Moritz Nestor
Das unscheinbare Grab von Albert Camus (1913–1960), einem der grössten Philosophen des Zwanzigsten Jahrhunderts, befindet sich in der malerischen Gemeinde Lourmarin im Département Vaucluse, Region Provence-Alpes-Côte d’Azur, einem der schönsten Dörfer Frankreichs. Lourmarin lässt seine Touristen heute nicht ahnen, auf welchem historischen Boden man fotografiert, ausgesucht isst, besten Wein geniesst und in weichen Hotelbetten man sicher schläft – unbehelligt von jenen Zeiten, die der Mensch der Globalisierung für längst überwunden hält.
Denn das schmucke Lourmarin hat auch andere Zeiten gesehen. Ende des 15. Jahrhunderts verliessen viele Alpenbewohnen ihre Täler aus wirtschaftlicher Not und wanderten in die tiefer gelegenen und klimatisch milderen Ebenen Frankreichs aus. Auch nach Lourmarin gelangte 1470 eine Kolonie Waldenser aus dem Piemont, aus einem jener Rückzugsgebiete der Ende des 12. Jahrhunderts gegründeten Kirche der Waldenser, die ab 1240 von der katholischen Inquisition als Angehörige «falschen Glaubens» verfolgt worden waren. Die frühen Waldenser lebten vom Betteln, trugen einfache Kleidung, weshalb sie auch ‚Arme von Lyon‘ genannt wurden. Sie verschafften sich Bibelübersetzungen in der Volkssprache und verstanden sich als die Vorläufer der Protestanten. Lourmarin wurde zu einem Waldenser-Stützpunkt, und in 24 Dörfern der Region fasste diese kleine Kirche Fuss. Die Siedler aus den Alpentälern legten die Sümpfe trocken und machten das Land urbar.

Hugenottendenkmal in Franschhoek, Südafrika
Doch im April 1545 wurde Lourmarin von französischen Truppen auf Befehl eines Gutsherrn gebrandschatzt. Etwa 3.000 Waldenser wurden getötet. Ein Teil der Überlebenden kehrten ins Piemont zurück, andere flohen nach Mittelamerika. Als 1685 das Edikt von Nantes widerrufen wurde und die Vertreibung der Hugenotten begann, flohen Hugenotten aus Lourmarin auch in die Spanischen Niederlande und weiter zu den Buren nach Südafrika,[1] wo der Dorfname «Lormarin» noch heute an diese Geschichte erinnert. Die «Kirche an der Macht», die ihre Hinwendung zur Demokratie und zur Soziallehre erst noch vor sich hatte, verfolgte und mordete damals im Namen eines «höheren Prinzips».
Und damit sind wir wieder bei Albert Camus. In seinem 1951 veröffentlichten «Der Mensch in der Revolte»[2] schrieb er:
«sobald das Verbrechen anfängt, seine Gründe in der Vernunft zu suchen, wuchert es wie die Vernunft selber»(13) und «[d]ie Ideologie verneint nur noch die anderen, die einzigen Betrüger. Von dem Moment an tötet man.»(15) Camus nennt es das «Verbrechen aus Überlegung»(13). Es hat «ein unwiderlegbares Alibi, die Philosophie nämlich, die zu allem dienen kann, sogar dazu, die Mörder in Richter zu verwandeln.» (13) «Der Mensch in der Revolte» ist Camus’ «Versuch, meine Zeit zu verstehen.»(13f.)
