Moritz Nestor
Heute gehört der Begriff längst zur Alltagssprache: Vernetzung gilt heute mehr und mehr als positiver und anzustrebender Zustand, um in der «Wissensgesellschaft» im Zeitalter der «digitalen Revolution» ein gutes Leben führen zu können. Die Welt sei zu einem «globalen Dorf» geworden, schwärmen uns die Propagandisten vor, weil die Informationen mit Lichtgeschwindigkeit an jeden Punkt der Erde gelangen könne – eben dank Vernetzung! Götz Eisenberg, Gefängnispsychologe in der Jugendvollzugsanstalt Butzbach, sieht das anders:
«Wer wissen möchte, was Vernetzung ist, sollte auch die Fische fragen. Die sind die wahren Vernetzungsexperten und können einem ein Lied singen von der Vernetzung, die sie geradewegs in die Fischfabrik und – zu Fischstäbchen gepresst und paniert – in die Bratpfannen führt. Wie kann ein Mensch sich darüber freuen, wenn er vernetzt ist oder wird?
Die Leidenschaft, mit der die Leute gegenwärtig ihre Vernetzung und Selbstenthüllung via soziale Netzwerke betreiben, ist für mich einer der rätselhaften Züge der Gegenwart. Schon Spinoza hatte sich gefragt, warum die „Menschen … für ihre Knechtschaft kämpfen, als sei es für ihr Heil“. Orwell hätte sich eine derartige freiwillige Datenabgabe und Offenlegung noch der intimsten Lebensbereiche in seinen schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen können und alle bisherigen Diktaturen waren stümper- und lückenhaft im Vergleich mit den heutigen Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten. Während man bei Polizei und Justiz darüber diskutiert, elektronische Fußfesseln zur Verbrechensbekämpfung einzusetzen, reißen sich die Leute um GPS-Handys, die ihre ständige Ortung möglich machen. Das herrschende System hat es geschafft, dass die Leute ihre umfassende Kontrolle in eigene Regie nehmen.»[1]
Und noch etwas Entscheidendes: «Soziale» Netzwerke sind nicht sozial. Nichts gegen das Internet als Arbeitsinstrument, aber «sozial» sein kann man nur «analog», das heisst in der Begegnung von Ich und Du:
«Brüderlichkeit und Solidarität entstehen von Angesicht zu Angesicht, indem ich mich im anderen erkenne, und alle gemeinsam die Erfahrung der Kraft machen, von der sie gestern noch nicht wussten, dass sie über sie verfügen – nicht in der Einsamkeit vor der Tastatur oder dem Touchscreen. Aus dieser erwachsen lediglich neue Formen des Autismus, keine solidarischen Verkehrsformen», warnt der Psychologe Götz Eisenberg.[1]
Der Wettlauf auf die Jüngsten, die sich nicht wehren können, läuft auf Hochtouren: Spielzeugfirmen überbieten sich gegenseitig mit immer ausgefeilteren Produkten – jetzt schon für Neugeborene. Doch es gibt auch Gegenwehr: Die Campaign for Commercial Free Childhood, eine Vereinigung von US-amerikanischen Rechtsanwälten aus Boston, schlug schon 2013 Alarm,[2] als die US-amerikanische Firma Fisher Price den Ipad Apptivity Seat für runde 80 US-Dollar auf den Markt brachte.[3]
Das «FISHER PRICE Lernspass–Apptivity Creation Center» beliefert auch den deutschen Markt. Selbst auf dem WC ist das Kind vernetzt:

Auf dem Schweizer Markt bietet Fisher Price für 60.- Franken das «Apptivity Creation Center» an – ein «Lernspass, für Kleinkinder ab neun Monaten: «Kompatibel mit allen Generationen von iPad-Geräten», wie Fisher Price versichert. Den Eltern, die ja die Geräte kaufen sollen, werden diese Produkt als Lehrmittel, versteht sich als Frühförderung, schon für Babies angepriesen..[5] «The Laugh & Learn Apptivity Creation Center Case is a fantastic learning tool that gives babies classic play mixed with a dose of tech interaction.»[5] Man glaubt es nicht. «Formen und Farben auf spannende Weise digital entdecken! Das ist mit diesem stabilen Halter, bei dem sich das iPad der Eltern hinter einer Folie befindet und so vor kleinen Kinderhänden geschützt ist, kein Problem. Ganz gleich, ob flach liegend, erhöht oder schräg gestellt, mit den vier enthaltenen Formenstempeln, die mit kostenlosen Apps interagieren, kann das Kind lustige, bunte Formen und Bilder gestalten, und zusätzlicher Inhalt lässt sich freischalten. Die Eltern können selbst entscheiden, ob die Home-Taste zugänglich sein soll oder nicht.»[4]
Auf You Tube findet sich die Filmaufnahme eines zwei Monate alten Babys, das mit einem iPad alleine spielt: «iPad Baby 2 Months Old».[6] Sogar die Neugeborenen werden ins Geschäft eingebunden: Für 44.90 CHF bekommt man im Internet auf dem «Baby-Markt» von Fisher Price das «FISHER PRICE Apptivity Gym» mit eingebautem Bildschirm. Altersempfehlung: «Im Liegen spielen ab 0 Monaten».[7]
«Wir beuten Kids nicht um jeden Preis aus», sagte Eckhard Pfeiffer, Chef des Computerherstellers Compaq, in einem Interview mit der Zeitung Cash vom 16. Januar 1996, als er über die Pläne von Compaq und dem Spielzeugmulti Fisher Price sprach.[8] Um in Zukunft auch noch die Vier- bis Achtjährige an den Computer zu bekommen und damit den Geldbeutel der Eltern zu erobern, entwickelte Fisher Price zusammen mit Compaq den «Kids PC» und das «Wonder tool». «Kids PC» ist eine farbige Computer-Tastatur für Kinder mit eingeschränkten Funktionen, die an jeden (!) anderen Computer passt. Pfeiffer: «So wird das Kind Schritt für Schritt an den Computer der Erwachsenen herangeführt.» Kosten: runde 150 Dollar für das Armaturen-Keyboard, für die dazugehörige Software nochmals runde 30 Dollar. Beim «Wonder tool» handelt es sich um ein Armaturenbrett für Kinder mit Steuerrad, Gangschaltung, Hupe und ähnlichen Funktionen, das an Papis PC angeschlossen werden muss.
Bei Entwicklung und Programmierung der (Klein-)Kindercomputer engagierten die Hersteller mehrere Monate lang grosse Teams von Psychologen und Pädagogen. Am wichtigsten sei dabei ein «Kinderlaboratorium» gewesen, in welchem man Kinder habe spielen lassen!
Welche Eltern haben nicht schon etwas von «Frühförderung» gehört und möchten für ihr Kind nur das Beste. Und das ist für diesen Industriezweig das Geld, das den Eltern aus der Tasche gezogen wird. Sie tun alles, um von ihren Kindern geliebt zu werden, ohne zu ahnen, weil sie hinters Licht geführt werden, was für Folgen das für ihr Kind hat.
Dieser Wirtschaftszweig preist den Verkauf der buchstäblichen Verblödungsmaschinen für Kinder ab der Geburt als Bildungsinstrument. Pfeiffer: Bereits Vierjährige
«haben den Wunsch – zwar nicht in der Art des Computers, wie wir ihn kennen –, in einer spielerischen Form den Computer zu nutzen.»
Unglaublich. Das sei aber nicht phantasietötend, sagt Pfeiffer,
«denn die Kids wählen zwischen einer Unterwasserreise, einem Ausflug zu Lande oder einem Flug im All. Und dann können sie interaktiv tätig sein. Man stösst auf solchen Reisen auf Abenteuer, auf pädagogisch wichtige Vorgänge, die das Kind zum Denken und Entscheiden anregen sollen.»
