Zur naturrechtlichen Begründung des Selbstbestimmungsrechts kleiner kultureller Einheiten

2000 Moritz Nestor

Ein Mitglied der Schweizer Regierung Bundesrat Villiger, leitete in einer Rede im Juli dieses Jahres die Globalisierung aus den ersten Talschaften der frühen Eidgenossenschaft ab. Sie seien die «kleinste Einheit» der alten Eidgenossenschaft, aus denen sich grössere Zusammenschlüsse gebildet hätten und woraus nun auch logischerweise globale Zusammenschlüsse wüchsen. Die Familie, um derentwillen die Talschaften existieren, um derentwillen alle Kultur gebildet wird, hat er einfach weggelassen. Eine Talschaft ohne Familie als Grund und Zweck, was ist das? Nur mehr wirtschaftliches Kollektiv, seine Mitglieder nur noch Wirtschaftssubjekte! Woher hätte denn eine Talschaft ohne Familie ihre Menschen? Wie könnte ein Mensch sein Menschsein entfalten ohne Familie und wie könnte die Familie ohne Kultur existieren? Wie könnten Menschen zusammenarbeiten ohne eine gemeinsame Sprache, ohne Traditionen, durch welche das Wissen und die Errungenschaften der Generationen vor ihnen weitergegeben werden? Und wo lernt der Mensch Sprache, wo wird der ganze Schatz einer Kultur an die nächste Generation weitergegeben?  Die “kleinste Einheit” jeder Kultur – ist die Familie. Die historisch gewachsenen überschaubaren kulturellen Einheiten, in die sie eingebettet sind, schützen die Familien, die allein Menschen hervorbringen können. Indem man aber den Menschen nur als Wirtschaftssubjekt im Kollektiv sieht, denaturiert man ihn. Man nimmt ihm sein Menschsein, reduziert ihn auf den wirtschaftlichen Aspekt und verschweigt, dass die Wirtschaft dem Leben und nicht das Leben der Wirtschaft dienen muss. Der Mensch lebt nicht, um zu produzieren, sondern er produziert um zu leben.

Erster und letzter Zweck aller Gemeinschaftsbildung ist das Gedeihen und Wohlergehen des einzelnen Menschen, in der Familie, in den diese umgebenden Gemeinschaften, Sippen, Stämmen, Talschaften, Genossenschaften bis hinauf zu freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, einer im Grunde recht jungen geistig-kulturellen Errungenschaft des Menschen.

Mit dieser Verabsolutierung der Wirtschaft zum Sinn des Lebens wird sie zum eisernen Geschichtsgesetz. Der Unternehmer Villiger gibt folgerichtig auf die Frage, warum denn Globalisierung nötig sei, ohne nähere Begründung die Antwort: Sie komme «notwendigerweise». Wundert es einem jetzt noch, warum sich rein ökonomisch denkende bürgerliche Politiker in Sachen Globalisierung so gut mit Marxisten wie Joschka Fischer und Gerhard Schröder verstehen? Es war doch Marx, der davon sprach, die weltweite Monopolisierung des Kapitals komme «mit historischer Notwendigkeit» als letzte Phase des Spätkapitalismus.

Schon in der marxistischen Geschichtstheorie wird der Mensch als machtloses Rädchen eines anonymen Geschichtsablaufs erniedrigt. Daher wundert es einem nicht, dass die letzte Epoche der Geschichte nach Marx die Diktatur ist, in der der Mensch nicht Gestalter seiner Geschichte, d.h. nicht Souverän ist. Wer Objekt eines Geschichtsgesetzes sein muss, hat keine Rechte. Auf das versprochene Paradies warten die Menschen vergeblich. Fatalistische bürgerliche Geschichtstheorien wie auch Marxisten sprechen zum Volk von der geschichtlichen Notwendigkeit, mit der eine neue Phase der Geschichte angebrochen, der man sich nicht verschliessen könne, man müsse modern sein.

