Annemarie Buchholz-Kaiser, Moritz Nestor, Joachim Hoefele
Vortrag, gehalten 1999 am VII. Kongress der Europäischen Arbeitsgemeinschaft «Mut zur Ethik» in Feldkirch
mit dem Thema «Das Samenkorn der Menschlichkeit legen»
«Das Samenkorn der Menschlichkeit legen». Das ist das Anliegen, das uns heute hier in Feldkirch zum VII. Kongress «Mut zur Ethik» zusammenführt. Es wird uns die nächsten Tage beschäftigen, und es soll uns auch berühren, damit wir im Sinne dieses Anliegens tätig werden.
«Das Samenkorn der Menschlichkeit legen». Die Situation, in der wir uns dieses Thema stellen, ist erschreckend: Hunger, Kriege, Unterdrückung und Seuchen, die wir längst im Griff haben könnten, bedrohen die Menschheit wie kaum zuvor. In Afrika wird die Bevölkerung zu Millionen zwischen Machtblöcken zerrieben und von Epidemien hinweggerafft, ohne dass sich weltweit nennenswerter Protest erhebt. Der freiheitlich demokratische Nationalstaat und nicht zuletzt die Familie, die kleinste natürliche Gemeinschaft, geraten von allen Seiten her unter Druck. Sie gilt es zu schützen und zu bewahren.
Seit dem Kosovokrieg ist das Völkerrecht, das Frieden zwischen den Nationen stiften sollte, ausgehebelt. Die NATO wurde unter dem Druck der USA zu einem Interventionsinstrument umgewandelt. Die Politik, der Welt einen zügellosen Weltmarkt aufzuzwingen, vernichtet die kulturelle Eigenständigkeit ganzer Völker und droht den Sozialstaat in die Knie zu zwingen. Mehr und mehr werden internationale Institutionen wie UNO, WHO, OECD und andere zu Instrumenten einer totalitären Weltregierung umfunktioniert. Das kommende Jahr steht unter dem Motto «global governance».
Welche Hoffnungen waren nicht mit dem Völkerbund, der UNO, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbunden. Erstmals in der Geschichte war nach zwei schrecklichen Weltkriegen das sittlich rechtliche Gewissen der Menschheit so weit, allen Menschen und Völkern eine gemeinsame Menschenrechtsethik zu geben. Sie könnte auf der ganzen Welt Frieden schaffen, würden sie und die Folgepakte nur umgesetzt. Das 20. Jahrhundert begann mit der Hoffnung, es werde ein Jahrhundert des Fortschritts, des Kindes, der Familie, des Friedens. Dank den Wissenschaften waren die Menschen gesünder und älter geworden. Die Städte wurden saniert. Die grossen Seuchen kamen langsam unter Kontrolle. Wohlstand für alle schien möglich.
Die Humanwissenschaften begannen Bereiche des sozialen Zusammenlebens zu erforschen, von denen kaum jemand glaubte, sie wären wissenschaftlicher Erkenntnis zugänglich. Die personale Tiefenpsychologie wandte sich Mitte des Jahrhunderts der Prophylaxe seelischen Leides und der Aufgabe der Friedenserziehung zu und untersuchte, was sie zur Verbrechensverhütung und zur Friedenserziehung beitragen kann. Fürsorge und Sozialarbeit erhielten nach dem Zweiten Weltkrieg von der Tiefenpsychologie die erfolgreiche und segensreich durchgeführte Einzelfallhilfe. Psychiater wie Gertrude Schwing, H. S. Sullivan, Frieda Fromm-Reichmann u.a. begannen in den 40er und 50er Jahren die schwersten Fälle seelischen Leids mit Erfolg zu behandeln. Die Versöhnung der Deutschen mit dem «Erbfeind» Frankreich nach 1945 brauchte nur wenige Jahrzehnte. Heute lernen die Kinder im Elsass wieder Deutsch in der Schule. Bis Ende der 60er Jahre waren wertvolle Ansätze einer fundierten Friedenspädagogik entstanden.
Am Ende unseres Jahrhunderts jedoch findet über all das kaum mehr eine Diskussion statt. Die Erfahrungen, die Forschungsergebnisse und die darauf aufbauenden Erfolge sind erbracht. Sie müssten nur aufgegriffen, angewendet und verfeinert werden. Stattdessen werden die «Intelligenz» und die Kraft ganzer Wissenschaftszweige in Hochrüstung, Ausbeutung, Manipulationstechniken und Machterhalt vergeudet. Die Frage ist mehr denn je offen: Wie können die Menschen wirklich in Frieden leben lernen?
