionen. Noch besser wäre ein entschiedener Zusammenschluss zur Verteidigung der Demokratie – bevor es zu spät ist. Noch im Frühjahr 2001 liessen gewisse Amerikafans in der Schweizer Armeeplanung die Bevölkerung wissen, dass auf zehn Jahre hinaus keine Anzeichen für einen Krieg zu sehen seien; sie könnten darum seelenruhig per Volksabstimmung die Milizarmee drangeben und nur noch eine kleine Berufsarmee für «Einsätze im Ausland» bewaffnen. Die Neutralität sei dadurch natürlich nicht gefährdet. Das gleiche erzählten auch Staatschefs anderer Neutraler in Europa – und seit einer Woche gibt es in der EU auf einmal keine neutralen Länder mehr.

Die Uno noch ein Hort für Neutrale? Fragen Sie Brahimi mit seiner eisernen Hand. Das Flüchtlingselend in Afghanistan und die militärisch-politische Unsicherheit erfordern auch da natürlich etwas Neues, sagt der Architekt der Militarisierung der Uno: Einen Armee-Einsatz, der an fähige Länder delegiert wird (der eine Teil seiner Forderung), und eine Armee, die direkt unter Uno-Kommando steht (die andere Hälfte). Alles natürlich nur für eine «humanitäre Intervention». Früher waren Politiker noch ehrlicher: sie nannten Krieg auch Krieg.

Erzählen wir nächstes Jahr zu Weihnachten unseren Kindern, dass es früher einmal Demokratien gab? Länder, wo die Menschen frei waren, wo sie über ihre Gesetze bestimmen konnten, wo jeder Bürger und jeder Einwohner von Natur aus eine Würde hatte, wo es Menschenrechte gab und jeder einen Anspruch auf eigenes Denken, auf eine eigene Meinung hatte, eine freie Meinung, ein Recht auf eine eigene Religion und Tradition, auf Rechtsverfahren, die an Beweise gebunden waren? Erzählen wir ihnen nächstes Jahr, dass – früher – den Menschen der Friede ein grosses Anliegen war, dass sie sich dafür mit ganzer Kraft und Überzeugung eingesetzt haben? Dass sie überlegt haben, wie man den ärmeren Ländern der Welt helfen könnte? Dass es einmal Stimmen gab für Frieden und soziale Gerechtigkeit? Dass es einmal eine Schweiz gab, in der mehrere Sprachregionen, mehrere Mentalitäten, mehrere Religionen dank direkter Demokratie ein Modell friedlichen Zusammenlebens, ein Filigranwerk an demokratischem Gestalten von unten nach oben, entwickelt hatten, das auch für Krisen- und Kriegsregionen der Welt einen Ausweg bieten würde? Erzählen wir ihnen all das im Imperfekt? Oder tun wir vorher noch einiges andere?

 

 

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Pro Memoria: Der Reichstagsbrand – Oder: Warum es sich lohnt, über geschichtliche Erfahrungen nachzudenken

21. Dezember 2001 – Mit zunehmender Beklemmung hört man in letzter Zeit erfahrene Banker und Politiker darlegen, dass die gegenwärtige Verschuldung westlicher Länder, insbesondere Amerikas, sich nur noch durch Krieg – einen grossen Krieg – lösen lasse. Die Hochrüstung würde bestimmte Industriezweige «beleben», die Staatsschulden könnten weiter ansteigen, die Welt teile sich noch mehr auf in Gläubiger und Schuldner. «Time and again, the word defense was the lubricant that helped unlock the Treasury doors», legt John Pitney Jr. am 16.12. in seinem Beitrag «Khaki-Socialism» dar. Den Begriff «Khaki Sozialismus» hat er geprägt, um damit das Wuchern staatlicher Allmacht zu charakterisieren, das mit militärischer Notwendigkeit begründet wird oder indem landesinnere Anliegen in Kriegssprache eingekleidet werden. Und wenn der Staatsschatz leer ist, dann wird eben «auf Pump» gearbeitet. Im Chaos eines grossen Krieges, sagen die Warner, könnten dann die Staatsschulden in einem allgemeinen Währungszusammenbruch «liegengelassen» werden. Die Habenichts-Länder, für die oder wegen der dieser ganze Kriegseinsatz «for a very long time» nötig war, könnten dann mit ihren Rohstoffen bezahlen oder eben Reparationszahlungen auf Jahrzehnte hinaus leisten.

