Warum wir nach dem Menschen fragen müssen

9. Dezember 2025

Moritz Nestor

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1839 schrieb der russische Dichter Fjodor Michailowitsch Dostojewski:

«Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln, und wenn du es ein ganzes Leben lang enträtseln wirst, so sage nicht, du hättest die Zeit verloren. Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.»

In allen Kulturen haben die Menschen schon immer zu enträtseln gesucht, wer sie sind, denn ohne ein Menschenbild kann sich der Mensch nicht in der Welt orientieren. Die Anthropologie als Wissenschaft vom Menschen entstand historisch erst relativ spät. Und das Besondere: Anthropologie beginnt mit jedem Menschenleben erneut. Denn die Menschenbilder, mit denen wir uns in der Welt orientieren, sind nicht angeboren, sondern erworben.

Das menschliche Neugeborene muss, noch mit sehr kleinen Mitteln, das Geheimnis der ihm noch völlig unbekannten Welt und des Menschen, eigenaktiv zu lüften versuchen. Es betreibt, wenn man so will, eine Art ‘allgemeine’ Anthropologie. Ja, es muss dies tun. Warum?

Hilflos, aber mit wachen Sinnen und einer schöpferischen Kraft ausgestattet, strebt es nach menschlichen Beziehungen, geleitet vom Drang nach Leben, Entwicklung und Überwindung, der allen Lebensformen eigen ist. Es sucht eigenaktiv in der unbekannten Welt mit diesen noch unbekannten, aber so wohltuenden freundlichen, Wärme spendenden Menschen, sich zurechtzufinden und Mensch und Welt zu begreifen. Es tastet sich suchend ins Zusammenleben mit ihnen hinein und lotet aus, wer diese wunderbaren zunächst völlig Unbekannten sind, die einen lieben. Es ist eine Lebensnotwendigkeit für das Kind, zu verstehen, wie sie ‘funktionieren’, wie man bei ihnen zu jener Geborgenheit, Sicherheit und Liebe gelangt, ohne die es doch nicht leben kann. Bei ihnen sucht es die Sicherheiten, an denen es sich halten kann. Und oft muss es gewaltige Hürden überwinden, um unter dem Druck der Unvollkommenheiten und Schwächen dieser grossen Menschen dennoch Wege zu ihnen zu finden. Andere Menschen hat es ja nicht. Das ist seine kleine Welt. Und alles geschieht in einer vorsprachlichen Zeit im emotionalen Raum.

Im unaufhörlich tastenden Suchen enträtselt es nach und nach das Unbekannte, im Suchen nach dem menschlich Zuverlässigen, das es zunächst in der Liebe zur Mutter findet, die seinem Suchen nach Liebe entgegenkommt. Die Liebe der Mutter lässt das Kind spüren: «Schön, dass es dich gibt. Was wäre die Welt ohne dich!» Und diese Mutterliebe führt zur ersten Selbsterkenntnis des Kindes, das die Psychologie Urvertrauen nennt: «Ich bin wer, da ich geliebt werde, ich bin es wert dazusein.» Aus den Erfahrungen, die es bei seinem tastenden Suchen in der Beziehung zur Mutter macht, entstehen immerfort nächste Ziele des Suchens, in dem die früheren Erfahrungen enthalten sind – bis langsam ein emotionales Bild von sich und der Welt sich bildet. Und die vertraute Bindung zwischen Mutter und Kind, die so wächst, werden zu ‘sicheren Basis’, von der aus das Kind neugierig die Welt erkundet. Dieses kleine Wesen hat eine unglaubliche Leistung vollbracht: Es hat im sozialen Wechselspiel mit seiner geliebten Mutter eine erste Antwort darauf gesicht und gefunden: Was der Mensch ist.

Noch ist sie klein, aber es ist die Welt, die in dieser Lebensphase so lebenswichtig ist. Mit dem entstehenden Bild von sich und der Welt verliert die Welt und die Menschen ihre anfängliche Rätselhaftigkeit. Und mit dem Lösen des Rätsels entsteht Geborgenheit. Das meinte doch Dostojewski, wenn er schrieb: «Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.»

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Der wissenschaftliche Anthropologe tut im gewissen Sinn das Gleiche wie das Kind: Er sucht im Rahmen des Möglichen Zuverlässiges vom Menschen auszusagen: Wer sind wir? Welche Stellung hat der Mensch in der Natur? Und so will er das Rätsel lösen helfen, welche Aufgaben das Leben uns stellt, mit dem Ziel, um immer besser zu erahnen, wie wir das Leben sinnvoll führen sollen, denn die Bilder vom Menschen, unsere Antworten auf die Frage, wer wir sind, leiten unser Handeln nach der nützlichen oder unnützen Seite des Lebens.