Frieden entweder für eine Utopie zu erklären oder ihn mit Krieg herzustellen erklärt 2’500 Jahre europäische Geschichte für Makulatur. Seit den ersten griechischen Demokratien haben die Menschen 2’500 Jahre lang trotz aller Kriege mit beachtenswerten Erfolgen darum gerungen, wie man nicht nur Grabesfrieden, sondern den gerechten, sicheren Frieden schaffen kann.
Hat Europa nicht den freiheitlich demokratischen Rechtsstaat hervorgebracht? War abendländisch-christliche europäische Kulturtradition nicht die Wiege der Menschenrechte, des gewaltenteilenden Rechtsstaates, der Demokratie? Oder sind Aristoteles, Platon, Sokrates, Cicero, die Stoa, die Schule von Salamanca, Thomas von Aquin, Grotius, Pufendorf, Locke, Montesquieu, Rousseau, Thomasius, Wolff, Kant, die Aufklärung, die katholische Soziallehre, das Schweizer Modell der direkten Demokratie und die vielen anderen so geschichtsmächtigen Ansätze und Entwürfe eines friedlichen Zusammenlebens in der Geschichte vergessen? Erwächst Europa nicht aus diesem Erbe die Verantwortung, sich der brennenden Gegenwartsprobleme anzunehmen? Wieso waren wir in unseren Breiten (wenigstens über weite Strecken) imstande erfolgreich, Frieden zu schaffen in Freiheit und Gerechtigkeit, haben aber diese Wohltat den Völkern Afrikas zum Beispiel vorenthalten?
Ist vergessen, wie aus der Empörung über die blutigen Religionskriege der frühen Neuzeit die grossen Naturrechtslehren entstanden und wie nicht viel mehr als nur 150 Jahre danach die Aufklärung alles Wissen des Naturrechts zusammenzog und die Gesellschaftsordnungen Europas so tiefgreifend wie noch nie zuvor zu wandeln begann? Die grausamen und unmenschlichen Körperstrafen verschwanden nach und nach aus den Strafgesetzbüchern. Die Folter zur Erlangung von Geständnissen vor Gericht wurde unter dem Druck von Aufklärern wie Christian Tomasius innerhalb von nur 50 Jahren abgeschafft. Diese und andere Erfolge der Menschlichkeit wurden von wenigen Philosophen, Pädagogen, Theologen, Juristen, aufklärten Staatsmännern vorbereitet. In unermüdlicher Diskussion wirkten sie Jahr um Jahr in die Gesellschaft hinein (nur zu oft unter Lebensgefahr), bis wieder ein Stück mehr Frieden, Humanität und Gerechtigkeit errungen war.
Vor dieser Umwälzung waren die europäischen Gesellschaften ständig durch die unkontrollierten Machtansprüche des Adels und jener Teile des Klerus bedroht, die den Menschen mit Gewalt den «richtigen Glauben» aufzwingen wollte. Das Resultat waren nicht enden wollende Verfolgungen, Glaubens-, Bürger- und Eroberungskriege. Die neue Gesellschaftsordnung bannte den Bürger- und den Religionskrieg, indem sie Adel und Klerus unter das gemeinsame Dach des Rechts nahm und ihnen – weil alle Menschen gleich und frei geboren sind – ihre Schrankenlosigkeit nahm. Die neue Gesellschaftsordnung war der Rechtszustand auf dem ethischen Fundament der universellen Menschenrechte. Jetzt bestimmten nicht mehr Standesunterschiede oder die Konfession den Wert eines Menschen. Alle waren vor dem Gesetz gleich. Meinungsfreiheit wurde garantiert. Das Volk konnte seine Geschicke selbst bestimmen, und alle konnten frei unter vernünftigen Gesetzen leben.
Der freiheitliche föderative und subsidiäre demokratische Rechtsstaates ist eine Errungenschaft, auf die Europa stolz sein müsste. Er hat sich in einem gewaltigen historischen Experiment bewährt, weil er der menschlichen Sozialnatur entspricht. Am Anfang aller Überlegungen, durch welche Gesellschaftsordnung Diktatur, Folter, Krieg, Genozid abgeschafft werden können, stand und steht die Frage: Was ist die Natur des Menschen?