Das zwanzigste Jahrhundert habe da ja gewisse Erfahrungen gesammelt. Das hat es in der Tat. Lohnt es sich, über diese Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts nachzudenken? Die Verantwortung für die Gegenwart, für sich selber, für die Seinen und die Mitbürger, für die heute lebenden Menschen in dieser Welt legt nahe, dass man es tut. Vieles, das kommt, lässt sich nicht voraussehen, aber aus dem Gewesenen diejenigen Schlüsse zu ziehen, die möglich sind, das ist der Mensch imstande. Wenn jedes höher entwickelte Säugetier durch die Erfahrungen seines Lebens reifer wird und dadurch Gegenwartssituationen besser bewältigen kann, dann kann der Mensch das allemal auch. Gewiss, geschichtliche Erfahrungen lassen sich nicht mechanisch auf weitere Situationen übertragen – das Wasser fliesst von der europäischen Wasserscheide bis zum Meer nicht zweimal auf gleiche Art über den gleichen Stein. Aber eine Vorsicht in der Beurteilung der Gegenwart lässt sich daraus gewinnen, eine Vorsorge auch und eine Sorgfalt in bezug auf das, was nicht verloren gehen darf. Was menschliches Leben schützt oder was es zerstört, diese Unterscheidung können wir sehr wohl treffen. Die Frage nach Krieg oder Frieden fordert darum uns alle: Krieg zerstört.

Die Ausstellung in Deutschland zum 350jährigen Gedenken an den Dreissigjährigen Krieg machte deutlich, dass – wenn der Krieg einmal beschlossen ist – die bestehenden Kontrollmechanismen zum Schutz des Friedens einer nach dem andern ausser Kraft gesetzt werden. Wer den Krieg will, der bereitet ihn auch vor. Und diese Vorbereitung braucht ihre Zeit: Die Bündnisse müssen geschmiedet und die Waffenkammern gefüllt werden. Dem Volk, den Menschen, in deren Namen, auf deren Rücken, mit deren Steuern und Abgaben, mit deren Leben und Leiden der Krieg durchgeführt werden soll, muss eine Begründung für diese historische Notwendigkeit beigebracht werden. Und dann braucht es noch einen Auslöser, damit die Sache konkret beginnen kann. Beim Ersten Weltkrieg ist der Aufbau der Bündnisse aus der Rivalität um die Kolonien noch einigermassen leicht nachvollziehbar. Hochrüstung und Propaganda funktionierten ebenfalls gut. Und dann brauchte es nur einen kleinen Auslöser: den berühmten Schuss von Sarajewo, den man bis heute keinem Gymnasiasten als «Ursache» für den Ersten Weltkrieg klarmachen kann. Und Amerika?

«Der Erste Weltkrieg hatte den USA wirtschaftlich einen ungeheuren Aufschwung gebracht und sie auf den Platz einer Weltmacht katapultiert. Aus der Schuldnernation vor 1914 mit 3,7 Milliarden Dollar Schulden gegenüber europäischen Gläubigern entwickelten sich die Vereinigten Staaten zu einer Gläubigernation mit einem Guthaben von 12 Milliarden Dollar, wovon über 10 Milliarden Kriegsschulden anderer Nationen waren. Das Land hatte alle ehemaligen europäischen Gross- und Wirtschaftsmächte überholt und stand am Ende des Krieges unbestritten an der Spitze der Welt. Die Wirtschaft florierte und die amerikanischen Banken waren bereit, das am Boden liegende Europa mit Investitionen zu unterstützen»,

legt der Berner Historiker Professor Walther Hofer in seinem exzellenten neuen Buch «Hitler, der Westen und die Schweiz 1936–1945» dar.

Dann kamen die Folgen des Krieges für Deutschland: eine Inflation, wie die Welt sie bis dahin noch nicht gekannt hat. 80% der Kriegsausgaben waren mit kurzfristigen Krediten finanziert worden, die nur durch frisches «Papier» aus der Notenpresse noch in Ordnung zu bringen waren. Und die Sieger des Krieges machten ihrerseits die Rechnung: Reparationszahlungen, deren Höhe im Laufe der zwanziger Jahre immer wieder neu festgelegt wurden. Sie kulminierten 1929 im Young-Plan, der insgesamt etwa 116 Milliarden Mark Reparationszahlungen vorsah, verteilt – man beachte – bis 1988, jährlich 2 Milliarden Mark. Wird das heute nach einem Krieg anders sein?

