Vortrag im Begegnungshaus Die Brücke in Leipzig, 17. März 2016
Hugo Gevers, Missionar, Leiter der Brücke: Herzlich willkommen, Herr Nestor. Wir haben schon einen sehr, sehr guten Nachmittag zusammen erleben können. Ich erinnere mich auch sehr gerne an die Veranstaltung von vor einem Jahr. Ich denke oft noch an die plastischen Bilder Ihres damaligen Vortrags zurück. Die hatten eine Ausstrahlung in unserer Arbeit hinein das ganze Jahr hindurch. Immer wieder dachten wir: Aha, das ist ja wieder das, was wir an jenem Abend gehört haben. Wir denken immer wieder darüber nach und sehen, dass es tatsächlich für uns fruchtbar wird. Deshalb bin ich sehr gespannt. Wir begrüssen auch unsere lieben Gäste aus der „Kreativ-Stube“, die direkt nebenan ist und die gleiche Arbeit leisten wie wir, ein bisschen anders, aber genau die gleichen Probleme. Deshalb bin ich sehr gespannt, wie sich der heutige Abend entwickelt.
Moritz Nestor: Ich begrüsse Sie alle recht herzlich, dass Sie gekommen sind. Als ich mir überlegt hab, was ich heute Abend machen könnte, ist mir eine amerikanische Entwicklungspsychologin eingefallen, Emmy Werner. Sie hat in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts eine wichtige Studie durchgeführt. Sie soll heute Abend im Mittelpunkt stehen. Die Frage stellt sich, wie wir das anwenden können auf unsere heutige Zeit, was Emmy Werner gesehen hat.
Die Tiefenpsychologen begannen Anfang des 20. Jahrhunderts zu erkennen, dass Lebensprobleme des Erwachsenen ihre Wurzeln haben können in der frühen Lebensgeschichte des Menschen, vor allem in den ersten Kindheitsjahren. Das war ein sehr fruchtbarer Ansatz. Bei diesem Ansatz geht man von den Symptomen des Erwachsenen zurück in die Lebensgeschichte, um deren Ursachen zu verstehen.
Er ist ab etwa den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Entwicklungspsychologie ergänzt worden. Die Entwicklungspsychologen haben nicht rückwärts geschaut: Was ist diesem Menschen in seiner Kindheit und Jugend passiert, sondern sie haben die Entwicklung der Beziehungen zwischen Eltern und Kind angeschaut und sich gefragt: Wie müssen die emotionalen Bindungen des Kindes zu seiner Mutter und seinem Vater gestaltet werden, und wie können sie si gestaltet werden, dass eine gesunde Persönlichkeit heranwachsen kann. Die sind sozusagen in die andere Richtung gegangen als die Tiefenpsychologen.
Aber beide Richtungen haben eigentlich immer wieder das Schwergewicht auf diese ersten Jahre gelegt. Auf diese Kindheits- und Jugendjahre und haben diese Bedeutung der langen Kindheits- und Jugendperiode des Menschen für die Persönlichkeitswerdung herausgearbeitet.
Das ist etwas, was heute fast zum allgemeinen Kulturgut in unseren Gesellschaften geworden ist. Wir sind sehr schnell dabei zu sagen: Das ist meine Kindheit. Oder: Das hat er aus seiner Kindheit. Es ist ja nicht falsch, vorausgesetzt man errät es richtig. Nun hat das unter uns Psychologen, Psychotherapeuten, Pädagogen, Sozialpädagogen, Psychiatern etc., gerade in unserer Zeit dazu geführt, dass wir sehr schnell auf Defizite starren, dass irgendjemand irgendetwas nicht hat, weil seine Kindheit so oder so oder so war. Dieses Starren auf das Negative, auf die Defizite ist zu einer wahren Seuche in den Sozialberufen geworden.