Die neue Gesellschaftsordnung war die des Naturrechts, das durch die Aufklärung erstmals in der Menschheitsgeschichte politische Wirklichkeit wurde. Das Naturrecht war das Projekt einer Wissenschaft vom menschlichen Zusammenleben und hat als erstes erkannt, dass der Mensch ein soziales Wesen ist. Heute bestätigen Anthropologie, Psychologie und andere Humanwissenschaften, dass die Naturrechtsdenker mit ihrer Sicht von der personalen Sozialnatur des Menschen in den Grundzügen recht hatten. Wir können heute das Naturrecht mit Hilfe human- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse ergänzen und verbessern. Wissenschaftliche Ergebnisse beweisen, dass die Menschennatur nicht bösartig ist und es keinen natürlichen Gegensatz zwischen menschlicher Natur und friedlichem Zusammenleben im demokratischen Staat gibt. Der Mensch ist vielmehr von Natur aus ein friedfertiges, soziales Wesen, das mit Vernunft und Gewissen begabt ist, fähig und verantwortlich ist, das gesellschaftliche Zusammenleben friedlich zu gestalten. Die Menschen können gerecht und friedlich nach vernünftigen Gesetzen zusammenleben. Das war schon immer das Ziel des Naturrechts.
Die modernen Humanwissenschaften bestätigen, dass Krieg nicht naturgegeben ist. Im Gegenteil: Der Mensch kommt zur Welt mit einer Disposition zu Mitmenschlichkeit und Kooperation. Wenn er seiner Sozialnatur gemäss erzogen, zu gewaltfreier, konstruktiver Konfliktlösung und tätiger Nächstenliebe angeleitet wird, wächst ein friedfertiger Mitmensch heran, den die Not von anderen nicht unberührt lässt, der Unrecht nicht duldet. Mit Mut und Realitätssinn kann er Lösungen zum Wohl aller suchen. Sein Ziel ist nicht egozentrische Geltung und Macht, sondern Gerechtigkeit und Friede im Kleinen wie im Grossen. Menschliche Gesellschaften sind um so solidarischer und kooperativer, je mehr jeder die mitmenschlichen Anlagen auf seine individuelle und einzigartige Weise ausbildet und ins Gemeinschaftsleben einbringt. Das ist die anthropologische Grundlage des Friedens. Das ist es auch, was Gesellschaften im Innersten zusammenhält.
Aggressive oder gewalttätige Verhaltensweisen sind Reaktionen auf Manipulation, Unterdrückung, seelische bzw. körperliche Grausamkeiten. Sie beruhen auf erworbenen Einstellungen oder Verhaltensmustern, auf lebensgeschichtlich gewordenem oder ideologisch begründetem Überlegenheits- und Machtstreben.
Letzter Sinn und Zweck des freiheitlich demokratischen Rechtsstaat ist es, die Gesellschaft vor Fehlschlägen, vor Gewalt und Macht zu schützen und die freie Entfaltung der menschlichen Sozialnatur zu ermöglichen, um so Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit dauerhaft zu sichern. Friedfertigkeit ist kein «humanitärer Idealismus» oder ein «illusionäres Weltbild», sondern ist in der menschlichen Natur angelegt und kann und muss in jedem Menschen ausgebildet werden. Der demokratische Rechtsstaat ist nichts anderes als der schützende Rahmen; er ist die richtige Anpassung der Gesellschaftsordnung an die menschliche Sozialnatur.
In allen Bereichen des Lebens eroberte sich das Europa der frühen Neuzeit Mittel und Wege, wie man die Natur und ihre Gesetze rational erfassen und erklären kann, um Gefahren zu vermeiden, besser zusammenarbeiten zu können und das Leben immer besser zu schützen. Europa entwickelte sich so zu einer Kultur, in der die Wissenschaften zu einer sonst nirgends gekannten Blüte gelangen konnten. Auch dies ein wertvolles Erbe, das auf abendländisch-christliche Naturrechtstradition zurückzuführen ist. Der Grundgedanke dabei war und ist, dass der Mensch seine Vernunft selbständig gebrauchen lernen kann, um in Frieden, Freiheit, Sicherheit und Gerechtigkeit zusammenleben zu lernen. Er kann seine eigene Natur – die conditio humana – erkennen und verstehen und dementsprechend die Regeln und Gesetze des Zusammenlebens gestalten. Je mehr er dabei seiner Sozialnatur gemäss lebt, desto mehr lebt er in Frieden und Gerechtigkeit mit seinesgleichen zusammen und umso glücklicher ist er. Seit den Anfängen in der griechischen Antike kreist das Bemühen der europäischen Naturrechtsdenker, der Moralphilosophen und der Aufklärer um diese Frage. Es ist nichts anderes als die Frage, wie das Geltungs- und Machtstreben des Menschen gebändigt werden kann, damit die Menschen in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit leben können.