Inflationsgeld der Deutschen Reichsbahn

1923 stieg die Inflation in so rasantem Tempo an, dass ein Brot um 14 Uhr noch 15 Milliarden Mark kosten konnte und um 15 Uhr bereits 25 Milliarden Mark. Ein Paar Schuhriemen kostete so viel wie vorher der ganze Schuhladen. Für 100 Dollar konnte man ganze Reihen von 6stöckigen Häusern am Kurfürstendamm kaufen, berichtet Stefan Zweig in seiner Autobiographie. Mittelstand und ein Grossteil des Bürgertums verloren alles, die Betriebe mussten schliessen, die Arbeitslosigkeit stieg mit der gleichen Rasanz. Nur ganz wenige wurden sehr reich. Ist das heute in einem solchen Falle anders? Wird es in Zukunft anders sein? Das Unglück von Millionen war gleichzeitig ein Experimentierfeld, auf dem allerlei Rezepte für gesellschaftliche Grossplanung gediehen: Staatsmonopolkapitalismus der bolschewistischen Variante, in Amerika ein korporativer Sozialismus, der später in Roosevelts «New Deal» überging, Mussolinis Faschismus, der unter amerikanischen Financiers grosse Bewunderer hatte, dann Hitlers Nationalsozialismus, als Bollwerk gegen Russland gedacht, vielleicht auch nur ein Planspiel unter mehreren: Wie man die produktiven Kräfte der Gesellschaft für den Staat planerisch einsetzen kann, trete dieser Staat dann im Namen des Proletariats auf oder im Namen von Big Business. Was davon wird in Zukunft anders sein, ausser dass die Lösung gleich «global» zu sein hat? In dieser Variante könnte das Planspiel heute den Trotzkisten und der Uno sehr gefallen. Auf diesem grossen Experimentierfeld entstand noch etwas, das heute kaum speziell beachtet wird, weil es bereits zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist: Franklin Delano Roosevelt gründete eine «United European Investors Ltd.», in der auf diskreteste Weise der deutsche Mittelstand ausfgekauft werden konnte.

Die Krisensituation von Millionen von Menschen für den eigenen Gewinn auszunützen: Wird das heute anders sein? Oder müssen wir nicht, damit sich das nicht wiederholt, die Lehren aus der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ziehen und uns entscheiden, was nicht mehr  in Frage kommt?

«Wenn die Politiker keine Inflation wollten, dann gäbe es auch keine Inflation. In Deutschland hätte die Geldentwertung tatsächlich nie ein derartiges Ausmass erreicht, wenn interessierte und mächtige Kreise nicht nachgeholfen hätten, oder wenigstens etwas dagegen unternommen hätten»,

geben Ferdinand Lips und Jacques Trachsler in «Geld, Gold und die Wahrheit» zu bedenken. Und wie steht es heute?

Das Ausnutzen der Notlage eines besiegten Landes ist die eine Seite der Medaille. Der Umgang innerhalb einer «heiligen Allianz», unter Brüdern und Freunden gewissermassen, ist die andere Seite. Auch da gab es im vergangenen Jahrhundert interessante Modelle. Zum Beispiel entwickelte Roosevelt für England die Lösung eines «Lend and Lease», gewissermassen eine Verpachtung von Rüstungsgütern. England hatte sich im ersten Kriegsjahr finanziell bereits so erschöpft, dass es die amerikanische Regierung um Hilfe bitten musste.

«Bis zum November 1940 hatten wir alles bezahlt, was wir empfangen hatten. Wir hatten bereits amerikanische Wertpapiere im Betrag von 335 Millionen Dollar verkauft, die wir bei privaten Eigentümern in England gegen Entschädigung in Sterling beschlagnahmt hatten. Wir hatten mehr als viereinhalb Milliarden Dollar bar bezahlt. Wir besassen nur noch zwei Milliarden, davon den grössten Teil in Anlagen, die vielfach nicht ohne weiteres verkäuflich waren. Es war klar, dass es auf diesem Weg nicht weitergehen konnte. Selbst wenn wir uns all unseres Goldes und unserer Auslandsguthaben entäusserten, konnten wir nicht die Hälfte von dem bezahlen, was wir bestellt hatten, und die Ausweitung des Krieges erforderte das Zehnfache an Aufträgen»,

schreibt Churchill in seinen Memoiren. Churchill verliess sich auf seine persönliche gute Beziehung zu Roosevelt und legte ihm mit Schreiben vom 8. Dezember 1940 die Lage offen dar. Am 16. Dezember wurde die Antwort Roosevelts an einer Pressekonferenz mit einem interessanten Vergleich eingeführt.