Die grossen europäischen Pädagogen, die schon seit ein paar Jahrhunderten sich mit der Kindheit beschäftigt haben, haben schon historisch sehr viel früher gewusst, dass es sehr viel fruchtbarer ist, bei einem Kind die positiven Seiten anzusprechen und die positiven Kräfte im Kind zu stärken und nicht dauern bei den negativen anzusetzen. Es ist eine grosse Gefahr, wenn man bei einem Kind ständig seine negativen Seiten anspricht, dass es dann nur noch mehr erlahmt oder in Opposition gerät.
Natürlich heisst das nicht, dass das Negative und die Defizite nicht da wären oder nicht wichtig wären. Aber es hat pädagogisch/therapeutisch keinen Sinn, sich von der negativen Seite her dem Kind oder dem Jugendlichen zuzuwenden.
Nun hat die Psychologin Emy Werner in den Fünfzigerjahren etwas wichtiges gesehen: Unter allen Menschen, die im Leben schwere oder traumatische Dinge, schwere Zustände, defizitäre Elternhäuser, Scheidungen, Trauerfälle, Unglücke, Gewalt, Krieg, usw. , hat man gesehen, dass diese schweren Unglücksfälle und das Leiden sehr unterschiedlich auf Menschen wirken kann.
Man kann es grob einteilen: Es gibt eine Gruppe, die zerbrechen an den Erfahrungen, geraten in die Psychiatrie und oft liegt der Schatten ihrer frühen Erlebnisse beziehungsweise der im Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter erlebten Leiden ein ganzes Leben lang auf den Schultern dieser Menschen und kann im Alter wieder aktiviert werden. Es lässt sie irgendwo nicht los.
Eine zweite Gruppe kommt aber relativ schnell oder einige Zeit nach dem erlebten Leiden wieder zur Ruhe. Diese Menschen leben ihr Leben weiter, suchen und finden neue Wege. Es kann sein, wie es zum Beispiel für die Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkriegs typisch war, dass sie beim Eintritt in die Pension, plötzlich aus der Balance kommen und die alte Unsicherheit und das alte Erlebnis wie im gewissen Sinne reaktiviert wird. Sie werden, genauer gesagt, mit der neuen Situation nicht fertig, und es kommen Reaktionsweisen von sehr viel früher wieder zum Vorschein. Man merkt, wie diese Person plötzlich aus der Balance kommt und auf viel weiter zurückliegende Verhaltensweisen zurückgreift. Und der Helfer ist plötzlich mit vergangenen Kriegs- oder Nachkriegserlebnissen konfrontiert.
Der Psychologe Toman hat daher einmal bemerkt, man müsse die «Diagnose historisch denken». Bei Kriegsteilnehmern kann man das sehr deutlich sehen, dass sie vor allem nach der Pension oft Gefahr laufen, Symptome zu entwickeln, weil sie plötzlich mit Problemen konfrontiert waren, die sie mit der Tüchtigkeit von damals nicht mehr bewältigen können. Plötzlich zum Nichtstun verdammt waren Menschen, die ihr ganzes Leben lang, im Krieg, nach dem Krieg, im Wiederaufbau immer tüchtig waren, und nun mit der neuen Situation plötzlich nicht mehr fertig werden, alt gebrechlich, schwach zu werden. In der Diagnose des jetzigen Leidens muss man also immer auch die ganze Lebensgeschichte historisch mitdenken.
Nun gibt es eine dritte Gruppe. Das ist die, welche für unsere heutige Zeit, wo wir so gerne defizitorientiert sind, erstaunlich ist. Und die auch, glaube ich, für jeden persönlich erstaunlich ist: Es gibt Menschen, die wirken wie immun gegen die schrecklichsten Schicksalsschläge. Nicht weil sie gefühllos wären, sondern irgendetwas anderes geschieht in ihnen. Sie bleiben, trotz schrecklicher Leiden seelisch stabil. Einer der berühmtesten Beispiele ist die Mutter von Wolf Biermann, die im Hamburger Bombenhagel auf die Strasse läuft und die Bomben begrüsst. Sie hatte keine Angst. Für sie bedeuteten die Bomben Befreiung. Natürlich hat sie sich in Gefahr gebracht. Aber ihre Stimmung war genau das Gegenteil und das wirkte auf ihr Kind, sodass es keine Angst hatte vor den Bomben.