Derselbe Grundgedanke hat seit der griechischen Aufklärung auch immer klarer die Einsicht hervortreten lassen, dass der Mensch die Erziehung seiner Kinder nicht dem blinden Zufall, oder der harten Hand überlassen muss, sondern, dass Erziehung und Bildung der Natur des Kindes entsprechen muss und seinen Entwicklungsschritten folgen muss. Dass das Kind bildungs- und erziehungsfähig ist und durch die rechte Erziehung fähig wird, als Mitmensch und Staatsbürger Verantwortung fürs Ganze zu übernehmen.
Die Erziehung zum mündigen Mitbürger, zur selbständigen und verantwortlichen Persönlichkeit, die zum Gemeinwohl in einem demokratischen Rechtsstaat ihren Beitrag leisten kann und will, ist Kern der europäischen naturrechtlichen Bildungstradition. Die Demokratie kann nur erhalten werden, sie lebt und ist nur so gut, wie die Bürger gebildet sind! Deshalb muss der Erziehung der Kinder und der Jugend besondere Aufmerksamkeit und Sorgfalt gewidmet werden.
Dabei kommt der Familie besondere Bedeutung zu. Hier vor allem wird «das Samenkorn der Menschlichkeit» gelegt. Das auf Liebe und Vertrauen aufbauende Zusammenleben in der Familie ist das anthropologische Grundmodell eines friedlichen Zusammenlebens in Gesellschaft und Staat. Konstruktives Mittun in der politischen Gemeinschaft der Demokratie und ein aktives Einsetzen für friedliche Konfliktlösungen beginnt mit der Erziehung in der Familie. Wenn das Kind in der Beziehung zu seinen Eltern Urvertrauen und Mitgefühl entwickelt und – darauf aufbauend – einen stabilen Persönlichkeitskern, ist das die beste Prävention gegen Gewalt. In der täglichen Gestaltung des familiären Miteinanders muss das Kind erfahren können, was es heisst, um seiner selbst willen von Bedeutung zu sein und als Mensch anerkannt zu sein. In der Familie entwickelt das Kind das innere Grundmodell, wie Menschen miteinander umgehen, wie man Gemeinschaften mitgestaltet, wie man sich unter den Menschen beheimatet fühlt und Verantwortung für das Wohl aller übernimmt. So werden die Achtung vor dem Menschen und Gleichwertigkeit im zwischenmenschlichen Umgang zu grundlegenden Lebenseinstellungen. – Darüber hinaus werden durch die Identifikation mit den Eltern und Grosseltern die kulturellen Werte und Normen an die nächste Generation tradiert. So entsteht ein Gefühl der Zugehörigkeit zu Volk, Kultur, Nation und Geschichte, was ebenfalls Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit ist und der beste Schutz gegen Gleichgültigkeit, Verantwortungs- und Rückgratlosigkeit; das ist auch die Grundlage für ein echtes Verständnis anderer Kulturen.
In der Familie sind mehrere Generationen in gegenseitiger Hilfe zum Teil über die gesamte Lebensspanne miteinander verbunden. Das schützt die Gesellschaft vor Entsolidarisierung, Vereinzelung und Manipulation. Deshalb ist der Schutz der Familie durch Gesellschaft und Staat oberstes Gebot der Friedenserhaltung.
Das in der Familie gelegte Samenkorn der Menschlichkeit muss durch die Schule weiter gehegt und gepflegt werden. Die Kinder sollen in der Klassengemeinschaft im Sinn und Geist der Menschenrechte erzogen werden, ohne Unterschied von Geschlecht, Religion, sozialer und kultureller Herkunft. Das ist seit den Anfängen der öffentlichen Erziehung bei Condorcet der Auftrag der öffentlichen Volksschulen. Souveräniät, so sahen es die Gründer der öffentlichen Erziehung, kann der Mensch nur dann wirklich wahrnehmen, wenn er eine solide Grundbildung hat. Allen ist daher eine – möglichst unentgeltliche – Allgemeinbildung mitzugeben, damit sie ihre grundlegenden Rechte und Pflichten als Menschen und als Bürger in einem demokratischen Rechtsstaat kennenlernen, damit sie einen Beruf ergreifen können, der ihren Neigungen entspricht und der es ihnen ermöglicht, selbständig und aus eigener Kraft mit anderen zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten und sich „nützlich“ zu machen zum Wohl der Allgemeinheit. Über die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten hinaus muss die Schule daher Menschlichkeit, Nächstenliebe, Achtung der Würde und der Überzeugung anderer, Toleranz, friedliche Konfliktlösung, Eigenverantwortung, Leistungswillen und auch zu Liebe und Respekt vor der eigenen Kultur und der eigenen Kulturtradition vermitteln. Dieser Gedanke der Erziehung zur Menschlichkeit, zur Mitmenschlichkeit ist Frucht des abendländisch-christlichen Naturrecht, von der griechischen Antike bis zur Aufklärung und zum Neuhumanismus und bis heute.
