Sandra Norak – «Dein Spaß ist mein Horrortrip»

5. August 2026

Moritz Nestor

Sandra Norak studierte Jura, ihr großes Ziel: die Abschaffung der Prostitution.[1] Sie lebt uns vor, was ein einzelner Mensch bewirken kann, wenn er sich seiner Wirkung bewusst ist. Die Jahre von 2008 bis 2014 haben sie tief geprägt: Sechs Jahre Escort-Mädchen und Prostituierte in verschiedenen Bordellen, Flatrate-Sex, freundliche Familienväter, die «zum Monster wurden», wie sie sagt, Panikattacken, Atemnot, nur mit viel Alkohol ließ sich das ertragen.

Seit 2016 schreibt sie den Blog «My Life in Prostitution» und unterstützt die Kampagne «Rotlichtaus» des Beratungsvereins «Sisters e.V.». Dort heisst es: «Dein Spaß ist mein Horrortrip» oder «Du kommst, und ich verkomme». Norak gehört zur wachsenden internationalen Bewegung von Aussteigerinnen.

Sie sagt, «es gibt keine gute Prostitution, auch wenn viele Frauen sich ihre Probleme nicht anmerken lassen.»

Norak hatte grosse familiäre Probleme, als sie im Internet einen 20 Jahre älteren «Loverboy» kennenlernte, der der ahnungslosen Schülerin Liebe vorspielte. Er machte sie emotional abhängig, bis sie in einem «Flatrate-Bordell» für ihn anschaffen ging. «Er hatte mich so programmiert, dass sein Umgang mir zuerst als normal vorkam. Als ich merkte, dass alles Lug und Betrug war, steckte ich schon zu tief drin».

Als die Polizei sie aus den Fängen des Loverboys befreien will, ist sie seelisch so zugerichtet, dass sie nicht gegen ihn aussagen kann: ¨

«Drei Stunden lang habe ich auf der Polizeiwache erzählt, dass alles in Ordnung ist. Ich glaubte nicht an ein anderes Leben, in dem ich wertgeschätzt werde. Ich sah nicht, in welche Gewaltspirale ich hineinrutschte. […] Prostituierte versuchen, sich der Gewalt anzupassen, um zu überleben. Sie nehmen es hin, ein Fußabtreter zu sein – aber es bleibt trotzdem schwere Gewalt.»

Und wenn sie kein Deutsch können, reden diese Opfer noch weniger.

Sandra Norak hat sich mit bewunderungswürdiger Kraft freigekämpft: «es war alles besser, als mich in der Prostitution weiter zerstören zu lassen», bis ein Leben ohne Freier möglich war. Sie machte das Abitur und studierte Jura.

Sandra Norak: «Die Prostitution hat etwas in mir zerbrochen. Es war Seelenmord.»

Die seelischen Folgen des «Seelenmordes» hören die selbstgerechten «Selbstbestimmungsideologen» nicht gerne. Aber was wollen sie? Sandra Norak hat es am eigenen Leib erlebt: Der Körper wie taub, ständig schwindelig, stottern, keinen Gedanken zu Ende bringen:

«Sich von fremden Menschen tagtäglich penetrieren zu lassen, erfordert einen Schutzmechanismus des Gehirns, um dabei abschalten zu können. Diesen Mechanismus wurde ich lange Zeit nicht los. Ich hatte verlernt, im Augenblick zu bleiben.»

In der Prostitution schaltete sie automatisch ab,

«um die Worte und die Handlungen der Freier ertragen zu können. Später brauchte ich Alkohol, um meine Panikattacken mit Atemnot vor jedem Zimmergang zu stoppen.»

Von Pferden habe sie gelernt, wieder Vertrauen und Nähe zuzulassen:

«Die Pferde haben mich erst angenommen, als ich meine authentischen Gefühle von Trauer und Verzweiflung nicht mehr verbarg. In ihrer Sprache machten sie mich darauf aufmerksam, wer ich bin – wenn ich es vergessen hatte. Sie lehrten mich, dem Augenblick nicht mehr zu entfliehen, sondern ihn zu leben und dabei glücklich zu sein.»

Diese Erfahrungen konnte sie auf den Umgang mit Menschen übertragen.

Heute will Sandra Norak «den 90 Prozent Frauen aus Osteuropa helfen, die keine Stimme in der Prostitution haben». Es bewegt sie zutiefst, wie viele von ihnen zugrunde gehen, denn ohne Sprache sei die Chance gering, aussteigen zu können.

«“Für mich ist es letztlich ein Gewinn: Ich habe mich getraut, das zu machen. Ich bin diesen Schritt gegangen und habe meinem Zuhälter gegenüber ein Zeichen gesetzt.“ Mit ihrer neuen Organisation, „Ge-STAC“ („Deutscher Rat von Betroffenen von Menschenhandel und Ausbeutung“), will Norak nun auch anderen dabei helfen, sich zu vernetzen. Ihr Ziel: „Aufklärung, Veränderung, Hilfe, Empowerment, zusammen wachsen und etwas schaffen.“»[2]

 

 

 

[1] Geneviève Hesse. «Es war Seelenmord». In: Spiegel 5. August 2017. URL: https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/prostitution-wie-sandra-norak-den-ausstieg-schaffte-a-1160616.html

[2] Franziska Wenzlick. Sandra Norak: Wie eine ehemalige Zwangsprostituierte das System verändern will. In: Prisma vom 7. März 2022. URL: https://www.prisma.de/news/tv/Sandra-Norak-Wie-eine-ehemalige-Zwangsprostituierte-das-System-veraendern-will,36477295

 

 

 

 

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