«Nehmen wir an, dass das Haus meines Nachbarn in Brand gerät, und ich habe hundert oder hunderfünfzig Meter entfernt einen Gartenschlauch », legte der Präsident dar. «Wenn er meinen Gartenschlauch nehmen und an seinen Hydranten anschliessen kann, so vermag ich ihm zu helfen, das Feuer zu löschen. Was werde ich da tun? Ich werde nicht vorher zu ihm sagen: ‹Nachbar, mein Gartenschlauch hat mich fünfzehn Dollar gekostet; du musst mir fünfzehn Dollar dafür zahlen.› Nein! Worin besteht die Transaktion, die sich da abspielen wird? Ich will die fünfzehn Dollar nicht – ich will meinen Gartenschlauch zurück haben, sobald das Feuer gelöscht ist.» Dann wurde Roosevelt grundsätzlich: «Bei der überwältigenden Mehrzahl der Amerikaner besteht nicht der leiseste Zweifel, dass ein erfolgreich sich selbst verteidigendes Grossbritannien die beste unmittelbare Verteidigung der Vereinigten Staaten darstellt und dass es darum, ganz abgesehen von unserem historischen und allgemeinen Interesse am Fortbestand der Demokratie in der ganzen Welt, vom egoistischen Standpunkt und für die Verteidigung Amerikas ebenso wichtig ist, dass wir alles unternehmen, um dem britischen Reich dabei zu helfen, sich selbst zu verteidigen.»

Die weitere Entwicklung dieser freundschaftlichen Beziehung zwischen zwei Ländern und den Finanzplätzen London und New York bis zur heutigen Waffenbrüderschaft zwischen Bush und Blair und all ihren Gemeinsamkeiten im UK-USA-Abkommen bedürfte einer eigenen Betrachtung, ist aber sicherlich auch einiges Nachdenken wert.

Doch zurück zu den dreissiger Jahren. Der Reichstagsbrand – ein Modell. Im Innern dieses kranken Europa bereitet sich schon seit Mitte der zwanziger Jahre vor, was später die Welt in den Abgrund des Zweiten Weltkrieges reissen sollte: Der Nationalsozialismus baute sich auf und verschaffte sich mit dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 den Durchbruch: Die Demokratie wurde besiegt – in einer einzigen Nacht. Dieses Ereignis verdient schon deshalb genaueres Nachdenken, weil es ein Modell darstellt, das auch heute und in Zukunft wieder zum Einsatz kommen könnte – an anderer Stelle natürlich und in anderer Form, aber so, dass das Ziel erreicht wird: Dass der Wille zum Krieg sich die Bahn freischaffen kann. Wenn Sie morgen in einer Zeitung über England oder Amerika lesen:

«Die Polizei kann jetzt Personen willkürlich verhaften ohne Grundangabe und ohne Verhör, sie auf unbestimmte Zeit ohne Urteil festsetzen, alles und jedes bespitzeln, Telefongespräche überwachen, Vereinigungen auflösen»,

sagen Sie dann nicht, dass Sie das schon seit Wochen aus den Internetmeldungen wissen? Der Zusammenzug stammt aber aus einem Geschichtsbuch und charakterisiert die «Verordnung zum Schutz von Volk und Staat», die sogenannte Notverordnung vom 28. Februar 1933. Schon am Tage nach dem Brand war sie vom Reichspräsidenten erlassen worden. Sie enthielt noch einige Kleinigkeiten mehr: «Zeitungen zensieren oder verbieten» ist heute weniger nötig, weil viele Medien von alleine nur das verlauten lassen, was die kriegsführende Allianz mitgeteilt haben will; «Parteien auflösen» scheint vorläufig auch nicht erforderlich zu sein, weil sie ja «Berater» haben, Spindoctors, Agenten, alles mögliche; «Versammlungen sprengen» ist vermutlich ebenfalls nicht erforderlich, weil offene Überwachung viel ergiebiger ist. Nachdem alles und alle an der elektronischen Strippe hängen, hat «Echelon» goldene Zeiten …

