«Warum euthanasiert Kanada die Armen?» – Der kanadische Haushaltsbeauftragte berechnete über 87 Millionen $ pro Jahr «Nettokostenreduzierung» durch «Freitod»

16. Juni 2024 Moritz Nestor

Ernst Barlach: der Arme

Am 30. April 2022 erschien von Yuan Yi Zhu in The Spectator der Artikel «Why is Canada euthanising the poor?».[1] Der Autor beginnt mit einem Zitat des französischen Schriftstellers  Anatole France:

«Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet den Reichen wie den Armen, unter Brücken zu schlafen, auf der Straße zu betteln und Brot zu stehlen.»

Sicher habe Anatol France nicht ahnen können, bemerkt der empörte Yuan Yi Zhu, dass ein fortschrittliches Land beschliessen könnte, den Sarkasmus des französischen Dichters wörtlich zu verstehen und ihn konsequent zu Ende zu denken. Gemeint ist die Lösung der sozialen Frage in Kanada durch «Euthanasie», wie dort der assistierte Suizid genannt wird. Denn seit 2021

«erlaubt das kanadische Recht in seiner erhabenen Grösse sowohl den Reichen als auch den Armen, sich selbst zu töten, wenn sie zu arm sind, um in Würde weiterzuleben. Der stets großzügige kanadische Staat kommt sogar für ihren Tod auf. Was er nicht tut, ist, Geld dafür auszugeben, dass sie leben können, anstatt sich umzubringen.»

*

Zur Vorgeschichte: 2015 stellte der Oberste Gerichtshof Kanadas seine Rechtsprechung auf den Kopf und erklärte das Verbot der Beihilfe zum Suizid für  verfassungswidrig. Warnungen von Kritikern, dass diese Entscheidung «das Abgleiten in die Tötung von Schwachen einleitet», bagatellisierte das Gericht, solche Einwände beruhten auf «anekdotenhaften Einzelfällen».

2016 erliess das kanadische Parlament dann das Gesetz, das «euthanasia» an Menschen für rechtens erklärte, die an einer «unheilbaren Krankheit» leiden und deren natürlicher Tod «vernünftigerweise vorhersehbar» sei.

2021 folgte ein neues Gesetz Nummer C-7. Darin sind die beiden Kriterien des Gesetzes von 2016 gestrichen:

(1) für Euthanasie muss ab jetzt der Tod nicht mehr «vernünftigerweise vorhersehbar» sein und
(2) der Zustand des Unglücklichen muss ab jetzt nicht mehr «unheilbar» sein.

Stattdessen heisst es nun, berichtet Yuan Yi Zhu empört, Euthanasie sei rechtens an Menschen, die an einer Krankheit oder einer Behinderung litten, die «nicht unter Bedingungen gelindert werden kann, welche der Betreffende für akzeptabel hält.» Solche ‚Fälle‘ bekämen kostenlose «medizinische Hilfe beim Sterben». Bald stellten überall im Land Kanadier fest, dass sie zwar gerne anders leben würden, aber zu arm waren, um ihr Leben in einem akzeptablen Maße zu verbessern.

«Es ist kein Zufall, dass Kanada zu den Ländern mit den niedrigsten Sozialausgaben unter allen Industrieländern gehört, dass die Palliativmedizin nur für eine Minderheit zugänglich ist und dass die Wartezeiten im öffentlichen Gesundheitswesen unerträglich sein können, so dass der gleiche Oberste Gerichtshof, der die Euthanasie legalisiert hat, diese Wartezeiten im Jahr 2005 als Verstoss gegen das Recht auf Leben erklärt hatte. Viele im Gesundheitswesen kamen zu demselben Schluss. Schon vor der Verabschiedung des Gesetzes C-7 häuften sich die Berichte über Missbrauch. Ein Mann mit einer neurodegenerativen Erkrankung sagte vor dem Parlament aus, dass Krankenschwestern und ein medizinischer Ethiker in einem Krankenhaus versucht hätten, ihn zum Selbstmord zu nötigen, indem sie ihm gedroht hätten, ihn durch zusätzliche Kosten in den Bankrott zu treiben oder ihn aus dem Krankenhaus zu werfen, und indem sie ihm 20 Tage lang Wasser vorenthalten hätten. Nahezu alle Behindertenverbände des Landes haben sich gegen das neue Gesetz ausgesprochen. Ohne Erfolg: Diesmal fand es die Regierung bequem, diese ansonsten äußerst fortschrittlichen Organisationen zu ignorieren.»