Es geht also sowohl dem Kleinkind als auch dem forschenden Anthropologen um Selbsterkenntnis. Denn uns ist keine Methode der Lebensführung angeboren. Wir müssen lernen, uns in der Welt und gegenüber den Menschen orientieren zu können. Der Anthropologe Plessner hat daher betont, dass wir das einzige Lebewesen sind, das nach sich selbst fragen kann und das nach sich selbst fragen muss. Wir müssen uns in jeder Lebensphase immer auch selbst zum Thema machen, denn sonst ist keine Lebensführung in dieser sich ständig ändernden Welt möglich.

Wie erwähnt, gibt es eine Anthropologie in einem allgemeinen Sinne schon immer, seit es Menschen. Ein Leben ohne Anthropologie in diesem Sinne ist unmöglich. Das Tier braucht keine Zoologie, um als Tier leben zu können, und die Pflanze keine Pflanzenkunde. Wir Menschen aber müssen uns als Menschen kennen – oder sollten es jedenfalls -, um uns in der Welt orientieren und handeln zu können, also: um als Mensch leben zu können. Am Anfang dieses Lebens- und Lern-Weges stehen die Erfahrungen in den Beziehungen zu den Menschen und die Schlüsse, die wir daraus ziehen. Am Anfang stehen die Sprache, Bräuche, Traditionen, Sitten, Künste und Lehren und Bilder der Kultur, in die sich das Kind lernend hineinentwickelt.

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Als Wissenschaft geht Anthropologie methodisch vor und sucht objektive Erkenntnis. Wir werden zum Forschungsobjekt. Das geht nur interdisziplinär, es gibt nicht ‘die’ Anthropologie.

Was der Mensch wissen kann und tun und hoffen soll, das hängt davon ab, wie er die Frage beantwortet: Was ist der Mensch? Sie ist die Kernfrage der Anthropologie.

Ich bin natürlich immer schon Mensch, wenn ich die Frage stelle, wer der Mensch ist. Denn ich frage dann ja auch nach mir. Zunächst halten wir daher das für allgemein menschlich, was unsere Kultur über den Menschen denkt.

Aber es geht um mehr: Wir Menschen haben keine Freiheit, uns die Frage nicht zu stellen, wer der Mensch ist. Die Aufgaben, die das Leben an uns stellt, und die Tatsache, dass wir dafür keine angeborenen Rezepte haben, drängen sie uns auf. Mit der Frage nach dem Menschen beginnt also unsere Freiheit, das Leben eigenverantwortlich führen zu lernen.

Und damit beginnt die politische Bedeutung der Anthropologie. Denn wenn postmoderne Meisterdenker die Frage nach dem Menschen verbieten, tun sie dies in einem Geflecht von Machtinteressen, wo sie als Teil einer ausgesuchten Elite gutbezahlter Intellektueller mit dem «richtigen» Parteiabzeichen das Denken einer Gesellschaft formen. Mit dem Verbot der Was-Frage «Was ist der Mensch?» liefern sie der herrschenden Elite die «wissenschaftlichen» Gründe, warum die Menschen keine Freiheit haben können, das Leben eigenverantwortlich und selbstbestimmt zu führen.

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Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein verstand das Denken unsere Kultur den Einzelnen als Anfang allen Denkens: «Ich denke, also bin ich», sagte der Philosoph Descartes. Man verstand nicht, dass der Mensch nur als Geschöpf der Kultur und in und durch menschliche Gemeinschaft denken lernen kann. (Landmann 9) Menschen werden immer in eine Gemeinschaft hineingeboren, die vor ihm schon da ist.

In den Kulturen weiter Gebieten Afrikas herrscht eine andere Auffassung: «Ich bin, weil wir sind.» Ein Mensch, sagen sie, wird Mensch nur durch andere Menschen. Am Anfang eines jeden Lebens steht nicht der «subjektive» Geist eines robinsonartigen Individuums, «sondern der in die Gesellschaft verflochtene und sich durch sie uns auferlegende und uns durchziehende objektive Geist», das Denken der Kultur (Landmann 10)

Wahrheit ist zunächst das, was wir, «zusammen mit allem übrigen Kulturbesitz, als eine in unserer Gemeinschaft tradierte, allen gemeinsame [Wahrheit] übernehmen. Wir Menschen können uns in der Regel nicht als losgelöst von der Kultur betrachten, weil wir uns nie losgelöst von unserer Kultur ‘gekannt’ haben. (10) Wir leben zunächst in der «Illusion des mit sich beginnenden Ichs». (Landmann 11)