Wozu eigentlich redet man Menschen ein, dass sie «keine Angst vor der Globalisierung» (Lafontaine) haben sollen, dass es keinen Sinn habe, «gegen wirtschaftliche Entwicklung anzugreinen», wie Peter Glotz zynisch mit Berufung auf Marx meint? Hat man vergessen, wie Hitler mit dem Geschwätz vom «der ewigen Flucht der Erscheinung» und der «Vorsehung» die Massen lockte und Intellektuelle wie Heidegger mit dem Gerede von der schicksalhaften Sendung Hitlers das Volk verrieten? Redet man dem Menschen ein, es gehe die Geschichte über ihn hinweg, er müsse ihrem Gesetz folgen, sonst gehöre er zu den Ewig-Gestrigen, spricht man dem Menschen das ab, was ihn zum Menschen überhaupt macht: Dass er Person ist, auf Mitmenschlichkeit hin angelegt und mit Vernunft begabt, der sich und die Welt und die gegenwärtige Zeit verstehen kann, der aus der Vergangenheit lernen, für die Zukunft planen und nach Gut und Richtig handeln und entscheiden lernen kann. Das heisst, man spricht dem Menschen ab, dass er zusammen mit anderen und in Freiheit das eigene und das gesellschaftliche Leben gestalten will, muss und darf.  Das ist der Kern der Personalen Natur des Menschen und der Kern der demokratischen Gesellschaft, die eben dieser Natur des Menschen schützt und zur vollen Entfaltung bringen soll.

Der Mensch ist kein «Idiot der Geschichte». Die Freiheit des Menschen, dir seine Würde ist, ist eine anthropologische Tatsache, sie ist ein natürliches Recht des Menschen, das Dreh- und Angelpunkt aller Gedanken über Politik und Wirtschaft sein muss. Denn Geschichte ist für den Menschen immer offen und eine Aufgabe, weil er Person ist, weil er nicht fertig zur Welt kommt, sondern sich selbst hervorbringen muss. Und weil er seine Gesellschaftsordnung, ohne die er nicht existieren kann, zusammen mit seinen Mitmenschen in Freiheit gestalten, pflegen und erhalten können muss. Wer vom Ende der Geschichte redet und mit einem anonymen Geschichtsgesetz lockt, dem man nur nachlaufen solle, den stört die menschliche Person und ihre Freiheit. Der strebt nach Diktatur. Sein Gerede vom Geschichtsgesetz ist für die Menge. Die Führer wissen, dass sie lenken. Alle Diktatoren wissen das.

Politik und Wirtschaft müssen auf Ethik aufbauen, das ist die wichtigste Substanz der europäischen Geschichte, die nicht ohne Rechtfertigung vor der Geschichte auf den Müll geworden werden kann. Im Zentrum dieser Ethik steht die Freiheit des Menschen, die seine Würde ist. Er ist frei und gleich an Rechten geboren und keiner hat ein Recht, ihn zum Mittel für irgendwelche Zwecke zu machen. Das gilt vor allem auch als Massstab für die Wirtschaftdenker, die uns weismachen wollen freies Wirtschaften müsse nicht mehr Rücksicht nehmen auf den Menschen, freies Wirtschaften sei nicht mehr an die Gewaltenteilung in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat gebunden. «Jedes Ding hat seinen Preis.» So hat Kant es gesehen. «Der Mensch aber hat eine Würde.» Daher darf er weder als Zweck für ein marxistisches Machtkalkül noch als Zweck für ein rein wirtschaftliches Gewinndenken werden.

Wer die Gesellschaft nur noch den Regeln einer freien Wirtschaftskonkurrenz ohne sozialstaatliche Bindung überantworten will, der bürdet der Gesellschaft und jedem einzelnen Menschen einen neuen Sozialdarwinismus auf. Die Alten, Kranken, Schwachen werden deren erste Opfer sein und sind es schon. Der Krieg aller gegen alle ist dann das beste Geschäft für wenige und die Rüstung vor den Drogen das beste Profitunternehmen der globalisierten Welt. Der Krieg zwischen Staaten wird dann zum besten Geschäft.

Im Zentrum aller politischen Handelns, muss stehen – und das ist die wichtigste Substanz europäischen Denkens seit dem antiken Griechenland bis zur Aufklärung des 18. Jh. Und bis hin zur christlichen Soziallehre des 20. Jahrhunderts -, dem Menschen die Chance zu geben, in Freiheit sein volles Menschsein zu verwirklichen. Politik, Wirtschaft, alle Institutionen der Gesellschaft  müssen daher auf Naturrecht gegründet sein, nicht auf irgendein “Recht”.