Also, es gibt Menschen, die mit seelischen Schicksalsschlägen anders umgehen und widerstandsfähiger sind, so dass sie nicht zusammenbrechen, sondern ganz anders die Situation erleben als andere, die aus irgendwelchen Gründen zerbrechen.
Diese Gruppe derer, die scheinbar unbeeindruckt die schrecklichsten Sachen durchleben und weiter machen – wohlverstanden, es geht nicht darum, dass sie gefühllos wären, sondern sie bleiben seelisch stabil – diese Gruppe hat man unter uns Psychologen sehr lange eher vernachlässigt.
Das hatte natürlich verheerende Folgen. Das hatte zur Folge, das was ich vorhin schon angetippt habe, dass man sich zu sehr auf Defizite konzentriert hat. Trauma-Behandlungen, schlimme Kindheit, wir müssen Therapie machen, die schlimme Kindheit aufarbeiten. Über drei, vier, fünf Generationen hinweg den Zweiten Weltkrieg aufarbeiten. Es gibt therapeutische Richtungen, die führen den Patienten dann ins erste Lebensjahr, ins zweite Lebensjahr, damit er dort das Trauma aufarbeitet. Es gibt Trauma-Therapeuten, die arbeiten mit Kriegsopfern, dass sie erst recht noch einmal die Erinnerungen an das Schreckliche wach rufen, damit es durchlebt wird, usw. Das führt in aller Regel dann zu noch mehr Entmutigung. Nun hat sich das aber seit den 50er Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg etwas geändert. Wir haben zwar immer noch diese verdammte Defizitorientierung, aber es gibt noch einen zweiten Strom, der weg davon kommen will. Es hat erst vor kurzem einen Kongress in Zürich gegeben, 2005, einen internationalen Kongress mit dem Thema: Gedeihen, trotz widriger Umstände. Warum, das ist eben die Frage, warum zeigen angesichts der gleichen Lebensumstände, Krieg, usw. die einen Menschen mehr Widerstandsfähigkeiten und halten es aus, als andere.
Die Entwicklungspsychologin Emmy Werner gilt als Pionierin dieser Forschungsrichtung, die sich Resilienzforschung nennt. Resilienz ist der Fachbegriff für Widerstandskraft, man könnte also auch Widerstandsforschung sagen. Emmy Werner hat eine hochinteressante Studie gemacht, und zwar auf einer der Inseln von Hawaii, Kauia. Sie hat dort ab 1950 32 Jahre lang, also über eine grosse Periode hinweg, Entwicklung von 698 Kindern von der Geburt bis ins Erwachsenenalter beobachtet. Jeder einzelne Teilnehmer wurde jeweils im Alter von 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren immer wieder neu interviewt, und es wurde geschaut, wie sich jeder weiterentwickelt hat. Es waren Psychologen, Kinderärzte, Krankenschwestern und Sozialarbeiter beteiligt. Interessant ist: Unter diesen 698 Kindern befanden sich 210 Kinder aus sogenannten Hochrisikofamilien, also rund 30 Prozent. Armut, psychische Krankheit der Eltern, schwierige Familienverhältnisse, Vernachlässigung, Scheidung, Misshandlungen, usw. waren die Faktoren, unter denen diese Kinder aufgewachsen sind und darunter gelitten haben. Zwei Drittel diese 210 Kindern haben mit 10 und mit 18 Jahren jeweils Verhaltensprobleme entwickelt oder haben schlecht gelernt oder sind kriminell geworden oder hatten irgendwelche seelischen Probleme. Von diesen 210 Kindern aus Hochrisikofamilien, von denen man denken könnte, dass diese Kinder aufgrund ihrer schlechten Kindheit später auch irgendein Lebensproblem entwickeln würden, sind aber nur zwei Drittel auffällig geworden. Die anderen 72 Kinder aus Hochrisikofamilien hatten bis zum 40. Lebensjahr keinerlei Verhaltensauffälligkeit entwickelt. Sie waren erfolgreich in der Schule. Sie haben Familien gegründet, waren ins soziale Leben eingebunden, haben sich realistische Ziele gesetzt, und mit 40 Jahren war keiner von ihnen arbeitslos, niemand war mit dem Gesetz in Konflikt geraten, niemand war auf die Unterstützung von sozialen Einrichtungen angewiesen. Trotz ihrer schwierigen Kindheit und Jugend, vielleicht gerade deswegen auch, hatten sie eine innere Widerstandskraft entwickelt, sich nicht überwältigen zu lassen.