So denkt der Mensch nicht über sich nach, und er «unterscheidet nicht in sich das Eigene und das Fremde. Schauen wir hinaus in die Welt, dann erblicken wir zwar dort die Kultur; schauen wir dagegen zurück auf uns selbst, dann geben wir uns keine Rechenschaft davon, wie sehr wir ihre Geschöpfe sind, sondern halten naiv die ‘Kultur in uns’, …, für unser angestammt-natürliches menschliches Sein.» (Landmann 10)

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Je mehr uns aber dann mit dem Älterwerden «die geschichtliche Mannigfaltigkeit und radikale Unterschiedenheit der kulturellen Systeme, in denen sich der ein und derselbe bleibende Mensch bewegt,» klar wird, reift auch die «Doppeleinsicht», dass die Kultur etwas vom Menschen «Loslösbares, Eigenes, ihm Gegenüberstehendes sein müssen; und dass sie gleichzeitig von tiefster prägender Gewalt für ihn, dass sie sein Fundament und Schicksal sind.» (Landmann 10)

Ohne Bewusstsein, dass wir Geschöpfe unserer Kultur sind, denken und handeln wir gemäss den Traditionen der Gemeinschaft, in die wir hineingeboren wurde. «Um nur das für wahr und für gut zu halten, was sich vor seiner individuellen Vernunft bewährt, […], dazu muss der Mensch schon Distanz zu den Traditionen und muss er schon zu seiner Vernunft Vertrauen gewonnen haben.» (13)

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Seit den Achtzigerjahren greift in den westlichen Industrieländern ein schreckliches Menschenbild um sich. Es folgt der Devise von Maggy Thatcher, dass es keine Gesellschaft gebe. Der Mensch wird behandelt als ein robinsonartiges Wesen, das immer nur an sich und seinen Nutzen denkt, den er immer nur maximieren will. Der Gott ist das Geld. Wenn etwas in der Gemeinde zu tun ist, ist die erste Frage: Was kostet es?

Andere Menschen kennt dieser Nutzenmaximierer nur als nützliche oder unnütze Objekte. Da dieser Robinson aber essen, trinken muss und ein Dach über dem Kopf braucht, also ganz allgemein Lebens- und Genussmittel, muss der Vereinzelte auf den Markt. Dort wird er nun zu einer sehr seltsamen Art von sozialem Wesen. Er tritt mit anderen Vereinzelten in einen schmalen sozialen Kontakt, den man Handel nennt und der durch Angebot und Nachfrage bestimmt ist.

Diese Form von Gemeinschaft bestimmen aber die Vereinzelten nicht selbst. Vielmehr geben sie sich dem Wirken des Marktes hin, denn der regelt die Preise nach Angebot und Nachfrage, für Robinson ein anonymer Prozess. Die Vereinzelten unterstellen sich der Macht des Marktes und versuchen, beim Kauf einen Vorteil zu ziehen. Sie haben die Logik des Marktes verinnerlicht. Der anonyme Markt bietet den vereinzelten Menschen ein gewisses Mass an sozialem Austausch, ein fader Ersatz für die weggefallenen sozialen Verbundenheit, die Robinson vor der Vereinzelung im Sozialstaat trug. Robinson erfährt eine gewisse Art Ersatzbestätigung durch Konsum, was seine schwaches Ich und seine Individualität als Nutzenmaximierer stärkt. Die Konsumenten bilden eine bestimmte Form der Geselligkeit aus, aber da Konsum kein echtes mitmenschliches Gemeinschaftsleben schaffen kann, fühlen sich die Robinsone in der Konsum-Gemeinschaft immer noch als vereinzelt, was wiederum die Hoffnung nährt, dass mehr Konsum doch endlich menschlich befriedige. Aber Konsum als Ausdruck der Suche nach sozialer Geltung schafft nur immer mehr Konsum.

Dieses Menschbild ist zugeschnitten auf den der Massenproduktion innewohnenden Zwang, den vereinzelten Menschen immer mehr zu verkaufen, vor allem immer mehr und immer grösseren Unsinn, den man eigentlich nicht braucht.

Geld und Konsum befreien den Menschen aber nicht aus seiner Vereinzelung.

Die Vereinzelung eines Lebens ohne Gesellschaft bedeutet nicht, dass wir Menschen keine sozialen Wesen mehr wären. Im Gegenteil. Damit sind wir beim Thema dieser Wintergespräche.

«Der Mensch ist ein Geheimnis. Man muss es enträtseln, und wenn du es ein ganzes Leben lang enträtseln wirst, so sage nicht, du hättest die Zeit verloren. Ich beschäftige mich mit diesem Geheimnis, denn ich will ein Mensch sein.» (Dostojewski, 1839)

 

 

 

 

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