Doch zurück zu 1933. Aus der Notverordnung vom Tage danach wurde am 24. März 1933 das «Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Staat», das als «Ermächtigungsgesetz » in die Geschichte eingegangen ist. Die Regierung gab sich die Ermächtigung, die Verfassung links liegen zu lassen und losgelöst von solchen «Fesseln der Demokratie» zu regieren. Insofern war damals noch ein markanter Unterschied zu heute: Hitler und die Seinen nannten offen die Demokratie als ihren Feind. Heute werden solche einschneidenden Eingriffe in die Gesellschaft diskreter gemacht, gewissermassen besser verpackt, damit sie sich besser verkaufen. Unter dem Eindruck des weltweiten Geschehens der letzten Wochen und Monate liest man die Reden und Schriften der damaligen Zeit mit allergrösster Beklemmung. Zum Beispiel begründete Göring zwei Tage nach dem Brand in einer Rundfunkrede die Schnelligkeit und die eiserne Härte, mit der habe durchgegriffen werden müssen, wie folgt:

«Seit Anfang Februar entfalten die kommunistischen Funktionäre an allen Orten regste Tätigkeit. Von der Polizei konnte festgestellt werden, dass diese neue Aktivität offen und eingestandenermassen auf die Entfesselung eines Aufstandes hinzielte, der nach einem beschlagnahmten Organisationsplan des internationalen Kommunismus der Übergang zum vollkommenen Bürgerkrieg sein soll […] […] Am 27. Februar geht dann als erstes grosses Fanal der deutsche Reichstag in Flammen auf. Glauben Sie mir: Wenn nicht noch am selben Abend mit dieser eisernen Energie durchgegriffen worden wäre, wenn nicht gleichzeitig die gesamten Machtmittel des Staates eingesetzt worden wären, wenn man nicht in der gleichen Sekunde der kommunistischen Bewegung gezeigt hätte, dass dieser Staat nicht eine Minute mit sich spielen lässt, so wären wir heute in der Lage, noch über manchen anderen Brand und manche anderen Attentate sprechen zu können. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Gefahr keineswegs überwunden ist.»  

Egon Erwin Kisch

Das Durchgreifen bestand darin, dass noch in der gleichen Nacht im ganzen Land nach vorbereiteten Listen Tausende von sogenannten Feinden des Volkes verhaftet wurden, Kommunisten, Sozialisten, Gewerkschafter, Intellektuelle, Schriftsteller, unter ihnen Ernst Thälmann, Egon Erwin Kisch, Carl von Ossietzky. Alles war generalstabsmässig vorbereitet – schon vorher. Wo stehen wir diesbezüglich heute?

Der ausgebrannte Plenarsaal

In den späten sechziger Jahren/Anfang der siebziger Jahre leitete Professor Walther Hofer, der Direktor des Historischen Instituts der Universität Bern, eine internationale Forschungskommission zur Untersuchung des Reichstagsbrandes, da es in der Beurteilung dieses historischen Ereignisses bis dahin viel Polemik, aber wenig sachliche Klärung gegeben hatte. Weisswäscherei und schwärzeste Anklage hatten sich abgelöst und schliesslich immer nur die «Vermutung, dass …» übriggelassen. Die Forschergruppe kam zum Schluss, dass der Reichstagsbrand eine bewusst inszenierte Provokation gewesen ist, um die von allem Anfang an beabsichtigte Beseitigung des Rechtsstaates und der parlamentarischen Demokratie bewerkstelligen zu können. Die «Notverordnung» vom Tage danach gab Hitler die Handhabe zur scharfen Verfolgung der marxistischen Linken, andererseits aber auch zur Einschüchterung und Terrorisierung der bürgerlichen Schichten, die vor die Alternative gestellt wurden: rot oder braun. – Ein beklemmender Anklang an heute?

1933 erschien das «Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror», 1934 das zweite Braunbuch mit dem Titel «Dimitroff contra Göring», dessen Schutzumschlag John Heartfield gestaltete.

Gegen die von der Polizei der Brandstiftung angeklagten Kommunisten, unter ihnen das Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern, der Bulgare Dimitroff, und Ernst Torgler, der Führer der Reichstagsfraktion der KPD, wurde im Juli 1933 Anklage erhoben, im Oktober/November der Monsterprozess geführt – und am 23. Dezember mussten sie freigesprochen werden, und zwar alle ausser dem Holländer van der Lübbe. Dass dieser den Brand nicht allein gelegt haben konnte, war einem Grossteil der Bevölkerung klar, insbesondere aber auch den an der Löschung beteiligten Feuerwehrleuten. Der Freispruch änderte aber nichts am weiteren Marsch in die imperialistische Diktatur hinein: Die Notverordnung blieb, das Ermächtigungsgesetz blieb – die Demokratie war tot. Welcher Staatsmann hätte heute die Grösse zu sagen, dass alles auf einem Irrtum beruht habe und die Diktatur demnach sich selber wieder aufzulösen und die staatlichen Funktionen an die Demokratie zurückzugeben habe? Solche Entwicklungen sind deshalb so gefährlich, weil Macht sich nicht selber wieder entmachtet. Sie bleibt.