Das heutige Lourmarin scheint an alldem nicht interessiert. Unter «Provence 7 Lourmarin à visiter» [3] findet sich ein pompöser Internetauftritt, über Camus nur eine Zeile. Kein Wort, dass er hier beerdigt ist. Sein Grab fällt
«am ehesten durch einen Oleanderbusch auf, der vor dem vermuteten eigentlichen Grabstein steht. Das Grab ist erschreckend ungepflegt und offensichtlich von der Gemeinde und dem Land vergessen… tja…»[4] «Man muß schon suchen um es zu finden. Es fällt gar nicht auf. Ich fand es aber sehr ansprechend u. natürlich. Toll u. interessant fand ich, daß immer noch viele Menschen sich für Albert Camus interessieren u. kleine Andenken oder nette Worte u. Schriften am Grab niederlegen. Hat was Berührendes!!!»[5] «Nahezu symbolhaft hebt sich die schmale, von einem Oleander beschattete und von Lilien gesäumte bescheidene Grabstätte von den teilweise pompös geltungssüchtigen Steinburgen anderer ab.Auf dem mit Flechten bedeckten Grabstein finden sich Name, sowie Geburts-und Sterbedatum. Wahre Größe bedarf keiner Äusserlichkeiten. Da kann man es nur begrüßen, dass die mittlerweile geschäftstüchtige Kommune Camus‘ Grab nicht lärmend als touristische Sehenswürdigkeit bewirbt.»[6]
Das Leben ist es wert gelebt zu werden: In seinem Sisyphos schreibt Camus:
«Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord2. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten. Und wenn es wahr ist, dass – wie Nietzsche es verlangt – der Philosoph, um Achtung zu genießen, ein Beispiel geben muss 3, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da sie der endgültigen Tat vorausgehen wird. Für das Herz sind das unmittelbare Gewissheiten, die man jedoch vertiefen muss, um sie dem Geiste deutlich zu machen.»
Alles Denken über den Menschen baut hierauf auf. Der Mensch sucht seinen Sinn darin. Und in dieser Welt, worin diese leben wollenden Menschen leben, geschehen durch eben diesen Menschen furchtbare Verbrechen gegen das Leben. Das ist widersinnig, unsinnig, das hat keinen Sinn. Der Verstand kann es nicht fassen. Er kann dem Mord keinen Sinn abgewinnen. Dieser Irrsinn, dass wir leben und dass es gut ist, dass wir leben, einerseits; dass es aber aber wie wir leben unsinnig ist, das ist absurd. Das Absurde hat keinen Sinn, ausser dass man sich nicht mit ihm abfinden will, sagt Camus:
«Niemand sollte sich einreden lassen, das wahre menschliche Leben beginne erst in ferner Zukunft, etwa in der klassenlosen Gesellschaft oder –religiös formuliert – im Himmel. Wer heute leidet, will trotz allem jetzt sinnvoll leben.» .
In der katholischen Tageszeitung La Croix schreibt Ariq Rahimi am 28. Juli 2011:
«Das Denken von Camus enthält eine beachtliche religiöse Dimension. Er ist offenbar ein Anhänger Blaise Pascals. Man kann von Camus sagen: Er ist Atheist geworden dank der Gnade Gottes.»[7]
«Ausdrücklich kritisierte Camus das Verhalten der katholischen Hierarchie unter den Faschisten Franco und Hitler.»[8]
«Camus ist überzeugt: Die Zeit ist gekommen, dass sich Ungläubige wie Gläubige vereinen in ihrer Rebellion gegen jegliche Verachtung menschlichen Lebens.»[9]
Ab 1943 lebte Camus in Paris. «Der Fremde» und «Der Mythos des Sisyphus» hatten ihn berühmt gemacht. Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir
«ließen jedoch den jungen Autor spüren, dass er nicht ganz zu ihnen passte. Hatte doch Camus den Makel, keine berühmte Pariser Elitehochschule besucht zu haben.» Als ‚Algerien-Franzose‘ und aus armen Verhältnissen stammende Emporkömmling aus Kolonie.[10]
Der Humanist Camus, der das Absurde durch die Liebe überwinde will, tritt ein für die Menschenrechte, will Terror und totalitäres Denken bedingungslos bekämpfen, egal, ob von Faschisten oder von Kommunisten verübt.