Staat und Wirtschaft haben also dem Gemeinwohl zu dienen, d.h. der freien Entfaltung des Einzelnen in und durch Gemeinschaft – in Familie, Schule, Gemeinde, freien Vereinigungen und so weiter. Je reichhaltiger der einzelne seine mitmenschliche Anlage und seine Individualität in Beziehung zum Mitmenschen entwickeln kann, (das hat der Basler Anthropologe Adolf Portmann herausgearbeitet) desto reicher und sozial durchbildeter ist die Gemeinschaft, der er angehört. Und je sozialer durchbildet die Gemeinschaftsleben ist, desto besser kann sie dem einzelnen helfen, seine Individualität zu entwickeln. Das heisst der Mensch verdankt seine Menschwerdung nicht in erster Linie dem Staat, sondern zuerst der Familie, der Verwandtschaft, den kleineren natürlichen Gemeinschaften bis hin zur Gemeinde mit ihren überschaubaren Beziehungen.

Der Mensch kann nicht als isoliertes Einzelwesen volles Menschsein entwickeln. Ohne Beziehung zu Menschen verkümmert der Mensch bis hin zum Tode. Die Grundbedingung für Freiheit – egal ob beim Neugeborenen oder beim Erwachsenen – ist die verständnisvolle, von Sicherheit und Vertrauen geprägte Beziehung, die Begegnung mit dem Du. Das ist die Logik des Lebens, die Logik der menschlichen Sozialnatur. Aus diesem natürlichen Grunde muss der freiheitlich demokratische  Rechtsstaat nach dem Prinzip der Subsidiarität diese kleinen überschaubaren Lebenseinheiten schützen und ihnen alle Aufgaben und Entscheidungen, die sie selbst bewältigen können, überlassen.

Dies ist empfindliches Pflänzchen, das nicht von alleine wächst, sondern der bewussten Pflege bedarf, d.h. der wissenschaftlichen und sittlichen Bildung des einzelnen in Familie und Schule. Der grösste Feind der menschlichen Gemeinschaft sind Gewalt und Machstreben. Jede Gemeinschaftsbildung des Menschen muss daher von der ständigen wachen Sorge um den Schutz vor Gewalt und Machtstreben begleitet sein. Diese Sorge muss jede Mutter natürlicherweise bei der Erziehung ihres Kindes bewegen. Davon müssen aber auch alle anderen, die in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen, getragen sein. Um das menschliche Machstreben in Schranken zu halten und die Gesellschaft vor Willkür zu schützen, muss die Durchsetzungsmacht des Staates auf Menschrechte ruhen und ihnen dienen und sie muss kontrolliert und geteilt werden, damit nicht die macht, die Recht durchsetzen soll zu Schutz aller, sich unterdrückerisch gegen die Menschen wendet.

Alle supranationalen Institutionen, die dieses Prinzip der Gewaltenteilung und der freien Gemeinschaftsbildung der kleinen überschaubaren Einheiten verneint, verneinen Freiheit und Würde des Menschen und mit ihnen seine Sozialnatur. Das gilt auch für alle wirtschaftlichen Aktivitäten. Es ist ein Beitrag zur Gewalteilung und damit zur Mitmenschlichkeit, der Wirtschaft zu verbieten, Monopole zu bilden, die ganze Wirtschaftszweige und globale Märkte beherrschen, denn dadurch wird sie zur unkontrollierten Macht. Sonst wird der Mensch zum Objekt und wird seiner Selbstzweckhaftigkeit und damit seiner Würde beraubt. Der Markt ist nur ein Teil der Gesellschaft und die Wirtschaft  dient nur der Produktion und dem Güteraustausch, damit die lebensnotwendigen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden und das Leben der Menschen leichter wird. Nicht um ständig künstliche Bedürfnisse zu erzeugen, nicht um mit Waren und Währungen Roulett zu spielen und riesige Kapitalmengen anzuhäufen, die wenigen macht über ganze Staaten – und damit über den Menschen, über dich und mich – zu verschaffen.

Wie die Aufklärung den absolutistischen Adel und den machtgierigen Klerus des 18. Jahrhunderts unter das schützende Dach des gewaltenteilenden demokratischen Rechtsstaates zwangen und dadurch den Religions- und Bürgerkrieg bannte, so ist es die heutige historische Aufgabe, die monopolisiererende Wirtschaft, die den Menschen zu Mittel für ihre Machtansprüche vereinnahmen will, unter das Dach des Rechts zurückzuzwingen.

Autor

Moritz Nestor, Psychologe

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