Der CEO Eckhard Pfeiffer (55) verdiente im Steuerjahr 1994 13 Millionen Dollar, unter anderem an unseren Kindern, und gehört zu den Topverdienern. Seit 1991 ist er verantwortlich für die globalen Aktivitäten von Compaq. Seit 1983 ist er Vizepräsident von «Compaq Europa». Unter Pfeiffer stieg der Umsatz von Compaq von drei Milliarden Dollar (1991) auf rund 15 Milliarden (1996).
Götz Eisenberg hatte recht:
«Es müsste auch ohne Vernetzung gehen. Wir hängen nicht nur an der Strippe, sondern am Tropf und an der Leine! Wir dürfen die Formen unserer Gesellschaftlichkeit nicht aus den Händen von Facebook und Twitter entgegennehmen. Die neuen Formen der Vergesellschaftung, die sich in den aktuellen sozialen Bewegungen herausbilden und die etwas qualitativ Neues vorwegnehmen sollen, können nicht die Gesellschaftlichkeit digitaler Netze, sondern müssen aus Fleisch und Blut sein und auf leiblicher Anwesenheit basieren. Brüderlichkeit und Solidarität entstehen von Angesicht zu Angesicht, indem ich mich im anderen erkenne und alle gemeinsam die Erfahrung einer Kraft machen, von der sie gestern noch nicht wussten, dass sie über sie verfügen.» [1]
[1] Eisenberg, Götz. Vernetzung. NachDenkSeiten vom 4. Juli 2013. URL https://www.nachdenkseiten.de/?p=17857
[2] Daily Mail Reporter: Fisher Price under pressure to pull the plug on new iPad baby bouncy seat aimed at newborns over claims it is ‚unhealthy‘. PUBLISHED: 20:20 GMT, 10 December 2013 | UPDATED: 21:06 GMT, 10 December 2013. URL: http://www.dailymail.co.uk/news/article-2521556/Fisher-Price-withdraw-baby-bouncy-seat-iPad-holder.html (14. Juni 2015)
[3] Amazon: Fisher-Price Ipad Apptivity Seat, Newborn-to-Toddler (Discontinued by Manufacturer). URL: http://www.amazon.com/Fisher-Price-Apptivity-Newborn-Discontinued-Manufacturer/dp/B00EL4NI5U (15. Juni 2015)
[4] Baby-Markt. URL: http://www.baby-markt.ch/Markenhersteller/Mattel/Fischer-Price/FISHER-PRICE-Lernspass-Apptivity-Creation-Center.html (17. Juni 2015)
[5] Produktvorführung von Fisher Price: «Laugh & Learn Apptivity Creation Center Case for iPad from Fisher-Price» «The Laugh & Learn Apptivity Creation Center Case for iPad is a fantastic learning tool that gives babies classic play mixed with a dose of tech interaction. To play, you’ll need an iPad (sold separately), and then you can download two free Laugh & Learn apps that will interact with the four smart shapes included with the case. The smart shapes only work with the Fisher-Price apps. The apps offer sing-along songs and colorful animations while letting babies explore shapes, colors, sorting, and more. And while baby’s are playing, the case’s clear protective cover keeps the iPad safe from drooling and drops. The home button is also protected so that babies can’t wander out of the app. The Laugh & Learn Apptivity Center Case for iPad can be placed on the floor or propped at an angle by unlatching the easel base. If your baby wants to switch up the play, there is also a snap-on play panel with four colorful moving parts. This panel snaps onto the front of the case and stores on the back of the case.“ URL: https://www.youtube.com/watch?v=_nJwvDuGnPw (17.6.2015)
[6] https://www.youtube.com/watch?v=HYXQTTb2RvI (17.6.2015)
[7] Baby-Markt. URL: http://www.baby-markt.ch/Markenshop-Fisher-Price/Im-Liegen-Spielen-ab-0-Monaten/ (17.6.2015))
[8] Alle Zitate ab hier aus: Cash; 1996-02-16; Seite 24; Nummer 7
[9]. URL: http://www.br.de/fernsehen/bayerisches-fernsehen/sendungen/kontrovers/do-not-track-spielzeug-100.html (14.6.2015)