Das heisst, die Annahme, dass sich ein Kind aus einer Hochrisikofamilie zwangsläufig zum Versager entwickelt, stimmt nicht.
Jetzt war natürlich die Frage, was ist dafür verantwortlich? Was für Widerstandskräfte haben diese 70 Kinder entwickelt, die sie dazu gebracht haben, mehr durchzuhalten. Es sind vier grosse Faktoren die Emmy Werner herausgefunden hat:
- Wenn ein Kind eine enge Gefühlsbindung zu mindestens einem Familienmitglied aufbauen kann, bei dem es Zuverlässigkeit und Sicherheit entwickeln kann.
- Wenn ein Kind erlebt, dass es angenommen und respektiert wird, wenn es freundlich und offen sich verhält und Problemen nicht ausweicht, sonder löst.
- Wenn ein Kind in der weiteren Familie, Onkel, Tanten usw., in der Schule oder auch in der Nachbarschaft unterstützt wird, die es zu Selbständigkeit, Vertrauen und Initiative ermutigen, und interessanterweise waren besonders günstig, Familien mit vier Kindern, mit einem nicht zu engen Geburtenabstand zwischen den Geschwistern, deren Mütter einen einfühlsamen Erziehungsstil praktizierten. Diese Schutzfaktoren die konnten in den 70 Fällen die negativen Lebensumstände kompensieren. Das ist etwas, was wir, wenn wir in den Praxen Menschen erleben, deren Lebensgeschichten, die wir erleben, immer wieder beobachten. Plötzlich ist bei einem Mensch, der zu Hause sehr schlechte Bedingungen hatte, irgendwo eine Grossmutter, oder ein Nachbar, wo das Kind einen Bereich hatte von Unterstützung und Zuflucht. Diese Person, ausserhalb der Familie hat so viel Unterstützung geben können, dass die Vernachlässigung innerhalb der Familie wie auf eine Art kompensiert war. Das zeigt uns irgendwo, wie wichtig es gerade für Kinder ist, die im Elternhaus Vernachlässigung und Gewalt erleben, wie wichtig es sein kann, dass sie sehr früh lernen etwas zu leisten und Verantwortung zu übernehmen. Das kann die Sorge für kleinere oder grössere Geschwister sein, das kann ein Amt in Jugendgruppen sein, ein Amt in der Schule, oder in der Gemeinde. Überhaupt rücken damit die Bedeutung von Vereinen und die Mitarbeit in der politischen Selbstverwaltung in den Gemeinden in den Mittelpunkt. Gerade sie können zu einer Art Nacherziehung beitragen, die die Defizite des Elternhauses kompensieren können. Solche widerstandsfähigen Kinder, das ist interessant, sind in einem gewissen Sinn ruhiger. Sie lassen sich weniger schnell aus dem seelischen Gleichgewicht bringen, können offener auf andere zugehen und können sich schneller Unterstützung holen. Und oft bekommen sie gerade dafür von Gleichaltrigen wiederum Anerkennung. Für den Umgang mit dem Tod, vor allem auch für den Umgang mit Kriegsopfern haben diese Forschungsergebnisse zentrale Bedeutung. Die herrschende Lehre unterstellt nämlich bisher Trauernden, sie seien gefühlskalt und würden verdrängen, weil sie keine Trauersymptome zeigen. Das hat man dann als Symptom einer seelischen Krankheit gewertet und hat angefangen zu behandeln, sie müssten mehr trauern. Man hat versucht das verdrängte Trauma dann hervorzuholen und hat