«Und genau daran zerbricht die Freundschaft mit Sartre und seinem Kreis, zu dem auch die Philosophen Maurice Merleau-Ponty und Francis Jeanson gehörten. Sie sind überzeugt, die gerechte Welt beginne hinter dem eisernen Vorhang. Die sonst so kritischen Köpfe haben viel Verständnis für die Sowjetunion; sie können es ertragen, dass eine systematische Auslöschung der Opposition politisch notwendig erscheint. Straflager seien nichts anderes als ein notwendiges Mittel, um den guten Zweck des Kommunismus zu befördern. Albert Camus ist über so viel Verblendung entsetzt. Und er ist nicht bereit, um der Freundschaft mit einigen Intellektuellen willen auf sein Mitgefühl für die unschuldigen Opfer zu verzichten. Er ist einer der wenigen Intellektuellen in Paris, die sich mit den Arbeiterprotesten in Ost-Berlin oder Budapest solidarisieren. Seine ehemaligen Freunde wissen nun: Camus gehört nicht mehr zu ihrer Clique. Er ist ein sozialistischer Demokrat; ein Rebell, kein Revolutionär. Darum gilt er nun als Ausgestoßener und Verfemter.»[11]
[1] Vgl. Coertzen, Pieter. The Huguenots of South Africa (1688-1988). Tafelberg, Le Cap, 1988
Vgl. auch: Protestantisches Museum. URL: https://www.museeprotestant.org/de/notice/die-hugenotten-in-sudafrika/ (eingesehen am 30. 3. 2019)
[2] Camus, Albert. Der Mensch in der Revolte. Reinbeck bei Hamburg 2011 Die Zahlen in Klammern im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.
[3] https://www.provence7.com/portails/villes-et-villages/communes-a-visiter/lourmarin-a-visiter-84/ (eingesehen am 30. 3. 2019)
[4] https://www.tripadvisor.ch/ShowUserReviews-g641880-d3309275-r385007572-Albert_Camus_Grave-Lourmarin_Luberon_Vaucluse_Provence_Alpes_Cote_d_Azur.html#REVIEWS (eingesehen am 30. 3. 2019)
[5] https://www.tripadvisor.ch/ShowUserReviews-g641880-d3309275-r274235192-Albert_Camus_Grave-Lourmarin_Luberon_Vaucluse_Provence_Alpes_Cote_d_Azur.html(eingesehen am 30. 3. 2019)
[6] https://www.tripadvisor.ch/ShowUserReviews-g641880-d3309275-r385007572-Albert_Camus_Grave-Lourmarin_Luberon_Vaucluse_Provence_Alpes_Cote_d_Azur.html#REVIEWS (eingesehen am 30. 3. 2019)
[7] Rahimi, Ariq. In: La Croix vom 28. Juli 2011, S. 18. URL: https://religionsphilosophischer-salon.de/598_albert-camus-gottlos-aber-kein-atheist_denkbar (eingesehen am 30.3.2019)
[8] Rahimi, Ariq. In: La Croix vom 28. Juli 2011, S. 18. URL: https://religionsphilosophischer-salon.de/598_albert-camus-gottlos-aber-kein-atheist_denkbar (eingesehen am 30.3.2019)
[9] Modehn, Christian. Albert Camus – Sein Unglaube und sein Glaube: Zum 100. Geburtstag am 7. November 2013. (= Ders. «Das Leben ist ein Geheimnis» Albert Camus – ein frommer Ungläubiger. In: NDR Kultur vom 20. Oktober 2013. URL: https://religionsphilosophischer-salon.de/4730_albert-camus-sein-unglaube-und-sein-glaube-zum-100-geburtstag-am-7-november-2013_religionskritik (eingesehen am 30. 3. 2019)
[10] Modehn, Christian. Albert Camus – Sein Unglaube und sein Glaube: Zum 100. Geburtstag am 7. November 2013. (= Ders. «Das Leben ist ein Geheimnis» Albert Camus – ein frommer Ungläubiger. In: NDR Kultur vom 20. Oktober 2013. URL: https://religionsphilosophischer-salon.de/4730_albert-camus-sein-unglaube-und-sein-glaube-zum-100-geburtstag-am-7-november-2013_religionskritik (eingesehen am 30. 3. 2019)
[11] Modehn, Christian. Albert Camus – Sein Unglaube und sein Glaube: Zum 100. Geburtstag am 7. November 2013. (= Ders. «Das Leben ist ein Geheimnis» Albert Camus – ein frommer Ungläubiger. In: NDR Kultur vom 20. Oktober 2013. URL: https://religionsphilosophischer-salon.de/4730_albert-camus-sein-unglaube-und-sein-glaube-zum-100-geburtstag-am-7-november-2013_religionskritik (eingesehen am 30. 3. 2019)