Walther Hofer und seine Forschungsgruppe legen so grossen Wert auf eine korrekte Beurteilung des Reichstagsbrandes, weil es sich um ein Schema gehandelt hat, das in abgewandelter Form weiter angewendet werden konnte. Die Politik des nationalsozialistischen Regimes hat danach während 12 Jahren gezeigt, «dass der Brand vom 27. Februar 1933 nur den Beginn einer Serie noch viel grösserer Verbrechen darstellte – Verbrechen übrigens, und das fällt ganz entscheidend ins Gewicht, die sich genau nach dem Schema des Reichstagsbrandes abgespielt haben. Dieses Schema bestand darin, eigene sorgfältig geplante und kaltblütig durchgeführte Aktionen, zuerst in der Innenpolitik und dann in der Aussenpolitik, als Gegenschläge gegen angebliche Aktionen oder auch nur Pläne tatsächlicher oder eingebildeter Gegner auszugeben und damit vor der Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Nach diesem Schema lief die ‹Bartholomäusnacht› vom 30. Juni 1934 ab, wo ein angeblich geplanter Staatsstreich der SA im Keime erstickt werden sollte. Aber auch Judenverfolgung und Kirchenkampf wurden mit Provokationen des Weltjudentums und der Rom-Kirche zu rechtfertigen versucht. Die folgenschwerste derartige Aktion war indessen die Entfesselung des Krieges. Hier wurde ein fingierter Überfall auf den Sender Gleiwitz inszeniert, damit Hitler in seiner Reichstagsrede vom 1. September 1939 vor der Weltöffentlichkeit behaupten konnte, es werde nur ‹zurückgeschossen›! In allen diesen Fällen ist eindeutig erwiesen, dass die angeblichen Provokationen der Gegner reine Erfindung bzw. nationalsozialistische Inszenierungen waren, um die eigenen Aktionen als Reaktionen erscheinen zu lassen.»

Das feine Regelwerk der Demokratie hat die Menschheit in der Neuzeit entwickelt, um die staatliche Macht und ihre Willkür zu zähmen. Die Demokratie hat Grundlagen gelegt in Richtung Gleichwertigkeit der Menschen und ihr aktives Mitgestalten an den Verhältnissen, in denen sie leben. Insbesondere die direkte Demokratie, wie die Schweiz sie kennt, ist ein Modell, das ethnische und religiöse Vielfalt ermöglichen würde und gleichzeitig ein würdiges Mitgestalten «von unten», vom Volke her, und dies nicht nur alle vier Jahre bei Wahlen; die Instrumente der Initiative und des Referendums erlauben eine zivilisierte Form der Einflussnahme auf alle Sachgeschäfte unabhängig von Wahlen.

Carl von Ossietzky wurde für sein pazifistisches Engagement mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet

Jede Generation aber muss diese Grundlagen erneut durchdenken und sich Demokratie als Lebenseinstellung zu eigen machen. Oder möchten Sie, dass die Welt wieder in Herren und Sklaven aufgeteilt wird, in vergoldete Superreiche und in bitterster Armut leben Menschen? Oder können wir das gemeinsame Leben auf diesem Globus eher würdig gestalten, wenn wir uns in Gleichwertigkeit und gegenseitigem Respekt und ohne Krieg in die Augen schauen können? Aus der Geschichte Lehren ziehen, um dann zu den Gegenwartsfragen aufrechter Stellung beziehen zu können – ob sich das nicht doch lohnt? Das Nachdenken darüber was der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg an furchtbarer Zerstörung angerichtet haben, müsste ein tiefsitzendes «Nein zum Krieg» ergeben. Wenn heute erneut die Trommeln gerührt und Krieg, grosser Krieg vorbereitet wird, dann ist Alarm angesagt. Nachdenken über die Bedingungen des Menschseins auf diesem Planeten und sich nicht einfach der Propaganda hingeben – auch nicht einer neuen Variante von Reichstagsbrand –, das ist die erste Voraussetzung, um Mensch zu bleiben auch in schwieriger Zeit.

Dresden am 13. Februar 1945

 

 

(Zuerst veröffentlicht in Zeit-Fragen vom 21. Dezember 2001)

 

 

 

 

 

 

 

 

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