erst recht geschwächt. Der Tod ist nämlich kein Trauma. Und nun haben Reslienzforscher gemerkt, dass bei sehr vielen Trauernden eine erstaunliche Stärke besteht. Sie haben auch depressive Phasen, oft wo sie sich unglücklich fühlen und leiden am Verlust der geliebten Person. Aber, sie erholen sich schneller und sind nicht zusammengebrochen. Diese Menschen waren weder kalt, noch haben sie irgendetwas verdrängt, sondern sie fanden sich vielmehr realistisch damit ab, dass der Mensch sterblich ist. Man hat ihnen aber zugeschoben, sie seien ein Fall, sie hätten ein Problem. Sie waren einfach besser als andere, z.B. abgestützt sozialer, und haben, und das ist das Wichtigste, mit anderen Menschen aus ihrem eigenen sozialen Umfeld die Überzeugung geteilt, dass eine gerechtere Welt möglich ist. Also, Resilienz, Widerstandskraft, die hat man nicht einfach, oder man hat sie eben nicht. Jeder Mensch kann Herr seines Lebens werden, nicht nur indem er von den Eltern er es bekommt, sondern von dem ganzen Lebensverlauf. Seelische Widerstandskraft ist weder Glückssache, noch ist sie etwas Aussergewöhnliches. Die eigenen Kräfte aus eigener Kraft zu nutzen, mit und ohne Hilfe anderer Menschen, kann jeder Mensch lernen.
Nun habe ich mir aus den vielen, vielen Ergebnissen so ein bisschen mal eine Liste gemacht, was man sozusagen als Anforderung an den jungen Menschen herantragen könnte, was er lernen soll. Natürlich ist das jetzt etwas nicht was ich an den anderen herantrage: Mach mal, tu mal, sag mal, sondern es ist auch für uns eine innere Orientierung die ich immer in der jeweiligen Situation anwenden muss. Aber, was aus diesem Ganzen als wichtigstes Ziel sich ergibt, das ist, dass für die Widerstandskraft die ich dem anderen wünsche, die ich ihm beibringe:
Suche Dir Freunde und sei anderen ein guter Freund.
Lerne, Dich für Dein Verhalten verantwortlich zu fühlen.
Lerne an Dich zu glauben.
Lerne, dass das Wichtigste im Leben Beziehungen sind und das Beziehungen führen etwas völlig anderes ist, als Kontakt haben. Nichts ist wichtiger für den Menschen als der Mensch selbst. Familienmitglieder, Freunde, Lehrer, Ausbildner usw. Beziehungen lehren dich erkennen welchen Wert du hast für andere und für die Gemeinschaft in denen und durch die Du lebst und Dich entwickelst.
Lerne mitzutun, werde ein guter Mitspieler, in Deiner Familie, unter Deinen Freunden, in einem Ehrenamt oder in religiösen, spirituellen und weltanschaulichen Gruppen und in Deiner Gemeinde. Lerne nicht aufzugeben. Lerne immer nach Überwindung zu streben. Kräfte kann man in jedem Alter erwerben. Fehler und Krisen sind nicht unüberwindlich, denn es liegt in Deiner Hand wie Du über Missgeschicke und Krisen denkst und wie Du da reagierst.
Lerne, dass kein Unglück dauerhaft ist, Negatives tut weniger weh wenn man danach strebt es zu kontrollieren und doch eines Tages überwinden zu können. Lerne den Fehler nicht zu beklagen, den Du angerichtet hast, und der sowieso schon eingetreten ist, sondern lerne das entstandene Problem zu lösen.
