Roger Köppel: «Spitäler als Todesfabriken? Hürden für Sterbehilfe sinken …»

2. April 2026

Roger Köppel
in «Weltwoche daily»
vom 1. April 2026

 

«Wir beobachten in der Schweiz, dass die Sterbehilfe immer mehr erleichtert und legalisiert wird. Jetzt kommt von der Linken, von der sogenannt liberalen Seite, von der FDP-Seite auch, dieses Erleichterungsgesetz: Der Zürcher Kantonsrat hat sich dafür ausgesprochen, dass Sterbehilfe in Zürcher Spitälern erlaubt sein soll, auch in Alterszentren. Psychiatrien und Vollzugsanstalten bleiben ausgenommen. … So öffnet man die Tür, dass unsere Spitäler auch zu Todesfabriken des begleiteten Suizids werden. Das ist für mich eine Pervertierung des Auftrags der Spitäler. Ich habe Verständnis, dass leidende Menschen ihr Leben nicht belastend verlängern wollen. Aber Spitäler haben den Auftrag, die Menschen wieder gesund zu machen. Sie sind Orte der Genesung. Wenn in einem Trakt assistiert gestorben wird, und ich lasse mir nebenan die lädierte Achillessehne wieder flicken, dann ergibt das eine – ich sage es ganz zurückhalten – kognitive Dissonanz und vielleicht auch einen Bruch im Auftrag dessen, was ein Spital sein sollte. Es mag Ausnahmefälle geben, aber der gesellschaftliche Trend geht hier in die falsche Richtung. Denn diese Sterbehilfe – ja, sie ist streng geregelt. Es müssen Zweitmeinungen eingeholt werden. Jugendliche, vorübergehend lebensmüde, sollen sie nicht in Anspruch nehmen dürfen. Auch sollen diese Entscheidungen nicht unter Druck erfolgen. Ja, wenn dann an den Spitalbetten all die Erben sich aufreihen und dem dahinröchelnden Grossvater oder dem reichen Stammvater in den freundlichsten und nettesten Worten ins Gewissen reden, dass man ja loslassen können muss, und dass jenseits des irdischen Lebens ja das Paradies eine verheissungsvolle Fortsetzung offeriert, dann beschleicht einen ein ungutes Gefühl. Und diese Industrialisierung des Todes, des Tötens, der sogenannten Sterbehilfe, das ist mir etwas sehr Suspektes. Ich weiss, viele von Ihnen sehen das vielleicht ganz anders. Ich drücke hier mein ehrliches Unbehagen aus.»

 

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Jacques Attali
«bei einer Lebenserwartung von mehr als 60 oder 65 Jahren lebt der Mensch länger, als er produziert und kommt der Gesellschaft teuer. … Tatsächlich ist es vom Standpunkt der Gesellschaft aus besser, wenn die Maschine Mensch plötzlich stehenbleibt, als wenn sie allmählich immer schlechter funktioniert. Das ist völlig klar, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Ausgaben für die Gesundheit auf die letzten Lebensmonate konzentriert sind.»
«Die Medizin auf der Anklagebank», S. 44ff.

 

 

 

In dem Interview «Die Medizin auf der Anklagebank» [1] von Michel Salomon mit Attali aus dem gleichen Jahr 1981 wie Attalis Buch «Die kannibalische Ordnung» sagt Attali, was er meinte, wenn er in «Die kannibalischen Ordnung» schreibt, es «wird immer teurer und ineffizienter, die Körpermaschine zu reparieren»:

«Die Euthanasie wird eines der wesentlichsten Instrumente unserer zukünftigen Gesellschaften sein, wie immer diese auch aussehen mögen.»

Im Interview «Die Medizin auf der Anklagebank» von Michel Salomon mit Attali heisst es auf den Seiten 44ff.

«Michel Salomon: Ist es möglich und wünschenswert 120 Jahre alt zu werden?
Jacques Attali: […] bei einer Lebenserwartung von mehr als 60 oder 65 Jahren lebt der Mensch länger, als er produziert und kommt der Gesellschaft teuer. Deshalb glaube ich, dass nach der Logik der industriellen Gesellschaft selbst das Ziel nicht mehr die Erhöhung der Lebenserwartung sein wird, sondern die Schaffung bestmöglicher Lebensbedingungen bei einer bestimmten Lebensdauer und bei möglichst niedrigen Ausgaben für die Gesundheit im Hinblick auf die Kosten für die Allgemeinheit. […] Tatsächlich ist es vom Standpunkt der Gesellschaft aus besser, wenn die Maschine Mensch plötzlich stehenbleibt, als wenn sie allmählich immer schlechter funktioniert. Das ist völlig klar, wenn man bedenkt, dass zwei Drittel der Ausgaben für die Gesundheit auf die letzten Lebensmonate konzentriert sind. Ganz ohne Zynismus: Die Ausgaben für die Gesundheit würden nicht einmal ein Drittel der derzeitigen Summen (175 Milliarden Francs im Jahr 1979) betragen, wenn alle Menschen plötzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben kämen. […]
Michel Salomon: Die zukünftige Welt, egal, ob sie nun ‘liberal’ oder ‘sozialistisch’ ist, wird eine ‘biologische’ Moral brauchen, sich zum Beispiel eine Ethik des Klonens oder der Euthanasie schaffen müssen.
Jacques Attali: Die Euthanasie wird eines der wesentlichsten Instrumente unserer zukünftigen Gesellschaften sein, wie immer diese auch aussehen mögen. In einer sozialistischen Logik, um mit ihr den Anfang zu machen, stellt sich das Problem folgendermassen: Die Logik des Sozialismus ist die Freiheit und die grundlegende Freiheit ist der Selbstmord; folglich ist das Recht auf direkten oder indirekten Selbstmord in dieser Gesellschaftsform ein absoluter Wert. In einer kapitalistischen Gesellschaft dagegen werden Tötungsmaschinen auftauchen […], die es ermöglichen, Leben auszulöschen, wenn es zu unerträglich oder wirtschaftlich zu aufwendig geworden ist, und diese Maschinen werden gang und gäbe sein. Meiner Meinung nach wird also die Euthanasie, egal ob sie nun als Freiheitswert oder als Ware zählt, eine der Regeln der zukünftigen Gesellschaften sein.»[1]

 

[1] Attali, Jaques. Die Medizin auf der Anklagebank. In: Salomon, Michel (Hg.). Die Zukunft des Lebens. Wien/Hamburg 1981 [Französische Ausgabe: Salomon, Michel (Hg.). L’Avenier de la Vie. Edition Seghers Paris 1981]

 

 

 

 

 

 

 

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