Es sei immer schlimmer geworden, berichtet Yuan Yi Zhu. Zum Beispiel sei eine Frau in Ontario zur Euthanasie genötigt worden, weil sie vom Staat zu wenig Wohnbeihilfe erhielt, um sich eine bessere Wohnung leisten zu können, in welcher sich ihre lästigen Allergien nicht weiter  verschlimmerten. Yuan Yi Zhu berichtet von einer anderen behinderten Frau, die sich durch assistierten Suizid habe töten wollen, weil sie es sich finanziell  «nicht leisten konnte, weiterzuleben». Eine andere wollte Euthanasie, weil sie aufgrund von Schulden eine Behandlung ihrer chronischen Schmerzen nicht mehr bezahlen konnte.

«Als die Familie eines 35-jährigen Behinderten, der nach Euthanasie verlangte, in dessen Pflegeheim eintraf, fanden sie „Urin auf dem Boden …  Fäkalien auf dem Boden  … Stellen, wo die Füße kleben blieben. Laut der kanadischen Regierung geht es bei dem Gesetz zur Beihilfe zum Suizid darum, „der individuellen Autonomie der Kanadier Vorrang einzuräumen“; man kann sich fragen, wie viel Autonomie ein behinderter Mann, der in seinem eigenen Dreck liegt, bei der Abwägung zwischen Tod und Leben hatte.»

Statt das soziale Elend zu lösen, für das der Staat die Verantwortung trägt, sollen gemäss dieser Sozialpolitik die Leidenden sterben wollen. Der Staat will sich nicht die Hände schmutzig machen …

Wie überall in den westlichen Industrienationen beharrt daher auch die kanadische Regierung auf der ideologischen Fiktion, dass der assistierte Suizid ein «freie Entscheidung» des Einzelnen sei. Allerdings ist meines Wissens nach die kanadische Regierung die erste, die ohne Scham vorrechnet, was der Staat an der «freiverantwortlichen Entscheidung» Verzweifelter verdient, denn noch bevor das Gesetz C-7 in Kraft trat,

«hat der parlamentarische Haushaltsbeauftragte des Landes einen Bericht über die Kosteneinsparungen veröffentlicht, die es [das Gesetz C-7] mit sich bringen würde: Während das alte [Gesetz] 86,9 Millionen Dollar pro Jahr eingespart hat – eine ‚Nettokostenreduzierung‘, wie es in dem sterilen Bericht heisst – werde das Gesetz C-7 zusätzliche Nettoeinsparungen von 62 Millionen Dollar pro Jahr mit sich bringen. Die Gesundheitsfürsorge, insbesondere für chronisch Kranke, ist teuer, aber die Beihilfe zum Suizid kostet den Steuerzahler nur 2.327 Dollar pro ‚Fall‘. Und natürlich belasten diejenigen, die ganz auf die staatliche medizinische Versorgung angewiesen sind, die Staatskasse weit mehr als diejenigen, die über Ersparnisse oder eine private Versicherung verfügen.»

Kanadas Medien werden üppig subventioniert. Sie interessieren sich aber «wenig für den offenen Sozialmord an Bürgern in einem der reichsten Länder der Welt interessiert», schreibt Yuan Yi Zhu: «Vielleicht haben Journalisten, wie viele Ärzte, Angst davor, als ‚unprogressiv‘ beschuldigt zu werden, wenn sie die neue Kultur des Todes in Frage stellen – eine fatale Anschuldigung in gehobenen Kreisen.» Kanadas öffentlich-rechtlicher Rundfunk versicherte 2020, es gebe «keinen Zusammenhang zwischen Armut und der Wahl des medizinisch assistierten Todes» gebe. Zu dem, was dann kam, schweigt man.

Wer erinnert sich noch an den Skandal um den ehemaligen ukrainischen SS-Mann Jaroslaw Gunko? Der gleiche Staat, der an Euthanasie verdienen will, lud diesen Kriegsverbrecher anlässlich eines Selensky-Besuchs ins kanadische Parlament ein, wo er Applaus erhielt.

Das betraf den Krieg gegen aussen. Die Euthanasie ist der Krieg gegen innen.

 

*

 

[1] https://www.spectator.co.uk/article/why-is-canada-euthanising-the-poor/

Autor

Moritz Nestor, Psychologe

Weiterempfehlen