Lerne, dass es keinen Grund gibt die Hoffnung zu verlieren, weil das Leben und unsere Geschichte immer in die Zukunft hin offen ist, und dass wir keine Sklaven der Geschichte sind. Die Geschichte machen wir Menschen. Es hängt von Dir und mir ab, dass in der Zukunft doch Besseres entstehen kann. So bestimmt kann uns die Gegenwart nicht niederdrücken.
Strebe immer danach, in Dir und unter uns, unter den Menschen die Hoffnung zu stärken, dass die Menschen die Umstände des Lebens beeinflussen können. Das ist das Wichtigste im Leben.
Lerne dazu, dass es viel Wissen und Bildung braucht. Wissen und Können und die menschlichen Beziehungen die Du da aufbaust, kann Dir keine Armut, kein Krieg, kein Unglück wieder nehmen. Wenn Du aus einem anderen Land kommst wirst Du eines Tages reicher zurückkehren, wenn Du viel gelernt hast. Und wenn der Krieg und die Not wieder vorbei sein werden, und Du wirst was Du hier gelernt hast weitergeben können, an Dein Volk und Du wirst den Menschen helfen, wie man Dir geholfen hat.
Lerne realistisch zu sein in Deinen Wünschen und Zielen. Plane Deine Zukunft nicht aus Träumen. Wichtig ist nicht was einem gefällt, sondern ob etwas stimmt, und das, was wir für ein friedliches Zusammenleben brauchen.
Lerne zu sehen, wo trotz Verlusten und Leiden neue Wege möglich sind und gewöhne die anderen, daran zu arbeiten, dass sie Wirklichkeit werden.
Lerne, dass für manches deine Lebenszeit nicht ausreichen wird. Aber bedenke dann, dass du von vielen Menschen, die vor dir gelebt haben, unschätzbar vieles bekommen hast, ohne das du gar nicht überlebt hättest und erwachsen geworden wärst. Lerne daraus, dass man auch etwas weitergeben muss an die, die nach einem kommen.
Lerne, die Opferrolle abzulehnen, gerade wenn Du Opfer bist. Sie schwächt nur. Werde aktiv und lerne zu sehen, welche Herausforderungen in Unglück und Leiden stecken, wieviel Kraft nötig ist für neue und menschlichere Lösungen und erkenne, was man dafür tun kann. Lass es dir von dir selbst nicht mehr gefallen, dich durch Mutlosigkeit zu lähmen.
Lerne, dass deine Beziehungen stärker werden können, dass dein Gefühl fürs Leben intensiver werden kann und, vor allem, dass du lernen kannst, sicherer zu werden, wer du bist und wie wertvoll du für die Menschen bist – je mehr du die Kunst des Lebens erlernst: Unglück und Leiden zusammen mit anderen zu überwinden. Gerade die Krise kann dich dann lehren, dich neu zu entdecken und dadurch seelisch zu wachsen.
Lerne einen langen Atem zu haben. Dazu musst Du dir immer vor Augen halten, dass das, was dich jetzt bedrückt, nur ein Teil des gesamten Lebens ist. Suche immer danach, wie du vielleicht früher schon mit ähnliche Problemen fertig geworden bist und was das für heute heissen könnte.
Lerne in Krisen aktiv zu sein, aber vergiss dich nicht. Lerne, mindesten einmal am Tage über Dich und über das, was du tust, mit anderen nachzudenken und dadurch neue Kräfte zu gewinnen. Lerne an dir zu arbeiten, denn das Leben braucht dich, so wie es alle Menschen braucht. Schäme dich nicht für deine Fehler, das ist dumm, denn dann bleibt man stehen. Sondern suche dir vertraute Menschen, mit denen Du darüber redest und mit denen du Lösungen suchst. Niemand kann sich selbst an den eigenen Haaren aus einem Sumpf ziehen.
„Resilienz ist das Endprodukt eines Prozesses, der Risiken und Stress nicht eliminiert, der es den Menschen aber ermöglicht, damit effektiv umzugehen“, sagte Emmy Werner 2015 auf dem oben zitierten Kongress in Zürich.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.