Es gilt, sich auf diese Tradition der abendländisch-christlichen, der europäischen Kultur zurückzubesinnen, um die Möglichkeit überall auf der Welt zu bieten, in ihrer Situation und mit ihren Mitteln eine demokratische Gesellschaft aufzubauen, in der jeder, jedes Volk seine eigenen kulturelle Identität wahren und in Frieden leben kann.
Die heutigen Intellektuellen müssen sich fragen, warum ihre führenden Köpfe eigentlich nichts Besseres zu tun haben, als Theorien in die Welt zu setzten wie zum Beispiel auf dem Kongress der US-Amerikanischen Gesellschaft für Anthropologie im Jahre 1998, wo der Mensch als ein Krebsgeschwür dargestellt wurde («Man as Cancer»), das sich zerstörerisch in die Natur hineinfrisst, und wo als bevölkerungspolitische Massnahme gefordert wurde, dass man die Armen dieser Welt sich überlassen, sie also sterben lassen solle («The poor must help themselves»). Haben Intellektuelle nicht gegenüber der Gesellschaft eine Verantwortung, wo sie doch alle ihre geistigen Fähigkeiten den Gemeinschaften verdanken, in denen sie gross und ausgebildet wurden. Schulden sie der Gesellschaft dafür nicht Redlichkeit, ernstes Forschen und Ringen um die Wahrheit? Stehen sie nicht in der Verantwortung, ihre geistigen Kräfte zum Wohle derer einzusetzen, durch die sie das wurden, was sie sind? Sie können sich mit Geistigem ja nur beschäftigen, weil andere für die vielen Dinge sorgen, die das Leben bequem machen. Warum also stellen Intellektuelle Theorien auf, die Menschen verächtlich machen oder sogar zu deren Vernichtung führen?
Vielmehr sollten sie sich der Frage zuwenden: Was ist der Mensch? Wie kann er in Frieden/glücklich und zufrieden mit anderen Menschen zusammenleben lernen? Falsche oder mangelhafte Kenntnis hat die Menschen in der Geschichte schon zu genug – und zu oft – zu schrecklichen Irrtümern geführt. Schlimmer aber sind Fehler, die wider besseren Wissens begangen werden. Folter, Kriege, Genozide und all die schrecklichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts sind nicht so neu, als dass wir nicht längst wüssten, dass an dem Wurzeln einer friedlichen Gesellschaft der human denkende und fühlende Mensch steht, der gebildet ist, der eigenständig denken und verantwortlich handeln kann. Der einzelne muss human denken und human fühlen lernen. Und wenn er menschlich denken und fühlen kann, dann kann er auch dazu beitragen, Frieden in der Gesellschaft zu schaffen.
Nur in und durch die Familiengemeinschaft, die auf Vertrauen und Liebe aufbaut, kann der Mensch seine sozialen Anlagen frei entfalten. Wenn durch die Liebe und wissende und lebenserfahrene Anleitung der Eltern das Urvertrauen des Kindes geweckt wird, dann kann in ihm das Mitfühlen und Mitdenken mit anderen entstehen und es wird Verantwortung lernen. Das ist die nötige charakterliche Grundlage, warum ein Mensch später keinem anderen etwas zuleide tun kann – nicht aus verstandesmässiger Einsicht allein oder aus Zwang; sondern aus spontanem Mitleiden, Mitdenken und Mitfühlen. Das ist die Grundlage in der Menschennatur für das Ethos des Friedens.
Wir verfügen heute über ein reichhaltiges und gesichertes Wissen über den Menschen, über die conditio humana. Es liegt in unserer Hand …
Am Anfang steht immer der Einzelne, sein Beispiel, sein Handeln, durch die er ein Samenkorn der Menschlichkeit legt.
Daran mitzuwirken ist Aufgabe aller, der Eltern in der Familie, der Lehrer in der Schule, der Bürger im Staat, der Politiker, der Intellektuellen …
Jedes Menschen; es ist unsere Aufgabe, es ist unser Leben.